stadio in degrado

Nur ins Stadion geh’n wir nicht

Nur ins Stadion geh’n wir nicht: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
5.00 von 5 Punkten, basierend auf 2 abgegebenen Stimmen.
Loading...Loading...

Seit der Saison 2008-09 hat die italienische Serie A einen Einbruch von mehr als 20% beim Verkauf von Dauerkarten fürs Stadion verzeichnen müssen, während der Absatz von Saisonabos beim größten Pay-TV-Anbieter Sky im selben Zeitraum um 69% zulegte.

Man hätte ja vermuten können, dass der Niedergang des italienischen Fußballs auf sportlicher, ethischer und und wirtschaftlicher Ebene dazu führen würde, dass sich zumindest ein Teil der Fans vom gehypten Spektakel abwendet. Die Serie A wird spätestens seit Calciopoli 2006 von Wett-, Manipulations- und anderen Skandalen geschüttelt. Auch wenn Inters Champion’s League-Erfolg noch einmal ein Aufbäumen auf europäischer Bühne darstellte, ist der 4. Startplatz für die Königsklasse ohne weitere Gegenwehr an die Bundesliga verloren worden, auch weil die Ausbeute italienischer Clubs in der Europa League äußerst dürftig ist. Ausländische Trainer bringen nur im Ausnahmefall frischen Wind in den seit jeher von Taktizismen geprägten Vereinsfussball und oft genug endet das Missverständnis nach nur wenigen Monaten, so wie Benitez’ Intervall beim FC Internazionale. Italiens Trainer-Avantgarde (Capello, Lippi, Ancelotti, Spalletti) versucht sein Glück derweil im Ausland bzw. wartet auf Angebote. Italiens Jugend harrt auch im Fußballgeschäft einer Chance und wird derweil zugunsten altgedienter Stars wie Totti, del Piero oder Gattuso auf jahrelange Wanderschaft durch die unteren Ligen verschoben. Internationale Superstars haben den italienischen Spielbetrieb weitgehehend verlassen, in der Einnahmestatistik rutschen auch ehemalige Größen des europäischen Fußballs langsam nach unten durch. Der internationale Marktwert der italienischen Liga sinkt beständig, der bereits im “European Football Merchandising Report 2010″ festgestellte Abstand zu den europäischen Top-Ligen vergrößert sich beständig.

Merchandising- und Lizenzeinnahmen der fünf großen Ligen in Millionen Euro

Merchandising- und Lizenzeinnahmen der fünf großen Ligen in Millionen Euro

Merchandising- und Lizenzeinnahmen der fünf großen Ligen in Millionen Euro, Stand 2010

Es steht also nicht besonders gut um den italienischen Fußball und den zu beobachtenden Zuschauerrückgang könnte man mit dutzenden Erklärungsversuchen angehen. Allerdings betrifft die langsame Entwöhnung des Tifoso nur den Stadionbesuch, die schon immer ordentlichen Zahlen der Pay TV-Anbieter wachsen teilweise rasant. Von 2008 bis heute sind die Verkäufe von Stadiondauerkarten um 20,4 % gesunken (von 254.659 auf 282.233). Im selben Zeitraum stiegen die von Auditel veröffentlichten Pay TV-Abos für Fußball bei Sky um 69% und das ohne die Zahlen des zweiten großen Anbieters Mediaset. Das Fernseh-Business schlägt im Moment inklusive Zulieferern pro Saison mehr als 6 Milliarden Euro um. Die Tinte unter den Vereinbarungen von Lega Calcio mit den Mediengiganten von Murdoch und Berlusconi ist noch nicht trocken, sichert aber bereits 2,5 Mrd. EUR für die Jahre 2012-15.

Pay-TV Abonnenten Serie A pro Spielzeit (ohne Mediaset)

Pay-TV Abonnenten Serie A pro Spielzeit (ohne Mediaset)

Anstieg der Pay-TV Abonennten pro Spielzeit, ohne Mediaset

Die Auslastung der Stadien rutscht derweil auf den letzten Platz der ernstzunehmenden europäischen Wettbewerbe. Ein Fußballspiel der höchsten italienischen Spielklasse (und in den unteren Ligen sieht die Statistik noch deutlich dramatischer aus) wird vor im Schnitt 61% besetzten Plätzen ausgetragen – in Frankreich liegt die Auslastung bei 69%, in Spanien bei 73%, in Deutschland bei 88% und in England sogar bei 92%. Und wer will es dem Gelegenheitsfan verdenken, wenn er die Spiele seiner Herzensmannschaft für wenig Geld bequem im eigenen Sessel verbringt anstatt in einem der im Schnitt (!) satte 69 Jahre (!!) alten italienischen Stadien?

Dauerkartenabsatz Serie A bis 1011/12

Dauerkartenabsatz Serie A bis 1011/12

Rückgang der Dauerkarten für die italienische Serie A von 1992/93 bis 2011/12

Während also die Spiele vor immer desolateren Kulissen ausgetragen werden, feiert Sky derzeit seinen 5 Millionsten Kunden. Den letzten Spieltag, Sky und Mediaset Premium zusammengenommen, verfolgten erstmals mehr als 10 Millionen Zuschauer am Fernseher; 3 Millionen für Inter – Napoli und 4 Millionen für Juventus – Milan. Im Stadion findet sich derweil nur noch der harte Kern von im Durchschnitt 23.000 Zuschauern pro Spiel ein. Achtung, im Durchschnitt, denn die Statistik wird weitgehend durch ganz wenige Clubs getragen, neben den drei großen Clubs aus dem Norden (Juve, Inter, Milan) erfreuen sich noch die Teams aus Rom und Neapel einer gewissen Beliebtheit – dahinter droht gähnende Leere.

Dabei zeigen die Ergebnisse der anderen europäischen Ligen, dass die Konzentration auf das einmalige Erlebnis eines Fußballspiels im Stadion durchaus auch wirtschaftlich interessante Ergebnisse zeigen kann. Die beiden großen Spanier und besonders die Mannschaften der Premier League überflügeln auch die beliebtesten italienischen Teams bei den Einnahmen aus dem Ticketverkauf um Längen. Und auch Juventus, das als einziges Team der Serie A seit dieser Saison in einem eigenen neuen Stadion spielt, weist den Weg: von 14.290 Dauerkarten in der letzten Saison, liegt man nunmehr bei 24.137 Abos mit einem entsprechenden Anstieg der Einnahmen von +125%. Eher sportlich bedingt ist noch der Anstieg der Dauerkartenverkäufe bei Lazio, hier ist ein Anstieg von 12.868 auf 20.220 zu verzeichnen. Die Champion’s League-Teilnahme des SSC Napoli befeuert einen Anstieg von 31%, Aufsteiger Novara hat die Saisonabos verdreifacht, Cesena verzeichnet mit 12.114 Abos einen historischen Rekord für das Team und selbst Udinese verzeichnet einen leichten Anstieg von 2.000 verkauften Dauerkarten. Um auch einmal positive Beispiele zu nennen.

Ich bezweifle, dass das italienische Herz nicht mehr für den Fußball schlägt. Morgens beim Caffè und abends beim Wein wird immer noch nichts lieber diskutiert. Die Spiele werden auch weiterhin – wenn auch nicht mehr im Stadion – mit Enthusiasmus verfolgt. Aber wenn der Fan für 19 EUR (Mediaset) bzw. 29 EUR (Sky) pro Monat alle Spiele bei Chips und Bier daheim jetzt auch in 3D verfolgen kann, wo schon eine Karte im Auswärtsblock bei Juve-Milan nicht unter 45 EUR verkauft wird, ändert sich die Meinung schnell. Zumal in einem Land, das von einer schweren Wirtschaftskrise gebeutelt ist, in dem das Durchschnittseinkommen sowieso 30% unter dem deutschen liegt und Jugendarbeitslosigkeit epidemische Ausmaße annimmt. Zu den Mehrkosten selbst bei einem Heimspiel kommen noch bürokratische Hürden beim Stadionbesuch, zerfledderte Spieltage (Sonntag 12.30 hat sich mittlerweile etabliert) und eben unkrautüberwucherte Stehplätze unter freiem Himmel. Das mag man Old School finden, den Mehrheitsgeschmack findet es nicht.

Nachdem im Jahr 2007 die Ultras als alleiniges Böse des Fußballgeschäfts ausgemacht wurden, überschlugen sich die Größen der Vereine, der Politik und Polizei in Vorschlägen, „Stadien sicherer“ zu machen und die „Familien wieder in die Stadien“ zu bringen. Für den Erwerb einer Dauer- oder Auwärtskarte oder den Erwerb eines Tickets im Vorverkauf ist die „Tessera del Tifoso“ notwendig, eine Fankarte, in der sämtliche persönlichen Daten gespeichert und mit den Sicherheitsorganen der Behörden vernetzt sind. Saison für Saison werden die Eintrittspreise erhöht, während die Infrastruktur weiter verfällt. Die italienische Durchschnittsfamilie wird sich viermal überlegen, bevor sie sich ein Spiel beispielsweise in Catania anschaut, wo Eltern mit zwei Kindern kaum unter 200 EUR ins Stadion kommen, dafür aber unverbaute 30er Jahre Architektur bewundern dürfen. Selbst in ehemaligen 5 Sterne-Stadien wie dem Mailänder San Siro ist die Parkplatzsituation grottesk, die nächste U-Bahn-Station ist 20 Gehminuten entfernt und die Straßenbahn stellt ihren Verkehr zum Stadion 2 Stunden vor Anpfiff ein.

Es ist aber offensichtlich auch im Fußballgeschäft in Italien weiter genehm, sich einen Sündenbock zu suchen und ansonsten weiterzuwursteln, wie bisher. Verbote von Auflösungen von Ultragruppen, Verbot von Megaphonen, Trommeln und Pyrotechnik, Einführung der Tessera del Tifoso und eine immer weitergehende Verschärfung der Repressionstechniken haben also den Exodus der Tifosi aus den Stadien nicht aufhalten können. Im Gegenteil. Vermutlich, weil diese Maßnahmen am eigentlichen Thema vorbeigehen: zu teuer, zu alt, zu korrupt, zu unbequem, zu schlecht. Derweil träumen Entscheidungsträger wie Innenminister Maroni vom “englischen Modell” – natürlich in der italienischen Version, denn wie bereits Giovanni Francesio in “Tifare Contro” so richtig feststellt, ist man in Italien weit davon entfernt, Geld in die Hand zu nehmen, die Infrastruktur zu modernisieren und Stadion zu für alle Fans angenehmen Orten zu machen. Stattdessen erhöht man munter die Preise, lässt die Stadien verfallen und ruht sich auf den gesicherten Fernseheinnahmen aus. Ein Gesetz über vereinseigene Fußballstadion liegt trotz Gallianis Gejammer seit Jahren auf Eis, die Kommunen als Eigentümer sind klamm, die Vereine haben keine gesetzliche Grundlage für entsprechende Investitionen (abgesehen von der Lex Juventus selbstverstädlich). Alles wie gehabt: Tönende Absichtserklärungen, Suchen nach einem Sündenbock, Unter den Teppich Kehren und ansonsten gelähmt dem Niedergang auch des Fußballs zuschauen. Und hoffen, dass Platinis “Financial Fair Play” wenigstens die anderen schlechter macht.

Das Spiel Milan – Cavese der Saison 1982/83, zweite Liga zu Hochzeiten der “Stadiongewalt” fand übrigens vor ausverkauftem Haus statt.

Vielleicht geht's ja von selbst vorbei

Vielleicht geht’s ja von selbst vorbei

Modell Berlusconi: Aussitzen, von sich weisen und hoffen, dass es vorbeigeht.