Roma-Lazio 2015

Auswärtsblock einfach mal woanders

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Eine Zwischenbilanz der Tessera del Tifoso in italienischen Stadien. Die Hälfte der ersten Saison 2010/11 ist vorbei und es ist vielleicht an der Zeit, eine erste Zwischenbilanz zur „Tessera del Tifoso“ zu ziehen. Jene Fankarte ist das Lieblingsspielzeug des Innenministers Roberto Maroni und soll für mehr Sicherheit in italienischen Fußballstadien sorgen. Zur Vorstellung dieses europaweit einzigartigen Projekts schwärmte Maroni noch von seinem Traum, „Rowdies“ durch die obligatorische Fankarte aus den Stadien zu entfernen und an deren Stelle fröhliche Familien zu sehen. Auf die Familien wartet man heute noch, die Besucherzahlen in den baufälligen Arenen des Stiefels sinken derweil weiter. Selbstverständlich, möchte man anmerken, schließlich ist die Tessera del Tifoso zwar notwendig für den Erwerb von Karten im Auswärtsblock und Saison-Dauerkarten, keinesfalls jedoch für das Betreten eines Stadions. Ich hatte ja vor ein paar Wochen schon die Absurdität beschrieben, dass man zwar nach herrschender Gesetzeslage als Nicht-Inhaber der Fankarte keine Eintrittskarten für den Auswärtssektor erwerben darf, dann aber aus „Sicherheitsgründen“ trotzdem dort Platz nehmen muss. Oder besser: „müsste“:
„Jeder organisiert sich, wie er will. Man fährt auf eigene Faust auswärts und es werden Karten für die anderen Sektoren erworben. Deshalb findet man sich oft mitten unter den Heimfans wieder. Eine sehr delikate Situation.“ Claudio „Bocia“ Galimberti, Capo der Nordkurve von Atalanta
Ebensolche Erwägungen unterliegen der aktuellen Entscheidung, das apulische Derby Lecce-Bari vor verschlossenen Türen stattfinden zu lassen. Vor 2 Jahren wurde das Spiel, damals in der zweiten Spielklasse, von schweren Ausschreitungen begleitet. Das jetzt am 6. Januar stattfindende Derby sollte nun eigentlich ein ruhiger Familienausflug werden, schließlich gibt es ja die Tessera. Und über 16.000 Baresi haben eine solche. Zunächst waren für den Auswärtssektor in der Südkurve des „Stadio Via del Mare“ 6.300 Plätze für Fans aus Bari vorgesehen, später dann wurde die Idee aufgeworfen, die Kapazität auf 1.200-1.300 zu verringern. Nun also die Entscheidung, das Derby vor verschlossenen Türen stattfinden zu lassen. Denn irgendjemandem war aufgefallen, dass keine Reglementierung es den Baresi verbietet, sich trotzdem ins schöne Lecce zu begeben. Zwangsweise in andere Stadionsektoren. Mit direktem Kontakt zu den Heimfans. Für die Ultràs, die sich mit einiger Berechtigung gegen die Fankarte wehren, stellt das Derby vor verschlossenen Türen das entgültige Scheitern von Maronis Projekt dar. Warum, fragen sie, sollen wir uns als Stadionbesucher grundsätzlich detailliert ausweisen, wenn dann doch dieselben „Sicherheitsvorkehrungen“ greifen, wie in den Jahrzehnten vorher? Aber auch die „guten“ Fans, die anstandslos die „Tessera“ unterschrieben und eine Dauerkarte erworben haben, fragen sich natürlich nach dem Sinn dieses Instruments, wenn sie dann trotzdem nicht ins Stadion dürfen. Und neutrale Beobachter fragen sich, ob die Fankarte die Sicherheitslage nicht sogar noch verschärft hat. „Tesserato infame dichiarato“ („Inhaber der Fankarte = erklärter Verräter“) „Abbonato servo dello Stato“ („Dauerkarteninhaber Sklave des Staates“) lauten die Slogans, die sich an den Mauern rund um Stadien in ganz Italien finden, auf Spruchbändern und in den tausenden Blogs und Foren, in denen sich die hitzigsten der Fans austauschen. Auch hier ein deutlicher Ausdruck der im Buch „Tifare Contro“ konstatierten Kluft zwischen dem italienischen Staat und seinen Repräsentanten auf der einen und eines großen Anteils der italienischen Jugend auf der anderen Seite. Das geschlossene Stadion in Lecce ist auch vor dem Hintergrund der Befürchtung zu lesen, dass die Ultràs von ihrem bis jetzt weitgehend friedlichen Protest zu mediatisch weitreichenderen Aktionen wechseln könnten. Auch das Spiel Inter gegen Napoli am Abend desselben 6. Januar sorgt für Bauchschmerzen bei den verantwortlichen, weil die Mastiffs aus Neapel durchaus planen könnten, sich das Spiel auch ohne Tessera anzuschauen. Warum auch nicht, der Erwerb von Karten außerhalb des eigentlichen Auswärtssektors im San Siro ist keinerlei weiteren Restriktionen unterworfen. Die Tatsache, dass sich die Napoli-Ultràs dabei in unmittelbarer Nähe der Inter-Fans befinden, wirft einige Fragen auf zur Effektivität der umstrittenen Tessera. Die wiederum wird von den Behörden weiterhin als „Erfolg“ verkauft, der „mehr Sicherheit und mehr Stadionbesucher“ mit sich bringt. In einer Aussage nach den Ausschreitungen beim Spiel Italien gegen Serbien schlägt Maroni sogar der UEFA vor, dass „gewisse Episoden“ nicht stattfinden würden, wenn es die tolle Tessera überall gäbe. 600.000 Fans haben das Instrument bereits beantragt. Trotzdem sind die Besucherzahlen im Schnitt diese Saison um 1.500 pro Spiel gefallen, ein Verlust von ca. 5% gegenüber dem vorher schon erbärmlichen Niveau. Derweil bewegen sich zehntausende Ultràs trotzdem über den Stiefel, als wäre nichts gewesen und gehen trotzdem ins Stadion. Daheim wie auswärts. Und manchmal muß aus Sicherheitserwägungen eben ein Spiel vor verschlossenen Türen ausgetragen werden. Was genau hat also die Einführung der Fankarte verändert? Der letzte Spieltag vor Weihnachten präsentierte zum Beispiel die Partie AC Milan gegen AS Roma. Während am Heim-Spieltag vorher Milan gegen Brescia zum „Risikospiel“ deklariert wurde (Milanisti und Bresciani sind seit Jahrzehnten verbrüdert), gab es keinerlei Sicherheitsauflagen für das Spiel gegen die Roma. Man hatte schlichtweg Angst vor Ausschreitungen der Roma-Ultràs ohne Tessera, würde man sie nicht ins Stadion lassen. Also alle hinein in die gute Stube, Fankarte oder nicht. Und Beispiele für „halblegale“ Auswärtsfahrten, bei denen sich Ultràs der Gastmannschaft außerhalb des Gästesektors positionieren, gibt es diese Saison zuhauf. 800 Genoani in Udine; 200 Bresciani in Lecce; 500 Doriani in Turin; 100 Fiorentini in Genua; 500 Juventini in Mailand; 700 Novara-Fans beim Toro; 100 Padova-Fans in Siena; 300 Carrarini in Poggibonsi; 400 Cesenati in Rom; Bolognesi und Parma-Fans außerhalb des Stadions Cibali in Catania; 50 Udinesi und 50 Lecce-Fans in Mailand… Und derweil wächst der Druck auf die Tessera-Inhaber auch innerhalb der Kurven, den Auswärtssektor zu boykottieren. Maurizio Marinelli, einer der Experten zum Thema Ultràs und Sicherheit in Fußballstadien, Direktor des Studienzentrums zur öffentlichen Sicherheit der italienischen Polizei, erkennt immerhin an, dass es „Probleme gibt“.
„Das Alarmsignal stammt aus der Beobachtung, dass wir uns immer häufiger Fans ohne Tessera gegenübersehen, die sich auswärts Tickets für andere Stadionbereiche besorgen und sich inmitten der Heimfans aufstellen, mit großem Risiko für Auseinandersetzungen. Im Moment ist die Situation noch einigermaßen ruhig, aber wir müssen hier irgendetwas tun. […] Erstens: Bis heute […] wurden die Ultràs in einem Sektor konzentriert. Das machte sie stärker, weil kompakter. Wenn du diese Kraft der Masse allerdings zersplitterst, zerstreust, wird sie fragmentiert und wird schwächer und besser kontrollierbar durch die Stewards und die Ordnungskräfte. Zweitens: Die Kurven haben sich gewandelt. Durch Stadionverbote und Festnahmen gab es einen Wechsel der Capos. Die Bezugspersonen von früher gibt es dort jetzt nicht mehr. Es ist alles flüssiger und verwirrender geworden. Drittens: Wenn wir die Stadien nicht modernisieren, wenn wir sie nicht verkleinern, sicherer machen und den Vereinen übergeben, haben wir überhaupt nichts erreicht.“
Eine Meinung, mit der Marinelli keineswegs allein dasteht und die auch lange vor der Einführung der „Tessera del Tifoso“ diskutiert wurde. Aber die Modernisierung der Stadien und das Aufbrechen seit Jahrzehnten überholter Besitzverhältnisse kostet Geld und Kraft. Geld, das keine der Kommunen hat und Kraft, die niemand an so ein zweitrangiges Thema verschwenden will. Viel eleganter stellte sich die „Methode Maroni“ dar, Gewalt sozusagen per Ministererlass aus den Stadien zu verbannen. Die Guten bekommen eine Plastikkarte, die Bösen bekommen keine. Problem erledigt? Dumm nur, dass die Regularien keineswegs einen Zwang vorsehen, sich die Karte anzuschaffen und es sind mit Sicherheit nicht die gewaltbereitesten aller Fans, die dem Wunsch des Innenministers nachgekommen sind. Beziehungsweise hätten die „Gewaltbereiten“ die Karte ja auch gar nicht unterschreiben dürfen, wer innerhalb der letzten 5 Jahre (oder irgendjemand aus seiner Gruppe!) schonmal Stadionverbot hatte, ist ja sowieso von deren Erwerb ausgeschlossen. Kein Problem, man kommt ja trotzdem ins Stadion. Und schlimmstenfalls reicht auch der Stadionvorplatz. Einstweilen verkompliziert sich die reale Situation in italienischen Fußballstadien. Die Organisation der Auswärtsfahrten einzeln reisender Fans ändert sich, die „Geografie“ der Stadien wird neu gemischt. Die Lega Calcio erklärt, sie hätte keine offiziellen Zahlen für die Auswärtsfans dieser Saison. Vielleicht empfiehlt sich daher ein Blick in den jeweiligen Gästesektor: Beim Spiel Bari gegen Cagliari war der den „Tesserati“ vorbehaltene Gästeblock durch genau eine (!) Person bevölkert und um ihn herum dutzende Stewards. Derweil machte es sich ein Block Cagliari-Ultràs auf der Tribüne gemütlich und sorgte für Spannungen in einer – bis diese Saison – eigentlich ganz ruhigen Partie. Am 12. September fand das Südderby Napoli gegen Bari statt, normalerweise ein Spiel, das immer für schwere Auseinandersetzungen gut ist. Diesmal aber fanden sich die Capos beider Fraktionen gemeinsam vor dem Auswärtssektor: „Wer da reingeht, kriegt aufs Maul!“ Resultat? Ein leerer Block. Auch in Mailand, gegen Inter am 22. September, zogen die Bari-Ultràs es vor, Karten für den dritten Oberrang Rot und nicht für den designierten Auswärtsblock zu erwerben. Die dort normalerweise sitzenden Dauerkarten-Inhaber (mit Tessera) mussten weichen.
„Wir haben natürlich niemandem verboten, die Fankarte zu beantragen: wir verstehen, dass viele aus wirtschaftlichen Erwägungen die Dauerkarte, und also die Fankarte, gemacht haben. Aber es freut uns natürlich, dass auswärts auch diejenigen, die in den Auswärtsblock dürften, lieber bei uns stehen.“ Alberto „Il Parigino“ Savarese, einer der Capos der Nordkurve von Bari
Sampdoria – Napoli am 19. September sah nur eine Handvoll Neapolitaner im „Käfig“ des Marassi-Stadions. Der Großteil saß auf der Tribüne und nach dem Siegtor von Napoli machten sie sich neue Freunde durch das Anzünden von Bengalos inmitten der frustrierten Heimfans. Oder Milan – Genoa am 25. September, seit dem Tod Vincenzo Spagnolos grundsätzlich ein Hochrisiko-Spiel, für das erst seit letztem Jahr überhaupt Gästefans zugelassen werden (auch Genoa-Milan letzte Saison wurde daher ohne Publikum ausgetragen): auch die Genoa-Ultràs platzierten sich im dritten Rang Rot und provozierten die Milan-Fans durch das Abbrennen von Pyrotechnik bis zum Eintreffen von Stewards und Sicherheitskräften. Faustkämpfe auch zwischen angereisten Bresciani und Heimfans aus Lecce am 24. Oktober. Am 10. Oktober in Bergamo dieselbe Situation wie bei Sampdoria gegen Fiorentina: Beim Spiel Atalanta – Torino bevorzugten es ca. 70 Toro-Ultràs, Tribünenplätze zu erwerben und das Spiel von dort aus zu verfolgen. Wegen der auf der Hand liegenden Gefahren wurden auch sie zwangsweise in den Auswärtssektor verbracht – der doch eigentlich den Inhabern der gloriosen „Tessera del Tifoso“ vorbehalten sein sollte. Ergebnis? Die Sicherheitskräfte waren noch bis weit nach Mitternacht damit beschäftigt, die 15 Autos der „Granata“ aus der Stadt zu geleiten. Weitere Beispiele gibt es zuhauf. „Striscia la Notizia“ hat die Ansammlungen von Auswärtsfans außerhalb des zugewiesenen Sektors bereits mehrfach dokumentiert. Dieselbe Fernsehsendung bringt zur Belustigung des Publikums auch immer mal wieder Reporter mit vor dem Stadion erworbenen Schwarzmarkttickets und riesigen Salamis in der Tasche durch die Sicherheitskontrollen. Man darf also festhalten, dass ca. 600.000 Fußballfans Maronis Fankarte unterschrieben haben, meist sicherlich, um die günstigeren Dauerkarten erwerben zu können. Diejenigen der Ultràs, die man eigentlich aus den Stadien entfernen wollte, haben natürlich keine „Tessera del Tifoso“ – sei es, weil sie sich der staatlichen Kontrolle prinzipiell verweigern, sei es, weil sie wegen eines Stadionverbots in der Vergangenheit auch gar nicht dürfen. Derweil sinken die Zuschauerzahlen weiter und die gewalttätigen Auseinandersetzungen bleiben stabil. Im Gegenteil, bei früher eigentlich ruhigen Spielen kommt es neuerdings durch die „Durchmischung“ der Sektoren zu neuen Spannungen, die bis diese Saison nicht stattfanden. Herzlichen Glückwunsch, Herr Maroni, und ein friedliches neues Jahr dann noch. PS: Auf persönliche Intervention des Herrn Innenminister wird das Spiel Lecce – Bari am 6. Januar nun (Stand 02.01.) wohl doch mit Publikum ausgetragen. Hatte ich irgendwo schon das Wort „absurd“ verwendet? Protest gegen die „Tessera del Tifoso“