Italien-Serbien Ausschreitungen

Italien gegen Serbien – Arm hoch und Hose runter

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Ein paar hundert serbischer Fanatiker ist alles, was es braucht, um das EM-Qualifikationsspiel Italien gegen Serbien zu kippen. Und das ganze Geschwafel von Stadionsicherheit zu demaskieren. Dass das Spiel gestern abend kein einfaches werden würde, war vermutlich jedem bekannt, der ab und zu mal eine Zeitung aufschlägt oder einen Internet-Anschluss besitzt. Was da allerdings gestern knapp 2 Stunden lang auf dem Staatsfernsehen RAI zu sehen war, erschreckte dann aber doch: Serbische Ultra-Nationalisten möchten einen Spielabbruch erzwingen und erreichen ihr Ziel, ohne auf nennenswerte Gegenwehr zu stoßen. Haarsträubende Ignoranz, mangelnde Vorbereitung, inkonsequentes Handeln und Angst, im europäischen Fernsehen blöd dazustehen, treffen auf ein paar hundert serbische Gewalttäter, die demonstrieren, dass man in italienischen Stadien halt doch anstellen kann, was man will. Wenn denn die richtigen Voraussetzungen bestehen. Insofern handelt es sich um ein Desaster mit Ansage. Same procedure as every year. Noch im Kurzzeitgedächtnis sind die brutalen Überfälle derselben Gestalten auf die Belgrader Gay Pride-Demonstration und nicht lange muss man blättern, um von erstochenen, durch Pistolenschüsse verletzten oder durch Bengalos abgefackelte Fans und Ordner im serbischen Fußball zu lesen. Und trotzdem schaffen es ungefähr 2000 Serben, ausgewähltes pyrotechnisches Material, Messer und was sonst noch in ihren Block zu schaffen. Nachdem (wohlgemerkt: nachdem!) die serbischen Ultràs bereits vor dem Spiel den serbischen Mannschaftsbus überfallen, eine Rauchbombe gezündet und den Torwart Stojkovic angegriffen haben. Nachdem man martialisch aufgemacht mit Bengalos durch Genua marschiert war. Trotzdem präsentieren sich Arkans Kinder mit drohender Geste im Marassi-Stadion, turnen stundenlang auf den Absperrungen herum, zerschneiden die Fangnetze und werfen Bengalos auf die umliegenden Blöcke bzw. das Spielfeld. Der Haufen „Celerini“ vor dem Eingangstor schaut dem Spektakel dabei zu. Vermutlich, weil man sich den Sturm des Sektors 6 vor laufenden Kameras nicht wagte. Derweil wird das Geschehen von der geballten Prominenz italienischer Fußballexperten kommentiert, die sich natürlich nicht die Gelegenheit entgehen lassen wollen, auch ihre Dummheit kundzutun. So wird das vergebliche Bemühen des Teams um den Exil-Italiener Stankovic, die Geister zu beruhigen, indem man sich applaudierend und den 3-Finger-Gruß zeigend vor dem Auswärtsblock aufstellt, minutenlang und mehrfach so erklärt, dass die 3 abgespreizten Finger des „serbischen Grußes“ bedeuten würden, dass die Manschaft fürchtet, das Spiel würde am grünen Tisch als 0:3 Niederlage bewertet. Mehrfach wird die beliebte Phrase von den „50 Gewalttätern, die nichts mit dem Fußball zu tun haben“ gesabbelt. Echt jetzt? Hat dieser Haufen von rechtsextremen Ex-Bürgerkrieglern und Drogenhändlern nichts mit Fußball zu tun? Je nun, wenn die verantwortlichen Organisatoren genauso prächtig informiert waren, dann braucht man sich natürlich nicht zu wundern. FICG-Sicherheitsbeauftragter Roberto Massucci ist jedenfalls der Meinung: „Man hatte uns über die Zahl der anreisenden Fans, nicht über ihre Gefährlichkeit informiert. Diese Leute hätten niemals einreisen dürfen.“ Während Ultràs in Italien nicht mal Karten für den Auswärtsblock erwerben können, wenn sie sich nicht vorher prophylaktisch qua „Tessera del Tifoso“ erkennungsdienstlich behandeln lassen, wandern hier mehrere hundert Serben im Block mit Bengalos durch Genua, überfallen den Manschaftsbus und können trotzdem ungehindert ihr gesamtes Material ins Stadion bringen. In Italien, wo die Ordner sehr genau darauf achten, dass mein 10-jähriger Sohn doch bitte den Deckel von seiner Colaflasche abschraubt und ich schon Dutzende Feuerzeuge in die Abfalltonnen an der Einlaßkontrolle werfen musste. Genauso wie die ungefähr tausend Kinder verschiedener Fußballschulen gestern abend, die ihr Verpflegungspaket inklusive Tetrapak Tee nicht mit ins Stadion bringen durften. In Italien, wo man 3 Jahre Stadionverbot bekommt, wenn man ein Banner mit der Aufschrift „Uns ist das Fax kaputtgegangen“ aushängt, darf man wohl doch unter bestimmten Voraussetzungen die albanische Flagge verbrennen, „Kosovo ist Serbisch“ auf Banner sprühen und den Hitlergruß zeigen. In Italien, das sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit rühmt, wie ernst man es mit der Ordnung und Sicherheit in Fußballstadien meint und welch guten Dienst die „Helden in Uniform“ doch jeden Sonntag leisten. Es war gestern eigentlich so wie immer: Man versucht, nach außen ein gutes Bild abzugeben und hofft ansonsten, alles würde schon irgendwie gut gehen. Blöd nur, wenn man anstatt der zum Staatsfeind Nr. 1 zurechtfabulierten Ultràs plötzlich tatsächlich ernsthafte Gewalttäter vor sich hat, denen das Spiel tatsächlich egal ist. Rechtsextreme Gewalttäter, die ohne weitere Kontrollen durch Europa reisen können, die in Serbien genug angestellt haben, um europaweit die Alarmglocken klingeln zu lassen und die seit dem Krieg und der Bombardierung Belgrads sowieso noch eine Rechnung mit Italien offen haben. Trotzdem stehen UEFA, Ligavertreter, die Chefs der Polizeikräfte und die Stadion-Verantwortlichen ratlos herum, während der serbische Mob fröhlich Plexiglasscheiben bearbeitet, Papierbomben zündet, mit Bengalos um sich wirft, Signalraketen abfeuert, die Sicherheitsnetze zerschnippelt und derweil der Welt per Banner („Vaffanculo“), mit erhobenem rechten Arm (wahlweise mit Mittelfinger, 3 Fingern oder der ganzen Hand) Westeuropa im Allgemeinen und Italien im Besonderen zeigt, was man von ihnen hält. Genua. Natürlich. Die Stadt, die uns schon die Ermordung Spagnolos, und den G8 samt Erstürmung der Diaz-Schule und die Erschießung Carlo Giulianis geschenkt hat. Genua, das sich selbst mit 3 Spielern von Sampdoria und einem von Genoa (Cassano, Pazzini, Palombo und Criscito) in der Startaufstellung selbst feiern wollte. Genua, das mit einer Schweigeminute den 4 unter der Woche in Afghanistan getöteten Soldaten gedenken wollte. Genua, das ein Spiel sehen wollte, in dem es eigentlich um die Qualifikation für das europäische Fußballfest 2012 gehen sollte. Genua hat demaskiert, dass man in Italien immer sehr konsequent ist, wenn es um die Beschneidung von Bürgerrechten unter dem Deckmäntelchen der öffentlichen Ordnung geht. Aber ernsthafte Probleme damit hat, wenn der Gegner nicht aus zu kinderfressenden Staatsfeinden zusammenideologisierten Ultràs besteht, sondern aus vielleicht 50 bürgerkriegserprobten Leuten unter der Fahne des Tigers Arkan. Genua hat’s mal wieder nicht hinbekommen. Oder wie es der Kollege Domenico Mungo so eloquent ausdrückt:
„Schwierig, so zu tun, als würde alles gut gehen, darauf zu bestehen, dass deine Regeln angemessen und wirkungsvoll und die italienischen Ultràs allesamt Straftäter sind, wenn ein Besessener mit Kapuze und einer Kneifzange in der Hand ausreicht, um den ganzen Berg an Schlamperei, Oberflächlichkeit, Lügen und Heuchlerei zu übewinden, den ihr Ordnung nennt.“
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