Blog aus Italien

AC Milan ./. Inter 2:1

Montag, 5. Mai 2008 · 5 Kommentare

Das wichtigste gleich vorweg: Die endlose Odyssee meiner ChampionsLeague-Siegzigarre (danke soef) hat endlich ein Ende gefunden, als ich mir die Cohiba am Ende eines perfekten Derby-Sonntags in der Inter-Kneipe genüßlich schmecken ließ. Als Geschenk zum Arsenal-Spiel erhalten, hatte ich schon gegen die Roma und gegen Juve daran gerochen - aber erst jetzt konnten wir das Ding aus vollen Zügen genießen. Endlich wieder ein Derby gewonnen, gleichzeitig den Interisti die Meisterfeier versaut und auf den 4. Platz vorgeschoben - besser hätte der Tag nicht laufen können.

MisterCali von den Milan Fans Berlin war schon eine Woche vor dem Spiel mein Gast und gemeinsam haben wir nicht nur einen wunderschönen Ausflug nach Turin mit den Brigate Rossonere Torino erlebt, sondern auch einen eskalierten Samstagabend in meiner Dorfkneipe. Leicht angeschlagen, aber halbwegs adrenalindurchflossen ging es also mit leichter Verspätung gen Mailand. Kein Wunder - es stand für die Rossoneri der die Champions League-Qualifikation bedeutende 4. Platz zur Disposition. Und nach 3 vergeigten Derbys riskierten wir mindestens ein halbes Jahr Gespött von der dunklen Seite der Stadt. Kaum jemals zuvor ging es in dem sowieso schon sehr speziellen Spiel zu diesem Zeitpunkt der Saison um so viel. Dem unvergleichlichen Organisationstalent meiner Ex-Frau ist zu verdanken, dass auch unser Sohn sein erstes Spiel gegen Inter erleben durfte - übertroffen nur durch die gemeinsamen Anstrengungen, den Zwerg ohne Karte ins Stadion zu schleusen und im völlig überfüllten San Siro einen Platz zu finden, von dem aus er auch etwas sehen konnte.

Die Atmosphäre rund ums Stadion empfand ich - mittlerweile ja in die Jahre gekommen und nicht mehr dringend auf Konfrontation aus - als sehr angenehm. Bei aller Abneigung gegen die blauschwarzen Gestalten standen wir alle in Grüppchen vor dem Baretto, ohne dass an irgendeiner Stelle auch nur entfernt Gefahr bestanden hätte. Mein Kleiner, von oben bis unten in rotschwarz, trug jedenfalls stolz und tapfer seine Teufelchen-Fahne durch die “feindlichen” Ultrà-Gruppierungen am Baretto - wenn auch deutlich mehr daran interessiert, den M&M-Hostessen möglichst viele Schokoladenkullern aus dem Kreuz zu leiern. Das wunderschöne Sommerwetter trug ein übriges zu einer zwar sportlich gespannten aber absolut gewaltfreien Atmosphäre bei - man frotzelt, man singt, man zieht einander auf aber man steht auch auf einen Meter Distanz vor derselben Bar. Ich weiß, dass dies für die Medienvertreter “keine Nachricht” ist, aber ich möchte angesichts der üblichen Krawallgeschichten nicht versäumen, darauf hinzuweisen, dass es eben auch anders geht.

Die Mannschaft hatte das Publikum als 12. Mann eingefordert und die Fans der Rossoneri ließen sich nicht zweimal bitten. Endlich gab es wieder Choreographien in beiden Kurven, die Curva Sud präsentierte einen riesigen, betrunken Fernsehen glotzenden Homer Simpson, darunter ein massiver Striscione: “Anche nell’anno del centennario…sempre il solito scenario” (”auch im Jahr des hundertjährigen Bestehens…wie immer dasselbe Szenario”) - das in riesigen Lettern präsentierte Datum “21.05.2008″ (das Datum des Champions League Finales) erinnerte die Heinis in der Nordkurve daran, dass sie sich solche Ereignisse seit jeher beim Bier vorm TV anschauen. Eine tolle Idee - ich weiß aus eigener Anschauung, dass der fehlende internationale Erfolg den Interisti seit jeher ein Stachel im Fleisch ist. Was soll’s “Milano siamo noi!

Choreo Milan Inter 2008

Über das Spiel haben andere schon schlauere Worte geschrieben, ich fasse mich daher kurz. Die erste Halbzeit sah ein hochkonzentriertes, drückend überlegenes Milan, das bei allen spielerischen Unzulänglichkeiten den Ball gut laufen ließ und sich einige hochkarätige Chancen erspielte. Superpippo, Ambrosini und Gattuso waren natürlich völlig wild auf das Derby und Favalli spielte eine der besten Partien in rot-schwarz - eigentlich hätten wir schon vor der Pause in Führung gehen müssen, aber der wiedererstarkte Julio Cesar rettete mehrfach in hächster Not vor unser einzigen Spitze (aber was für eine!). Inter spielte, wenn man es wohlwollend ausdrückt, “abwartend”; ich selbst halte den Auftritt der cugini eher für die hundertste Bestätigung, dass Inter einfach in Spielen, bei denen es um etwas geht, nicht stattfindet (siehe Champions League). Sicher reicht die Breite des Kaders und der angeschlossenen Schiedsrichter aus, um über 38 Ligaspiele irgendwie einen Titel zu holen, aber in echten Entscheidungsspielen reicht der Charakter des Teams einfach nicht aus.

“piüttöst che l’Inter le mej piüttöst”

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Die zweite Hälfte versetzte dann endgültig die Tifoserie in Rage - Kakà und Inzaghi, die gemeinsam in den letzten 4 Meisterschaftsspielen 13 Tore beisteuerten, fanden sich wieder und der Brasilianer spielte Pippo den Ball sechs Minuten nach Wiederanpfiff passgenau auf den Kopf. Inzaghi steht da, wo er hingehört und lässt Cesàr diesmal per Kopf keine Chance. Das 99. Tor unserer Nummer 9 direkt unter der Kurve, besser hätte man den Nachmittag nicht designen können. Völlig aufgedreht wurde das sichtlich angeschlagene Inter nun im Stile einer Klassemannschaft an die Wand gespielt. Tor Nummer 2 ließ nur 5 Minuten auf sich warten, diesmal war es Kakà selbst, der dem Inter-Torhüter ein wunderbares Zuspiel von Ambrosini durch die Hosenträger schob. Im Zweifelsfall wäre rechts noch Inzaghi freigelaufen, aber der Weltfußballer des Jahres strotzt vor Selbstbewusstsein und macht es selbst. Inter sollte später durch einen Freistoßtreffer noch einmal verkürzen, aber das alles ändert nichts daran, dass die Interisti ihre - im übrigen sehr schöne - grün-weiß-rote Rauchtrikolore nur deshalb abbrannten, weil sie sie nicht mehr mit nach Hause nehmen konnten. Den Scudetto gewannen sie diesmal noch nicht, unter anderem weil die Roma ihr Spiel bei Sampdoria souverän mit 3:0 nach Hause brachte!

Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass das Derby trotz der hohen Emotionen und der sportlichen Bedeutung durchaus fair geführt wurde. So wies Crespo zum Beispiel Schiedsrichter Rosetti darauf hin, dass er den Ball als letzter berührt hatte und verzichtete auf einen bereits fälschlich zugesprochenen Eckball. Danach spielte Inter einen sinnlos verpfiffenen Einwurfwechsel (die Balljungen warfen nacheinander wiederholt sinnlos Bälle aufs Spielfeld) sehr fair zu uns zurück. Ich denke, dass so etwas - bei aller Rivalität durchaus nicht selbstverständlich ist. Ich will nicht behaupten, dass die blauschwarze Söldnertruppe jetzt Klasse besitzt, aber schön fand ich die Gesten doch.

Sofern dieser Tag noch perfektioniert werden konnte, dann dadurch, dass die körperlich und psychologisch UEFA-Cup geschwächte Fiorentina in Cagliari verlor und uns vorerst auf den so lange ersehnten 4. Platz durchwinkte. Ich hab mich nur noch auf meine Zigarre gefreut und hab es mir nicht nehmen lassen, die in meiner heimischen Inter-Kneipe zu zelebrieren.

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Gute Ultràs, schlechte Ultràs

Montag, 28. April 2008 · 9 Kommentare

Eigentlich habe ich mich ja schon abgefunden mit der Tatsache, dass die Pressewelt in einer Mischung aus Hybris und Faulheit das Thema Ultràs nur von ganz fern abarbeitet. Aber wenn es denn schon einige wenige Journalisten gibt, die sich der eigentlich banalen Wahrheit bewusst sind, dass es keine einfachen Erklärungen für komplexe soziale Phänomene gibt, dann möchte ich auch sehr gern darauf hinweisen - zumal vor dem Hintergrund des medialen Dauerrauschens aus Paranoia und Schizophrenie, der das Thema sonst begleitet. Im April beschäftigen sich Christoph Luke von sportnet.at und André Hoffmann auf sportal.de mit Fankultur, unter wohltuendem Verzicht auf die ewig wiederkehrenden Phrasen, die durch andauernde Repetition doch nicht sinnvoller werden.

Andrè Hoffmann widmet sich in “Die Herrscher der singenden Masse” in durchaus differenzierter Weise dem Thema Ultràs; eigentlich ein ganz schöner Artikel, differenziert und halbwegs objektiv. Was mich nur immer wieder verblüfft, ist dass ein Artikel dieses Niveaus, der ja eigentlich nur selbstverständliche Belanglosigkeiten erzählt, in der deutschen Presselandschaft so unglaublich positiv heraussticht. Denn natürlich sind Ultràs keine homogene Masse von gleichgeschalteten Dumpfköpfen (jedenfalls nicht mehr als die Journalisten, die darüber berichten) und in Bezug auf Gewalt und den Einsatz von Pyrotechnik gibt es durchaus äußerst unterschiedliche Auffassungen zwischen den verschiedenen Gruppierungen. Und natürlich haben die meist Jugendlichen Ultràs - wie eigentlich immer bei Menschen - viele verschiedene Gründe, ins Stadion zu gehen und sich dort irgendwie zu verhalten. Die differenzierte Betrachtung des Phänomens Ultràs überfordert aber leider viele Mediennutzer und die Berichterstattung sorgt dafür, dass der durchschnittliche Premiere-Abonnent kognitiv nicht überreizt wird.

Schön ist die durchaus treffende Beschreibung Hoffmanns, der die Ereignisse anlässlich des Spiels Nürnberg gegen Frankfurt als “pyrotechnische Leistungsschau” qualifiziert. Aber ja, genau, das war sie ja auch. Aber kann mir mal irgendjemand erklären, was an Pyrotechnik so unglaublich verdammenswert ist? Hat sich da schonmal ein Journalist ein Loch in die Krawatte gebrannt oder wieso schreiben die über 3 Bengalos immer, als stünde das Abendland vor dem Abgrund? Ein wenig Rauch im Fanblock und schon kräht das DSF reflexhaft von “Chaoten”, “Idioten” und “Vorkommnissen, die wir in keinem deutschen Stadion sehen wollen” - selbstverständlich nicht, ohne ihre eigenen Bilder im Trailer zu “Fußball International” mit atemberaubenden Bengalo-Shows zu untermalen und als “südländische Atmosphäre” zu preisen. Über Angriffe auf Reisebusse und Weihnachtsfeiern kann man (und muss man) diskutieren - aber wenn 3000 Polizisten schon dafür sorgen, dass keiner einen Blitzknaller mit in die Kurve bringt, dann braucht man sich doch wirklich nicht wundern, wenn einige die mediale Aufmerksamkeit nutzen, um einmal richtigen Zauber zu veranstalten. Wer jemals in einem unprovozierten Polizeikessel am Bahnhof einen Schlagstock ins Kreuz bekommen hat, wundert sich auch nicht mehr über das andere gemeinsame Feindbild: Polizei. Auf, Journalisten, zur Feldforschung.

Dem Staat stünde jedenfalls ein wenig Gelassenheit gut zu Gesicht und wenn Ultràs - gemäß ihrer Selbstdefinition - sich mal von denen abgrenzen würden, denen es nicht mehr primär um Fußball geht, dann wäre wirklich schon eine Menge gewonnen. Die Mischung aus Paranoia und dämlicher Doppelmoral hilft bestenfalls bei der weiteren Bekämpfung grauer Zellen beim Publikum. Ich selbst gehe seit nunmehr mehr als 20 Jahren in Stadien und habe in den Kurven alle möglichen Menschen kennengelernt. Die ganz überwiegende Mehrheit war witzig, sympathisch und durchaus in der Lage, klare Gedanken zu artikulieren. Selbstverständlich gibt es Ultrà-Gruppierungen, mit denen ich lieber nicht in derselben Straßenbahn zum Stadion fahren möchte.

Sperrangelweit offene Türen rennt bei mir Christoph Luke mit seinem Beitrag “Ultràs: Worüber niemand schreibt” ein, der die albern-reflexhafte Berichterstattung seiner Kollegen angreift und sich Gedanken darüber macht, wieso das Abbrennen von Bengalos außerhalb von Silvester mit denselben Worten beschrieben wird wie ein Selbstmordanschlag auf einen Markt in Basra. Alle “kriminell”, alles “Chaoten”, die Bundesliga voller “Skandalspiele” und Bilder “die niemand sehen will”. Naja, dann zeigt sie doch nicht, liebes DSF und liebe Bild. Aber ich habe ja vergessen, dass ihr lediglich den Wunsch nach stellvertretener Transgression bei euren komplexbeladenen Zusehern und Lesern bedient, denen bei ordentlich aufgemachten Bürgerkriegsbildern in deutschen Stadien mal so richtig der Law & Order-Saubermann durchkommt. Denn Steuern darf man ja hinterziehen, seine Frau mit der Kioskverkäuferin betrügen oder besoffen vom Kegelklub heimfahren - nur wer Rauchbomben zündet gefährdet das westliche Wertesystem nachhaltig. Und nur in so einer Welt wird Nürnbergs Präsident Roth zum todesverachtenden Superhelden.

Ebensowenig hilfreich ist natürlich der beständige Verweis auf “italienische Verhältnisse” - wohl vor dem Hintergrund auf die in den Medien katastrophal aufgearbeiteten Umstände des Todes von Filippo Raciti beim letztjährigen sizilianischen Derby und den Todesschüssen auf Gabriele Sandri. Die Situation in Italien ist geprägt von jahrzehntelangem Versagen von Politik und Ordnungsmacht sowie Konflikten mit wirtschaftlichem und politischem Hintergrund, die in den letzten 2 Jahren zu einer unerträglichen Eskalation des Problems geführt haben. Italienische Verhältnisse gibt es in der Bundesliga nur insofern, als die Presse weitgehend unbehelligt von eventuellen Realitäten das Verhalten großer Bevölkerungsgruppen als “illegal” deklariert. Beim Leser wird so nur das Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten bedient, nach Sicherheit in einer als weitgehend chaotisch empfundenen globalisierten Welt, nach der Bestrafung und Ausgrenzung von “Abweichlern”. Denn was man sich selbst als Entgrenzung maximal im Bordell zugesteht, muss in anderen Zusammenhängen natürlich als Grenzüberschreitung gemaßregelt werden - fehlt eigentlich nur noch das implizierte “bei Adolf hätte es sowas nicht gegeben”.

Ich fand jedenfalls beide Beiträge wohltuend lesenswert und einen Beweis dafür, dass es durchaus Medienvertreter gibt, die zu selbständigem Denken fähig sind und Verhältnismäßigkeit beim Einsatz staatlicher Gewalt und bei der Berichterstattung darüber anmahnen. Mehr davon!

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AC Milan ./. Cagliari 3:1 - Milan Fans Berlin auf Tour

Dienstag, 8. April 2008 · 4 Kommentare

Die Milan Fans Berlin hatten sich für das Wochenende angemeldet und angesichts meiner Erfahrungen mit Ultràs und anderen Chaoten konnte ich deren Erpressungsversuchen natürlich nichts entgegensetzen - schließlich ist mir mein eigenes Leben und das meiner Kinder lieb und man weiß nie, ob für solche kinderfressenden Rauchbombenwerfer noch irgendwelche Grenzen existieren. Der letzte Bundesligaspieltag hat uns ja wieder mal gelehrt, dass diese wahnsinnigen Pseudo-Fans doch tatsächlich Böller außerhalb der Silvesternacht werfen sollen! Das prangere ich an! Was kommt als nächstes? U-Bahn fahren ohne gültigen Fahrschein? Diesem Wahnsinn muß sofort ein Ende gesetzt werden - Herr Roth sollte sich endlich auch mal vor die Curva Sud stellen! Sonst wird da demnächst noch Marihuana geraucht oder Stromgitarre gespielt…wie bei den Hottentotten!

Am Freitagabend kam jedenfalls als erster SiamoNoi an und wir verbrachten den Abend im schönen Bergamo bei durchaus sehr ordentlichem Essen und Bier, Wein sowie Grappa (hatte ich Bier und Wein schon erwähnt?) und in einem ausnehmend hervorragenden Agriturismo (”L’Angolo del Poeta” - sehr empfehlenswert!). Weil wir aber jung und hart im nehmen sind, machte es uns überhaupt nichts aus, den Rest der Bande am nächsten morgen um 8.00 Uhr vom Flughafen abzuholen und nach Mailand aufzubrechen. Unendlich variantenreich und abenteuerlustig wie wir sind, zogen wir - wie eigentlich immer - vom Dom zum Negroni-trinken im Zucca und nach dem MilanPoint in die Osteria “La Tagliata” zum Genuß sardischer Spezialitäten.

Nach kurzem Ausruhen in Angelinos Wohnung ging’s dann aber in der Tat noch ins Stadion, wo wir uns wieder mal als VIP-Gäste der Brigate Rossonere fühlen durften, als wir das Auto direkt vorm Stadion parkten. Leider hielt sich der Zuschauerzuspruch in Grenzen, soviel Platz zum gemütlichen Ausbreiten hatten wir in unserer Curva selten und auch in der Nordkurve verliefen sich nur wenige Cagliaritani hinter ihrem Transparent “il tuo sorriso, le tue transferte. ciao fabio”, das an einen sardischen Ultrà erinnerte. Unsere Kurve erinnerte mit einem Striscione an Matteo Bagnaresi, der am letzten Wochenende auf einem Autobahnrastplatz von einem Bus überfahren wurde.

Über das Spiel gibt es wenig zu erzählen, Cagliari hatte offenbar nach vielen guten Spielen in der Rückserie einen Streik geplant und verbrachte die ersten 45 Minuten in totaler Arbeitsverweigerung. Immer schön Abstand haltend ließen sie die Rotschwarzen mal wieder nach Herzenslust wirbeln und verschiedene Ballstaffetten ausprobieren. Nicht dass Milan diese Saison den Zauberfußball wiederentdeckt hat, aber wie Kakà meterweit durch die Abwehr spazieren durfte, bis ihm die Position gefiel und er in der 8. Minute humorlos zum 1:0 eindrosch, das hatte erweiterten Freundschaftsspielcharakter. Auch wird sich Pippo Inzaghi vermutlich nicht mehr daran erinnern, wann er wohl das letzte mal nach einer Standardsituation so frei zum Kopfball kam wie bei seinem 2:0 nach Ekce von Pirlo. Sei’s drum, 2:0. Kurzzeitige Beklemmung gab es kurz nach der Halbzeit, als Kalac - wohl vor lauter Langeweile - sich einen erbärmlichen Freistoß ohne Not selbst unter dem Körper hindurch ins Tor drückte. Der letzte Heimsieg war schon zulange her, um bei den Fans rechtes Vertrauen überwiegen zu lassen. Aber Milan fing sich recht schnell wieder und wiederum war es Inzaghi, der unnachahmlich den gegnerischen Torwart auf dem Hintern sitzend ausspielte und den eigentlich bereits versprungenen Ball mit links zwischen zwei Verteidiger hindurch zum 3:1 ins Tor hämmerte. Wenn sich nochmal jemand über die Alten bei Milan aufregt, dann werf ich dem einen Blitzknaller vor die Füße. Aber ernsthaft!

Grund zum Feiern also und das taten wir dann auch so ausgiebig, dass es gegen 4 Uhr morgens ins Bett am Lago Maggiore ging. Ich hatte die Jungs so dermaßen müde und betrunken gemacht, dass sie sich um diese Zeit über die armselige Unterkunft voller Campingbetten und anderen Improvisationen nicht mehr beschweren mochten. Am nächsten Tag gabs dann noch Frühstück mit Bier und Grappa im Dollaro, der hiesigen Festung der Milanisti in der piemontesischen Diaspora. Dessen Besitzer Marco ließ uns gemeinsam mit dem aus Mailand hinzugestoßenen Geburtstagskind Roby, Laura und Angelo sogar mitgebrachte Torte verspeisen, während wir Atalanta gegen Inter auf der Leinwand verfolgten (“In Italia - Atalanta, in Europa - Atalanta, ovunque - Atalanta, per sempre Bergamasc!”). Abends noch ein Besuch im Molly Malone’s in Nebbiuno, der von allen Beteiligten als unbedingt wiederholenswert beschrieben wurde. Wenn ich mir die Hooligans nochmal ins Haus hole, machen wir das bestimmt. Nach vollkommen ausreichenden 3 Stunden Schlaf ging’s um 5 Uhr morgens wieder zurück nach Bergamo.

Ich war noch überhaupt nicht müde und verstand nicht ganz, wieso die Jungs schon wieder nach Hause mussten - aber ich hoffe, sie kommen bald wieder.

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Orta San Giulio

Mittwoch, 2. April 2008 · 2 Kommentare

Das malerische Dörfchen Orta San Giulio am Ortasee ist eine der absoluten Muss-Adressen, wenn ich Freunde oder Verwandschaft zu Besuch habe. Viele der Attraktionen hier am Lago Maggiore gebe ich mir seit Jahren nicht mehr bzw. habe ich - wie die Gärten der Villa Taranto - überhaupt noch nie besucht. Aber Orta finde ich romantisch, süß und unbedingt einen Spaziergang wert. Orta San Giulio ist ein gut 1000 Einwohner starkes Städtchen am gleichnamigen See und liegt zwischen dem Lago Maggiore und der Provinzhauptstadt Novara. Gelegen auf einer Landzunge, die in den Voralpensse hineinragt ist besonders die verkehrsbefreite Altstadt und die vorgelagerte Insel Isola San Giulio touristisch interessant - leider so interessant, dass das Örtchen in der Saison an Wochenenden und Feiertagen komplett überlaufen ist. Am besten, man nähert sich der Gegend unter der Woche oder in der Nebensaison, um sich die Romantik wenigstens ein bisschen zu bewahren.

Das Auto stellt man einfach auf einem der zahlreichen Parkplätze am Ortseingang ab und dreht eine Runde zu Fuß durch die überschaubare Altstadt. Auffällig ist der Palazotto della Comunitá, das ehemalige Rathaus, das erhöht auf “Stelzen” mitten auf der Piazza Motta steht und Deutschen bekannt sein sollte durch den Werbespot für Dr. Oetker Pizza Ciabatone (”Oben Pizza, unten Ciabatta”). An der Ostseite des Platzes steigt die Gasse Salita della Motta an, an deren oberem Ende die Kirche Santa Maria Assunta thront. Direkt vor der Piazza Motta liegt der Fähranleger, von wo aus man per Linienfähre oder Taxiboot in die vorgelagerte Insel mit dem Kloster Mater Ecclesiae übersetzen kann. Am romantischsten ist die Uferpromenade natürlich abends, wenn die Insel von Scheinwerfern angestrahlt im See zu schweben scheint. Wunderschön sind die engen Gässchen mit ihren pittoresken Wandgemälden, verwinkelten Anbauten und ihrem leicht verwitterten Charme.

Orta ist touristisch furchtbar überlaufen, so dass ich Essen gehen nur empfehlen würde, wenn ihr irgendwie Geld zuviel dabei habt; bei den Preisen ist Seeblick und Touristenzuschlag großzügig mit einkalkuliert. Ansonsten empfiehlt es sich immer, einige Kilometer ausserhalb einzukehren, die Altstadt ist nicht so groß, dass man ohne Etappenmahlzeiten nicht durchkommen würde. Gleiches gilt im übrigen auch für die zahlreichen Geschäfte mit grotesk überteuertem Touristennepp, den man teilweise für ein Drittel auch im Esselunga von Verbania einkaufen kann. Von albernen Grappaflaschen im Badezusatz-Design über Handtücher mit dem See drauf bis hin zu getrockneten Steinpilzen zu Trüffelpreisen gibt es dort alles, was kein normaler Mensch sich jemals ins Wohnzimmer stellen würde. Völlig Schmerzbefreite können auch in einer Art Kindereisenbahn über den Hauptplatz fahren und dabei blöd aussehen. Ausnehmen möchte ich die 3-4 hervorragenden Eisdielen, die schon im kalten Frühjahr ganz hervorragendes handgemachtes Eis (”produzione propria“) anbieten - und das durchaus zu regulären Preisen. Eine Ausnahme - aber die Schönheit des Ortes und der Landschaft gibt es ja immerhin umsonst und die ist den Trip allemal wert!

Für die Rückfahrt zum Lago Maggiore bietet sich die Strecke über den Mottarone mit seiner spektakulären Aussicht auf den Lago Maggiore an. Hierbei kommt man auch an der eindrucksvollen Villa Crespi vorbei, die ein Mailänder Kaufmann 1879 aus Begeisterung für Orientalisches im maurischen Stil errichten ließ.

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Toter Fan in der Serie A

Montag, 31. März 2008 · 9 Kommentare

Wieder stirbt ein Fußballfan im Umfeld eines Spiels der Serie A. Nach den Todesschüssen auf Gabriele Sandri im November letzten Jahres (12. Spieltag der Hinserie) stirbt gestern (12. Spieltag der Rückserie) gegen 12.30 Uhr der Parma-Anhänger Matteo Bagnaresi auf dem Autobahnrastplatz Crocetta bei Asti, Autobahn Torino-Piacenza, 48 km von Turin. Im Rückblick auf die Presseberichte im Zuge des Todesfalls Sandri fasse ich bei allem gebotenen Abstand nur die bisherigen Verlautbarungen zusammen.

Es kamm offenbar zu einem Zusammentreffen von Fangruppen Parmas und Juves, beide auf dem Weg zum Spiel im Stadio Olimpico. Die Juve-Fans aus Crema - Familien, Frauen, keinerlei organisierten Ultràs oder ähnliches - schildern eine Bedrohungssituation, als ihr Bus auf der Raststätte zum Tanken anhielt. Angeblich kam es zu Drohungen und Angriffen mit Eisenstangen und Flaschen woraufhin der Busfahrer sich in Bewegung setzte, um der Situation zu entfliehen, bevor sie außer Kontrolle gerät. Dabei wurde der Parma-Tifoso von der linken Fahrzeugseite erfasst und überrollt. Der Busfahrer, der angibt, vom Unfall nichts mitbekommen zu haben, stoppt nach ca. 1 km auf der Autobahn nach Hinweisen seiner Passagiere. Andere Quellen behaupten, dass er erst von der Polizei gestoppt wurde nachdem das Personal der Q8 Tankstelle die Ordnungskräfte alarmiert hatte. Ein Juventus-Fan schilderte: “Wenn wir früher gehalten hätten, hätten sie uns totgeschlagen.” Der Bus startete sein Manöver mit offenen Türen nachdem bereits zwei Jugendliche versuchten, in den Bus zu gelangen.

Laut den 10 Juve-Fans (andere sprechen von 9 oder 25 Fans) wurden sie von einer etwa 50 Mann starken Gruppe von Parma-Anhängern (die Raststätte “Crocetta Nord” war nicht als Haltepunkt der organisierten Fans vorgesehen, daher waren auch keine Carabinieri anwesend) mit Stangen und Flaschen angegriffen, kurz darauf folgten andere aus zwei weiteren eintreffenden Parma-Bussen, die bereits Gürtel als Schlagwerkzeug bereithielten. Sie selbst wären erst 5 Minuten vor dem Vorfall auf dem Rastplatz eingetroffen, um etwas zu trinken und vollzutanken. Sofort stiegen die Parma-Fans aus zwei neu eintreffenden Bussen aus, umringten die “Gegner” und warfen Flaschen, ohne dass diese - nach eigener Aussage - irgendetwas provokantes getan oder gesagt hätten. Zwei Flaschen zerplatzten im Innenraum des Parma-Kleinbusses, zwei mitreisende Mätchen erlitten Schnittverletzungen. Beim Fluchtversuch sprang Bagnaresi vor dem Bus auf die Straße und wurde vom Bus erfasst und überrollt. Bei den geschilderten Stärkeverhältnissen von mindestens 50:1 wäre eine Flucht jedenfalls vollkommen verständlich und nachvollziehbar; zunächst einmal glaubhafter jedenfalls als von einem zufälligen Verkehrsunfall auszugehen bei dem zufällig Fans der beiden Vereine anwesend waren und der Fahrer zufällig nichts davon mitbekommen hatte, dass er gerade einen Menschen überfahren hat. Das Mädchen, das Matteo als erste am Unfallort wiederzubeleben versuchte erzählt, dass sie ihm eine schwarze Gesichtsmaske vom Kopf zog (diese Aussage ist durch nichts bestätigt, allem Anschein nach trug der Mann das übliche Kapuzenshirt), die eintreffenden Nothelfer sammelten neben seinem blaugelben Schal noch seinen abgelegten Gürtel neben der Leiche auf - für die Juventini seine Angriffswaffe.

Hingegen berichtet eine ältere Dame aus einem der Juventus-Busse durchaus von Auseinandersetzungen und spricht über ihre Angst vor den mit Flaschen bewaffnet heranrennenden Parma-Fans:

Parla un’anziana tifosa della Juventus era a bordo del pullman nell’area di servizio Crocette: “Mi sono spaventata molto, sono ancora terrorizzata, ho visto quei ragazzi che correvano contro la corriera. E meno male che a noi ci hanno lasciato stare, eravamo già in partenza, non potevano mettersi davanti, ho visto che correvano. Ho visto un ragazzo con la bottiglia, era caduto nel correre o era inciampato, l’ha presa su e correva ancora dopo”

Ein Freund des Opfers sprach hingegen von genau von so einem “Zufall”: “Matteo befand sich nahe der Räder des Buses und das Fahrzeug hat ihn überrollt. Der Fahrer hat das Geschehen nicht mitbekommen und ist einfach weitergefahren.” Dieser Freund berichtet von keiner Aggression gegen die Bianconeri, man hätte lediglich geschrien, dass der Bus anhalten solle, als er sich von der Unfallstelle entfernte. Aber der, vermutlich von Drohungen ausgehend, sei weitergefahren. Nach dieser Version handelte es sich also um einen einfachen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, den die Presse unbedingt zur “Story” aufblasen will. Auch denkbar. Waffen konnten die eintreffenden Polizeikräfte jedenfalls nicht beschlagnahmen, weder solche noch als Waffen verwendbare Gegenstände. Einziger Hinweis auf einen möglicherweise stattgefundenen Zusammenstoß sind die Glassplitter einer Flasche auf dem Gelände des Rasthofs.

Das Spiel Juventus gegen Parma wurde - obwohl es sich um einen tragischen Unglücksfall handelt - “als Zeichen der Trauer” auf einen festzulegenden Zeitpunkt verschoben, laut Juventus-Offiziellen unter Rückendeckung der Liga und des Berufsspielerverbandes. Vermutlich wird das Spiel am 16.04. nachgeholt. Alle anderen Ligaspiele fanden wie geplant statt, der Anpfiff der gestrigen Partien erfolgte nach einer Schweigeminute. Die Ultràs von Empoli - verbrüdert mit Parma - entfernten alle Spruchbänder und Fahnen aus dem Stadion. Lediglich ein weisses Laken mit “Ciao Matteo” erinnerte an den Zwischenfall. “Zeichen der Trauer”? Vermutlich hatte man eher seine Lehren aus den Auseinandersetzungen nach Gabriele Sandris Tod gezogen, als sich der Hass der Ultràs gerade aus dem Unverständnis speiste, dass der Spieltag “ganz normal” ausgetragen wurde. Zudem mag ich nicht wirklich glauben, dass die Telefonate und SMS, die nach dem Todesfall unter den Fans der Juve und Parma kursierten, eine ruhige und reflektierte Aufarbeitung der Sachlage beinhalteten. Wie gesagt, ich weiss nicht, wie sich die Fans informierten, aber ein “Die Juve-Schweine haben einen von uns überfahren” halte ich für nicht völlig ausgeschlossen. Das Spiel wurde jedenfalls abgesagt, weil man Angst vor Ausschreitungen hatte - Verkehrsunfall oder nicht.

Für Matteo Bagnaresi sollte es der erste Spielbesuch nach 3 Jahren Stadionverbot werden. Am 06.01.2005 hatte er, gemeinsam mit einer Hundertschaft Parma-Ultràs, den Rasen des Tardini gestürmt und wurde wegen Ausschreitungen gegen Juventus-Fans nach Spielende angeklagt. Bagnaresi, Sohn eines Barilla-Ingenieurs und einer Lehrerin, arbeitete als Sicherheitsinspektor für Produktionsstätten. Laut Bericht der Gazzetta hatte er eine feste Arbeitsstätte und war Pazifist, politisch interessiert und antirassistisch engagiert. Nicht einmal den Sicherheitskräften war er als Hitzkopf bekannt. Stattdessen erinnert man sich seiner durch seine Aktivitäten im Sozialzentrum, wo er Kranken und Gescheiterten half. Klingt fast schon zu gut für einen echten Menschen. Mich interessiert das nicht wirklich - bezeichnend ist aber die Aufzählung aller dieser Eigenschaften durch die Gazzetta: Wen interessiert den so etwas bei einem Verkehrsunfall? Wird da etwa versucht, den Fußball aus der Schußlinie zu holen?

Für Christiano Sandri, Bruder des im November erschossenen Gabriele, ist es “beeindruckend und absurd, von einem weiteren Todesfall zu hören”. Die Geschehnisse ließen für ihn “traurigste Momente wiederauferstehen”. Gabrieles Vater Giorgio ergänzt, dass er hoffe “dies ist das letzte mal, dass er von solchen Vorkommnissen hören muss, ansonsten zahlt der Fußball einen hohen Preis. Man könne es nicht akzeptieren, dass Jungs von 26, 28 Jahren für ein Fußballspiel sterben müssen.” Gegen den Busfahrer Siro Spoldi wird einstweilen wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Derweil fordern die ersten Politiker ein generelles Auswärtsfahrtverbot, Berlusconi wehrt dieses in einer ersten Stellungnahme im übrigen vehement ab.

Vor dem Hintergrund eines Todesfalls steht erst einmal die Trauer und das Mitgefühl mit der Familie des Toten. Keinesfalls darf der Tod Matteos dazu führen, dass ihn die Ultràs zum Märtyrer erheben oder die Staatsmacht als Beweis, dass man mit aller Härte gegen alles vorgehen muss, was Fahnen trägt. Obwohl in der sowieso aufgeheizten Stimmung in Italien vermutlich genau das passieren wird - der Staat dreht ein bisschen an der Repressionsschraube, die Ultràs schließen sich unter Druck noch fester zusammen. Zu dieser Betrachtung gehören aber auch Fakten, die ich selbst nur mit äußerster Bitterkeit niederschreiben kann: Jeden Sonntag kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auf italienischen Autobahnraststätten seit die Bahn durch effektive Kontrollsysteme das Problem auf die Autobahnen verlegt hat. Fast immer entsteht Gewalt aus dem Zusammentreffen der organisierten Ultrà-Gruppen. Gabriele Sandri war kein Friedensengel und Matteo, Mitglied der “Boys”, hatte gerade 3 Jahre Stadionverbot hinter sich. Im heutigen italienischen Fußball stirbt man durch Hiebe mit Eisenstangen oder per Schleuder verschossene Stahlkugeln oder eben beim Versuch, einen Kleinbus mit gegnerischen Fans bei der Abfahrt zu hindern. Wie auch immer. Ich war nicht dabei, ich kann nur die Presseberichte aufarbeiten und mich auf Ultrà-Seiten informieren. Wie auch immer die Wahrheit aussehen mag - womöglich waren alle Beteiligten friedlich Kaffee trinken und Matteo ging einfach unachtsam über die Straße, als er von dem Fahrzeug erfasst wurde. Die Feindschaft zwischen Juve und Parma ist im übrigen legendär.

Hundertfach ist ein “il calcio non c’entra” (”Fußball spielt keine Rolle”) zu lesen. Tut er aber. Selbst wenn es sich um einen tragischen Verkehrsunfall handelte. Der Tote ist ein Mitglied der “Boys” und auf der Raststätte befanden sich Fans der tief verfeindeten Lager. Stoff genug wäre also für eine knackige Story. Was auch immer genau geschehen sein mag - zum Märtyrer taugt Matteo nicht. Die Idee, für ein Ballspiel zu sterben - wie auch immer - ist zu absurd, um sie zu akzeptieren. Einstweilen publizieren die Boys Parma auf Ihrer Website ihren Ekel darüber, dass bestimmte Kreise nicht einmal vor dem Tod zurückschrecken und Geschichten von Eisenstangen, Ketten und Stöcken erfinden, um schön blutig vom Bürgerkriegsschauplatz “Calcio” zu berichten.

“S’è parlato di catene, spranghe e bastoni. Ma né noi né gli juventini eravamo armati. S’è parlato di scontri e di tafferugli, ma le due fazioni non si sono date battaglia. S’è parlato ancora di tifo violento e di voler sospendere le trasferte dei tifosi, ma Il Bagna non è stato ucciso da altri ultras, è morto sotto le ruote di un pullman.”

“Es wurde von Ketten, Stangen und Stöcken gesprochen. Aber weder wir noch die Juventini waren bewaffnet. Man sprach von Zusammenstößen und Handgemengen, aber beide Gruppierungen haben nicht gekämpft. Schon wieder hat man von gewalttätigen Fans gesprochen und dass man Auswärtsfahrten verbieten müsse, aber Bagna ist nicht von anderen Ultràs ermordet worden, sondern starb unter den Rädern eines Busses.”

Soweit die Version der Boys. Viel wichtiger aber der Schluß ihres Communiquès:

“Si rispetti la verità, si rispetti la memoria di un ragazzo che non c’è più, si rispetti il dolore di chi a Matteo ha voluto bene.”

“Man möge die Wahrheit respektieren, man möge die Erinnerung an einen Jungen, der nicht mehr ist, respektieren, man möge den Schmerz derjenigen respektieren, die Matteo lieb hatten.”

Zusammenfassung der Nachrichten auf repubblica.tv

→ 9 KommentareTags: Fussball

Marco Masini - perché l’ignoranza è la peggiore malattia

Mittwoch, 26. März 2008 · 5 Kommentare

Es gibt ein paar Themen, die man mit Italienern erst diskutieren sollte, wenn man sie gut genug kennt, um ein Fettnäpfchen toleriert zu bekommen. Eines davon ist der cantautore Marco Masini. Für den gibt es keinerlei Zwischentöne - er wird gehasst oder geliebt.

Marco Masini: Dal Buio

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Die berwältigende Mehrheit besonders der männlichen Italiener kann mit Masini rein überhaupt nichts anfangen und auf eine dementsprechende Frage erhält man üblicherweise als Antwort: “Masini? Da kann ich mir ja gleich die Pulsadern aufschneiden.” Demgegenüber steht eine kleine Gemeinde von Liebhabern, deren Verehrung des Florenzer Songwriters schon ins kultische reicht und die seine Konzerte als Messen zelebrieren. Schon der junge Masini, den im übrigen Walter Savelli, seines Zeichens Pianist von Claudio Baglioni, unter seine Fittiche nahm, wurde mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Songs von den Plattenverlagen als “weit entfernt von dem” beschrieben wurde, “was die Menschen hören wollten”. Und wohl genau deshalb reihe ich mich lieber bei denen ein, die Masini für einen der ganz Großen halten. Masini singt, was ihn bewegt und nicht, was die Leute hören wollen - für die sind ja Laura Pausini und Eros Ramazotti da.

Marco Masini: Caro Babbo

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Masini ist unangepasst geblieben, rückhaltlos penibel seinen Bauchnabel examinierend und seinen Seelenschmerz in die Welt hinausschreiend. Wenig von seinen Texten geht leicht ins Ohr und ebenso rückstandslos wieder hinaus. Einerseits besingt er die dunkle Seite der Liebe, die Einsamkeit, die Verzweiflung, den Schmerz, den Haß und die Gewalt, andererseits ist schon seine Themenauswahl weit entfernt von dem, was man als Radioware üblicherweise so vorgesetzt bekommt. “Caro Babbo” ist ein verspäteter Brief an seinen Vater, mit dem ihn ein eher facettenreiches Verhältnis verbindet, in “Principessa” wird in deutlichen Worten emotionale Gewalt des Vaters gegen seine Tochter geschildert (”un padre senza l’anima che mangia un po’ di sé/
e ha crocifisso l’angelo che c’era dentro te
“), “Dal Buio” beschreibt einen winzigen Augenblick eines blinden Bettlers, dem “aus der Dunkelheit” ein Engel in Form einer Passantin an die Hand nimmt und über die Straße führt, “Frankenstein” ist ein Monument von einem Song für einen Schulfreund, der todkrank im Hospital liegt.

Marco Masini: Principessa

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Und selbst in seinem ureigenen Biotop, dem Liebeslied, gibt er den Verzweifelten seine Stimme, den Verletzten, Verlassenen, Schwachen und Einsamen. Und genau hier erklärt sich ja die Ablehnung vieler Italiener: viele seiner Songs beleuchten die Liebe aus einer Seite, die wir zwar vermutlich alle schon erlebt haben, die wir aber nur allzugern nicht zugeben wollen und an die wir im Zweifelsfall auch nicht so gern erinnert werden möchten. Er selbst drückte das im Konzert 2004 einmal so aus, dass “man entweder wählt, die Welt so zu beschreiben, wie man sie gern hätte oder so, wie sie in Wirklichkeit ist”. Und zu seiner Wirklichkeit gehört eben auch die dunkle Seite, wie eben:

Marco Masini: Voglia di Morire

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Lasciaminonmilasciare ist der künstlerisch wertvolle Gegenentwurf zu Matthias Reims “Verdammt ich lieb dich”. Wo Reims Handwerkszeug bei der unglaublich einfallsreichen Zeile “ich lieb’ dich, ich lieb’ dich nicht” streikt, entwirft Masini eine ganze Szene in einem angeranzten Hotel am Meer, die sich um nichts anderes dreht als das verzweifelte Hängen zwischen “verlass mich, verlass mich nicht”. Man kann das ganz offensichtlich auch ausdrücken, ohne einen platten Gassenhauer draus zu machen, sondern dieselbe Banalität auch in eine melancholische kleine Szene verlegen, die einen in ihrer Unmittelbarkeit dann umso mehr in die Magengrube trifft - heraufbeschworene Empathie in Höchstform. Und genau das ist Kunst - der Kampf, eine Sprache zu finden, seiner eigenen Innenwelt Ausdruck zu verleihen auf eine Art und Weise, zu der andere eine Beziehung finden können. Und dazu muss man weder wissen, wo Viareggio liegt noch Zigaretten rauchen - das inständige Flehen, ihn doch bitte zurückzulassen mit 3 Zigaretten ohne Streichhölzer ist einfach eine blitzsaubere Entsprechung des am Ende dutzendfach wiederholten lasciaminonmilasciare.

Marco Masini: Lasciaminonmilasciare

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Natürlich bringt mich all dies nicht dazu, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Für mich ist Masini einer der größten Poeten, die Italien jemals hervorgebracht hat, was die Kraft seiner Bilder und die komplexe Struktur seiner Verse angeht. Ein durchaus eingängiges, fast zärtliches Piano steht oft im Gegensatz zur oft wütenden, rauhen Stimme ohne ins Kitschige abzugleiten - dafür sind seine Texte zu mehrdeutig, bildbeladen und komplex. Oft genug beziehen seine Worte ihre unmittelbare Wirkung aus seinem unbestreitbaren Talent, starke Metaphern für Grundgefühle der menschlichen Existenz zu finden und so vergleichsweise unmittelbar eine Beziehung zum aufmerksamen Hörer zu schaffen. Aber selbstverständlich muss man sich - für Italiener - erst einmal so weit auf Masini einlassen und - für Deutsche - der Sprache halbwegs mächtig sein. In jedem Fall, meine ich, lohnt sich eine Beschäftigung mit Masini ohne ihn gleich prophylaktisch in die Ecke der depressiven Schnulzensänger zu schieben - künstlerisch ist er darüber sowieso weit erhaben. Danach kann man ihn immer noch ablehnen, was man ihm nicht vorwerfen kann ist, dass er sich an irgendeiner Stelle verbiegt:

Marco Masini: Vaffanculo

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Vaffanculo löste im katholisch-konservativen Italien einigen Wirbel aus, begründete aber auch seinen weltweiten Erfolg. Das Stück findet sich auf dem 1993er Album “T’innamorerai” und wurde indiziert und äußerst aufgeregt diskutiert und ist als Stück noch heute jedem Italiener bekannt. Das Album wurde jedenfalls - wer hätte es vermutet - ein europaweiter Erfolg und so finden sich auch auf der 1995er Platte “Il Cielo della Vergine” mit “Pricipessa” (”dolce figlia di un figlio di puttana“) und “Bella Stronza (”mi verrebbe di strapparti quei vestiti da puttana/e tenerti a gambe aperte finché viene domattina“) ebenso explizite wie erfolgreiche Titel. Während er sich in Vaffanculo gegen die Verlogenheit der Musikindustrie und den Konformismus seiner Kollegen wendet, widmet sich “Bella Stronza” durchaus ironisch und selbstreflektiert dem Spannungsfeld von weiblicher Schönheit und männlicher Selbstzerstörung. Nur eben mit Worten, die man in der Heimat der stundenlangen Schimpftiraden auf der Bühne nicht in den Mund nehmen darf. (Erwähnte ich schon, dass Masini seine Probleme mit Bigotterie hat?)

Marco Masini: Bella Stronza

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Aber bevor der Eindruck entsteht, Marco Masini wäre nun wirklich ein durchgeknallter, sich selbst zwerfleischender Jammerpoet hier zum guten Schluss noch eine einfach schöne Ballade, die sich nichts anderem als einer verflossenen Sommerliebe widmet.

Marco Masini: Ci vorrebbe il mare

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e per questo amore figlio di un’estate
ci vorrebbe il sale per guarire le ferite
dei sorrisi bianchi fra le labbra rosa
a contare stelle mentre il cielo si riposa

→ 5 KommentareTags: Musik

AC Milan ./. Arsenal London 0:2

Sonntag, 9. März 2008 · 4 Kommentare

Das Hinspiel gab Anlaß zur Sorge und der Saisonverlauf mit seinen vielen englischen Wochen und Verletzungsausfällen beanspruchte unsere Rotschwarzen bis aufs Äußerste. Aber es wäre ja nicht Milan, wenn man nicht darauf bauen könnte, dass die Mannschaft nochmal alle Kräfte mobilisiert und eine konzentrierte Leistung zeigt. Und weil die andere Hälfte der Milan Fans Berlin ihr Weihnachtsgeld ja schon in London verbraten hatte, war es nun an der Reihe, junge, unverbrauchte Nachwuchskräfte ins Stadion zu schicken, um mit jugendlichem Enthusiasmus den alten Kämpen auf dem Platz zur Seite zu stehen. Besonders viel versprach man sich von der südosteuropäischen Fraktion (SOEF) bei ihrem Debüt. Etwas verspätet, aber glücklich und sehr korrekt gewandet (stilechte Porno-Sonnenbrille, Schwarzbrot und Anti-Inter-Shirt) traf die SOEF in Malpensa ein und wurde vom lokalen Arm der MFB in Empfang genommen.

Es war früh, der Flughafen voller Gunners, die Sonne schien - nichts wie auf nach Mailand für die schnelle Touristentour. Unter Mithilfe der netten Dame aus dem Navi fanden wir mit nur einmal Verfahren fast problemlos unser Stammparkhaus, unser Stammrestaurant gegenüber war leider geschlossen, aber das soll ja in der besten Stadt der Welt kein echtes Problem bei der Nahrungsbeschaffung darstellen. Zu Fuß gings dann zum Dom, wo “la bella madunina” im strahlenden Sonnenschein glänzte und vom Dach herab “la brutta madunina” da unten freundlich grüßte (so von eena Jold-Else zur andan Jold-Else, wa?). Ohne weitere Kollateralschäden oder unnötige Gewalt konnten wir in einer konzertierten Aktion sogar den nigerianischen Armbändchenverschenkern entkommen, von denen sich einige sofort hartnäckig an unsere Fersen hefteten, weil sie uns, nachdem sie uns geschenkte Armbändchen (”regalo! regalo!“) an die Kleidung gestopft hatten, noch irgendwie in Gespräche verwickeln wollten. Schlimmer als in Kairo, sag ich euch. SOEFs großer Auftritt kam dann beim obligatorischen Drehen auf den “Palle del Toro” in der Galleria, gekonntes dreimaliges Drehen auf dem Hacken bringt ja bekanntlich Glück - wie der weitere Verlauf des Tages zeigen sollte, drehte er sich vermutlich falsch herum.

SOEF’s Tänzchen vor einer deutschen Touristengruppe
Die SOEF dreht sich auf den “palle del toro”.

Mittlerweile hatten wir aber Hunger vom Herumfliegen, -fahren und -laufen und so zogen wir durch die Seitenstraßen auf der Suche nach einer angenehmen Trattoria mit nachvollziehbarer Preisgestaltung. Nach alter Touristenregel braucht man ja nur hundert Schritte von den üblichen Touri-Autobahnen abzuweichen, um unter lauter Einheimischen ordentlich zu essen ohne eine Hypothek aufnehmen zu müssen. Und so war es dann auch, die Mittagskarte klang gut, die Trattoria war von edel beschlipsten Bankern in der Mittagspause bevölkert, so dass wir in dem Laden in voller Milan-Kluft natürlich überhaupt nicht weiter auffielen. Die Pasta mit hausgemachtem, frischen Pesto war ein Gedicht, das Bier kühl und perfekt gezapft, eine Piadina mit hauchdünnen Speckstreifen und die mit Käse überbackene Scaloppine ließen - zum Preis eines Mc Donald’s-Besuchs - wirklich keine Wünsche offen. Während ich mich mit dem Besitzer (Milanista) freundlich über unsere Siegchancen unterhielt, freundete sich SOEF mit dem Kellner (Interista) an, der natürlich besondere Freude über dessen T-Shirt zeigte und konsequenterweise auch das Abkassieren seiner netten Kollegin überließ. So gehört sich das!

SOEF bereitet die Molotov-Cocktails vor
SOEF beim Vorbereiten der Molotov-Cocktails

Irgendwie fanden wir auch das Auto wieder, man gab es uns gegen ein Lösegeld auch bereitwillig und unbeschädigt wieder heraus und die Dame aus dem Navi vermeldete alle paar Minuten freudig, dass sie einen Satelliten gefunden hatte und schickte uns auf eine Stadtrundfahrt der besonderen Art. Aber soll der Mailänder Stadtverkehr uns denn schrecken, bei guter Musik, strahlendem Sonnenschein und der Aussicht auf einen Kantersieg gegen Arsenal? Wir organisierten zunächst mal im Tabakladen eine Parkkarte - diese Teile sehen aus wie Rubbellose und kosten für den Tag eigentlich immer 5.40 Euro, erhältlich in jedem Zeitungskiosk mit “Sosta Milano”-Aufkleber. Rund ums Stadion werden diese Kärtchen üblicherweise von süditalienischen Pensionären in Neonwesten verkauft, zu zufällig ausgedachten Preisen, die jedoch erfahrungsgemäß immer über 5.40 EUR liegen. Jedenfalls stellten wir das Auto samt Rubbellos praktisch neben dem Stadion ab und wir ließen SOEF mal ein bisschen Atmosphäre schnuppern. Die Festung San Siro ist einfach eines der schönsten Stadien der Welt und Zumindest ManU ließ sich letztes Jahr noch davon beeindrucken.

Parkplatzsorgen? Für uns doch nicht!
SOEF und Auto vor dem Stadion

Das eben noch sommerlich heiße Wetter drohte mittlerweile mit Wolkenbruch am Horizont, aber erstaunlicherweise war schon am Nachmittag viel Publikum rund ums Stadion. Die Besetzung der Verpflegungs- und Fanartikelstände kämpfte erbittert mit starken Windböen und Mister Madunina mit seinem Durst. Glücklicherweise gibt es außer dem legendären Baretto noch ein paar andere Bars in der Nähe des Stadions, die man unter dem Vorwand, einen Geldautomaten zu suchen, auch alle abklappern kann. In einer von diesen freuten wir uns über ein freilebendes Exemplar der heute in freier Wildbahn nur sehr selten zu beobachtenden scheuen Spezies “Inter-Fan”. Bestandsschutzmaßnahmen seitens der italienischen Liga und Schiedsrichter-Vereinigung haben dafür gesorgt, dass sich die Bestände in letzter Zeit wieder etwas erholt haben und man mit etwas Glück (und wenn man sich ganz leise bewegt, sonst hauen die sofort ab) ab und zu auf einen Inter-Fan stoßen kann. Dieses possierliche Tierchen schützte sich gegen die Kälte durch einen dicken Fettfilm auf den Haaren und ausufernden Alkoholgenuß - völlige Zahnlosigkeit zeugt zudem von perfekter Anpassung an sein natürliches Habitat, die haben ja nicht soviel zu lachen! Wir freuten uns ehrlich über das besonders putzige Exemplar mit seinem blauschwarzen Mützchen und hielten uns ansonsten an die “Nicht füttern!”-Schilder.

Wolken ziehen über dem Stadion auf
Wolken über San Siro

Letzte Station vor dem Eintritt ins Heiligtum sollte dann noch ein Besuch bei den lustigen Schweizern Michele und Renato von FrontGroup, weil die auf dem Parkplatz vor dem Stadion immer die besten Würstchen grillen und außerdem richtiges Bier ins Land schmuggeln. Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen, deren Produkte ausgiebig zu testen (SOEF führte den Falltest durch, Mister Madunina den Geschmackstest) und die mitgereisten Schweizer zu ihren Deutschkenntnissen zu befragen. Daumen hoch für die Jungs, die im mittlerweile einsetzenden Regen knallhart die Grillnummer durchzogen - “grillieren” ist ja sowieso mein Schweizer Lieblingswort, gleich nach “parkieren”; grillieren auf dem Parkplatz steht also auf einer Ebene mit Raclette, Rösti, Rütli-Schwur und Nummernkonto!

Michele, der Schirmständer
Michele der Schirmständer

Jetzt sollte es aber ins Stadion gehen, SOEF scharrte schon aufgeregt mit den Hufen und die “luci a san siro” lockten aus dem regennassen Hintergrund. Dazwischen nur noch ein Besuch bei den formidablen Toilettenhäuschen (man pinkelt weiterhin einfach in die Ecke, nur dass ein Häuschen drumrum steht) und der Kampf gegen eine Hundertschaft afrikanischer Schalverkäufer, die nicht müde wurden, uns mitzuteilen, dass ein Schal nur 5 EUR kostet. Naja, ich war der Meinung, sowas konnte man sich auch noch nach dem Spiel kaufen um zu vermeiden, die falsche Erinnerung im Schrank aufzuheben. Nach dem Spiel hatte ich aber auch keine Lust mehr auf einen Milan/Arsenal-Gedächtnisschal und das Geld hatte ich ja schon in einen Parkschein investiert.

Die Londoner hatten ihr Wetter mitgebracht
Regen über San Siro

Jedenfalls schafften wir es in den Primo Anello Blu, auf die fakultative Durchsuchung im Regen hatten wir keine Lust, so dass wir an den entsprechenden Ordnern lieber einfach vorbeigingen. Wir hatten hervorragende Plätze kurz über der Eckfahne, so dass man verglichen mit der Curva mehr vom Spielverlauf mitbekommen konnte, auch wenn wir größtenteils zwischen “normalen” Fans saßen. SOEF war ein bisschen enttäuscht, als er keine der kinderfressenden Ultràs zu sehen bekam, die ja laut Auskunft der Krawallpresse in italienischen Stadien ihr natürliches Biotop finden. Das Stadion füllte sich aber zügig und die Stimmung war den Umständen entsprechend auch sehr gut. Die Südkurve stimmte sich mit Gesängen aufs Spiel ein, von den Arsenal-Fans gegenüber war zu dem Zeitpunkt nur wenig zu hören. Unter anderem bekam jeder der Spieler beim Aufwärmen seinen eigenen Song dargeboten und selbst Maldini bedankte sich durch Winken bei der Kurve - an uns sollte es also nicht liegen. Unser netter Sitznachbar half uns mit Zeitungen zum Unterlegen aus und wir hatten die allerbesten Plätze, um mitzuerleben, wie der Chipsverkäufer direkt neben uns durch einen Sturzbach durchbrechenden Wassers durchgeweicht wurde und sein Arsenal an Keksen und Chips aufweichte - das macht ja nichts, die kann er ja am 11.03. noch an zahnlose Inter-Fans losschlagen.

Blick aus der Südkurve, Blick in die Südkurve und auf dem Spielfeld war auch noch wer
Blick aus der Südkurve Blick in die Südkurve Blick aufs Spielfeld

Das Spiel haben wir ja alle gesehen. Milan drückte unter der Anfeuerung der Fans die ersten 20 Minuten hervorragend und erarbeitete sich einige Chancen. Besonders Kakà und Pato schienen zunächst hervorragend aufgelegt, Arsenal zeigte sich erst einmal beeindruckt, fand dann aber schnell wieder zurück ins Spiel und blieb durch seine schnellen und körperlich robusten Stürmer immer brandgefährlich. Vor allem das präzise und schnelle Paßspiel und das geschickte Verschieben ohne Ball machte die junge Londoner Mannschaft immer wieder hervorragend und brauchte gefühlte 20 Stationen weniger, um vor unserem Strafraum aufzutauchen. Mit nachlassenden Kräften gegen Ende der zweiten Halbzeit stand Milan dann gefährlich tief und überließ den Gooners viel zuviel Ballbesitz, Maldini machte zwar auf links eines der besten Spiele seiner Karriere, wurde auf rechts aber vom wieder einmal völlich verunsicherten Oddo aufgehoben. Gerade, als sich alles auf eine Verlängerung einstellte, kam Andrea Pirlo doch noch zu einem verdienten Erfolgserlebnis - bereits mehrfach hatte er versucht, die englischen Stürmer mit präzisen Querpässen in eine aussichtsreiche Schußposition zu bringen, scheiterte aber bislang an der sicheren Mailänder Innenverteidigung. 5 Minuten vor Schluß war es dann aber soweit: Pirlos hervorragend getimter Pass auf Fabregas riss eine Lücke in Milans Abwehrkette und der traf dann auch durch einen platzierten Fernschuß genau ins Eck. Milan versuchte, in den verbleibenden Minuten, nach vorn zu spielen, aber es war deutlich zu sehen, dass das Gegentor den Jungs die Beine betäubt hatte. Das 0:2 nach einem Konter änderte dann auch nichts mehr am erstmaligen Ausscheiden in einem Achtelfinale der Champions League.

Finanzamt mit Schlagstock und Helm, Berluscas Gruß an alle Interisti, die Primavera des MFB und Super-Pippo beim Warmmachen
die guardia di finanza Wahlwerbung von Berlusconi SOEF und Mister Madunina vom MFB Pippo Inzaghi

Sehr schön fand ich, dass das Stadion zu Spielschluß aufstand und ihrer Mannschaft trotz des Ausscheidens und der bitteren Heimniederlage geschlossen applaudierte und mit Gesängen ihrer Verbundenheit versicherte. Überhaupt war der Support der Curva über die gesamte Spielzeit wieder einmal vorbildlich, an den Fans hatte es also nicht gelegen. Natürlich ist das nach den Ereignissen im vergangenen Jahr nicht mehr die Kurve, die wie alle kennen und lieben, aber sie stand lautstark und kontinuierlich hinter der Mannschaft. Die Jungs da unten auf dem Platz haben uns in den letzten Jahren soviel Freude bereitet und hatten auch an diesem Abend ihr Möglichstes gegeben, mehr war heute einfach nicht drin. Wir hatten natürlich nicht wirklich Lust auf größere Feierlichkeiten und fuhren halbwegs betrübt durch den Stau in Richtung Schlafquartier am Lago Maggiore, ein weiteres Eingreifen der KFOR war heute nicht notwendig. Die Siegzigarre muss noch ein bisschen warten, aber ich bin mir sicher, die MFB-Jungs sind ganz bald wieder im Stadion. Und außerdem stehen wir dann eben nur jedes zweite Jahr im Champions-League-Finale: 2003, 2005, 2007…2009! Forza Milan!

→ 4 KommentareTags: Fussball

20 Rechtsextremisten aus dem Ultrà-Umfeld in Rom festgenommen

Mittwoch, 27. Februar 2008 · 6 Kommentare

Vorgestern erreichte die Medien die Nachricht, dass 16 Sympathisanten der extremen Rechten festgenommen wurden, teilweise mit der neofaschistischen Forza Nuova verbunden, zu einem großen Teil Ultràs der Lazio-Vereinigung “In basso a destra” (”Rechts unten”). Ermittlungen hatten ergeben, dass es sich um Mitglieder einer kriminellen Vereinigung handelt, denen - auch politisch motivierte - Gewalttaten vorgeworfen werden, darunter die Überfälle auf römische Polizeikasernen im Nachgang zum Tod Gabriele Sandris oder der Überfall auf ein Konzert der Banda Bassotti in Villa Ada im Juni 2007. Unter den Festgenommenen sind auch Ultràs der Roma, die Forza Nuova erklärte unterdessen “totale Solidarität mit den inhaftierten Kameraden”.

Einstweilen versuche ich mich an einer paraphrasierenden Zusammenfassung der hervorragenden Schilderung der Ereignisse in der Repubblica, ich will einigermaßen aktuell bleiben, habe aber selbst noch keine präziseren Informationen zum Thema.

Reppublica vom 26.02.2008

Der Vorwurf lautet auf Bildung einer kriminellen Vereinigung, Sachbeschädigung, Körperverletzung und das Mitführen von Schlagwaffen. Für die an den Geschehnissen am 11. November letzten Jahres Beteiligten wird der Tatvorwurf um Terrorismus erweitert, wie bereits bei den ersten Festnahmen rund um den Überfall auf die Kaserne in der via Guido Reni. Bei einem Verdächtigen wurden 400 g Haschisch beschlagnahmt, darüber hinaus eine Anzahl an Messern und anderen Stich- und Wurfwaffen.

Die Gruppe bestand aus einem Kern an Meinungsführern, die jederzeit in der Lage waren, weitere Personen zu aktivieren und zu Gewalttaten zu animieren. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es sich bei den Gewalttaten nicht um isolierte Ereignisse handelt, sondern um eine geplante Kette von Anschlägen mit derselben Motivation. Neben dem Anschlag auf das Konzert der Banda Bassotti im Juni 2007 und dem Angriff auf die Kaserne in der Römer Via Guido Reni gehören auch die gewaltsame Besetzung eines Gebäudes der Atac (3.-5-10.2007) und ein versuchter Brandanschlag auf eine Barackensiedlung der Roma am 09.10.2007 zur Untersuchung.

Bezeichnend zudem der Mitschnitt eines Telefonats zweier Beschuldigter:

“Diesmal handelt es sich nicht um einen Überfall auf ein Sozialzentrum, ein Zigeunerlager oder darum, Napoli-Fans auf der Autobahn zu klatschen. Es handelt sich um etwas ernsteres.”

Und genau diese Leute müssen aus den Kurven entfernt werden. Ich teile die Werte der Ultràs. Ich glaube, dass die Repressionen ungerecht und undemokratisch sind. Ich glaube, dass der Widerstand der Ultràs gerechtfertigt und notwendig ist. Ich glaube aber auch, dass ein falscher Schulterschluß mit Messerstechern und anderen Kriminellen (und die gibt es eben auch in den Kurven) der Obrigkeit genau die Munition gibt, die sie braucht, um die Ultrà-Bewegung in der Öffentlichkeit zu isolieren und so ihr eigenes ungerechtes Vorgehen zu rechtfertigen. Wenn es den Kurven nicht gelingt, selbst gegen kriminelle Tendenzen vorzugehen, werden sie immer darunter zu leiden haben, eben als Messerstecher in Sippenhaft genommen zu werden, wenn es dem Staat in den Kram passt. Und diesen Kampf werden sie dann verlieren.

Und weiter geht’s in der Repubblica: Reppublica vom 27.02.2008

“Er Talpa” und “Fabbrizzietto”, “er Nano” und “Vampiro”, “Ovo” und “er Bulgaro”, “er Capitano” und “Danielone”, “er Ditta”, “lo Sciacallo” e “er Cinese” hassen 7 Tage in der Woche, nicht nur Sonntagnachmittag in der Kurve. Der völlig entfesselte Hass richtet sich eben nicht auf Fans anderer Vereine, sondern darüber hinaus auf jegliche Form von Staatsmacht, “rumänische Zigeuner”, Napoletaner, die Zecken aus den Sozialzentren, kritische Journalisten, Linke oder den Nachbarn, der wegen des unangeleinten Kampfhundes komisch gekuckt hat.

Lange vor dem Tod Gabriele Sandris und den folgenden Überfällen waren die jetzt Verhafteten ins Ziel der Fahnder gelangt und wurden überwacht. Und so gelangt auch folgender Mitschnitt eines Telefonats in die Ermittlungsakten:

“Er Vampiro” (Alessandro Petrella) lässt sich am Telefon im Rahmen der “Strafaktionen” gegen rumänische Illegale im Umfeld des Todes von Giovanna Reggiani (30.10.2007) bei folgender Aussage aufnehmen: “Bisogna creà un focolaio de persone che nun c’entrano un cazzo con la politica e lo stadio. Ragà, questa è una cosa dei cittadini, una cosa sociale, d’appartenenza de una città e de un Paese. Qui, destra e sinistra e ultras da stadio nun c’entrano un cazzo” (”Wir müssen einen Konfliktherd schüren um Personen, die einen Scheißdreck mit Politik oder dem Stadion zu tun haben. Leute, das hier ist eine Sache der Mitbürger, eine soziale Sache, der Zugehörigkeit zu einer Stadt oder einem Land. Das hier hat einen Scheiß mit links und rechts und Ultràs und Stadion zu tun.”)

Aber genau! Und es wird den Ultràs nicht weiterhelfen, gemeinsam mit dieser Art Mensch den Schulterschluß gegen die Obrigkeit zu üben und mit der Omertà der Curva schweigend deren Aktionen zu dulden. Natürlich hat das alles nichts mit Fußball zu tun, oder mit Ultràs, aber solange gewisse Gruppierungen sich politisch unterwandern und stramm instrumentalisieren lassen, ihre Gewaltbereitschaft schon längst auf weite Bereiche jenseits des Stadions ausgeweitet haben, solange die Ultràs teilweise blind Capos hörig sind, die mit irrwitzigen SUVs und anderen Luxuskarossen durch die Stadt gondeln, die sie sich mit Drogenhandel, dem Verkauf von billig zugeschobenen Karten, Erpressung, Vetternwirtschaft bei der Organisierung von Auswärtsfahrten mit immer demselben Reisebüro, durch “Parteispenden”, Organisierung des Saalschutzes für politische Gruppierungen oder werweißwie finanziert wurden, wird sich an der jetzigen Lage nichts ändern. So machen wir es der konservativen Öffentlichkeit, den bürgerlichen Medien und den Verkäufern des Fußballs als seelenlose Geldmaschine zu leicht.

Im Auto mit Gabriele Sandri reisten “Ovo” (Marco Turchetti), “Maverick” (Francesco Giacca), “er Messicano” (Federico Negri) und “Simone” (Simone Putzulu), das Pantheon der “In Basso a destra” und der “Irriducibili”. In Arezzo weint Turchetti, “Ovo” - ein Typ, der schonmal mit einem Lieferwagen voller Hämmer, Messer und Stahlstangen festgenommen wurde - um seinen Freund und mobilisiert zugleich die Antwort. “Er Nano” (Francesco Ceci), ein bekannter und gefürchteter Führer, steigt ins Auto, um nach Arezzo nachzureisen und gibt derweil Anweisungen an die Daheimgebliebenen. Er ist befreundet mit Fabrizio Ferrari, “er Talpa”, Ultrà der Roma, der “Bisl” (”Basta infami solo lame”), ein Typ, dessen letzte Messerstecherei vom 18.02. datiert - vor dem Spiel der Roma gegen Real Madrid. “Er Nano” gibt Befehle an einen wie Fabrizio Toffolo (Ex-Capo der “Irriducibili” der seine Zeit zwischen Gefängnis und Hausarrest verbringt). “Er Nano” spricht mit dem “Bulgaro” (Andrea Attilia), enger Freund von Gabbo, wegen der Verbindungen zur Roma. Es mobilisieren sich “er Vampiro” und der “verrückte Pierluigi”, Pierluigi Mattei, Schläger der “In Basso a destra” der Lazio. “Il Vampiro” hat Probleme: Seine Großmutter war in der Nacht gestorben und während man Zuhause weint, bereitet er sich auf den Abend vor: “Vojo brucià tutto. Stasera vojo brucià tutto”. (”Ich will alles niederbrennen. Heut abend will ich alles niederbrennen.”)

Und das hat eben alles nichts mehr damit zu tun, seinen Verein und seine Farben mit Herzblut und Enthusiasmus zu unterstützen, Choreografien und Schmähgesänge zu entwerfen, Rauchbomben und Bengalos zu zünden, auch mal die