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Lieber keine Choreografie als so etwas

von altravita · Mittwoch, 24. April 2013 · 4 Kommentare · 2 Trackbacks/Pingbacks

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Juve-Milan 2013 Choreografie

Juve-Milan 2013 Choreografie

Bereits am 23.03. dieses Jahres hatte die altehrwürdige Gazzetta dello Sport erkannt, das Choreografien ein weltweites Erfolgsmodell der italienischen Supportkultur sind und darauf hingewiesen, wie sehr diese Ausdrucksform der Stadionbesucher zum Gesamtkunstwerk "Fußball" beiträgt. In der Zwischenzeit applaudierte auch die italienische Öffentlichkeit der fantastischen Südtribüne des Westfalenstadions für ihre Aufführung anlässlich des Champion’s League-Rückspiels gegen Málaga. Gestern abend musste ich nun im TV beobachten, wie auch ein fantastisches Fußballspiel wie der Auftritt der Bayern gegen Barcelona gestern einiges an Atmosphäre verliert, wenn man Fans behandelt wie man sie in München halt behandelt. Denn auch das schönste Gemälde verliert an Wert, wenn man es in einem lausigen Rahmen präsentiert.

Passend ist es da, wenn der "Calcio Moderno" ausgerechnet im Juventus Stadium, dem einzigen modernen, in Vereinsbesitz befindlichen Stadion in Italien, noch einmal kurz darlegt, wie er sich den Stadionbesuch vorstellt. Am Sonntag fand dort das Spitzenspiel Juventus gegen Milan statt und auch wenn die Meisterschaft praktisch entschieden ist, stellen solche Spiele für die Kurvenfans immer eine Gelegenheit dar, sich mit einer gelungenen Choreografie zu präsentieren. Heraus kamen Zebrastreifen über denen sich ein Regenbogen spannte, darüber ein riesiges Spruchband: "Sei anche tu parte dell’arcobaleno"/"Auch du bist Teil des Regenbogens".

Juve-Milan 2013 Choreografie

Juve-Milan 2013 Choreografie

Worum es sich bei dem Regenbogen handeln soll, wieso man jetzt Teil desselben ist und was das Ganze mit Juve, Milan oder Fußball zu tun hatte, wurde leider nicht erklärt. Umso überzeugender die Bilder, die nun auftauchen, geschossen von einem Besucher der "Tribuna Est". Auf den zahlreichen, im Stadion ausgelegten Plastikblättern findet sich folgender Aufdruck:

"Juventus – Milan IO C’ERO! Agitando la bandierina parteciperai ad una coreografia organizzata da TIM. Le riprese potranno essere pubblicate sui social network di Telecom Italia".
"Juventus – Milan ICH WAR DABEI! Wenn du das Fähnchen schüttelst, nimmst Du an einer von TIM organisierten Choreografie teil. Die Aufnahmen können in den Social Networks von Telecom Italia veröffentlicht werden."

Wenig verhüllt wird hier dem geneigten Stadionbesucher, der eine Menge Geld für den Spielbesuch ausgegeben hat, also kundgetan, dass er nun die einmalige Gelegenheit hat, an einer Sponsorenchoreographie mitzuwirken und ihm wird auch gleich eine Klausel mitgegeben, die ihm bedeutet, dass sein Komparsenauftritt als Klatschvieh auch werbewirksam vermarktet wird. Der Fan wird also nicht nur eingespannt, für den Mobilfunkableger Telecom Italia Mobile Werbung zu machen, er hat für diese Möglichkeit auch noch bezahlt. Und für alle, die in der Aufregung vor dem Spiel den Text nicht richtig gelesen hatten, springt der Stadionsprecher ein. Zum ersten Mal in der Geschichte des Stadions wurden den Zuschauern per Lautsprecheranlage erklärt, dass sie jetzt gefälligst die Fähnchen zu schütteln haben, denn "wir alle sind Teil des Regenbogens". Das Titelthema der April-Werbekampagne von TIM.

Letzte Woche Sonntag, vor dem Spiel, wurde mir im Radiointerview beim Mailänder Sender Radio InterMilan die Frage gestellt, ob ein Verein den Fans Gelder für die Realisierung bereitstellen sollte. Ich antwortete, dass Fankultur von Spontaneität und Kreativität lebt und man die Menschen in den Kurven einfach die Freiheit lassen sollte, sich ihr Stadionerlebnis so zu gestalten, wie sie das für richtig halten. Eine Bezuschussung würde ja immer die Gefahr einer Einflussnahme mit sich bringen. Keine Ahnung hatte ich, dass meine Befürchtung schon am selben Abend noch weit übertroffen werden sollte: Im Juventus Stadion wurde keine selbstgestaltete Choreografie bezuschusst. Hier wurde den Fans eine Werbeaktion vorgegeben, die weder inhaltlich noch gestalterisch irgendetwas mit Fußball oder dem Spiel zu tun hatte, dafür aber umso mehr mit dem aktuellen Slogan eines Mobilfunkanbieters. Herzlich willkommen in der Zukunft des Fußballs.

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Stefano Faccendini: Tifosi & Ribelli

von altravita · Donnerstag, 18. April 2013 · Keine Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

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Stefano Faccendini: Tifosi & Ribelli

Stefano Faccendini: Tifosi & Ribelli

Tidosi & Ribelli, Fans & Rebellen, war der erste Roman von Stefano Faccendini, einem in London ansässigen italienischen Fußballfan. Und die Leidenschaft für diesen Sport schwitzt aus jeder Zeile. Die Rahmenhandlung bietet eine in den unteren Ligen Italiens leider fast alltägliche Begebenheit: Niedergedrückt von den Schulden, die ein ebenso naiver wie publicity-süchtiger Präsident angehäuft hat, droht einem – fiktiven – Verein der finanzielle Kollaps und damit verbunden der Neustart in der Amateurliga. Die Fans werden von dem Drama in der Sommerpause durch Medienberichte überrascht. Wut, Betroffenheit und Angst machen sich breit. Denn anders als bei einem Abstieg, stellt der Konkurs das konkrete Risiko dar, neben Mannschaft und Spielklasse auch die Farben, das Logo, die Identität zu verlieren. Eine Identität, die von Generationen von Stadionbesuchern weitergereicht wurde.

Es ist nicht so, dass mir der Fußball gefällt. Ich liebe ihn. Ich brauche ihn. Nein, ich gehöre keiner Ultràgruppe an. ich bin nichtmal Rowdy. Ich bin aber auch trotzdem kein verblödetes Medienopfer.

Während die Supporter des Clubs noch über Möglichkeiten diskutieren, ihren Protest kundzutun, platzt die Bombe: Es macht die Nachricht die Runde, dass der scheidende Präsident bereits ein Abkommen mit dem Lokalrivalen für eine Fusion getroffen hätte. Rein wirtschaftlich, kommentiert die Presse, wäre das doch eine fantastische Idee: das Stadion wäre ja durch die "Zusammenlegung" der Fanlager wieder viel voller, auf neue Farben und Logo könne man sich ja einigen, und überhaupt wäre es doch überhaupt nicht sinnvoll, wenn die lokalen Sponsoren ihre Gelder auf zwei Vereine verteilen würden. Nach einem Moment konsternierter Ungläubigkeit bricht bei den Stehplatzfans die Wut durch. Wir sind doch kein beliebig verschiebbarer Einnahmefaktor? Unsere Väter haben sich mit diesem Schal um den Hals nass regnen lassen, und nun sowas?

Carlo, dem Protagonisten, fliegt eine Sicherung heraus. Gemeinsam mit seinem besten Freund Marco beschließt er den ultimativen Akt des Widerstands. Er besorgt sich eine Waffe und dringt in die Versammlung ein, wo über die Übergabe der Vereinsanteile verhandelt wird. Sie nehmen den neuen und den zukünftigen Präsidenten als Geiseln, dazu die anwesenden Anwälte, Medienvertreter und sonstigen Beteiligten. Man verschanzt sich im Sitzungssaal mit der Idee, mit einer Live-Schaltung ins Radio Öffentlichkeit zu erlangen. Öffentlichkeit für die Stimme der Fans, die sich als essentieller Bestandteil des Fußballs sehen, deren Meinung aber keinen Eingang in die Diskussion findet. Eine Diskussion, die sich – wie immer – auf die ökonomischen Aspekte stürzt und davon ausgeht, dass Fans sich schon automatisch einfinden werden. Fröhliche Familien überall, die behängt mit neu gestalteten Merchandizing-Accessoires ins Stadion strömen, um die neue Kreatur zu beklatschen.

Die Kapitel zur Geiselnahme bilden den Kern von Faccendinis Argumentation: Während draußen die Polizei das Gebäude umringt, spielen sich drinnen Dialoge ab, die die Verwerfungen des modernen Fußballbetriebs hyperrealistisch offenlegen. Zu Wort kommen Journalisten, Anwälte, die beiden Präsidenten sowie Spielerberater und -vermittler. Alle umreißen – aus ihrer Sicht – nachvollziehbare Aspekte des modernen Fußballs. Präsidenten beschweren sich über Vertragsforderungen schon 16-jähriger Söldner ohne Bindung an den Verein. Die Spielerberater sind der Meinung, dass ohne sie der sportliche Absturz bevorstünde. Journalisten referieren, dass sie ja nur das schreiben, was "die Masse" hören will. Der Präsident wollte sowieso immer nur Siege und sieht sich nun von Allen verraten.

Weil sie uns als Scheiße ansehen: Wir gehen ins Stadion, wir machen die Stimmung und die Geräuschkulisse, wir geben einer Fernsehübertragung erst den Sinn, unser Interesse erhält sie überhaupt am Leben, vom ersten Spieler bis zum letzten Manager oder Fernsehsprecher. Dann sind wir aber die Bekloppten.

Schmerzhaft wird deutlich, dass Fans auf der einen und der Rest des Fußballzirkus’ auf der anderen Seite so verschiedene Sprachen sprechen, dass sie sich nicht einmal mehr verstehen. Jeder beharrt auf seiner kleinen Wahrheit, allen gemeinsam ist, dass der Fan sich zu fügen habe. Er soll sich freuen, dass in seiner Stadt eine Mannschaft spielt und sich gefälligst zum Klatschen und Geld ausgeben einfinden. Denn schließlich geht es ja um Wichtigeres, als die paar Stehplatzbesucher. Und überhaupt, wie kann man sein Leben an einen Verein binden? An die neuen Farben wird man sich schon gewöhnen…

Keine Lücken lässt der Autor bei der Ausarbeitung der verschiedenen Aspekte des so genannten "calcio moderno". Sehr intelligent werden die jeweiligen Blickwinkel, Standpunkte und Abhängigkeiten der Rädchen des Systems Fußball ausgearbeitet. Und vor allem in einer lesbaren und sehr unterhaltsamen Form, auch wenn der Inhalt durchaus auch ein hervorragendes Essay hätte befeuern können. Der einzige Kritikpunkt ergibt sich dann aber auch genau hieraus: Stefano ist derart leidenschaftlich vom Thema ergriffen und so sehr davon getrieben, einen Rundumschlag gegen das Business auszuarbeiten, dass das manchmal auf Kosten der "Nachvollziehbarkeit" der geschilderten Dialoge und der "Ausgefeiltheit" seiner Charaktere geht. Die Beteiligten hetzen derart durch ihre Statements, dass zwar keine Frage offen bleibt, aber auch kein Raum, Situationen und Charaktere "plastisch" wachsen und sich entwickeln zu lassen. Sicherlich ist das auch dem Umstand zu schulden, dass "Tifosi & Ribelli" Faccendinis erstes Buch war, aber seine Protagonisten rezitieren ganz klar "Rollen", sie stellen wenig individuell die verschiedenen Aspekte des Geschäfts dar.

Dieser Hinweis ändert aber nichts daran, dass das Büchlein ein weit größertes Publikum verdient hätte. Mir ist kein weiteres Werk bekannt, das den Mechanismus des Fußballbetriebs so fundiert und dabei trotzdem unterhaltsam darlegt und darüber hinaus ganz klar Stellung für die Fans bezieht. Und wer würde den Verantwortlichen nicht mal gern die Meinung direkt ins Gesicht sagen? So ganz unter Umgehung von Phrasen…

Da liegen sie falsch, die Vergangenheit gehört selbstverständlich uns. Wir sind das, was wir gelebt haben, jeder Einzelne von uns. Wir sind das Ergebnis unserer Handlungen und unserer Fehler. Genau so wie eine Mannschaft das Ergebnis ihrer Siege, Niederlagen, bitteren Momenten und Trophäen ist. Sie ist das Resultat der Leidenschaft der Fans, die mit ihrer Unterstützung das Ganze trotz Allem Jahrzehnte lang am Leben erhalten haben. Wollt ihr mal kapieren, dass diese Farben, dieses Wappen, Symbole für etwas sind, das weit über das Spielfeld oder Pokale hinaus geht; etwas das tausende Menschen verbindet, die sich nicht einmal kennen?

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Ciao Moro

von altravita · Sonntag, 14. April 2013 · 1 Kommentar · 0 Trackbacks/Pingbacks

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Piermario Morosini

Piermario Morosini

Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern, dabei ist schon ein Jahr vergangen. Genau ein Jahr. Es sollte ein Tag werden, an dem ich die Freunde aus Berlin wieder umarmen dürfte, ein Tag voller Schulterklopfer, Bier und einem schönen Spiel. Dann, auf der Autobahn in Richtung Mailand, haben wir die ganze Tragödie live im Radio verfolgt. Komm, das schafft er. Komm, die Ärzte sind schon da. Komm, der ist jung und trainiert. Komm, wenn du erstmal im Krankenwagen liegst, bist du sicher. Ich hatte mich gerade auf meinen Sitz im San Siro begeben, als der Sprecher die Nachricht verkündete, dass das Spiel abgesagt sei. Ungläubig. Das Stadion leerte sich wie in Zeitlupe, unter einer Wolke absurder Stille. Das kann doch nicht sein, so stirbt man doch nicht. Und trotzdem starb man so, das Schicksal gibt dir keinen rabatt, nur weil dir das Leben schon genug in die Fresse gegeben hatte. Ciao Moro, keine Ahnung, wo du jetzt bist, aber du sollst wissen, dass das Volk der Fußballfans dich nicht vergessen hat.

Heute vor einem Jahr starb Piermario Morosini. Sein Vater starb, als er 15 war, seine Mutter verlor er zwei Jahre später. 2004 nahm sich sein behinderter Bruder das Leben und er blieb zurück mit seiner ebenfalls behinderten Schwester. Er war 25 Jahre alt, als er auf dem Spielfeld in Pescara zusammenbrach.

Piermario Morosini

Piermario Morosini

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Liebe kennt keine Liga

von altravita · Montag, 25. März 2013 · Keine Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

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Cosimo Nicastro

Cosimo Nicastro

Es gibt Geschichten, die kann eben nur der Fußball schreiben. Und zu den Träumen wohl jeden Fußballfans gehört es, einmal im Trikot seines Vereins auflaufen zu dürfen. Diesen Traum wahr werden zu lassen, dafür sorgte der Verein Gela Calcio mit seinem Präsidenten Angelo Tuccio. Gela Calcio, ein sizilianischer Club der “Seconda Categoria”, also der 9. italienischen Liga, hatte sich ein besonderes Geschenk für seine treusten Fans einfallen lassen. Unter der Woche wurde Cosimo Nicastro, Capo der dortigen Curva Angelo Boscaglia, in die Mannschaft berufen und durfte am 24. März für das letzte Saisonspiel – Gela Calcio gegen Vizzini – mehr als 60 Minuten im Trikot seines Vereins auflaufen. Als Zeichen der Dankbarkeit des Clubs gegenüber seinen Fans, die diesem Club mit der turbulenten Geschichte samt Zwangsabstieg 2011 auch in den absoluten Niederungen des italienischen Amateurfußballs die Treue hielten. Er erzielte während seines Einsatzes sogar ein Tor per Freistoß.

Nicastro wurde für dieses letzte Saisonspiel offiziell für die Amateurmannschaft unter Vertrag genommen und fand sich überraschend im 18-köpfigen Aufgebot von Trainer Peppe Misini wieder. Er ist einer der Fans, die dem Verein seit mehr als zwei Jahrzehnten die Treue halten, sogar als dieser sich nach 18 Jahren aus dem professionellen Spielbetrieb verabschieden musste. Wie um anzuzeigen, dass sich Ultràs eben doch für Fußball interessieren, hatte er selbst an seinem Hochzeitstag die Idee, sich einen Schal in Vereinsfarben umzubinden und mit seiner Angetrauten eine Runde mit der Vespa zu drehen. Die Frau wird wissen, worauf sie sich eingelassen hat: Vor zwei Wochen ging es mit ihr und Neugeborenem nach Ragusa. Auswärtsspiel, völlig klar, auch wenn es Wolken bricht. Völlig normal für Fußballbekloppte. Und das sicherlich nicht, weil die 9. Liga im staubigen Ostsizilien fußballerische Leckerbissen bereithalten würde. Sondern weil die Liebe zu seinem Verein, zu seiner Stadt und zu seiner Kurve eben wichtiger waren, als alles andere. Und so entschied man sich eben, diesem treuen Fan eine Überraschung zu bereiten, die er so schnell nicht vergisst.

"Ich bin froh und stolz, auch als Spieler das Trikot der Mannschaft tragen zu dürfen, die ich liebe. Für mich ist das ein völlig überraschendes Geschenk, das ich aber gern annehme. Mein Traum ist es, Gela wieder in Spielklassen zu sehen, die seiner Geschichte und Bedeutung entsprechen. Die tausend Fans, die letzten Samstag gegen Macchitella dabei waren, zeigen doch, dass es in der Stadt noch Hunger auf Fußball gibt. Wir Fans werden das Team niemals im Stich lassen, und wenn wir in der 12. Liga landen."

Und so gibt es eben manchmal auch ganz schöne, menschliche Geschichten aus Fußball-Italien zu berichten. Mal ganz abseits von Millionengehältern, Champion’s League und Live-Übertragungen. Denn eigentlich ist Fußball genau das: 22 Leute, die einem Ball hinterherrennen und ein kleiner Junge am Zaun, der gern mitspielen will. Nicht weniger, aber auf keinen Fall mehr.

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AS Roma Away Card

von altravita · Montag, 25. März 2013 · 2 Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

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AS Roma Away Card

AS Roma Away Card

Nachdem sich der Kampf gegen die ungeliebte "Tessera del Tifoso" in Italien auf mehreren Ebenen abspielt (Verbraucher- und Datenschutz, verfassungsrechtlich, Ultrà-Proteste), ist die Sachlage zum Thema auch eher komplex bis undurchsichtig. Rein theoretisch ist die Tessera weiterhin obligatorisch für den Abschluss von Heim-Dauerkarten und den Besuch des Auswärtsblocks. Dem unterliegt die entsprechende Forderung des berüchtigten "Articolo 9", der ein ganzes Maßnahmenpaket zum Stadionbesuch in Italien beinhaltet. Dieser kann nur durch das Parlament abgeändert bzw. aufgehoben werden und da derartiges zumindest im Moment nicht in Sicht ist, versuchen die Beteiligten, alternative Kompromisse zum staatlichen Bürokratiewahn anzubieten.

Eine besonders pfiffige Strategie fand diese Saison der AS Roma, der mit der Einführung der sogenannten "Fidelity Card" ein Erfolgsmodell schuf, das mittlerweile von mehreren Vereinen kopiert wurde. Um die repressive Gesetzgebung zu umgehen und trotzdem den Fans Zutritt zu preisreduzierten Abonnements zu öffnen, die prinzipiell gegen die "Tessera del Tifoso" protestieren, wurde folgende Strategie verfolgt: Zwar dürfen Fans ohne "Tessera" laut Gesetzeslage keine Saison-Dauerkarte erwerben, allerdings betrifft das nicht sogenannte Mini-Abos. Und so führte der AS Roma als erster Verein eine solche Voucher Card ein, die zum rabattierten Erwerb eines Blocks von Heimspielkarten berechtigt. Und das unter völliger Umgehung der Tessera del Tifoso. Wie gesagt, ein Erfolgsmodell.

Problematisch ist ja, dass der Erwerb von Einzeltickets für alle Heimspiele schnell mal das Doppelte einer Saison-Dauerkarte kosten kann. Puristen mögen einwenden, dass das eigentliche Problem der Art. 9 mit seiner Datensammelwut ist und nicht etwa die "Tessera", aber im Zuge einer Politik der kleinen Schritte ist dieser zumindest symbolische Sieg nicht hoch genug zu halten. Bliebe das Problem der Auswärtsfahrten: Bis auf wenige auf Linie gebrachte Fanlager (Juve, Inter, Milan, Hellas) hatte sich die organisierte Fanszene bekanntlich der Tessera verweigert mit dem Ergebnis, dass Auswärtsblöcke entweder gleich leer blieben oder von "normalen" Fans eher mäßig gefüllt – und vor allem animiert – wurden. Und so ein Stadionerlebnis ohne Auswärtsfans ist natürlich nur die Hälfte wert.

Umso schöner, als die Roma sich auch diesbezüglich Gedanken gemacht hat und ihren Fans mit der "AS ROMA CLUB AWAY" am dem 4. April 2013 nun eine Fidelity Card anbietet, die zum Erwerb von Auswärtstickets berechtigt. Und zwar wieder ohne Vorlage der "Tessera del Tifoso". Zwar können die zuständigen Polizeibehörden einem Fan immer noch die Ausstellung verweigern, aber das können sie bei Einzeltickets auch. Im Sinne einer weiteren Aufweichung und Verwässerung der Gesetzgebung gegen Stadionfans ist diese Initiative als pragmatischer Umgang mit den Gegebenheiten nur zu begrüßen. Jeder AS Roma Fan kann ab Anfang April also seiner Mannschaft folgen, ohne dafür die Tessera haben zu müssen.

Die rührige Organisation myRoma, deren Ziel es ist, Fans als Anteilseignern des Clubs Mitspracherecht zu schaffen, veranstaltet daher am 26. März von 18-21 Uhr eine für alle Fans offene Informationsveranstaltung (im "Spazio Informale", in der Via dei Cerchi 75), bei der sich unter Moderation des Journalisten Daniele Lo Monaco die Diskutanten Walter Campanile (Präsident von MyROMA), Fananwalt Lorenzo Contucci (Vize-Präsident MyROMA), Paolo Cento (Gesellschafter MyROMA) und der Journalist Tonino Cagnucci das Projekt vorstellen, erläutern und Fragen beantworten:

AS ROMA CARD AWAY: PER IL MONDO SEGUENDO LA ROMA

Es gibt noch jede Menge zu tun, bis in Italien der Stadionmfan wieder als normaler Staatsbürger oder wenigstens geschätzter Kunde fühlen darf. Aber solange die Politik sich des Themas nicht annimmt, sind solche Initiativen von Vereinen und Fanvertretungen, den Stadionbesuch irgendwie trotzdem zu ermöglichen, unbedingt erforderlich. Ich wünsche mir sehr, dass das Projekt ein Erfolg wird und viele Nachahmer findet. Ohne Tessera auswärts – das war seit Jahren ein Traum.

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8 Jahre

von altravita · Sonntag, 24. März 2013 · 3 Kommentare · 1 Trackbacks/Pingbacks

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Catania-Palermo, 2007

Catania-Palermo, 2007

Vor 8 Jahren wurden das Arbeitslosengeld II und die Lkw-Maut eingeführt. Seit 8 Jahren darf man in Italiens öffentlichen Gebäuden nicht mehr rauchen. Facebook war damals ein Jahr alt und nur ein paar Amerikanern bekannt. Juanes untermalte den Sommer mit „La Camisa Negra“ und der Untergang des Abendlandes drohte seinerzeit wegen „Schnappi“, dem kleinen Krokodil. Hansa Rostock spielte noch in der Bundesliga. Das ist auch so ein Verein, der ausschließlich Chaoten im Gefolge hat. Gut, dass die weg sind. In 8 Jahren wird mein Sohn 21 sein und einen Job erledigen, den ich mir heute noch nicht ausmalen kann. Ein paar Menschen werden sich noch an die Euro-Krise erinnern, vielleicht auch an den Euro. Smartphone-Batterien werden hoffentlich zwei Tage durchhalten und womöglich wird ein schwarzer Papst gewählt. Wer weiß, 8 Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

Am 14.11.2012 wurde der Ultrà aus Catania Antonio Speziale in der dritten und letzten Instanz zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt. Weil er beim sizilianischen Derby vom 2. Februar 2007 den Polizisten Filippo Raciti getötet haben soll. Speziale war damals 17 Jahre alt und sein Name und sein Gesicht wurden durch die Gazetten dieser Welt geprügelt. „Omicidio Preterintenzionale“ heißt diese famose Begrifflichkeit aus der Welt der Paragraphenmenschen, so ein Mittelding zwischen Totschlag und fahrlässiger Körperverletzung. Also schon irgendwie Totschlag, aber ohne Absicht. Aber auch kein Unfall. Gemeinsam mit dem ebenfalls verurteilten Daniele Micale hatte Speziale ein 1,16 m langes und 5,820 kg schweres Blech von einem Waschbeckenunterbau auf den Stadionvorplatz geworfen. Es gibt Filmaufnahmen, wie sie werfen. Das hatten beide auch von Anfang an zugegeben. Es gibt keine Aufnahmen davon, ob etwas oder jemand getroffen wird. Keine Augenzeugen. Kein Geständnis. Keine Schmerzäußerungen seitens des Polizisten, der noch anderthalb Stunden weiter im Einsatz ist, bevor er zusammenbricht und im Krankenhaus an inneren Blutungen verstirbt.

Der Fall hatte alles, was es für eine dieser Empörungswellen braucht, mit der sich das Bürgertum ihrer Rechtschaffenheit versichert: Täter war einer von diesen marodierenden Horden, die an Wochenenden Fußballstadien bevölkern. Ein Junge mit Kapuzenshirt aus einem der ärmeren Viertel dieser an armen Vierteln reichen sizilianischen Hafenstadt. Nicht, dass man diesem Proletensport irgendetwas abgewinnen könnte, es ist ja allgemein bekannt, dass wer ernsthaft seine Freizeit 22 Männern widmet, die hinter einem Ball her rennen, nicht wirklich ein produktiver Teil der Zivilgesellschaft sein kann. Jedenfalls nicht, wenn er dabei steht. Auf der einen Seite also ein Vertreter dieser schon seit immer verkommenen Generation, der jungen. Diese Leute, die nicht richtig lesen und schreiben können, aber unsere schönen Steuergelder verschwenden, indem sie Dinge kaputt machen. Auf der anderen Seite die rechtschaffenden Bürger, die zwar noch nie den Parkzettel einer Politesse als gerechtfertigt empfanden, aber den Einsatz der Polizei in Fußballstadien schon deshalb tadellos finden, weil es da ja nur um sogenannte „Fans“ geht. „Wegsperren und Schlüssel wegwerfen“ lautet das Verdikt. "Mit aller Härte muss man da vorgehen", wenn die Gewaltspirale mal wieder eine "neue Dimension" erreicht hat. Unsere schönen Steuergelder, mit denen wir Kindergärten, Grünflächen, neue Flughäfen und unterirdische Bahnhöfe bauen können, damit die Samsonite-Fraktion noch schneller und effektiver Optionsscheinderivate auf die Soia-Ernte von 2014 verdaddeln kann. Die brechen wenigstens nachts keine Spiegel von Autos. Und außerdem tragen sie Krawatten.

Elemente, die die Unschuld beweisen gibt es viele. Wir glauben, ach was, wir sind sicher, dass die Urteilsbegründung fehlerbehaftet ist, aber wir wollen, dass diese unsere Überzeugung, die wir im übrigen seit 6 Jahren haben, von einem Richter bestätigt wird. In diesem Fall, laut Gesetz, dem vom Berufungsgericht Messina, dem am nächsten liegenden.
(Giuseppe Lipera, Antonios Anwalt)

Am 21. März 2013 stellt Speziales Anwalt Giuseppe Lipera vor dem „corte d’appello“ von Messina Antrag auf Prozessrevision. Die Instanzen sind ausgeschöpft, Speziales Urteil ist rechtskräftig. Der Täter ist weggesperrt, die Welt ist wieder in Ordnung, der Fehler im System behoben. Trotz aller Unklarheiten, die schon seit 2007 um den Fall geistern. Auf 121 Seiten begründen Lipera und sein Team ihre Überzeugung vom Justizirrtum (pdf, 11 MB, italienisch, Antrag auf Prozessrevision). Das Dokument ist teilweise haarsträubend, teilweise bringt es auch den Laien zum Schmunzeln. Wären da nicht diese 8 Jahre.

Zunächst geht es um die Differenz der Urteilsbegründungen für Speziales Verurteilungen wegen „Totschlags“ und „Widerstand gegen die Staatsgewalt“. In einem Urteil hat Antonio das Blech in die Luft geworfen, das andere gibt sich überzeugt, dass es „auf Racitis Körper getroffen“ sei. Für letzteres gibt es bloß keine Beweise. Nicht einmal Zeugenaussagen von Racitis Mannschaft, die ihm keine Sekunde von der Seite gewichen sind. Es gibt aber ein telefonbuchstarkes Gutachten des berühmtesten kriminaltechnischen Dienstes der Polizei Italiens, das das Blech als Todesursache ausschließt. Selbst wenn es jemanden getroffen hätte.

Dagegen wirken andere Differenzen schon fast unbedeutend: Im Urteil wegen „Widerstands“ heißt es, der Junge hätte sich „das Gesicht mit einem Kapuzenshirt und einer Mütze verdeckt“; im Urteil wegen "Totschlags" war das Shirt hingegen „vom Gesicht des Jungen gerutscht, so dass er erkennbar war“. Egal, vermummt oder nicht vermummt. Wenn der virtuelle Mob die Mistgabeln und die Fackeln rausholt, dann muss man über solche Feinheiten schon einmal hinwegsehen. Genauso wie 3 Instanzen über Salvatore Lazzaros Aussagen hinweggesehen haben, dem Fahrer von Racitis Defender-Jeep. Der hatte bei Befragungen durch die Polizei kurz nach den Geschehnissen sogar zweimal zu Protokoll gegeben, er hätte beim Zurücksetzen – inmitten von Flaschenwürfen, Rauchbomben und Tränengas, ohne Rückspiegel! – einen Aufprall („botta“) gespürt und beim Umdrehen seinen Gruppenführer schmerzgekrümmt am Boden gesehen. Zweifelsfrei. 2008 vor Gericht äußert er sich ebenso zweifelsfrei, dass er einen „boato“, den Knall eines Böllers, gehört habe und Raciti war da auch mindestens 10 Meter vom Gefährt entfernt. Ganz sicher. Manchmal erinnert man sich ja erst nach einem Jahr genauer an solche Details. Eben war ich noch davon überzeugt, dass ich jemanden umgefahren hatte, meinen Chef zumal, schon wenige Monate später bin ich mir sicher, dass der ganz woanders stand. Vernachlässigbar auch, dass die kriminaltechnische Untersuchung blaue Farbspuren an Racitis Uniform fand, die eindeutig dem Defender-Jeep zugeordnet werden konnten. Antonios Mutter, Rosa Lombardo, hat Lazzaro deshalb wegen Falschaussage angezeigt (pdf, 121 kB, italienisch, Anzeige von Antonios Mutter).

Speziales Waschbeckenwurf wurde um 19.05 Uhr gefilmt. 20.30 Uhr hatte Racitis Fahrer den vermeintlichen Unfall beim Rückwärtsfahren. 20.35 ist Raciti zusammengebrochen.

Am 16. Februar 2007 wurde zudem im Gefängnis ein Mithäftling Speziales heimlich abgehört und mitgeschnitten, der im Gespräch mit Antonios Eltern eine Person mit Namen und Vornamen angibt, die das tragische Unfallgeschehen mit der Handykamera aufgezeichnet hätte. Rechtlich Unkundige würden nun meinen, die Person wäre als Zeuge geladen worden und das Video als Beweismaterial gesichert. Schließlich geht es hier unter anderem um die Frage, ob sich ein bedauernswerter Unfall zugetragen hat oder ein zu verdammender Totschlag. Nichts von alledem. Ein entsprechender Antrag der Verteidigung wurde nie in Erwägung gezogen. Warum auch, man hatte ja den Täter bereits 3 Tage nach den Geschehnissen am 2. Februar 2007 der hungrigen Pressemeute präsentiert. Und noch im selben Jahr eine Art Antiterrorgesetzgebung gegen Ultràs entworfen, die dann auch durchgesetzt wurde, nachdem im November an einem Autobahnrasthof bei Arezzo ein Polizist ohne weiteren Anlass einen jungen Fußballfan erschoss.

Ich weiß nicht, wie in Messina entschieden wird, ob 121 Seiten detailliertes Material zu Divergenzen, Ungereimtheiten, Interpretationen, Unterstellungen und abweichenden Aussagen für eine Neuaufnahme des Prozesses reichen. Viel Neues ist nicht hinzugekommen, die strittigen Punkte wurden ja schon in 3 Instanzen so entschieden, dass der damals minderjährige Catanese ohne jeden Zweifel den Polizisten umgebracht hatte. In einem Land, in dem der letzte Ministerpräsident, ein gewisser Silvio Berlusconi, nicht auch nur einen Tag in einem Gefängnis verbringen musste. Egal, ob er Minderjährige mit dem Militär-Hubschrauber zu Privatfeten einfliegen ließ, Bestechung, Steuerhinterziehung, Mafia-Finanzierungen; das alles perlt an dir ab, wenn du der Nachfolger von Giulio Andreotti und Bettino Craxi bist. Die 8 Polizisten, die den Brescia-Fan Paolo Scaroni am Bahnhof von Verona ins Koma prügelten konnten nicht verurteilt werden „weil man sie unter dem Helm nicht unterscheiden kann“. Und hier gab es angesichts dutzender Zeugen überhaupt keinen Zweifel am Tatgeschehen.

Um die Wahrheit herauszufinden, wie der arme Inspektor Raciti ums Leben kam, muss irgendetwas ans Licht kommen und wenn irgendjemand beweisen kann, wie es wirklich abgelaufen ist, dann soll er vorkommen und das sagen!
(Roberto Speziale, Antonios Vater)

8 Jahre. In 8 Jahren werden wir mit Sicherheit endlich unsere Demokratie nach Afghanistan exportiert haben, es wird auch dort ein Rechtssystem geben, das ohne Ansehen der Person und seiner Stellung allein nach Faktenlage urteilt. Es wird vermutlich keine Stehplätze, die Wurzel allen Übels, in Fußballstadien mehr geben. Der tobende Pöbel wird sich auch in Griechenland wieder beruhigt haben. Unsere Frühstückseier werden von glücklichen Hühnern gelegt sein, wenn wir die elektronische Tageszeitung auf den Schirm rufen, die uns von weit entfernten Ländern berichtet, wo rechtschaffende Bürger nicht so ruhig schlafen können, wie bei uns. Denn wer nichts gemacht hat, braucht ja auch nichts zu befürchten. Es sei denn, er ist zur falschen Zeit am falschen Ort.

Alles wird gut. Manchmal muss man einfach nur 8 Jahre warten und was sind schon 8 Jahre.

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Von der Bundesliga lernen

von altravita · Samstag, 23. März 2013 · 11 Kommentare · 1 Trackbacks/Pingbacks

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Gazzetta dello Sport, 16.03.2013

Gazzetta dello Sport, 16.03.2013

Im Folgenden ein Artikel aus der “Gazzetta dello Sport” vom 16.03.2013 zur Zuschauerkrise des italienischen Fußballs und den Unterschieden zum deutschen Modell. Die Reihe “der Fußball, den wir lieben” beschäftigt sich mit Fans und den Problematiken des Stadionbesuchs. Voraussetzung des Gesprächs war, dass wir uns über tatsächlich kurzfristig machbare Faktoren unterhalten. In Italien gibt es weiterhin ja nicht einmal ein Gesetz, dass den Vereinen ein eigenes Stadion erlaubt. Und sicherlich geht es in der Gazzetta auch nicht um den Kampf der Ultràs für freie Auswärtsfahrten. Trotzdem bin ich mit dem Beitrag mehr als zufrieden; wenn selbst das Flaggschiff des sportlichen Bürgertums sich für die Belange der Stadionbesucher interessiert, bewegt sich vielleicht endlich doch etwas in diesem fußballverrückten Land, das durch die Hand von Inkompetenz, Pay-TV und populistischen Law-and-Order-Apologeten – immer begleitet von einer einseitigen Presse – seine einstmals faszinierende Stadionkultur mittlerweile fast vollständig abgewürgt hat. Man hat aber gemerkt, dass der eingeschlagene Weg aus immer mehr Repressionen direkt in die Sackgasse führt und schaut mittlerweile wehmütig nach Deutschland.

„Holt die Farben in eure Stadien zurück“

Es spricht ein deutscher Blogger, der in Italien lebt: „Weniger Bürokratie, mehr Service. Die Clubs beziehen die Fans mit ein“

Manchmal würde ein Lächeln reichen. Du stehst am Drehkreuz, wartest ordentlich in der Schlange und wenn du an der Reihe bist, schaut dir der (oder die) Steward ins Gesicht und heißt dich willkommen, so als wolle er sagen „Herzlich willkommen in unserem Stadion, viel Spaß“. Nein, diese Höflichkeitsgeste würde nicht auf einen Schlag das Problem des Zuschauerschwunds im italienischen Fußball lösen, es würde nicht wie durch Zauberhand unsere Stadien füllen. Es würde aber viel bedeuten, zumindest symbolisch hätten wir es mit einem Wandel zu tun: weg von der Verwaltung des „Problems“ der öffentlichen Ordnung, hin zu einem Zustrom von Menschen als „Gelegenheit“, die Atmosphäre zu verbessern. Kai Tippmann ist dieses Detail im Gedächtnis geblieben: „Fangen wir einmal mit einem Lächeln auf den Lippen an. Den Fans würde das gefallen. Ein besser ausgebildeter, vielleicht auch besser bezahlter, Ordnungsdienst ist ein erster Schritt.“

Kai Tippmann: „Öffentliche Verkehrsmittel, saubere Toiletten, Parkplätze, niedrige Preise: der Unterschied ist dieser“

Beobachtungsstelle: Man muss Kai aufmerksam zuhören, wenn er redet, denn er verfügt über eine privilegierte Beobachtungsstelle: geboren und aufgewachsen in Berlin, ist er 1999 nach Italien gezogen, besucht seit ewigen Zeiten deutsche und italienische Stadien, hat seine Hertha für Sacchis Milan „betrogen“ und sogar seinen Sohn Ezra angesteckt, mit dem gemeinsam er viele Spiele der Rossoneri im San Siro anschaut. Und das haben wir noch vergessen: er arbeitet journalistisch und als Übersetzer und erforscht die Dynamiken der Stadionfankultur, so dass sein Blog altravita.com zu einem Bezugspunkt für deutsche, österreichische und Schweizer Fans geworden ist. Kurzum, wer könnte uns besser als er die Unterschiede des derzeit erfolgreichsten europäischen Modells erzählen, dieses Deutschland, das im Schnitt 44.293 Zuschauer in der Bundesliga (22.005 in der Serie A) und 17.196 in der 2. Bundesliga (6.128 in der Serie B) vorzuweisen hat?

Gazzetta Grafik

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Atmosphäre: Den ersten Unterschied kann man sehen. „Die deutschen Stadien sind voll, von der ersten bis in die dritte Liga, sie sind mit wenigen Ausnahmen modern, du kannst problemlos parken, hast einen U-Bahnhof in der Nähe, die Toiletten sind sauber, die Eintrittspreise erschwinglich, sogar in der Allianz Arena. Man atmet die Atmosphäre des Italiens der 80er und 90er Jahre. In Deutschland ist der Support, das Beisammensein, die Essenz des Fußballs.“ Auch dem deutschen Modell unterliegt die Differenz zwischen den beiden Ländern. Die 50+1-Regel, die den Mitgliedern die Stimmmehrheit eines Fußballvereins garantiert, ist so weit entfernt von unserem Governance-Modell – ein einzelner Mann am Ruder, der Mäzen, der aufbaut und einreißt – dass sie wie eine Utopie erscheint. Und der Umbruch der Weltmeisterschaft 2006 mit seiner neuen Generation von Stadien, die das Gesicht des deutschen Modells revolutioniert hat, ist ein italienischer Traum, der sich in den letzten Jahren bereits mehrfach in Luft aufgelöst hat, wenn man davon ausgeht, dass die Ausrichtung der Europameisterschaften 2012 oder 2016 wirklich dazu beigetragen hätte, die fußballerische Moderne auch bei uns Einzug halten zu lassen. Aber während wir auf moderne Stadien in Vereinsbesitz warten, können wir trotzdem schon etwas tun, um das Verhältnis leere Stadien/volle Wohnzimmer umzukehren. Zunächst einmal eine weniger einengende und schizophrene Bürokratie: „Ich habe von absurden Geschichten gehört“ – sagt Tippmann – „wie zum Beispiel von dem Rentner, dem sie mitten im Wolkenbruch an der Eingangskontrolle den Regenschirm abgenommen haben. Im Gegensatz zu Deutschland fühle ich mich in Italien noch nicht einmal als Kunde, wenn ich ins Stadion gehe. Warum muss ich, wenn ich mit meinem Sohn ins Stadion will, auch wenn ich mir noch nie etwas zu Schulden kommen lassen habe, die Tessera del Tifoso unterschreiben, zur Bank gehen, dutzende Seiten unterschreiben und meine Daten hinterlegen? Ich möchte eine Karte ganz einfach an der Stadionkasse kaufen können. Und dafür einen der Wirtschaftskrise angemessenen Preis bezahlen, weil die Leute immer weniger Geld in der Tasche haben.“

Stimme: Deutschland ist auch bei der Einbeziehung der Fans in die Vereinsgeschicke Vorreiter, teils auch bis in die Entscheidungsprozesse hinein. Und die Fans wissen auch, wie sie sich Gehör verschaffen. Wie z.B. beim „12:12“-Protest: vor der Winterpause haben die Fans für 12 Minuten und 12 Sekunden den Support eingestellt, um gegen ein Maßnahmenpaket zu protestieren, das gegen Auswärtsfahrten, Stehplätze, Banner usw. gerichtet war. Das sollte am 12. Dezember beschlossen werden, wurde aber stark modifiziert. „Jeder Verein“ – erklärt Tippmann – „hat Personen angestellt, die sich um die Fans kümmern. Es gibt einen institutionalisierten Dialog zwischen Fans und Verein, offiziell und bezahlt zur Hälfte von den Vereinen, zur anderen Hälfte vom Land. In Italien stellt sich die Situation anders dar, aber viele Fans würden einen Dialog akzeptieren. Vielleicht könnte man sie in einem im Stadion eingerichteten Büro empfangen und sich ihren Fragen stellen. Die Ultràs? Das Verhältnis ist belastet, unmöglich 40 Jahre Auseinandersetzungen einfach auszublenden. Es war aber ein Fehler, eine ganze Bewegung zu verteufeln, allen die Megaphone zu verbieten, um eine gewalttätige Minderheit zu treffen. Vielleicht kehren wir nicht zu den bunten Kurven der goldenen Jahre zurück, aber die italienische Leidenschaft für den Fußball, für den Gesang, kann man wiederentdecken, man kann die Tribünen mit neuen Generationen von Fans füllen, voller Begeisterung für das Spektakel Stadionbesuch. Auf eine andere Art, weniger gewalttätig, aber auch weniger anonym und traurig.“


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Oltre la curva – Eine Dokumentation aus der Schweiz

von altravita · Samstag, 16. März 2013 · Keine Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

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5,00 von 5 Punkten, basierend auf 1 abgegebenen Stimmen.
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Oltre la Curva - Über die Kurve

Oltre la Curva – Über die Kurve

Natürlich wieder mal aus der Schweiz: “Nach der Kurve/Oltre la Curva.” Ein Film über tatsächliche Gewalt im Zusammenhang mit Fußballspielen und deren manipulierte Darstellung in den Medien, verfassungsfeindliche Sondergesetzgebungen, Datenbanken für sogenannte “Hooligans” und ausgedachte Schadensfälle. Letztlich kommt dieser Film zu den selben Ergebnissen wie unsere Italien-Doku für das ZDF: Tatsächliche Gewaltepisoden werden hysterisch aufgebauscht, große Menschengruppen unter Generalverdacht gestellt und undemokratische Repressionsmaßnahmen durch manipulierte Zahlen und unkritisch in den Medien übernommene übertriebene Darstellungen legitimiert.

“Aber hier geht es um Grundrechte. Diese Angelegenheit betrifft uns alle. Wie kann es sein, dass sich keine Partei dafür interessiert?”

Im selben Gestus werden positive Informationen, wie zum Beispiel wochenlange Vorbereitungen für eine Derby-Choreo systematisch ausgeblendet. Während Fananwälte, Capos und “Hooligan-Beauftargte” ihr Gesicht zeigen und ihre Beweggründe erzählen, versucht die Polizei, die Berichterstattung zu behindern und vergisst dabei Grundrechte wie das der Pressefreiheit.

Die geneigte Öffentlichkeit erfährt auch, wie einfach es ist, im Umfeld von Fußball- und Eishockeyspielen Opfer von Polizeigewalt zu werden. Auch das Thema Pyrotechnik und deren Wandel von “atemberaubender Atmosphäre” zu “brutaler Gewalt” in der medialen Darstellung ist Thema. Genauso wie durch eigene Recherchen nachgewiesen wird, dass wenn keine Gewalt passiert, bestimmte Teile der Medien sich eben solche Episoden ausdenkt.

Kurzum, 40 unbedingt lohnenswerte Minuten differenzierter Darstellung von Fankultur mit jeder Menge unaufgeregt präsentierten Informationen. Ein Plädoyer für eine lebendige Fankultur und eine starke Forderung nach einer Selbstverständlichkeit: Objektive und sachliche Auseinandersetzung mit den Problematiken von Fans.

“Niemand behauptet, es gäbe in den Stadien keine Gewalt. Gewalt gibt es überall in unserer Gesellschaft. Aber es ist gefährlich, alle Fans als gewalttätig zu bezeichnen. Auch die Kosten des ganzen Polizeiapparates sind mittlerweile ein Problem. Die Sicherheit während der Spiele kostet die Kantone jedes Jahr 25 Millionen. Wäre es nicht sinnvoller, einen Teil davon in die Sozialarbeit mit den Fans zu investieren?”

Anschauen!

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Kalender für Antonio Speziale bestellen

von altravita · Montag, 11. Februar 2013 · 4 Kommentare · 1 Trackbacks/Pingbacks

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Kalender Antonio Speziale

Kalender Antonio Speziale

Liebe Leute, es tut mir leid, dass es solange gedauert hat, aber der Kalender für Antonio Speziale ist jetzt endlich fertig und kann bestellt werden. Es ist zwar schon ein Monat vergangen, aber es geht ja bei dieser Aktion darum, ein Zeichen der Solidarität zu setzen und Antonios Familie bei den Prozesskosten zu helfen. Von jedem verkauften Kalender zum Preis von nur 6 EUR gehen 2 EUR in die Prozesskosten. Denn trotz der letztinstanzlichen Verurteilung wird sein Anwalt Giuseppe Lipera Anfang März eine Revision des Urteils beantragen.

Wer von euch neu dazu gekommen ist und sich über den Fall des jungen Ultràs aus Catania informieren will, bevor er sich einen Kalender besorgt, dem sei dieser Text aus dem aktuellen Ballesterer ans Herz gelegt oder unsere Italien-Doku aus der Reihe "Verrückt nach Fußball", die sich auch mit dem Fall beschäftigt. Ich habe dies hier auf altravita unter dem Stichwort "Antonio Speziale" des Öfteren getan, zuletzt hier.

Erzählt weiter, teilt, verlinkt die Bestellmöglichkeiten, nur dann können wir auch einen schönen Beitrag spenden.

Vielen Lieben Dank an alle beteiligten Szenen von Hertha bis Schweinfurt, von Nürnberg bis St. Gallen, auch von Seiten Antionos selbst, seiner Familie und der Ultràs aus Catania, die mehr als einmal mir gegenüber Ihre Dankbarkeit ausgesprochen haben. Von mir aus noch ein Dankeschön an alle Besteller!

WarenkorbDer Kalender kann hier bestellt werden.

6,00 EUR
inkl. 7 % MwSt. zzgl. Versandkosten
Lieferzeit: 3-4 Tage

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Freundschaftsspiel wegen rassistischer Affenlaute abgebrochen

von altravita · Donnerstag, 3. Januar 2013 · 12 Kommentare · 3 Trackbacks/Pingbacks

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Heute, am 3. Januar um 14.30 Uhr sollte in Busto Arsizio das Freundschaftsspiel Pro Patria gegen AC Milan stattfinden. Eins dieser Spiele, die man ansetzt, um den Trainingsalltag aufzulockern und in Stadien zu spielen, die sonst nicht mehr so oft erstklassigen Fußball zu sehen bekommen. Aurora Pro Patria 1919 spielt derzeit in der zweiten Division der Lega Pro, also der 4. Liga, und ein paar tausend Leute hatten sich an diesem Donnerstagnachmittag im ehrwürdigen Stadion Carlo Speroni eingefunden, um mal ein schönes Fußballspiel zu schauen. Leider auch ein kleines Grüppchen rassistischer Kurvenfans, deren Neuronen offenbar nur ausreichten, die Milan-Spieler Sulley Muntari, Kevin-Prince Boateng und Stephan El Shaarawy mit rassistischen Sprechchören und Affenlauten zu beleidigen. Dann das:

In der 26. Spielminuten nimmt Boateng den Ball auf und drischt ihn mit voller Kraft in Richtung Kurve. Danach dreht er sich um, zieht sein Trikot aus und verlässt den Platz in Richtung Umkleidekabine. Die komplette Mannschaft des AC Milan und die Offiziellen tun es ihm gleich und das Spiel wird zunächst unterbrochen. Ein Großteil der Tribünenbesucher applaudiert der Mannschaft des AC Milan, die das Spielfeld verlässt und pfeift seine eigene Kurve aus. Von Seiten der angrenzenden Gegengerade werden hitzige Wortgefechte mit dem kleinen Grüppchen Rassisten geführt. Obwohl die Mannschaft von Pro Patria noch versucht, ihre Kurve umzustimmen, entscheiden sich die Spieler des AC Milan, das Spiel nicht wieder aufzunehmen, sondern lieber zu einem anderen Zeitpunkt durchzuführen, "auch für die Mehrheit der Fans, die einen schönen Fußballnachmittag genießen wollten".

Eine schöne Geste von Boateng und der gesamten Mannschaft des AC Milan, den Trainer Massimiliano Allegri so kommentiert:

Es war richtig, uns nach den rassistischen Sprechchören zurückzuziehen. Es tut uns leid, dass es zu diesen Dingen gekommen ist. Vor allem für die anderen Fans und die Kinder, die hier hergekommen sind, um einen schönen Tag zu erleben. Wir haben Pro Patria versprochen, dass wir für diese Personen wiederkommen werden. Es tut uns leid für die Spieler von Pro Patria und für den Verein, aber wir mussten ein deutliches Zeichen gegen solche Vorkommnisse setzen und hoffen, dass es als Beispiel für die oberen bis in die niederen Spielklassen gilt.

In einer offiziellen Verlautbarung nur wenige Minuten nach dem Spielabbruch verwendete der AC Milan diese deutlichen Worte:

An einem Punkt hat ganz Milan gesagt, "es reicht". Wessen Herz dieselbe Farbe hat wie das von Boateng, Muntari und Niang konnte einfach nicht mehr und hat entschieden, dass es an der Zeit wäre diesen vier Blödmännern eine Lektion zu erteilen. Sie standen aufrecht in ihrer Dummheit, es war aber, als würden sie am Boden liegen.

Ich füge dem hinzu, dass ich es schade finde, dass nicht der Schiedsrichter das Spiel abgebrochen hatte, obwohl das Regelwerk des italienischen Fußballbetriebs durchaus zwingend vorschreibt, ein Spiel bei solchen Geschehnissen auf den Rängen zu unterbrechen. Leider wird dies nie getan, ob bei Juventus in der Serie A oder bei einem Freundschaftsspiel gegen eine Lega Pro-Mannschaft. An der Stelle wäre die sonst so raumgreifende Repression doch einmal sinnvoll eingesetzt, es ist ja nicht so, als hätten italienische Kurven noch irgendwelche Freiräume.

Danke Kevin-Prince. Danke, AC Milan. Und danke, Tribünenbesucher!

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