Ich werde ja immer wieder gefragt, warum ich nach Italien gezogen bin. Alle Fragen sollte das herrliche Video beantworten, auf das mich Klaus Stern gestern hingewiesen hat: Klicken Sie hier!
Aus über 50.000 Einzelbildern ist dieser “fotografierte” Film entstanden. Zur Produktion wurden ausschließlich DSLR-Kameras genutzt (Canon EOS 5D und EOS 5D MkII). Aufnahmemonate waren Mai und Juli/August.
Traumhafte Landschaftsaufnahmen, die im Zeitraffer eine fast schon hypnotische Qualität entwickeln. Wir kennen die Technik aus TV-Werbespots eines deutschen Telekom-Konzerns, aber hier macht das Zusehen deutlich mehr Spaß. Exzellente Arbeit, auf die ich hier sehr gern hinweise: Zum Schwelgen!
Die BAVA organisiert derzeit ein antifaschistisches Fantreffen in Livorno. Stattfinden soll es am Wochenende 08./09. Mai in Livorno anlässlich des Heimspiels gegen Lazio. Neben allerlei sonstigen Aktivitäten in und um das Stadion sind auch Konzerte geplant und ich habe gehört, der eine oder andere will auch mal ein zünftiges Bier heben! In jedem Fall muss unterstützt werden, wenn man seine linke Gesinnung im Mai in einer Hafenstadt am Mittelmeer demonstrieren darf. Und deshalb hier der Aufruf der BAVA:
Am Wochenende vom 8. und 9. Mai 2010 findet im Stadio Armando Picchi das letzte Heimspiel der aktuellen Serie A Saison des AS Livorno statt. Der Gegner wird Lazio Rom sein.
Der römische Club mit dem Reichsadler im Wappen, offenen Faschisten im Kader und faschistischen Fans, ist nicht irgendein Gegner. Das Spiel ist kein Derby mit seinen regionalen Leidenschaften und lokalen Traditionen. Die Rivalität hat sich entwickelt und kulminierte in dem symbolischen Zweikampf zweier Stürmer. Auf der einen Seite steht der Kommunist und Livornese Cristiano Lucarelli. Seine Antithese ist der Faschist Paolo di Canio!
Hinzu kommt, daß das außergewöhnliche Spiel an einem besonderen Wochenende stattfindet. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazideutschland. Einen Tag später feierte die Rote Armee in Moskau den „Tag des Sieges“ über den Hitlerfaschismus. In einer spektakulären Parade wurden die militärischen Symbole des nationalsozialistischen Deutschlands dem Feuer übergeben. Prunkfahnen, Standarten, Uniformen, Abzeichen und Hakenkreuze brannten und besiegelten das Ende der Naziherrschaft. Schon am 25. April 1945 hatten sich die Italiener_innen selbst befreit und die Faschisten zum Teufel gejagt. Deutsche Nazis flohen. Bürger_innen, Partisan_innen, Anarchist_innen, Kommunist_innen, Sozialist_innen und Gewerkschafter_innen feierten gemeinsamen ihren Sieg.
Am 25. April diesen Jahres jährt sich zum fünfundsechzigsten Mal die Befreiung Italiens vom Faschismus. Im Mai wird europaweit in einem zunehmend aggressiven nationalistischen Klima, einem sich abschottenden Europa, das groß erwacht in allen Erdteilen militärisch interveniert, der „Tag des Sieges“ gefeiert. Jedoch kommen am 9. Mai 2010, am Jahrestag der Zerschlagung des Naziregimes, ausgerechnet seine faschistischen Brüder im Geiste, nach Livorno.
So wird aus dem letzten Heimspiel der Squadra Amaranto in der laufenden Saison gegen einen speziellen Gegner an einem einzigartigen Feiertag, einem historischen Jahrestag, ein bedeutsames Ereignis. Das soll gebührend gefeiert werden!
Aus diesem Grunde planen wir am Wochenende des 8./9. Mai 2010 ein internationales antifaschistisches Treffen von Livornofans und befreundeten Antifaschist_innen. Es soll nicht nur der einzigartige AS Livorno kreativ, lautstark und bunt unterstützt werden, sondern ein unmissverständliches Statement gegen Faschismus, Rassismus und Antisemitismus innerhalb und außerhalb des Stadions abgeben werden.
Deshalb rufen wir dazu auf uns bei der Planung des Internationalen Antifaschistischen Treffens zu unterstützen und zahlreich am Wochenende des 8./9. Mai nach Livorno zu kommen!
Am Sonntag wird im Mailänder San Siro-Stadion ein Derby stattfinden. Wie eigentlich praktisch jedes Jahr seit 1908 wird das Stadion ausverkauft sein, Sport-Bars und Sofas werden überfüllt sein, 1-2 Wochen vorher macht sich Derby-Klima in der Stadt breit und die Journalisten räumen Platz frei für Gemeinplätze und Kaffeesatzleserei. So weit so normal, es ist ja schließlich Derby, auch dieses Jahr wieder zweimal pro Saison. Und trotzdem ist dieses Jahr alles anders: Das Spiel wird von einem – selbst für italienische Verhältnisse – unfassbaren Mediengewitter begleitet. Radio- und Fernsehstationen, Zeitungen und Websites, räumen der Partie deutlich mehr Platz als sonst ein, Ex-Spieler, Ex-Trainer, Ex-Zeugwarte und praktisch jeder, der schon mal einen Fußball von nahem gesehen hat, überbietet sich in Meinungen, Vorhersagen, Stellungnahmen, Kritiken, Lobeshymnen und sonstigem Beiwerk. Aufstellungen werden gehandelt, Diagnosen bis zum Erbrechen exegiert, sicher wurde auch schon die Farbe der Unterhose des Schiedsrichters schon irgendwo veröffentlicht. Die Fans tauschen den üblichen Schmäh schon länger aus als sonst, es wird noch tiefer in der Vergangenheit gegraben, noch mehr Abergläubigkeiten befolgt, noch mehr Statistiken zitiert, noch mehr Daumen gedrückt…kurzum: Fußball-Italien vibriert.
Dabei scheint der sportliche Aussagewert des Treffens auf den ersten Blick durchaus limitiert zu sein. Die beiden Teams – Inter ist Spitzenreiter, Milan Verfolger – trennen 6 Punkte (bei einem nachzuholenden Spiel für den AC Milan), der derzeitige Tabellendritte hat im Moment auch 5 Punkte Rückstand – selbst bei einem Derbysieg für die Rotschwarzen wird sich an der Tabellensituation nichts ändern. Der “Scudetto” wird nicht Sonntag entschieden, wir sind ja erst am 3. Spieltag der Rückrunde. Trotzdem sind sich fast alle Betrachter einig, dass diese Ausgabe der Mailänder “Stracittadina” die diesjährige Meisterschaft entscheiden wird – eine Bedeutung, die dieses Spiel seit der Saison 92/93 nicht mehr hatte. Aber trotzdem wird es vielleicht tatsächlich so sein: Der AC Milan startete desaströs in die neue Saison und wurde im ersten “Derby della Madunina”nach der Era Kakà verdient und chancenlos mit 4:0 versenkt und Inter schickte sich an, die ungeliebte Aufgabe Meisterschaft (Saisonziel für die Nerazzurri ist seit kurz nach dem Krieg der Champions League-Titel) so routiniert abzuspulen, wie seit 3 Jahren schon.
Und trotzdem ist alles neu: Der AC Milan unter der kritisch beäugten Ägide des Neu-Trainers Leonardo entwarf nach Anfangsschwierigkeiten ein durchaus erfolgreiches Spielsystem und schaffte nicht nur die Qualifikation für die nächste Champions-League-Runde, sondern sorgte mit einer ausgewachsenen Siegesserie und berauschendem Offensivspiel in der einst so gern belächelten Meisterschaft (Saisonziel für die Rossoneri ist seit 2007 der Champions League-Titel) für Furore. Der extrovertierte Brasilianer Ronaldinho treibt gemeinsam mit Stürmer Marco “van” Boriello seit kurzem eine Angriffsmaschinerie an, die nicht nur in Italien Ihresgleichen sucht: in den letzten 3 Saisonspielen mussten Genoa (5:2), Juventus (3:0) und Siena (4:0) leidvoll erfahren, wie gut die beiden mit dem mittlerweile mal wieder zurückgekehrten Beckham harmonieren. Einem David Beckham, der den verletzungsbedingten Ausfall des wohl größten Stürmertalents Alexandre Pato vergessen macht. Hinten hält das wohl derzeit beste Innenverteidiger-Duo Thiago Silva + Alessandro Nesta den direkten Weg zum Tor blockiert. Auf den Außenverteidigerpositionen spulen die bis dato weithin unbekannten Antonini und Abate pro Spiel gefühlte 25 km ab und sorgen für numerische Überlegenheit in allen Bereichen des Spielfelds. Das ganze ist erfrischend, schön anzuschauen, unterhaltsam und durchaus auch erfolgreich.
Gleichzeitig befindet sich die jedes Jahr mit Millionenspritzen für den europäischen Wettstreit aufgerüstete Kampfmaschine F.C. Internazionale in einer Schaffenskrise. Fans wie gegnerische Fans monieren einen Mangel an Spielwitz, der zwar normalerweise mit Willenskraft und Kampfgeist überspielt wird, aber in den letzten Wochen nicht nur zu dramatischen Spielverläufen (gegen den Tabellenletzten Siena lag Inter bis zur 86. Minute noch 3:2 zurück, um doch noch 4:3 zu gewinnen; gegen Aufsteiger Bari musste sogar ein 2-Tore Rückstand noch zum Remis gedreht werden, gegen Chievo musste sogar Lautsprecher Mourinho eingestehen, “den Sieg nicht verdient” zu haben) geführt hat, sondern auch den ungeliebten Stadtrivalen eine Abstandsverkürzung in der Tabelle erlaubte. Ein Szenario, dass es seit mindestens 3 Jahren so nicht mehr gab. Nun ist es nicht erste Aufgabe des Vereins, den Fussball-Connoisseur zu befriedigen, aber wenn das Mourinho-typisch unansehnliche Spiel sich auch noch mit verbesserbaren Ergebnissen paart…hält man dem notorisch selbstverliebten Trainer eben besonders gern dessen Perlen aus dem “Handbuch des Kotzbrockens” vor – wahlweise verbunden mit einem Verweis auf dessen Gehalt von 12 Mio netto oder mit der Erinnerung, dass Inter in Italien keine Rivalen hat und er nun bitte endlich seinen Job machen soll und die Champion’s League zu gewinnen habe.
Und so teilt sich Fußball-Italien in zwei Lager: Auf der einen Seite die blauschwarzen “Internazionalen”, die mit wenig Souveränität ihre Stärke beschwören und gleichzeitig die Nervosität des erstmals herausgeforderten Titelträgers deutlich durchblicken lassen. Auf der anderen Seite die Fans aller anderen Mannschaften, denen die jahrelange Dominanz der “Interisti” – einhergehend mit der aufgesetzten Überheblichkeit derjenigen, die noch nicht das Siegen gelernt haben und arroganztriefenden Medienspektakeln ihres selbsternannten Startrainers “The Special One” – gehörig “auf die coglioni” geht und die sich eine Wachablösung da oben an der Spitze wünschen. Und so sorgt die derzeitige Konstellation dafür, dass geliebte alte Feindschaften notdürftig überpinselt werden und selbst eingefleischte Juventini nicht zögern, Milan auch öffentlich den Sieg zu wünschen. Das mag den Interfans gleichgültig sein, solange sie “verhasst aber erfolgreich” an der Spitze stehen – es wird unangenehm, wenn man nur noch verhasst ist. So wie früher. Und nichts ist ja unangenehmer, als um die soeben erst gewonnene Titelwürdigkeit zu bangen.
Und die Nervosität hinterlässt Spuren. Während man sich im Hause Milan in Verlautbarungen zwar erfreut über die schöne Tabellensituation äußert, aber den Stadtrivalen trotzdem noch uneinholbar voraus sieht, toben die derart Gelobten wochenlang über eine lächerliche Spielverschiebung “zugunsten” des AC Mailand, als hätte der sich soeben einen 30-Punkte-Vorsprung am grünen Tisch erstritten. Während Milans Spieler sich respektvoll und anerkennend gegenüber dem Gegner äußern und bestenfalls versprechen, “wirklich alles zu geben”, tönt es aus der anderen Ecke umso lauter über vermeintliche “Mauscheleien” im Detail und ganz generell über eine “groß angelegte Verschwörung” zu lasten des FCI. Nun, in Ordnung, typischer Trommelwirbel vor dem Spiel – aber Souveränität und Sicherheit sehen anders aus.
Es ist ein Derby und als solches ist das Ergebnis sicher nicht vorhersehbar. Und rein theoretisch dürfte es auch die Meisterschaft nicht entscheiden. Aber der moralische Effekt dieses Spiels dürfte nicht unterzubewerten sein: Siegt Inter, bleibt alles wie gehabt und die Milanisti sehen sich um das eigentliche (wenn auch natürlich nie ausgesprochene) Ziel ihrer Aufholjagd gebracht. Siegt Milan, können die Rotschwarzen im Nachholspiel mit Inter gleichziehen und mit dem gewonnenen Enthusiasmus den bis dato unbestrittenen Titelverteidiger wohl ernsthaft herausfordern. Es ist nur ein Fußballspiel, sicher. Aber eines, das einer gesamten Saison einen Sinn verleihen kann. Und ganz nebenbei ist es auch ein Derby.
Am 23. Januar wird das Spiel Juventus gegen den AS Roma stattfinden. Weil die Juve-Fans bereits in der Vergangenheit durch rassistische Sprechchöre gegen den Inter-Spieler Mario Balotelli aufgefallen waren, kommt es nun nach erneuten Vorfällen beim Pokalspiel gegen Napoli am Mittwochabend zu einer Sanktion durch die Sportgerichtsbarkeit. Angedroht und ausgeführt. Rassismus und Ignoranz gehören immer bestraft, umso mehr als es sich um Vorfälle handelt, bei denen der angegriffene Spieler nicht einmal auf dem Platz stand, um durch eventuelle Provokationen den Dumpfbirnen eine irgendwie geartete Begründung zu bieten.
Aber Italien wäre nicht Italien, wenn man selbst gutgemeinte Ideen nicht doch noch irgendwie so anwenden könnte, dass am Ende etwas noch Schlimmeres dabei herauskommt. Und so erlässt der zuständige Richter Signor Tosel ein Dekret, demzufolge der Ausrichter verpflichtet ist, “das Spiel ohne die Anwenheit von Zuschauern im Sektor Curva Sud auszutragen”. So weit so gut. Nur hätte jemand den guten Herrn Tosel vielleicht darüber aufklären sollen, dass im Turiner Interims-Spielort “Olimpico” beide Kurven von Juventus-Ultrà s bevölkert sind:
In der “Curva Sud” stehen die “Drughi”, in der Curva Nord stehen die “Viking”. Beide Gruppierungen sind sich – gelinde gesagt – nicht eben freundschaftlich verbunden. Leider hat sich her Tosel nicht dazu geäußert, wie man zu verhindern gedenkt, dass die ausgesperrten “Drughi” sich es nicht in der Nordkurve gemütlich machen – in dem Fall hätte man zwei durchaus verfeindete Ultrà -Gruppen im selben, angesichts der Umstände und der Stadionkapazität, sicherlich proppenvollen Sektor zu stehen. Die Digos beschäftigt sich gerade damit, das Problem in irgendeiner Weise abzuwenden, aber solange man beim Kauf von Eintrittskarten noch nicht die Zugehörigkeit zu einer Ultrà -Gruppe angeben muss, wüsste ich nicht, wie man das anstellen sollte. Außerdem schafft man es in Italien halt immer noch, auch aus einer guten Idee eine katastrophale Umsetzung…ok, das hatten wir schon.
Noch viel schöner ist aber der Umstand, dass der komprimierte Gästesektor nun direkt an die Nordkurve grenzt. Direkt in Wurfweite für diverse Pyrotechnik also, wie wir es letzten Sonntag bei der Heimniederlage gegen den AC Milan bewundern durften:
Ich denke, wir dürfen uns am 23. freuen auf ein schön volles Stadion, eine übervolle Kurve, einen Gästeblock voller verhasster Roma-Ultrà s gleich nebenan, vehemente Proteste gegen die Juventus-Vereinsführung und sicherlich ganz viele rassistische Sprechchöre. Bravo. Bravissimo.
Gestern Nachmittag um 16.00 Uhr (ein erster Applaus geht an die Liga-Verantwortlichen für den Termin) fand im ehrwürdigen San Siro ein Fußballspiel im einheimischen Pokalwettbewerb statt. Gegenüber standen sich der Drittligist Novara und der AC Milan. Am Ende gewinnt der AC Milan durch Tore von Inzaghi und Flaminì und zieht in die nächste Runde ein. Nothing to write home about, der TIM Cup wird ja in Italien seit jeher mit mäßiger Aufmerksamkeit bedacht und für Manschaften wie den AC Milan (und sein Publikum!) stellen solche Mittwochstermine eher eine notwendige Störung im Trainingsbetrieb dar. Und so stellt Trainer Leonardo auch eine auf gegenüber dem 3:0 Sieg Sonntag bei der “sehr alten Dame” Juve auf 10 Positionen veränderte Mannschaft aus Spielern des Nachwuchsteams und Bankdrückern zusammen. Novara spielt toll und angstfrei auf und wird zwar verdient aber mit allen Ehren aus dem Wettbewerb entlassen – auch der Drittligist lässt seine beiden Stammstürmer auf der Bank, um sie für den Aufstiegskampf zu schonen.
Bemerkenswert fand ich die gestrige Partie aus anderen Gründen: Zunächst einmal fand ich es herrlich, mit welchem Enthusiasmus sich eine ganze Stadt in Bewegung setzt, um an einem kalten Nachmittag das eigene Team zu unterstützen. 13.000 der insgesamt ca. 15.000 Zuschauer kommen aus der piemontesischen Provinz und sorgen für einen veritablen Auswärtsvorteil: der Exodus der fröhlichen Truppe in die lombardische Hauptstadt erfolgt in Bussen, Autos und Zügen und gibt einen Eindruck, welche Emotionen das historische Ereignis für die Anhänger des kleinen Clubs aus der 100.000-Einwohner-Stadt auslöst. Ein schöner und sympatischer Support, der mir noch einmal vor Augen führt, dass es nicht immer ein Champions League-Finale sein muss, wenn man seine Manschaft liebt. Vor allem, wenn man seit 1955 kein Spiel der Serie A mehr bestritten hat.
Und so war – giustamente - das San Siro weitgehend in azurblau getaucht, der Farbe des Teams, das wie in den guten alten Zeiten von 1-11 durchnumeriert und ohne Namen auf dem Trikot antrat. Complimenti an die Mannschaft und ihre zahlreichen Fans, die mit ihrem Enthusiasmus und ihrer Freude dem oft ungeliebten Cup seine Daseinsberechtigung einhauchten und das Spiel bis zur 81. Minute offenhielten. Noch mehr Komplimente an ihren Torwart Fontana, der besonders in der ersten Halbzeit eine Leistung ablieferte, die irgendwo zwischen Spiderman und Gianluigi Buffon zu seinen besten Zeiten lag. Unglaublich, dass der Mann (Ex-Torino) nur der Ersatztorwart ist!
Aber das allerdickste Kompliment geht an einen Spieler, der nicht einmal aufgestellt war: Nicola Ventola, alter Haudegen von Inter, Atalanta, Torino, Siena, Bari und Crystal Palace, der seit dieser Saison seine Karriere in Novara ausklingen lässt. Während sich Mannschaftskollegen und Publikum auf das vermutliche “Spiel ihrer Karriere” vorbereiten, nimmt Ventola den Trainer beiseite und verzichtet auf seinen Platz im Team:
“Mister, io a San Siro ho già giocato. Scelga chi insegue questo sogno da una vita”
“Trainer, ich habe im San Siro schon gespielt. Stell jemanden auf, der diesen Traum sein Leben lang verfolgt.”
Schön, das es noch echten Fußball mit echtem Teamgeist ohne Eitelkeiten, Egoismus, Spielerberater und Kampf um mediale Aufmerksamkeit gibt. Einen Dank für diese schöne Geste nochmal auch von mir und alles Gute an Novara für den baldigen Aufstieg. Im Pokal habt ihr ja schon mit Siegen über die Serie A-Clubs Siena und Parma übererfüllt und habt dieses historische Spiel in der besten aller möglichen Weisen über die Bühne gebracht.
Wie versprochen ist endlich ein Update fällig zum Saisonverlauf unserer Altherrentruppe. Ich habe ja mit Kritik am Zustand der Mannschaft und der Vereinsführung nicht gespart und nach einem, gelinde gesagt, holprigen Saisonstart findet sich der AC Milan plötzlich als Meisterschaftszweiter wieder und ist seit gestern auch für das Achtelfinale der Champion’s League qualifiziert. Und es gibt sogar einen präzisen Zeitpunkt, an dem die alten Herren den Schalter umgelegt haben: 18.10.2009, Halbzeitpause beim Stand von AC Milan gegen AS Roma 0:1, der Tiefpunkt der jüngeren Vereinsgeschichte. Zu jenem Zeitpunkt, wir schreiben den 8. Spieltag, finden wir uns mit 9 Punkten auf dem 14. Platz wieder, bei 4 geschossenen und 8 Gegentoren – einen Schritt vor der Abstiegszone. Nach der desaströsen Sommer“vorbereitung“ im Flugzeug quer über Nordamerika, dem traumatischen Abgang von Kakà und dem desastösen 0:4-Derby war der AC Milan in der Halbzeit gegen die Roma drauf und dran, das Schiff endgültig zu versenken. Die wenigen Zuschauer im San Siro waren jedenfalls restlos bedient und pfiffen ihr Team in die Halbzeitpause. Nur die Zukunft sah noch dunkler aus als die Gegenwart.
Und in eben jener Halbzeitpause nimmt eine dieser völlig absurden Geschichten Ihren Lauf, die wohl nur der Fußball schreiben kann. Was auch immer damals in der Umkleidekabine passiert sein mag, die Effekte halten bis heute an. Milan präsentiert sich wie verwandelt in der zweiten Halbzeit und vor allem mit einem Spielsystem, das seit damals nicht mehr verändert werden sollte: ein bislang ungesehenes 4-2-fantasia. Vor der Vierer-Abwehrkette spielen zwei defensive Mittelfeldspieler, typischerweise Pirlo als „tief stehener Regisseur“ und Ambrosini als Abfangspieler vor der Abwehr. Davor spielt „fantasia“: ein hyperoffensiver und unvorhersehbarer Mix aus Sturm und offensivem Mittelfeld bestehend aus Marco Borriello als Mittelstürmer, Ronaldinho, Pato und Seedorf. Ein vollkommen unbalanciertes Milan mit einem – zumindest in Italien – bislang unbekannten System (wenn man es denn so nennen mag), das sich am ‘82er Brasilien von Telè Santana orientiert. Eine Mannschaft mit Frontantrieb, deren Mittelfeld praktisch nicht stattfindet: Ambrosini versucht, gegnerische Angriffe abzufangen, Pirlo spielt lange Pässe nach vorn auf dass die dreieinhalb Stürmer sich etwas einfallen lassen. Ein spektakuläres Milan, das plötzlich anfängt, Tore zu schießen, dabei seinen Fans in der Defensive aber die Koronararterien strapaziert. Denn so schön die wiedergewonnene Torgefahr des brasilianisch-holländischen Sturms da vorn ist, so angsteinflößend ist die Tatsache, dass auch technisch mittelmäßig begabte Mannschaften nur 3 Pässe brauchen, um Milans Mittelfeld zu überbrücken.
Und trotzdem! Milan dreht das Spiel gegen die Roma und fährt 3 Tage später nach Madrid, um es den Galaktischen noch einmal so richtig zu zeigen. Und Milan hört nicht mehr auf, zu siegen. Chievo Verona wird 2:1 besiegt durch zwei späte Kopfballtore des Innenverteidigers Nesta und Milan legt insgesamt 23 Tore vor seit jener Halbzeit am 18. Oktober. Lediglich Napoli schafft es, uns ein 2:2 Unentschieden abzuringen – nachdem es nach 90 Minuten noch 2:0 für Milan stand. Ein Betriebsunfall, mehr nicht. Nachdem die immerhin Meisterschaftsvierte Sampdoria am Samstagabend beim 3:0 regelrecht vorgeführt wurde, stehen die Rossoneri mit nur noch 4 Punkten Rückstand hinter Inter und haben sich gestern abend – wie auch immer – für das Achtelfinale in Europas Königsklasse qualifiziert. Hand hoch, wer Mitte Oktober daran geglaubt hat.
“Leonardo war sehr stark, sich diese neue Taktik auszudenken. Letztes Jahr standen sich Pato und Ronaldinho oft auf den Füßen, jetzt funktionieren beide hervorragend zusammen: einer auf rechts außen, der andere links außen.” (Adriano Galliani) “Leonardo è stato bravissimo ad inventarsi questo nuovo modulo. L’anno scorso Pato e Dinho a sinistra si pestavano i piedi, adesso insieme funzionano benissimo: uno largo a destra, l’altro largo a sinistra.”
Neutrainer Leonardo, vor der Saison direkt vom Schreibtisch auf die Trainerbank gewechselt, hat etwas geschafft, was ihm wenige zugetraut haben. Er hat dem Team eine Identität gegeben und ein Spielsystem, das den Stärken dieser unvollständigen Mannschaft Rechnung trägt und deren Schwächen akzeptiert. Ronaldinho ist auf der linken Angriffsseite aufgeblüht und zum absoluten Fixpunkt der Mannschaft geworden: mit zwei deliziösen Torvorlagen gegen Samp ist der Gaucho zum besten Vorlagengeber der Serie A aufgestiegen. Pato spielt auf Rechts (eine Position, die er unter Ancelotti noch rundheraus ablehnte) eine hervorragende Saison und Marco Borriello wurde vom Lieblingsthema der Klatschpostille ud Stammspieler der Krankenabteilung zum unverrückbaren Stammspieler. Seedorf spielt wohl seine beste, weil kontinuierlichste, Saison seit seinem Wechsel zu Milan und die Innenverteidiger Nesta und Thiago Silva gehören zum Besten, was der europäische Fußball auf der Position derzeit zu bieten hat. Selbst Dida scheint genesen von seinem unglaublichen Bock gegen Real und sorgt für Sicherheit zwischen den Pfosten, selbst die hervorragenden Storari und Abbiati konnten ihn nicht mehr von seinem Stammplatz verdrängen. Die Rückkehrer Ignazio Abate und Luca Antonini wurden behutsam in die erste Mannschaft integriert und zahlen das Vertrauen des Trainers mit teils hervorragenden Auftritten zurück. Selbst Bankdrücker wie der Holländer Klaas-Jan Huntelaar lassen auch die giftigsten Kritiker verstummen: 4 Minuten vor Schluss beim Stand von 0:0 gegen Catania eingewechselt, gewinnt er das Spiel mit einem Doppelpack praktisch im Alleingang.
Das alles ist so schön anzuschauen und bringt so viele Punkte, dass selbst unter Ancelotti völlig undenkbare Personalentscheidungen nicht kritisiert werden können: Gattuso hat seinen Platz auf der Bank gefunden und selbst der immergrüne Pippo Inzaghi findet selbst in der Champion’s League, seinem natürlichen Habitat, nicht mehr statt. Aber Leonardo ist, solange Milan gewinnt, jeder Kritik enthoben und der junge Trainer hat sich das Vertrauen der Vereinsführung, des Publikums und auch der eigenen Umkleide verdient: Berlusconi wollte Ronaldinho im Sturm, Leonardo hat ihn auf die linke Angriffsseite verfrachtet. Leonardo hat zwei Taktikexperten eingestellt, die Physiotherapisten ausgetauscht und angefangen, seine eigenen Ideen auf dem Platz umsetzen zu lassen. Es ist ihm gelungen, für fast alle Spieler einen Platz zu finden, auch und gerade unter Aufgabe jeglichen Gleichgewichts auf dem Platz. Dinho kann sich erlauben, mit minimalem phyischen Aufwand Standfussball zu spielen, Pato hat alle Freiheiten, sich mit dem Ball am Fuß einen Gegenspieler nach dem anderen vorzunehmen. Borriello spielt das, was er am besten kann: körperlich starker Mittelstürmer und Ballverteiler, der dafür Sorge trägt, dass der Rest des rotschwarzen Angriffskommitees nachrücken kann. Und Seedorf hat seine Position hinter den Spitzen gefunden, die seiner Charakteristik – und seinem Alter – am besten entspricht. Die körperliche Fitness der Akteure scheint verdoppelt und insbesondere hat die Mannschaft einen Kampfgeist gefunden und einen Siegeswillen auch gegen die „Kleinen“ der Serie A.
Seit dem 4. Oktober hat der AC Milan 13 Spiele nicht verloren und 22 von insgesamt 26 Toren erzielt. Die Mannschaft ist vermutlich zu unausgeglichen, um in diesem Rhythmus weiterzuspielen und vor allem fehlen valide Alternativen auf der Bank (siehe Kaladze für Thiago Silva gestern in Zürich). Aber Leonardo hat der Mannschaft eine Taktik vermittelt, die deren offensives Potential perfekt ausschöpft und die unveränderbaren defensiven Schwächen akzeptiert. Und so gewinnen die Mailänder eben Spiele wie das 4:3 gegen Cagliari, indem sie ein Tor mehr schießen als der Gegner. Es macht wieder Spaß, dieser Mannschaft beim Spielen zuzusehen, dafür nehme ich gern in Kauf, dass jeder gegnerische Angriff mir die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Ich erwarte mir weiterhin keine Meisterschaft und keinen Champion’s League-Gewinn von der Truppe. Wir werden auf Gegner treffen, die unsere Schwächen noch schonungsloser aufdecken als Zürich gestern, auch das Glück wird uns in dem einen oder anderen Spiel verlassen. Aber ein Team, das in jedem einzelnen Spiel den Sieg versucht, das als Mannschaft agiert und füreinander kämpft, ein Team, das in der defensivsten Meisterschaft der Welt gnadenlos offensiv spielt und dabei die Schönheit, das Chaos und die Unvorhersehbarkeit zu seinen Stärken macht, ist das Milan, in das ich mich vor 20 Jahren verliebt hatte.
Heute ist der zweite Jahrestag des Todes von Gabriele Sandri. Damals, im Trubel der Ereignisse um die Todesschüsse auf den jungen Fußballfan und die nachfolgenden wütenden Proteste der Fangruppierungen, inmitten der erschütternden Bilder und im verzerrten Gewitter einer fast gleichgeschalteten Medienmaschinerie, meldete sich der Lazio-Verteidiger Lorenzo de Silvestri (heute: Fiorentina) zu Wort. Als Freund Sandris aber mehr noch als Teil des Systems Fußball, als einer der wenigen Protagonisten der Serie A, die den Mut hatten, sich öffentlich zu den Vorfällen zu äußern. Ich habe das Dokument einmal übersetzt, am Ende dieses Beitrags findet sich der italienische Original-Wortlaut.
Damit wir Gabriele Sandri nicht vergessen von Lorenzo de Silvestri
Jetzt, wenn die Scheinwerfer langsam verschwinden, jetzt, wenn Gabrieles Abwesenheit für seine Familie beginnt, zum unüberwindlichen Felsblock zu gerinnen und während die Gerechtigkeit ihren eingetakteten Lauf nimmt, nehmen wird. Jetzt, wo wir noch alle dastehen und und uns fragen warum, mit diesem Kummer, der nicht verschwinden will. Jetzt wollen wir ihn nicht vergessen. Lasst uns etwas tun, solange Gabriele, sein strahlendes Lächeln, seine Lebensfreude, alles was er uns, die wir ihn mochten, bedeutet hat und auch für die, die ihn nicht persönlich kannten, noch ein bisschen bei uns bleiben, bei uns allen. Um uns Gesellschaft zu leisten und seine Angehörigen zu trösten, die geschockt und völlig überrascht mit dieser sperrigen und bedrückenden Leere leben müssen, die sich jeden Tag nach dem Adrenalin der ersten Stunden in ihnen breit macht. Jetzt, wo das eherne Gesetz der Medien diese absurde Tragödie von der erste auf die letzte Zeitungsseite schiebt, von der Schlagzeile in eine versteckte Agenturnachricht irgendwo.
Ich habe entschieden, etwas zu tun und ich hoffe, dass alle, die Gabriele im Herzen tragen, ihrerseits und aus ihrer Fantasie heraus kleine oder auch große Dinge erfinden, die den Schmerz dieser Familie lindern helfen. Ich glaube, dass schon ganz wenig reichen wird. Und es wird viel bedeuten, sehr viel. Im Geschäft vorbeischauen, um ein paar Worte mit seinem Vater zu wechseln, gemeinsam zum Friedhof gehen, um ein paar Blumen dazulassen, seinen Namen auf ein T-Shirt schreiben oder auch nur über ihn zu reden. In einem Monat, einem Jahr und auch darüber hinaus. Mit diesem Freund gemeinsam den Alltag bestreiten, in dessen Normalität und Einfachheit, die auch immer seinen Charakter bestimmte.
Ich habe in der Zwischenzeit auch eine kleine Sache gemacht, ich habe auf die Zunge meiner Fußballschuhe den Namen von Gabriele schreiben lassen. Ab heute wird jeder Tritt gegen einen Ball von uns beiden kommen. Und diese wenigen Tore (weil ich nur wenige schieße), die ich erzielen werde, werden wir beide gemeinsam gemacht haben. Ich glaube, dass es für Gabriele Sandri vioel größere Initiativen geben wird, um seine Erinnerung zu ehren und um ihn nicht zu vergessen, aber ich beginne mit den kleinen Dingen, diejenigen, die mir jeden Tag erlauben, mich ihm weiterhin so nah zu fühlen. Und Sonntag will ich Blumen unter die Nordkurve tragen und mit den Fans diesen Sturm der Emotionen teilen, der unsere Köpfe in diesen letzten Tagen durchtost hat.
Gabriele war ein völlig untypischer Ultrà , ruhig, umgänglich, respektvoll. Ich habe ihn vor mehr als eineinhalb Jahren kennengelernt und seitdem waren wir immer gute Freunde. Niemals ein Wort zuviel, nie Druck ausgeübt, kein einengender Fan, nichts fordernd. Niemals. Eine echte Freundschaft, die auf den Noten der Musik basierte, die wir beide liebten und unter dieser blauweißen Fahne stand, die in unseren Herzen weht. Einer, der für Lazio die ganze Nacht lang wach blieb. Der um uns zu sehen auf alles andere verzichtete. Ein Ultrà , dessen Herz und Hirn in der Liebe zu seinem Team weit über das Normale hinausgingen. Niemals gewalttätig.
Diejenigen, die damals Römer Stadtteile um das Olympiastadion verwüstet haben, sind keine Ultrà s. Das sind Verbrecher. Die Bezeichnung “Terroristen” ist für diese eine mehr als zutreffende. Kasernen und Polizeistationen werden nicht angegriffen. Und mit dem Tod Gabriele Sandris haben diese Leute überhaupt nichts am Hut. Genauso, wie die aus der Curva von Bergamo nichts damit zu schaffen hatten. Nein, nach meinem Verständnis ist ein Ultrà etwas völlig anderes. Ein Ultrà ist ein Fan, der mehr als alle anderen lieben kann. Im Respekt vor den anderen.
Hoffen wir, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt. Wir stehen immer noch hier und fragen uns, was wirklich an diesem verdammten Novembermorgen geschehen ist. Vielleicht hat die Wahrheit größere Schwierigkeiten, ans Licht zu kommen, und ist langsamer dabei, weil ein Polizist beteiligt ist. Aber vor dem Recht sind alle gleich und Gabrieles Familie erwartet Gerechtigkeit, keine Rache.
Ich wurde erschüttert von den Worten, die seine Mutter für mich hatte, vor ein paar Tagen im Totenzimmer, vor seinem glücklichen Gesicht – als würde er nur schlafen. Sie hat mir erzählt, wie wichtig ich für ihren Sohn war, wie stolz er auf dem Bolzplatz das Trikot anzog, das ich ihm geschenkt hatte, wie unsere Freundschaft für ihn ein ganz besonderes Geschenk für sein Leben war.
Nein, vergessen wir Gaberiele nicht. Setzen wir sein Lächeln auf und seine fröhliche Lust am Leben, wenn wir hinter einem Ball hinterherrennen oder unseren Träumen, auf der Suche nach einem kleinen Moment des Glücks.
Mal was neues aus der Rubrik “Die Geschichte hinter berühmten Zitaten“. Den Fans aus Cadiz (spanische Segunda Division) war vermutlich langweilig und sie beschlossen, sich die Zeit auf ihre Weise zu vertreiben – sie folgten dem Linienrichter. Geht er nach links, laufen alle nach links! Zwei Schritte nach rechts? Alle Mann nach rechts! Eine herrliche Choreografie, die unter dem Banner
“Cadiz estes donde estes
Nunga caminaras solo”
ungefähr: “Cadiz ist wo du bist – niemand geht allein”
ihre ganz eigene Absurdität entfaltet. Das gibt dem Spruch “das Publikum geht richtig mit” doch eine ganz neue Bedeutung. Herrlich! Seht selbst!
Aus der Reihe: Die Geschichte hinter berühmten Zitaten.
Zitat: You’ll never walk alone
Wer sagte es: Oscar Hammerstein/Richard Rodgers und die Fans von Liverpool
Wann: 1945
Geschichte: “You’ll Never Walk Alone” wurde ursprünglich 1945 von Richard Rodgers (Musik) und Oscar Hammerstein II (Text) für das Broadway-Musical “Carousel” geschrieben und ist Bestandteil des Finales. Bereits 1945 erreichte der Song in der Version von Frank Sinatra erstmals einen Spitzenplatz in den Billboard-Charts.
Ursprünglich als Trostspender für die Familien der im 2. Weltkrieg kämpfenden Soldaten, ist das Stück heute vermutlich die beliebteste Fußballhymne überhaupt. Insbesondere die Fans des Liverpool F.C. sorgen für Gändehautstimmung, wenn “You’ll Never Walk Alone” bei Heimspielen ertönt. Wir Milanisti haben noch schlechtere Erinnerungen an ein gewisses Endspiel in Istanbul 2005, als die 0:3 zurückliegenden Liverpool-Fans in der Halbzeit ebenjene Hymne lauthals anstimmten. Als Klassiker singen das Lied aber mittlerweile auch Fans ganz anderer Teams, nicht nur im Fußball.
“La ruga è bella” titelt die spanische Zeitung “As” heute – “Falten sind schön”. Nun ja, die Spanier müssen sich ja auch nicht die Liga-Spiele der Mailänder anschauen, sondern bewerten nur die “großen Abende” dieses Teams. Und viel größer als gestern Abend kann eine Begegnung in der Champions League nicht sein – zweier Teams, die zusammen 16 mal den Cup stemmen konnten. Und gestern Abend in Madrid schlägt die Erfahrung der Rossoneri die Arroganz der Madrilenen, die diesen Sommer ganz Europa wuschig gemacht haben mit ihrer Shopping-Tour. Eine Shopping-Tour, die unter anderem Kakà von Mailand nach Madrid verpflanzte.
Und für Milan, die sicherlich keinen Saisonstart hingelegt haben, der träumen lässt und die im übrigen im letzten Champions League-Spiel eine Heimniederlage gegen den FC Zürich einstecken mussten, beginnt das Spiel im schlechtesten aller denkbaren Modi: Dida, vierter Torwart für 4,5 Mio Euro netto im Jahr, der Held der unglaublichen Böcke, “Didastro” eben, übertrifft sich einmal wieder selbst und schenkt Real den Führungstreffer. Einen sicher gehaltenen, von Granero zentral und schwach geschossenen Ball, lässt er auf sein Knie prallen, von dort aus hoppelt er zum lauernden Raul, der sich bedankt und einschiebt. Der absurd schwache Schiedsrichter übersieht zudem einen 120%igen Elfmeter, als Zambrotta den enteilten Benzema von hinten umsenst. Ansonsten “il solito Milan”, die in der ersten Halbzeit sage und schreibe 0 Torschüsse abgeben.
In der zweiten Halbzeit wird es dann ein Spiel. Vor allem, als der wiedergenesene Boriello den völlig in der Luft hängenden Inzaghi ablöst. Wie schon so oft in ihrer Geschichte (zuletzt 2007) kramen die Rossoneri in ihrem Erfahrungsschatz und schaffen es, über sich hinauszuwachsen. Einen Anteil daran hat sicherlich Real Madrid, denen man deutlich ansieht, dass es ihnen ohne Cristiano Ronaldo schlicht an Unberechenbarkeit und Spielwitz fehlt. Eine Mannschaft mit fantastischen Einzelkönnern, aber ohne erkennbares Spielsystem, ohne Laufbereitschaft, in der Kakà versucht, mit Einzelaktionen Gefahr zu kreieren, aber völlig auf sich allein gestellt bleibt. Benzema zeigt ein paar schöne Aktionen, strahlt aber nicht wirklich Torgefahr aus, vor allem, weil er es nie in den Strafraum schafft und sich mehr und mehr darauf verlegt, von außerhalb des Strafraums zu schießen. Der völlig überforderte Granera auf der linken Seite demonstriert alle Schwächen einer Mannschaft, die komplett auf Frontantrieb eingestellt ist und der jede Idee fehlt. Xabi Alonso sollte den Regie-Part übernehmen, fand im seltsam langsamen und uninspirierten Real aber praktisch nie Anspielpartner für einen gepflegten Dialog.
Praktisch demonstrierte Real Madrid die Schwächen, die Ãch beim AC Mailand schon die gesamte Saison kritisiere und schaffte es so, einem klinisch toten Gegner Selbstvertrauen einzuimpfen. Und so erinnerte sich Milans alte Garde an vergangene Champions-League-Feste und kämpfte sich in der zweiten Halbzeit zurück ins Spiel. Und es war Andrea Pirlo vorbehalten, den Weckruf ertönen zu lassen: Sein fulminanter Schuss aus 35 m schlägt neben dem linken Pfosten im Torwarteck ein – ein Meisterwerk! Ein Weckruf, der offenbar so ohrenbetäubend war, dass Real noch wenige Minuten später konsterniert war, als Ambrosini mit einem langen Pass Pato vors Tor von Casillas schickt. Der will offenbar seinem Gegenüber Dida nicht die Show gönnen und stürmt völlig konfus aus seinem Kasten, erinnert sich 5 m außerhalb des Strafraums daran, dass er den Ball nicht mit den Händen abwehren kann und lässt Pato zum 2:1 Führungstreffer gewähren.
Der eingewechselte Drenthe (wieso saß der eigentlich auf der Bank) schiesst ebenfalls aus der Distanz den 2:2 Ausgleichstreffer, bevor in der Schlussphase alles drunter und drüber geht. Zunächst gleicht der schwache Schiedsrichter seinen Fehler aus der ersten Halbzeit (der nicht gegebene Elfmeter) aus und erkennt Thiago Silva ein völlig reguläres Kopfballtor ab. Davon aber völlig unbeeindruckt, serviert Seedorf in der 89. Minute Pato den Ball zum 2:3 Endstand auf den Fuss. Doppelpack für den 20-jährigen Stürmer im Santiago Bernabeu – eindrucksvoll.
Tja, totgesagte leben länger und bei allen Problemen schafft es auch dieses Milan, in bestimmten Nächten über sich hinauszuwachsen und sich von der Magie der großen Spiele anstecken zu lassen. Großer Spiele, in denen Charakter, Mut und Erfahrung doch mehr zählen als noch so angsteinflößende Namen auf dem Papier. Genau das, was dem Stadtrivalen Inter seit Jahr und Tag fehlt, wie ich noch Dienstag abend live im San Siro erleben durfte. Danke Jungs, für diesen unvergesslichen Abend.