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Blog aus Italien

Bang Bang Boateng

von altravita · Donnerstag, 16. Februar 2012 · Keine Kommentare · 1 Trackbacks/Pingbacks

Kevin Prince Boateng

Kevin Prince Boateng

Gestern abend gab Sat1 dem deutschen Fernsehpublikum die Möglichkeit, ein Tor von Kevin Prince Boateng zu bewundern. Boateng, der “Ghetto-Boy”, der mit seinem Foul gegen Ballack das deutsche Sommermärchen ermöglichte. Der böse Bruder von Jérôme. Gegen den die Bildzeitung eine ganze Nation in Stellung brachte. Gegen den sich dutzende Gruppen in sozialen Netzwerken zusammenschlossen. Gegen den, auf der Empörungswelle reitend, der Mobilfunkanbieter Fonic eine Werbung schaltete. Kurzum, der böse, dreckige, verschlagene, brutale, dunkelhäutige Unterschichtengossenkicker, an dem sich der gerechte Volkszorn einmal so richtig befreiend abreagieren durfte. Der “nicht richtige” Deutsche, der den richtigen deutschen Spielführer verletzt hatte. Genüßlich wurden Details aus dem Familienleben der Brüder Boateng ausgebreitet und der alle zwei Jahre schwarzot gülden gewandete Fan hatte ein veritables Feindbild gewonnen, der von der Wirtschaftskrise bis zum schlechten Wetter für jegliche Missstände zur Verantwortung gezogen werden konnte.

Gestern nun zur besten Sendezeit hüpfte der Bad Boy des Fußballs in der 15. Spielminute aus dem kollektiven Vorbehalt, nahm einen von Nocerino über die Londoner Abwehr gechipten Ball mit der Brust an und knallte ihn von halbrechts aus der Drehung über den verdutzten Torhüter unter die Latte, dass es in Fußballdeutschlands Wohnstuben nur so schepperte und sich der englische Kommentator vor lauter Begeisterung gar nicht mehr erholen konnte. Am Ende stand es 4:0 für die Rossoneri und der erst kurz vor dem Spiel blitzgenesene Boateng holte sich bei seiner Auswechslung den stehenden Applaus des rot-schwarzen Heimpublikums ab.

Ich hatte die Geschicke des 1987 in Berlin geborenen Spielers seit seiner Zeit bei Hertha BSC verfolgt und war zumindest neugierig, als er im Sommer 2010 von Portsmouth zum AC Milan wechselte. Die hatten zwar seinerzeit mit Gattuso noch einen einsatzfähigen Buhmann, allerdings bewies das Team “mit den grauen Schläfen” seit dem letzten Champion’s League-Sieg regelmäßig, dass eine Infusion an Lebendigkeit und gesunder Aggressivität den satten älteren Herren womöglich fehlte. Der “Arschloch-Faktor” war ja bereits durch die Verpflichtungen von van Bommel, Ibrahimovic und Robinho in ungeahnte Höhen verschoben worden. Und weil dem sportlich chronisch unbefriedigten Milan-Fan nicht nur jeder Wechsel eines unter 30-jährigen recht war, sondern er auch keinerlei Ahnung davon hatte, dass die deutsche Medienwelt den jungen Mann immer noch für den Staatsfeind Nummer 1 hielt, wurde der “Prince” zumindest ohne weitere Vorurteile aufgenommen.

Um bereits nach ganz wenigen Spielen die Charts der Trikotverkäufe anzuführen (vor Spielern wie Ibrahimovic, Pato, Gattuso oder Inzaghi wohlgemerkt). Denn selten hat sich ein Milan-Einkauf in der jüngeren Vergangenheit in so kurzer Zeit dermaßen ausgezahlt. Es ist sicherlich auch Trainer Allegri zu verdanken, der aus der taktischen Anarchie des Energiebündels eine Tugend machte und Boateng auf der “Trequartista”-Position hinter den beiden Spitzen aufstellte. Hier hatte er die Freiheit, sich über die gesamte Angriffsbreite zu verschieben und mit Vorstößen in den Strafraum die Zuspiele Zlatan Ibrahimovics zu nutzen. Aber die eigentliche Idee war, das alternde und notorisch langsame Mailänder Mittelfeld zu entlasten, indem Boateng bei Ballverlust bereits an der gegenerischen Strafraumgrenze den Ballführenden unter Druck setzte. Tore waren in dieser Idee gar nicht vorgesehen, aber die Tatsache, dass die Milan-Fans vom gestrigen Treffer nicht mehr weiter überrascht waren, liegt an Treffern wie diesem gegen den historischen Rivalen Juventus:

Der eine oder andere mag auch dieses technische Kabinettstückchen gegen Barca mitbekommen haben, als er mit einem feinen Hackentrick Abidal vorführte und den Ball mit einer Wut auf den kurzen Pfosten knallte, gegen die kein Torhüter der Welt eine Chance gehabt hätte.

Derlei Torschüsse sind allein schon lebender Beweis, dass der Berliner Junge wohl doch nicht allein als rüpelnder Knochenbrecher zu beschreiben ist, sondern durchaus einen feinen Fuß sein eigen nennt. Was ihn allerdings in nur 3 Spielen zum Publikumsliebling machte (und dafür sorgte, dass er gestern gegen Arsenal nach einmonatiger Verletzungspause und 2 Trainingseinheiten sofort in die Stammelf rückte), ist seine einmalige Verbindung von Physis, Kaltschnäuzigkeit und absolutem Siegeswillen. In diesem AC Milan der künstlerisch begabten Florettfechter stellt KPB nämlich “la variable impazzita” dar, die unberechenbare Größe, die mit langen Laufwegen, körperlicher Robustheit und einem feinen Schuss aus der Distanz es als einziger vermag, sich das Team unter die Arme zu klemmen und zum Sieg zu treiben. Kraft einer Persönlichkeit, die bislang jegliche Kritik an sich abtropfen lässt und einem Selbstbewusstsein, das als einzige Erklärung für eine Niederlage nur gelten lässt, dass man den Sieg nicht stark genug gewollt hatte.

Endgültig in die Herzen der Fans und sozialen Netzwerke spielte sich Boateng mit einem Ausweis seiner Klasse am 23.10.2011, dem 8. Spieltag der aktuellen Saison. Milan lag beim Tabellenletzten Lecce nach einer der grottigsten ersten Halbzeiten der Nachkriegsgeschichte ebenso verdient wie überraschend mit 0:3 zurück und niemand hätte auch nur eine Drachme auf ein Comeback der Titelverteidiger aus Norditalien gesetzt. Boateng war auf der Bank geschont worden, die 11 auf dem Platz überboten sich derweil mit einer Mischung aus Unkonzentriertheit und Einsatzverweigerung darin, den Gelb-Roten aus dem Salento ein sattes Erfolgserlebnis im Abstiegskampf zu verschaffen. Das folgende Video fasst ab Minute 2:11 sämtliche Qualitäten Boatengs zusammen: unbändiger Siegeswille verbunden mit einer guten Dosis fußballerischer Wut und einem Sahnehäubchen an Schusstechnik. Innerhalb einer Viertelstunde glich der Deutsch-Ghanaer das Spiel praktisch im Alleingang aus, nachdem er bereits 40 Sekunden nach seiner Einwechslung den Lecce-Torhüter mit einem Fernschuss unter die Latte bereits zur Parade zwang und kurz darauf den Pfosten nur knapp verfehlte.

Natürlich ist Boateng kein Lionel Messi und spricht daher eher diejenigen an, die Graciani Rocchigiani statt “Sir” Henry Maske bevorzugen. Aber der Werdegang von Kevin Prince Boateng beim AC Milan ist ein schönes Beispiel dafür, dass rassistische Vorurteile und dumme Gemeinplätze selbst dann nicht stimmen, wenn der Boulevard solche Beleidigungen hoffähig macht. Mir fallen auf Anhieb ungefähr 18 Bundesligamannschaften ein, bei denen KPB es auf aus dem Stand zum Stammspieler schaffen würde und die dann wohl auch ein paar Punkte mehr auf dem Konto hätten. Ich persönlich bin froh, dass der Mann auch aufgrund der Hetzkampagne letztlich bei meinem Team gelandet ist – mir persönlich ist es nämlich egal, welche Hautfarbe jemand hat und in welchem Stadtteil er aufgewachsen ist. Und Ballack…tja Ballack…

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Haftstrafe für den Polizisten, der Gabriele Sandri getötet hat

von altravita · Mittwoch, 15. Februar 2012 · Keine Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

Urteil im Fall Gabriele Sandri

Urteil im Fall Gabriele Sandri

Es ist geschafft! Im November 2007 war mit den tödlichen Schüssen auf den 26-jährigen Lazio-Fan Gabriele Sandri die eigentliche Geburtsstunde dieses Blogs und gestern wurde letztinstanzlich das Urteil gegen den Todesschützen Luigi Spaccarotella bestätigt: 9 Jahre und 4 Monate Haft. Sicherlich wird der Polizist davon nur gut die Hälfte im Gefängnis verbringen, aber der Sieg besteht darin, dass der Täter auch tatsächlich wegen Totschlags verurteilt wurde. Sicher gibt es keinen Anlass zum Feiern, der Fußballfan ist tot und die verschärften Normen zur Stadion"sicherheit" bleiben einstweilen weiter bestehen. Fakt ist aber auch, dass es ohne den breiten Protest nicht nur der Ultràs, ohne die besonders im Internet aktive Gegenöffentlichkeit und die hunderten Kurven, die bis heute an Gabriele Sandri erinnern, der Fall mit Sicherheit im Sande verlaufen wäre. Erst der öffentliche Druck, eine sich in Stadien, im Internet und vor allem auch im Ausland formierende Protestbewegung und die vielen Aktionen im Gedenken Gabriele Sandris in Stadienkurven europaweit haben dazu beigetragen, dass die übliche Strategie des Vertuschens und Schuldzuweisungen an das Opfer diesmal nicht funktioniert hat.

Unabhängig von der Frage, wie lange der Schütze, der ohne jegliche konkrete Gefahrensituation mehrere gezielte Schüsse über die Autobahn auf ein fahrendes Auto abgegeben hat, tatsächlich in Haft verbringen wird: Das Ziel der Anklage war es, Spaccarotella des Totschlags zu überführen und dies ist nun in der letzten Instanz bestätigt worden. Bereits heute sollte er seine Haft antreten.
Der Polizist, der am 11. November 2007 an der Autobahnraststätte Badia al Pino bei Arezzo abgegeben hatte, war zur Urteilsverkündung nicht anwesend und erhielt die Nachricht per Telefon von einem seiner Verteidiger. Obwohl sowohl er als auch seine Anwälte fest mit einer Reduzierung des Strafmaßes gerechnet hatten, gibt er zu Protokoll, dass er sich "der Situation wie ein Mann stellen wird". Das wäre allerdings wirklich eine Neuigkeit, im Prozess wechselten seine Aussagen ja von "in die Luft abgegebenen" bis zu "versehentlich ausgelösten" Schüssen. Kein Anzeichen von Reue, Scham oder Schuldanerkennung. Erst eine Vielzahl von Zeugenaussagen und die harte Arbeit der Anwälte Sandris haben ihn des Totschlags überführt und die Rekonstruktion des Tatgeschehens ließ ja auch keinen Zweifel daran, dass es sich keinesfalls um einen Unfall (sprich: fahrlässige Tötung) gehandelt haben kann, wie es die erste Instanz noch entschieden hatte.

Sieger gibt es keine in diesem Prozess. Spaccarotellas Kinder, einer kleiner Junge und eine 12-jährige Tochter werden ihren Vater für viele Jahre nicht zu Gesicht bekommen. Giorgio Sandri wird seinen Sohn Gabriele niemals mehr in den Arm schließen können. "Ich hatte immer Vertrauen in die Justiz und möchte allen Menschen, die uns bis zu diesem Moment nahegestanden haben, Dank sagen. Es gab nur einen Moment, wo ich den Mut verloren habe, das war nach der Urteilsverkündung der ersten Instanz, die wirklich entsetzlich war. Aber jetzt sind die Dinge so gelaufen, wie sie laufen mssten. Ich persönlich habe keinerlei Rachebedürfnis, aber es war schwierig, die Wahrheit ans Licht zu bringen" erklärte Gabrieles Vater. Auch Sandris Bruder Cristiano zeigt sich erleichtert von dem jetzt gefällten Urteil: "Es ging nicht um ein Jahr mehr oder weniger in Haft, das Wichtige war dass das Prinzip respektiert
wurde, dass vor dem Gesetz alle Bürger gleich sind"
, kommentierte er die Entscheidung. So sollte es ja auch sein. Trotzdem handelt es sich um ein historisches Urteil, weil erstmals ein Polizist zu einer solch hohen Haftsstrafe verurteilt wurde. In einem Land, in dem in den letzten 10 Jahren ca. 1500 Menschen im Umfeld polizeilicher Maßnahmen (im Gefängnis, auf Polizeiwachen, bei Vernehmungen und Festnahmen) ums Leben gekommen sind.

Während die uniformierten Täter ähnlich grauenhafter Fälle wie bei Federico Aldrovandi noch weiterhin als Polizisten arbeiten, wird Luigi Spaccarotella auch nach absitzen seiner Haftstraße nie wieder eine Uniform tragen und nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen dürfen. Gerechtigkeit ist geschaffen, soweit es das Gesetz erlaubt. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass Spaccarotella ein Zeichen von Reue zeigt und sich womöglich bei der Familie Gabriele Sandris entschuldigt.

"Unter denselben Bedingungen weiß ich nicht wie viele andere Personen an seiner Stelle nicht einen einzigen Tag ins Gefängnis gegangen wären, nicht einmal eine Minute. Bis jetzt war er immer auf freiem Fuß, gab Zeitungen Interviews, ließ sich auf Fotos ablichten und trat im Fernsehen auf. So als ob wir uns entschuldigen müssten für den verursachten Ärger. Er hat die Opferrolle aufgeführt." (Giorgio Sandri)

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27/01 Giornata della Memoria

von altravita · Freitag, 27. Januar 2012 · Keine Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

Son morto che ero bambino
son morto con altri cento
passato per il camino
ed ora sono nel vento.

Ad Auschwitz c’era la neve
e il fumo saliva lento
nel freddo giorno d’inverno
e adesso sono nel vento.

Ad Auschwitz tante persone
ma un solo grande silenzio
è strano non ho imparato
a sorridere qui nel vento.

Io chiedo come può un uomo
uccidere un suo fratello
eppure siamo a milioni
in polvere qui nel vento.

Ma ancora tuona il cannone
ancora non è contenta
di sangue la belva umana
e ancora ci porta il vento.

Io chiedo quando sarà
che l’uomo potrà imparare
a vivere senza ammazzare
e il vento mai si poserà.

Ancora tuona il cannone
ancora non è contento
saremo sempre a milioni
in polvere qui nel vento.

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Pyrotechnik: Italienisches Gericht spricht Bologna-Ultra frei

von altravita · Mittwoch, 18. Januar 2012 · Keine Kommentare · 1 Trackbacks/Pingbacks

Italienische Verhältnisse

Italienische Verhältnisse

Die Meldung ist schon ein paar Tage alt, aber es ist der Fankongress dazwischengekommen, auf dem es ja unter anderem auch um den räumlich und zeitlich begrenzten Einsatz von Pyrotechnik in deutschen Stadien geht. Da der DFB die Verhandlungen diesbezüglich einseitig abgebrochen hat, bleibt das Entzünden von Pyrotechnik jeglicher Art weiterhin eine Straftat (“versuchte gefährliche Körperverletzung“). In Italien ist das bereits seit längerem so und bereits das Mitführen von Pyrotechnik zu Stadionveranstaltungen – also auch bei An- und Abfahrt – führt zu Stadionverbot und Anzeige. Vor diesem Hintergrund ist es umso bedeutsamer, was dieser Tage der Ermittlungsrichter in Florenz entschied (in Italien entscheidet ein "Richter für Vorerhebungen" am Amtsgericht darüber, ob es zu einem Prozess kommt).

Die diesbezügliche Norm für Sicherheit bei Sportveranstaltungen wird vom sogenannten Gesetz 401 immerhin aus dem Jahr 1989 geregelt, das bereits das Mitführen von Pyrotechnik unter Strafe stellt. Im konkreten Fall wurde dem 26-jährigen Capo der Mods aus Bologna, Fabrizio D. – genannt "Tortino", vorgeworfen, beim Derby in Florenz vom 15. Mai letzten Jahres eine Nebelkerze mitgeführt zu haben. Und zwar außerhalb des Stadions "Artemio Franchi", Heimspielstätte der Fiorentina, während er sich mit den anderen Fans zum Eingang bewegte. Fabrizio wurde am Eingang von den Beamten der Antiterroreinheit DIGOS (Divisione Investigazioni Generali e Operazioni Speciali) festgenommen und Anzeige gegen ihn erhoben. Wie auch in Italien üblich, reichte bereits die Anzeige aus, um 5 Jahre Stadionverbot gegen ihn zu verhängen, auch vor einer entsprechenden Verhandlung. Verbunden war das Stadionverbot mit der üblichen Auflage, an Spieltagen dreimal in der örtlichen Polizeidienststelle zu unterschreiben: bei Anpfiff, in der Halbzeit und nach Abpfiff. Wie die Praxis des Stadionverbots die Unschuldsvermutung aushebelt und de facto eine Art "Ersatzstrafrecht" darstellt, hatte ja die Vereinigung der Fananwälte beim Fankongress in Berlin sehr eindrücklich dargelegt. Eine Rechtspraxis, die jedes Jahr viele Dutzend italienische Ultras trifft.

Dieses Mal ist es dem Anwalt Gabriele Bordoni hingegen gelungen, den zuständigen Ermittlungsrichter über eine detaillierte Auflistung von Zeugenaussagen dazu zu bewegen, die Anklage fallen zu lassen und in der Konsequenz natürlich auch das verhängte Stadionverbot aufzuheben. Ein ziemlich einmaliger Vorgang im Italien der Sondergesetze, der womöglich als Präzedenzfall eine weitergehende Wirkung entfaltet. Denn obwohl das oben angesprochene Gesetz bereits den "Besitz von pyrotechnischen Materialien (Raketen, Bengalos, Knallkörper) anlässlich von Sportveranstaltungen" verbietet, hat der Richter sich der Argumentation der Verteidigung angeschlossen, die zwar auch für Laien durchaus nachvollziehbar und schlüssig ist, aber dennoch bislang meines Wissens noch nie Erfolg hatte:

Gesetz 401 soll verhindern, dass die zitierten pyrotechnischen Materialien als "gefährliche Waffen" ("armi pericolosi") eingesetzt werden (sprich abgeschossen oder geworfen werden) und die Gesundheit andere Stadionbesucher gefährden. Weil "Tortino" die orange Nebelkerze allerdings bis zum vollständigen Abbrennen in der Hand hielt – was die DIGOS in der Anklagebegründung i.ü. selbst genau so dargelegt hatte -, entschied das Gericht, dass keine Gefährdung Unbeteiligter gesehen werden konnte. Fast als Einbruch des gesunden Menschenverstands in eine hysterische Rechtssprechung würde ich persönlich bewerten, dass der Ermittlungsrichter sogar noch darüber hinaus ging: Weil der Ultrà zum Zeitpunkt der Festnahme (also vor dem Stadiontor) keine Pyrotechnik mitführte, sondern lediglich eine ausgebrannte Papprolle, ist dieser Anklagepunkt fallenzulassen. Weil die Nebelkerze zudem bei Tageslicht abgebrannt wurde, ist das Gefährdungspotential zudem geringer zu bewerten. Grund zum Jubeln besteht nicht, weil das Mitführen funktionstüchtiger Pyrotechnik im Stadion weiterhin zur Strafe geführt hätte, aber die Tatsache, dass ein Richter eine Anzeige unter Berücksichtigung der tatsächlichen Intention eines Gesetzes (nämlich der Gefahrenabwehr) bewertet, ist trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung, der durchaus erwähnenswert ist. Mit anderen Worten: Wenn Gesetz 401 zur Stadionsicherheit das Verbot von Pyrotechnik damit begründet, dass hierdurch Menschen verletzt werden können, kann es nicht angewendet werden, wenn effektiv keine Menschen verletzt werden können. Das Florenzer Amtsgericht spricht also den Bologna-Ultrà vom Vorwurf frei, durch das Mitführen von Pyrotechnik andere Stadionbesucher gefährdet zu haben.

Jetzt kann man sicherlich geteilter Auffassung sein, was das Gefährungspotential einer entzündeten Nebelkerze angeht, aber in einem Land, in dem Kapitäne von Kreuzfahrtschiffen schonmal als erste von Bord gehen und der Ex-Staatschef sich eigene Gesetze schafft, die Straftatbestände wie Steuerhinterziehung rückwirkend verjähren lassen, darf man zufrieden sein, wenn ein Richter sich an den Rechtsgrundsatz der "Verhältnismäßigkeit" erinnert. Immerhin drohen für das Mitführen von Pyrotechnik ins Stadion neben dem obligatorischen Stadionverbot eben auch 4-6 Monate Haftstrafe. Es macht eben doch einen Unterschied, ob ich einen Bengalo bis zum Abbrennen in der Hand halte oder ihn effektiv auf Menschen werfe – im ersten Fall könnte ich potentiell jemanden gefährden, im zweiten mache ich dies tatsächlich. Solange es einen Unterschied macht, ob ich ein Messer in der Hosentasche herumtrage oder es jemanden an den Hals halte, finde ich das oben beschriebene Urteil jedenfalls nachvollziehbar.

"Jetzt gehe ich, endlich, wieder ins Stadion." meint Fabrizio dazu.

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Fankongress Berlin 2012

von altravita · Dienstag, 17. Januar 2012 · 1 Kommentar · 4 Trackbacks/Pingbacks

Fankongress Berlin 2012

Fankongress Berlin 2012

Das wichtigste vorab: Herzlichen Dank an alle, die ihre Freizeit geopfert haben, um den Fankongress in Berlin zu organisieren, Räumlichkeiten, Catering, Türsteher und Veranstaltungstechnik zu organisieren, Presse, DFL, DFB, ZIS, Fanforscher und teils internationale Referenten einzuladen. Ebenso an alle, die Eintritt, Fahrt und ein Wochenende drangegeben haben, um nach Berlin zu kommen, um friedlich über ihre Wünsche an einen fangerechten Fußball zu diskutieren. Abgesehen von der Ehre, auf einer solchen Veranstaltung über Erfahrungen aus Italien erzählen zu dürfen, war es schön, bekannte Gesichter aus deutschen Kurven wiederzusehen und neue Menschen kennenzulernen, denen – bei allen Differenzen – dasselbe Thema am Herzen liegt.

Wie ich ja auf dem Podium und in den Gesprächen auf dem Flur immer wieder angebracht habe, ist das Wichtigste an einer solchen Veranstaltung, dass sie überhaupt stattfindet. Schon ohne auf die diskutierten Inhalte einzugehen, setzt ein solcher Kongress das Zeichen, dass es offensichtlich so ist, dass ganz viele der begeistertsten und begeisterndsten Fans ganz offensichtlich in der Lage sind, sich friedlich und intelligent mit ihrer Fankultur und den Rahmenbedingungen des Fußballbetriebs auseinanderzusetzen. Ein Szenario, das angesichts der Berichterstattung in vielen Medien der letzten Monate ja ausgeschlossen schien. Ich konnte hingegen in den Räumlichkeiten des ehemaligen Kosmos-Kinos in Friedrichshain keinerlei dumpfe Gewalttäter ausfindig machen, die ihren sozialen Frust in Stadien entladen, sich für den Fußball nicht interessieren und ihr Lebensziel darin sehen, Kinder und Frauen in die Flucht zu schlagen.

Selbstverständlich hält sich der Erkenntnisgewinn in Grenzen, wenn DFB und DFL nur Vertreter schicken, die an einer tatsächlichen aktiven Diskussion nicht wirklich teilnehmen können, keinerlei Entscheidungsgewalt haben und eben Dialog vermutlich nur simulieren sollen. Natürlich ist es ärgerlich, wenn die ZIS einen Tag vor Veranstaltungsbeginn die Absage ihres Vertreters Ingo Rautenberg verkündet. Und so fehlten zu einem echten Dialog eben häufig die Gegenstimmen. Man kann nun aber wirklich nicht dem Veranstalter und den anwesenden Fans anlasten, dass DFB-Vertreter Gerald von Gorrissen genauso oft Dialog- und Gesprächsbereitschaft seitens des Verbandes erklärt wie er dann zu tatsächlichen Entscheidungsprozessen nichts sagen kann, weil er "nicht dabei war", weil so etwas "das Präsidium entscheidet" bzw. die "Innenministerkonferenz" Druck ausübt. Unter Dialog würde ich mir eben etwas vorstellen, was schlussendlich auch zu einem für beide Seiten vertretbaren Kompromiss führt und nicht ein Dialog "pour parler" und dann wird das Diskutierte eben trotzdem einfach abgelehnt.

Gern hätte ich z.B. vom DFB gehört, warum das eigene Rechtsgutachten, das zur Begründung des Verbots von Pyrotechnik auch in eigens abgegrenzten Bereichen und zu festgelegten Zeiten in Absprache mit Verein, Polizei und Feuerwehr herangezogen wurde, nicht veröffentlicht wurde. Warum ein durch Suggestivfragen an Ahnungslose herbeigeführtes Umfrageergebnis von 84% gegen Pyrotechnik kurz vor dem Fankongress lanciert wurde (Stellungnahme von ProFans). Wieso die Etikettierung von Stadionfans als Gewalttätern ständig wiederholt werden muss, wenn es in einer ganzen Saison 1. und 2. Bundesliga genauso viele Verletzte (die durch Polizeimaßnahmen Verletzten einbezogen) gibt, wie an einem Tag auf dem Oktoberfest (Spahn im ZDF, vermutlich meinte er ja ein gesamtes Oktoberfest, der Vergleich ist trotzdem erhellend). Gern hätte ich vom DFL-Fanbeauftragten Tomas "Steve Jobs" Schneider gefragt, der von den Fans Selbstreflexion einforderte und Polizeigewalt mit "Gruppendynamiken" erklären wollte gehört, warum sein Chef nicht da war. Oder irgendein Enstcheidungsträger. Die Aussage, "man wolle sich in einen von Fans organisierten Kongress nicht einmischen" macht ja nur in Comedy-Zusammenhängen Sinn. Aber ganz offensichtlich wurden die Verbandsvertreter nur mit der Maßgabe nach Berlin geschickt, möglichst nichts zu sagen, aber durch die reine Präsenz Gesprächsbereitschaft darzustellen. Das kann man den Personen nicht vorwerfen, die sich ja immerhin gestellt haben, ist aber – gerade vor dem Hintergrund der letzten beiden Monate sehr schade. Aber immerhin waren sie, im Gegensatz zum Polizeivertreter, überhaupt gekommen.

Zu den diskutierten Inhalten selbst kann man sich anderswo detailliert informieren, über die "Ergebnisse" kann man sich Gedanken machen. Ich persönlich halte solche Veranstaltungen für immens wichtig. Insbesondere die von der Journalistin Nicole Selmer eingeforderte Zusammenarbeit mit der Presse. Ich bin der erste, der nachvollziehen kann, warum Fußballfans so ihre Probleme mit der deutschen Medienlandschaft haben, die oft genug Krawall herbeischreibt, wo nur ein Böller geworfen wurde. Die Gewalttaten – von denen jede einzelne abzulehnen und strafrechtlich zu verfolgen ist – aus jedem statistischen Zusammenhang reißt. Die Aussagen verdreht und Panik und Sensationen erfindet. Trotzdem braucht es beim Kampf um Fanrechte und gegen Repression die Information der breiten Öffentlichkeit, die womöglich nicht ins Stadion geht oder sich auch gar nicht für Fußball interessiert. Der Kongress wurde organisiert durch die Stellvertreter vieler zehntausender Menschen, für die der Besuch eines Stadions Teil ihres Lebens ist. Die sich über eigene Unzulänglichkeiten austauschten, ungerechte Behandlung reklamierten und darlegten, wie sie sich einen Fußballbetrieb vorstellen, der tausenden Jugendlichen die Möglichkeit gibt, ihrem Hobby relativ selbstverantwortlich nachzugehen. Bei allen Problemen auch der Kurven selbst.

Undifferenzierter Einsatz von Pfefferspray bei Polizeieinsätzen im Stadion, die Möglichkeiten eines geregelten und sicheren Einsatzes von Pyrotechnik, fanfreundliche Anstoßzeiten und die Erfahrungen in anderen europäischen Ligen waren nur einige der angesprochenen Themen. Und darüber wurde in angeregter, friedlicher und interessanter Weise diskutiert. Ich hoffe, auch in der Zukunft noch ganz oft. Und vielleicht lässt sich ja so eine Differenzierung erreichen und das Bild in die Öffentlichkeit transportieren, dass die überwiegende Mehrheit deutscher Kurvenbesucher keine dumpfen Gewalttäter sind, denen es nur um Krawall geht. Eine Demokratie sollte eine Jugendbewegung aushalten können, für die nicht tolerablen Aspekte gibt es ein funktionierendes Rechtssystem. Vorverurteilungen und grobe Verkürzungen zehntausender Einzelmeinungen auf Bild-kompatible Formeln sorgen nicht dafür, dass Probleme verschwinden. Die zahlreiche Berichterstattung und auch das ZDF Sportstudio vom Samstagabend lassen mich hoffen, dass es auch Journalisten gibt, die ihren Job noch ernst nehmen und die Dinge darstellen, wie sie sind und nicht problematische Aspekte wie Gewalttaten auf ganze Jugendbewegungen projizieren. Über alles andere kann man reden. Das Stöckchen liegt jetzt bei den Verbänden, der Presse und den Sicherheitsorganen.

Das Abschlussdokument gibt’s hier als pdf.

Ein Paar Beispiele aus der Berichterstattung zum Fankongress

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Giorgio Specchia: Il Teppista/Der Rowdy

von altravita · Mittwoch, 4. Januar 2012 · 53 Kommentare · 1 Trackbacks/Pingbacks

Giorgio Specchia "Il Teppista/Der Rowdy. 30 verdammte Jahre in Mailand."

Giorgio Specchia "Il Teppista/Der Rowdy. 30 verdammte Jahre in Mailand."

Inmitten des gerade aktuellen Wettskandals um manipulierte Fußballspiele erscheint im November 2011 Giorgio Specchias “Il Teppista/Der Rowdy”, Lebensgeschichte des Mitbegründers der “Viking”, bis heute bestehende Ultragruppierung der Nordkurve des San Siro-Stadions. Der des FC Internazionale. Geschrieben hat seine Biografie aber nicht der Protagonist, Nino Ciccarelli, selbst, sondern Giorgio Specchia, Autor und Journalist der Gazzetta dello Sport. Auch er, und das macht das Buch durchaus zu etwas Besonderem, Gründer der “Viking” – gemeinsam mit den vielen anderen im Roman erwähnten Personen. Glücklicherweise erscheint das Buch in einem Kleinstverlag und der Protagonist ist sowieso “ein Krimineller”, ansonsten böte das Werk genügend veritablen Sprengstoff, um einer Menge Italienern ganz gehörig die Augen zu öffnen. Und das korrumpierte Fußballgeschäft sind hierbei nur der kleinste Faktor.

“Ich habe mich niemals an irgendjemanden verkauft, vor allem an keinen Journalisten. Aber ein Buch, sogar einen Roman, über mein Leben war notwendig. Warum? Vor allem, weil ich zum Thema Ultras immer und ausschließlich Blödsinn gelesen habe, geschrieben von Leuten, die Ultras nicht kennen. So als ob man mich ein Konzert in der Scala kommentieren oder einen Leitartikel zur Staatsverschuldung schreiben ließe. Über die Kurven aber ergießen sich immer die, die überhaupt nichts von uns wissen können: Soziologen, Journalisten, sogar Autoren, die den Fußball erst nach einer Episode aus der Kriminalitätsecke entdecken. Alles Leute, die auf völlig anderen Planeten leben und meinen, sie müssten mir Moral beibringen.”

Es handelt sich also um ein Ultrabuch, erzählt die Lebensgeschichte einer der landesweit bekannten Persönlichkeiten der italienischen Kurven. Dabei geht es aber nicht nur um legendäre Auswärtsfahrten, Drogen, Kämpfe und die Leidenschaft der Curva. Vor allem aber gibt der “Teppista” einen Einblick in das Leben eines Jungen, der in der zweiten Hälfte der 60er Jahre in einem weniger vornehmen Stadtteil Mailands geboren wird. Dort, wo du nur überlebst, wenn du stärker und schneller bist als die anderen. Und Ceccarelli, weil härter und pfiffiger als andere, haucht sein Leben nicht nach einem goldenen Schuss auf einer Parkbank aus, sondern geht auf eine rasante Achterbahnfahrt zwischen Reichtum, Gewalt, Kriminalität, Betrug und jeder Menge Prominenz durch ganz Europa. Und er nimmt sich die Zeit, von den 70% des Eisbergs zu berichten, von denen auch in Deutschland nur Berlusconis Bunga-Bunga-Spitze angekommen war. Wie weit sich das Geflecht aus Prominenz aus Politik und Sport, Drogen und Prositition zur Normalmatrix des italienischen Geldadels ausgebreitet hat, davon gibt uns “Il Teppista” einen verstörenden Eindruck.

“Er ist der Autor und ich der Protagonist, die Rollen sind klar verteilt. Es ist richtig, dass die Leute verstehen, was wir Ultras wirklich sind, aber sicherlich ist dieses kein weiteres der tausend Bücher über Ultras. Im Gegenteil, der Fußball und was sich um ihn dreht, stellen nur einen kleinen Teil der Geschichte dar, die drei Jahrzehnte Mailands, Italiens, Lebensläufe ohne allzuviele Perspektiven erzählt. Die 80er der Jugendbanden und des Mailänder Nachtlebens sind das interessanteste Jahrzehnt, aber auch die 90er und die Nuller Jahre sind voller Begebenheiten, die noch nie von jemandem erzählt wurden, der selbst dabeigewesen war.”

Das Titelbild wird von einem mit 12 Efeublättern tätowierten Oberarm dominiert – eines für jedes im Gefängnis verbrachte Jahr. Der Untertitel lautet: “Dreißig verdammte Jahre in Mailand.” Eine Einstimmung auf die gleichermaßen faszinierende wie beklemmende Geschichte aus einem Italien, das Lichtjahre entfernt ist vom Dom, der Galleria und dem hübschen Flohmarkt am Naviglio. Von toskanischen Zypressen und singenden Gondolieri. Ciccarelli lebt in den Gedärmen Italiens, in einer Welt, die totgeschwiegen wird und die selbst der großen Mehrheit der Italiener unbekannt ist. Und so entführen die kurzen, präzise beschriebenen und trocken-unmoralisch erzählten Geschichten in eine Welt, die man wohl eher in mittelamerikanischen Pseudodemokratien erwarten würde. Die sich aber trotzdem mitten in Europa abspielt.

“In diesem Buch gibt es ein Mailand und ein Italien, dass weit entfernt von den Gemeinplätzen ist, auch von denen zur Kriminalität. Und genau deshalb sind sie weithin unbekannt, weil die Leute nicht begreifen, wie eng verschiedene Wirklichkeiten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, in Wirklichkeit miteinander verbunden sind. Die Welt der Finanzen, die Politik, das Showgeschäft, der Fußball, die mehr oder weniger organisierte Kriminalität, die Kultur etc.: eine Parallelwelt, die euch alle verarscht, eine Welt, die wegen einer Reihe von Zufällen einem Jungen der Straße wie mir erlaubt hat, auf der ganzen Welt berühmte Persönlichkeiten zu Duzen.”

Und so wird der Leser mitgenommen auf eine Reise in die Schnittstellen von Mailands Unter- und Oberwelt von den 80ern bis in die Gegenwart. Schulhofstreitigeiten, Jugendgangs, Bolzen im Park und die Gründung der Viking. Auswärtsfahrten, Klingen und Banner. Es wird erzählt, wie Kokain und Heroin die Stadt und die Kurven übernehmen – und dezimieren -, genauso wie Bandenkämpfe die üblichen Stadtparks. Und mit einer atemberaubenden Nonchalance wird der Rahmen erweitert: Zu den üblichen Kokainkunden kommen Fußballer und ihre Luxussternchen, Tennisspieler und brasilianische Transvestiten, Dealer, Zocker und Politprominenz. In der Nacht vor dem Derby werden von millionenschweren Starspielern in luxuriösen Villen kokainschwangere Orgien gefeiert. Die letzten paar Spieltage der Serie A reisen die Kicker mit dem Laptop durch die Gegend, um ihr kärgliches Gehalt noch durch ein paar Sportwetten auf manipulierte Spiele aufzubessern. Ciccarelli nimmt den Leser mit in die Halbwelt der Mailänder In-Diskotheken, wo sich in den Hinterzimmern fußballerische Prominenz mit tonnenweise teurem Schnee und billigen Prostituierten trifft. Die Türen bewacht von Mailänder Ultras.

“Ihr müsst aber auch wissen, dass nicht alle meiner Generation so wie ich sind. Ich bin einfach immer ein bisschen weiter gegangen. Und dafür habe ich mit den 12 Efeublättern auf meinem linken Arm bezahlt. Eines für jedes Jahr in Haft.”

Auf dem Weg werden illegale Wetten geschlossen, Konten beglichen, Geld gemacht und wieder verloren, Klingen gezückt und jede Menge Kugeln verschossen und teure Autos zersiebt. Die Namen der Fußballstars werden aus Respekt (sicher auch vor deren Anwälten) nicht genannt, aber die erschließen sich für die meisten, die sich ein bisschen auskennen auch von selbst. Der Leser erfährt, wieso die meisten Ultras die italienische Sportpresse boykottieren. Und er erfährt auch, welche Einflussname sie auf politische Entscheidungsprozesse nehmen können. Denn die einzigen Namen werden genannt, als die beiden Mailänder Kurven – aus Protest gegen den “Verrat” der Lega Nord und die Terrorgesetzgebung samt “Tessera del Tifoso” durch Berlusconis Innenminister Maroni – den Sturz der Mitte-Rechts-Regierung bei den Mailänder Kommunalwahlen 2011 mitbetreiben und gemeinsam den neuen Bürgermeister Giuliano Pisapia feiern. Ein Umstand, der es meines Wissens bislang in keinerlei offizielle Schrift geschafft hat. Genausowenig wie das eloquente Spruchband der Mailänder Nordkurve zum Wahlausgang, das in keinem offiziellen Medium erwähnt oder abgebildet wurde. Vermutlich, weil es sich nicht verträgt mit der offiziösen Sichtweise, Ultras seien hirnlose Straßenschläger.

Aber auch die größtenteils traurigen Geschichten der Jungs aus der Kurve kommen nicht zu kurz: Atemberaubend, wie das erste Banner gemalt und stolz präsentiert wird. Wie Nino von einem bedröhnten Trucker der Bauch aufgeschlitzt wird und einer seiner besten Freunde von dreckigem Stoff niedergestreckt wird und die Mailänder Normalbürger derweil die Fensterläden vor dem sterbenden Jungen verschließen. Geschichten von Freundschaften aus der Kurve, von Zusammenhalt, gemeinsamer Trauer und Leidenschaft. Denn über die drei Jahrzehnte zeichnen sich auch die Änderungen und der schließliche Untergang der Ultrabewegung ab, der von einer moralbefeuerten Repression betrieben wird, die sich angesichts der Episoden aus dem Leben der Reichen und Mächtigen des Landes noch viel absurder liest, als sonst schon.

“Normalerweise wechseln die jeweiligen Journalisten oder Soziologen ihre Moralpredigten mit einer Art Leidenschaft für die gewalttätigsten und tristesten Details ab, ohne wenigstens zu verstehen zu versuchen, dass hinter jeder Person ein Leben steht. Womöglich ohne Hoffnung, aber trotzdem immer noch ein Leben.”

Kurz, Specchia und Ciccarelli betrachten den einmaligen italienischen Filz aus Fußballstars und Fernsehsternchen, aus Basketballern und Hofjournalisten, aus Künstlern und der mehr oder weniger organisierten Kriminalität, aus Politikern und Transvestiten durch eine Art halbblinden Spiegel und beleuchten gewissermaßen von unten eine Realität, die sich sonst normalerweise unter einem dicken Teppich aus Showbusiness abspielt. Dass sich die eklige korrupte Gemengelage nicht nur im Fußball, sondern auch im Basketball, Pferderennsport und beim Tennis findet, ist im Verlauf des Buchs schon nicht mehr weiter überraschend. Ebenso die Schnittmengen aus Kurvenfans, der Türsteherszene und dem Drogenhandel. Alles Dinge, die im Gedärm jeder beliebigen italienischen Großstadt das schillernde Ganze am Laufen halten und die die Ebene darstellen, auf der sich ein einfacher Junge aus Quarto Oggiaro und argentinische oder brasilianische Fußballprominenz treffen – und Duzen – können. Denn sicherlich ist Nino ein Verbrecher, einer der Straftaten ansammelt wie andere Leute Briefmarken. Einer, dem man tunlichst nicht nachahmen sollte. Im Vergleich zum bodenlosen Dreck der Reichen, Schönen und Mächtigen, den Leute wie er immer wieder auffüllen müssen, ist er aber nicht weiter der Rede wert. Außer natürlich für Journalisten und Polizisten, die so tun, als wären Nino und seine Jungs das Grundübel der Gesellschaft, obwohl eigentlich…

“Wer in der zweiten Hälfte der 60er oder der ersten der 70er geboren ist, kann sich vielleicht mit der einen oder anderen dargestellten Person identifizieren, mancher wird sagen, dass dies ein Generationenbuch ist. Aber von einer Generation, die keine Lektionen über das Leben gibt. Und nicht einmal welche hören will.”

Das alles sehr wohltuend unpathetisch. Es wird ein Leben eines der tristen Vorstadtquartiere geschildert, ohne irgendeine Moral daraus abzuleiten. “Dinge passieren, weil sie passieren” ist einer der Leitsätze dieses Romans. Um dann im traurigen Schlusskapitel zur Auflösung der italienischen Ultrabewegungen doch noch so eine Art moralischer Leitplanke zu bekräftigen: Die Ehre, niemals jemanden verraten zu haben. Der Stolz, für alle seine Taten bezahlt zu haben. Und die Erkenntnis, dass was am Ende bleibt, die Jungs von damals sind: Die mit denen man zur Schule ging, mit denen man die ersten Joints gedreht und die ersten Banner gemalt hat. Die einzigen, die man auch nach Monaten noch nachts um 3 anrufen kann, weil man in Genua gerade jemanden braucht, auf den man sich verlassen kann. In einer Welt, in der man sich auf nichts sonst verlassen kann.

“Um Missverständnissen vorzubeugen schließe ich mit der Bemerkung, dass man mir sicherlich nicht nacheifern soll, auch weil die Rechnung für viele meiner Heldentaten fast immer meine Frau und meine Kinder bezahlen mussten. Ich bin in Quarto Oggiaro losgezogen, um werweißwo anzukommen und habe dabei mehrfach riskiert, auf der Strecke mein Leben zu lassen. Ich bin kein Opfer des Systems, ich bin kein Held, ich suche nach keiner ideologischen Billigung. Aber ich kann ohne Scham in den Spiegel schauen. Das ist nicht wenig.”

PS: Falls ihr sowas auf Deutsch lesen wollt, schreibt’s bitte in die Kommentare!

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Ultras verdienen eine eigene Geschichte

von altravita · Montag, 19. Dezember 2011 · Keine Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

Domenico Mungo: "Streunende Köter"

Domenico Mungo: "Streunende Köter"

Endzeitroman. Der Fiorentina-Ultra Domenico Mungo erzählt in "Streunende Köter"; von Idealen, Solidarität und Kämpfen, von seiner Bewegung und seiner Jugend. Sein Übersetzer Kai Tippmann spricht im Interview über das Ende der italienischen Ultras, historischen Unfug in deutschen Medien und Parallelen des Buches zu den "Simpsons".
Interview: Jakob Rosenberg

 

Massenverhaftungen, Verfolgung und Exil. Domenico Mungo wählt ein düsteres Szenario als Rahmenhandlung seines Romans "Cani Sciolti" ("Streunende Köter"). Der namenlose Protagonist ist wie Mungo ein Ultra-Schriftsteller. Nach dem Tod des Polizisten Filippo Raciti beim sizilianischen Derby zwischen Catania und Palermo am 2. Februar 2007 beginnt eine Hexenjagd auf die italienischen Kurven. Die Ultra-Autoren flüchten ins fiktionale Exil in die Schweiz und sammeln unterwegs Material zur Dokumentation einer Bewegung, die vor ihrer Zerschlagung steht. Die E-Mails, Telefonate und Zeitungsberichte, die Mungos Protagonisten zur Dokumentation dienen, geben dem Buch seine sprachliche Vielfalt. Die unterschiedlichen Stile und Erzähler drücken die vielen, teils widersprüchlichen Geschichten der italienischen Ultra-Bewegung aus. Sie erzählen aus Zügen und von Autobahnraststätten, zitieren aus Flugblättern und Polizeirapporten, berichten vom gemeinsamen Zeitvertreib, von Drogen und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans und der Polizei. Eine ganz normale Jugend im Italien der 1980er und 1990er Jahre. Der Blogger Kai Tippmann hat "Cani Sciolti" für den deutschsprachigen Markt übersetzt.

ballesterer: Die mediale Diskussion über Ultras wird in Deutschland aktuell vom Thema Gewalt beherrscht. Inwieweit wollen Sie mit der Übersetzung von "Streunende Köter" Einfluss auf die Szene nehmen?
Kai Tippmann: Ich glaube, dass Jugendbewegungen eigene Dynamiken haben, die nicht durch ein Buch in die eine oder andere Richtung bewegt werden können. "Streunende Köter" handelt von den italienischen Ultras der 1980er und 1990er Jahre. Gewalt war ein wichtiger Bestandteil der Ultra-Definition, sowohl zwischen den Gruppen als auch gegen die Polizei als Repräsentantin des feindlichen Systems. Diese Gewalt wird im Buch nicht von vornherein moralisch verurteilt. Schon aufgrund der unterschiedlichen historischen Situation würde ich anhand des Buches aber keine Gewaltdiskussion zur Situation im deutschen Sprachraum führen wollen.

Auf die Gewalt folgte in Italien die Repression. Lassen sich da Parallelen herstellen?
Die Höhepunkte der Gewaltepisoden haben eine immer engere Repressionsspirale in Gang gesetzt. Man kann also darüber nachdenken, was in Italien passiert ist und wie sich ein entsprechendes Ende der Ultra-Bewegung im deutschsprachigen Raum vermeiden ließe. Dabei muss man aber auch bedenken, dass die Gewalt in Italien nicht losgelöst von politischen und sozialen Entwicklungen stattgefunden hat: Italienische Verhältnisse meinen eine radikalisierte, am Rand des Bürgerkriegs stehende Gesellschaft. In diesem Kontext war die Gewalt ganz anders dimensioniert als im deutschsprachigen Raum. Mit anderen Worten: Bei der Repression gegen Ultras ist es in Italien nicht um Pyrotechnik im Block gegangen. Das hätte niemanden interessiert. Die deutschsprachigen Medien meinen aber genau das mit italienischen Verhältnissen. Das ist historischer Unfug.

Haben Sie den Roman mit historischen Erklärungen ergänzt?
Es gibt keinen Appendix, und ich habe weitgehend auf Fußnoten verzichtet, weil es sich nicht um ein populärwissenschaftliches Werk auf einer Metaebene handelt. Es ist ein Roman, der seine Wucht aus der Unmittelbarkeit beziehen soll.

Besteht nicht das Risiko, dass das Buch ohne diese zusätzlichen Informationen nur schwer verständlich ist?
Man kann es auf unterschiedlichen Ebenen lesen und deuten. Das ist ja kein Nachteil. Ich schaue mit meinem zwölfjährigen Sohn gerne die "Simpsons". Wir lieben das beide, obwohl wir sicher andere Sachen sehen. Ich denke, dass das Buch ähnlich funktioniert. Es beschreibt Szenen aus dem Alltag, in denen sich jeder, der schon einmal auf Auswärtsfahrt war, wiedererkennen kann. Es geht nicht nur um Gewalt und eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung, vieles stammt aus der Mitte der Kurve. Das Buch soll einen Italienexperten genauso ansprechen wie einen 15-jährigen Ultra aus Paderborn.

Wie wollen Sie beziehungsweise der Autor Mungo das erreichen?
Wir wollen vermitteln, worin die Begeisterung des Ultra-Daseins besteht. Warum Jugendliche ihre Zeit und ihr Geld dafür verwenden, auswärts zu fahren, nächtelag Choreografien vorbereiten und ihr Team in der Kurve unterstützen. "Streunende Köter" macht aber auch deutlich, dass die Ultras eine eigene Geschichte verdienen. Dass das nicht nur in Büchern, journalistischen Artikeln, wissenschaftlichen Abhandlungen über Ultras passiert, sondern dass sie ihre Sichtweise selbst einbringen können.

Der Titel "Cani Sciolti" bezeichnet im Italienischen Ultras, die sich unabhängig von einer Gruppe und verdeckt unter gegnerische Fans mischen, um dort Auseinandersetzungen zu führen. Bei der wörtlichen Übersetzung "Streunende Köter" geht diese Bedeutung verloren. Soll das Buch den Begriff ins Deutsche einführen?
Ich habe mich schlussendlich für den Titel entschieden, weil er Mungos Biografie persönlich sehr gut trifft. Als ein in Turin geborener und lebender Fiorentina-Ultra ist er ja ein Sonderfall. Er war sein ganzes Leben lang nur auf Auswärtsfahrt. Er ist Woche für Woche allein zum Spiel gefahren, um dort am Gruppenleben teilzunehmen. Der Begriff spielt mehr auf eine biografische Besonderheit und weniger auf die "Cani Sciolti" an.

Ist das Buch ein Nachruf auf die italienische Ultrabewegung?
Ja, das würde ich so sehen. In einigen Kapiteln ist eine Abrechnung zu erkennen. Das betrifft Fehlentwicklungen innerhalb der Kurve genauso wie die überbordende staatliche Repression, die gemeinsam dazu geführt haben, dass wenig von dem übrig geblieben ist, was Mungo als Ultra bezeichnen würde. Es ist sowohl ein Nachruf auf die eigene Jugend, weil sich die Ausdrucksformen geändert haben, als auch auf die Ultra-Bewegung, weil es diesen Generationenkonflikt über vier Jahrzehnte in Italien so nicht gegeben hat. Dass sich die ältere Generation abwendet und sich große Gruppen auflösen, ist ein Phänomen der 2000er Jahre.

Sind die Ultras in Italien heute nur noch "Cani Sciolti"?
So weit würde ich nicht gehen. Es geht aber in Richtung "erweiterter Freundeskreis", der mit verdeckten Farben unterwegs ist, um der Repression zu entgehen. Die Zeiten der großen Gruppen mit 5.000 bis 10.000 Mitgliedern sind seit rund 15 Jahren vorbei. Es gibt zwar immer noch viele organisierte Gruppen, sie sind aber kleiner und weniger homogen.

Die Kurven im deutschsprachigen Raum sind heute zumeist deutlich bunter und kreativer. Gleichzeitig gibt es aber immer noch einen starken Fokus auf Italien. Inwiefern ist das ein verklärter Blick?
Der ist sicher eher nostalgisch gefärbt, viele Italienfahrer sind vom Zustand der Kurven enttäuscht. Die meisten Gruppen haben ihren Blick in Richtung Griechenland und Türkei gewandt oder ihre eigene Kreativität entwickelt. Vielleicht kann das Buch den Blick auf die Vergangenheit ein wenig zurechtrücken und Einblicke geben, die in Deutschland gar nicht bekannt sind. Diejenigen, die sich bisher nur an den choreografischen Aspekten orientieren konnten, sollen einen Eindruck bekommen, was in Italien sonst noch passiert ist.

Zur Person: Der Milan-Fan Kai Tippmann (40) betreibt von seinem Wohnsitz am norditalienischen Lago Maggiore aus den Blog altravita.com. Die "Betrachtungen eines Deutschen in Italien" konzentrieren sich auf Fußball und die italienische Ultra-Bewegung. Im November 2010 erschien mit Giovanni Francesios "Tifare Contro. Eine Geschichte der italienischen Ultras" die erste Übersetzung aus Tippmanns Ultra-Reihe bei Burkhardt & Partner.

Ballesterer LogoVeröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Fußballmagazins ballesterer.

Ballesterer Interview – Domenico Mungo: Streunende KöterInterview als pdf herunterladen.

Dal Cuore della Curva di Luigi Bonizio

Dal Cuore della Curva di Luigi Bonizio

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Gianluca Casseri, der Mörder von Florenz

von altravita · Mittwoch, 14. Dezember 2011 · 2 Kommentare · 1 Trackbacks/Pingbacks

Gianluca Casseri

Gianluca Casseri

Der Psychiater Stefano Pallanti nannte ihn den “italienischen Breivik”. Gemeint ist Gianluca Casseri, der am 13. Dezember 2011 in Florenz zwei senegalesische Immigranten erschoss und drei weitere teils schwer verwundete, bevor er sich in seinem Auto selbst tötete. Bis dahin hatte er sich im Umfeld des “Casa Pound” in Rom einen Namen gemacht, mit Artikeln auf deren Website und verquast-rechter Literatur mit einem Hang zum Esoterischen. Zudem war er bis zu dessen Einstellung im Jahr 2005 Herausgeber der Publikation “La Soglia” (die Schwelle) und Mitglied des Kulturvereins “La Runa” – (ich denke die Übersetzung erübrigt sich hier), für den er Artikel wie “Dracula, Krieger Wotans” oder “Der Weise von Alessandria” veröffentlichte.

Beschrieben wird der 50-jährige Buchhalter aus der Provinz Pistoia als introvertierter Einzelgänger, fasziniert von keltischen Riten, Neopaganismus, Tolkiens Fantasy und arischen Herrenrassen, der in seinen Schriften auch gern Fantasy-Einschläge mit faschistischem Gedankengut verwickelte. Im Umfeld des Casa Pound wurde der Mann mit dem rundlichen Gesicht eher als “einsamer Wolf” gesehen als als Mitglied neofaschistischer Schlägertrupps. Ein intellektueller Ideologe der Herrenrasse, Kenner der neofaschistischen Bewegungen und Analytiker von deren Gründungsmythen. Als großer Comic-Liebhaber referierte er im Casa Pound wiederholt über seine Lieblingscharaktere Tex und Tin Tin.

Autobiografisch beschreibt sich der Mann, der gern in der dritten Person von sich spricht, so:

“Er wird 1961 in Ciriegio (PT) geboren, während der Mensch in den Weltraum fliegt und der Himmel sich in der größten Sonnenfinsternis des XX. Jahrhunderts verdunkelt. Im Alter von 12 Jahren, überwältigt von der Begegnung mit H.P. Lovecraft, entfernt er sich endgültig aus dem ihn umgebenden geordneten Kosmos. Seine vielfältigen Interessen im Bereich Fantasy, alle rigoros nicht aktuell, reichen von Flash Gordon bis zum Sci-Fi-Kino der 50er Jahre, von den Autoren der Weird Tales bis zu Val Newtons Filmen und darüber hinaus. Im Jahr 2001, zu Zeiten des endgültigen Durchbruchs des Internets, hat er die geniale Idee, eine Printzeitschrift herauszubringen, La Soglia, wo er seine multimedialen Manien auslebt. Um sich von den ernsten Dingen des Lebens abzulenken scheint es, als wäre er Buchhalter.”

In den “Protokollen des Weisen von Alessandria” legt er die antisemitische Theorie der jüdischen Weltverschwörung aus den “Protokollen der Weisen von Zion” neu auf und würzt das mit den extremsten Anwandlungen der Holocaust-Leugner. Angelegt als polemische Antwort auf Umberto Ecos “Der Friedhof in Prag” bekräftigt er in dem Buch die absolute Aktualität des Standardwerks der Verschwörungstheorien. In anderen Schriften vermengt er Nietzsche, Freud und Evola in einer Verteidigung der arischen Herrenrasse und des reinen, vor-christlichen Europas. Im gemeinsam mit Enrico Rulli verfassten “La Chiave del Caos” (Der Schlüssel des Chaos) verkocht er schwarze Magie und Esoterik zu einer Art “historischem Roman”.

Den Titel entlehnt er womöglich seinem verehrten “Gelehrten”, dem Theoretiker des Neofaschismus Adriano Romualdi, der 1973 bei einem Verkehrsunfall starb. Romualdi erklärt die Wurzeln Europas aus der Symbolik der germanischen Mythen und fordert, dass “man nicht aufhören darf, auf seine innere Stimme zu hören, die fordert, Ordnung zu schaffen und zu unterstützen. Midgard – die Mittelerde, die Welt der Menschen – muss jedenfalls gegen Utgard verteidigt werden, gegen die Kräfte des Chaos, die aus der ‘Außenwelt’ drohen.” Obacht, Romualdi und Casseri meinen das durchaus ernst, eine “neue europäische Spiritualität”, basierend auf den (germanischen) “Wurzeln Europas” soll die Volksgesundung herbeiführen. Durch Abwehr der “von außen” eindringenden feindlichen Kräfte selbstverständlich.

Offenbar nahm Casseri das Schicksal Europas in seine eigene Hand, als er die beiden senegalesischen Wochenmarkt-Verkäufer erschoss, am San Lorenzo-Markt drei weitere verletzte und sich dann, von der Polizei umstellt, im unterirdischen Parkhaus im Herzen der toskanischen Hauptstadt mit seinem .357 Magnum in den Mund schoss. Selbstverständlich distanziert sich “Casa Pound” nun von ihm und beschreibt ihn als Verrückten. Aus der Gruppe Giovanni Iannone wird vermeldet, er wäre nur “Sympathisant” gewesen, “keinesfalls ein Aktivist”, ein Einzelkämpfer also, der nicht direkt mit dem Casa Pound verbunden gewesen wäre. Na dann ist es ja gut. Erstaunlich nur, dass er mehrere Artikel in deren “Ideodromo” veröffentlichen durfte (jetzt natürlich weitgehend von der Seite entfernt), das die ideologischen Leitlinien des Casa Pound Italiana entwirft. Auch der Circolo “Sur Les Murs” in Pistoia, irgendwo zwischen der “sozialen Rechten” und “Giovane Italia” verortet und Berlusconis “Volk der Freiheit” verbunden, wo Casseri mehr als einmal zu Diskussionveranstaltungen eingeladen war, fällt nur “Wahnsinn” ein. Kohärenter nimmt sich das Statement der Storm Front aus: “Casseri einer von uns”.

Ein pseudointellektueller Buchhalter in den besten Jahren also, der in seinen Texten von jüdischer Weltverschwörung faselt, teils durchaus komplexe Pamphlete verfasst, die dazu aufrufen, dass das weiße Europa sich wieder auf seine nordischen Gründungsmythen berufen muss, um zu gesunden. Der die nordischen, germanischen Rassen ständig vom “Chaos” der Außenwelt bedroht sieht, gegen das es sich zu verteidigen gilt. Der den Holocaust leugnet. Soweit ist doch alles in Linie mit seinen Kameraden, nicht zu erkennen, warum Casseri jetzt plötzlich verrückt sein soll, wenn er mit einer Tat genau das ausdrückt, was er in seinem Umfeld seit Jahren propagierte. Und in der Tat schwanken die Kommentare in den einschlägigen Foren auch eher zwischen “Held” und “Idol” und auch das Casa Pound selbst wird wegen der posthum vorgenommenen Distanzierung vom Mörder kritisiert: “Schande!”

Allein sein “literarisches Werk” hatte nicht den gewünschten Erfolg. Der als verschlossen beschriebene Casseri fand weder im Web noch auf der Straße die gewünschte Gefolgschaft. Im Dezember 2004 beklagt er sich angesichts der Aufgabe seiner Publikationen über einen Mangel an “Publikum” und dass das “Milieu” bis auf ein paar versprengte Gruppen nicht mehr existiert. Womöglich trafen sein Stil und die Intellektualität seiner Texte nicht den Nerv der italienischen Neofaschisten, inhaltlich war er ganz bei ihnen. Und es wäre grundfalsch, den Bekräftigungen des “Casa Pound” Glauben zu schenken, dass der geschätzte Redner und Autor nun plötzlich durchgedreht wäre, nur weil er seine Gedanken in die Tat umgesetzt hat. In Casseri ist nicht das Irrationale explodiert, sondern er ist nur ein Teil einer weit beunruhigenderen Entwicklung, die über Norwegen und Sachsen nun auch in der Toskana ihre Entsprechung findet. Saverio Ferrari vom “Osservatorio Democratico” beschreibt das so:

“Im Moment gibt es eine Beschleunigung in ganz Europa und hier in Italien befinden wir uns in einer Phase der Veränderung, weil seit einiger Zeit unsere mit dem Faschismus verbundene Symbolik durch die radikalere und gefährlichere des Neonazismus abgelöst wird, der nichts mit der Symbolik, der Kultur und der Propaganda der italienischen Rechten zu tun hat. Und hierbei gibt es eine objektive Verantwortung derjenigen, die dieser Evolution gegenüber eine Blöße zeigen. Roms Bürgermeister Alemanno, der Präsident der Provinz Mailand Guido Podestà, um zwei Namen aus den Institutionen zu nennen, die diese rechtsextremen Bewegungen unter ihren beschützenden Flügel genommen haben indem sie ihnen Raum zum leben, wachsen und wandeln in noch radikalere Formen gegeben haben. Die an einem Tag explodieren, auf einem Marktplatz in Florenz.”

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Die Playstation hat uns versaut!

von altravita · Mittwoch, 30. November 2011 · 1 Kommentar · 2 Trackbacks/Pingbacks

Fast so wie Fußball

Fast so wie Fußball

Heute früh habe ich einen kleinen Text gefunden, den ich euch nicht vorenthalten will. Einer von diesen Sachen, die man liest und dabei denkt "Schade, dass ich den nicht selbst geschrieben habe", weil er die eigenen Gedanken so schön auf den Punkt bringt. Außerdem habe ich ja mit "Weißt du noch, damals?" und "Wenn Du ein Kind der 70er bist" das Thema schonmal beackert. Nun also G.C. von der formidablen Seite der Fiorentina-Fans "Dodicesimouomo.net":

Die Playstation hat uns versaut!

Klingt wie ein Spruch von Sordi, wenn er einen auf Amerikaner macht, aber ich glaube das wirklich. Die Videospiele, die Playstation als ihr Symbol, sind eines der größten Verhängnisse, die den modernen Fußball je heimgesucht haben.

Ich erklär das mal: Meine Generation ist mit dem gespielten Fußball aufgewachsen, also nicht in dem Sinn, dass das Spiel nach wochenlangem Geschwätz erst kam, wie man das heute versteht, sondern ich meine, dass wir Fußball spielend (und grundlegend war die Dimension des Spiels) aufgewachsen sind. Wir haben überall gekickt: zuhause, in der Schule, auf der Straße, zwischen Autos, auf staubigen Hartplätzen, im Schlamm oder auf Parkplätzen, mit rundlichen Objekten jeder Farbe, jedes Gewichts und jeder Größe. Von Tennisbällen bis zu den Badebällen von Nivea, so groß wie Chaplins Globus.

Und wir haben gelernt, dass der Ball nicht immer dahin geht, wo man ihn gerne hätte. Dass es mindestens genauso einfach ist, einen Pass an den Mann zu bringen, wie ihn zu verhauen. Dass wenn man aufs Tor schießt (das Tor war oft durch zwei Steine, zwei Jacken oder zwei Rucksäcke begrenzt und präzise so hoch, wie der Torwart bei über dem Kopf nach oben ausgestrecktem Arm reichen würde) man vergeben konnte, zu schwach oder zu langsam schießt, den Torwart trifft oder am Ball vorbeitritt. Wir haben gelernt, dass Tritte weh tun, man die aber austeilt und einsteckt. Dass die Guten gut waren und die Schlechten schlecht, aber man ohne die einen wie die anderen keine Mannschaft aufstellen konnte. Dass die eigene Mannschaft immer die beste war. Dass die aus Florenz für die Fiorentina waren und dass wenn dein Papi aus Süditalien kam es also normal war, dass du Napoli, Avellino oder Catanzaro die Daumen gedrückt hast. Und wenn du dich unglücklicherweise dafür entschieden hast, einem der Teams aus dem Norden die Daumen zu drücken, dann bekamst du solange Dresche, bis du dich umentschieden hattest.

Wir sind im Glauben aufgewachsen, dass der Transfermarkt eine bescheuerte Angelegenheit wäre, weil Antognoni sowieso nie zur Juve wechseln würde, dass die in den violetten Hemden zu elft auflaufen genau wie die anderen und dass man also erstmal auf Augenhöhe anfing. Dass wenn die Roma oder Napoli nach Florenz kamen, die Mütter sich Sorgen machten und dich vielleicht an dem Tag nicht ins Stadion gehen ließen.

Dann kam die Playstation: mit einem Tastendruck wechseln Spieler von Manchester United nach Messina, die Formationen werden anhand numerischer Koeffizienten bewertet, die Spieler versemmeln nie eine Ballannahme, einen Pass, einen Torschuss, die Torhüter sind exzellent, die Stürmer dribbeln wie Tomba seinerzeit die Stangen umkurvte und jeder Spieler scheint Maradona.

Und der Schweiß? Und die Zankerei? Und die gegenseitige Verarsche? Und die Freunde, die ausgedachte Fantasiemannschaft, die kaputten Schuhe, die aufgeschlagenen Knie? Und die Strapazen? Nichts gibt es mehr von alledem! Die Anstrengung ist verschwunden, es gibt die freudige Spannung nicht mehr, den Geschmack des Fehlers, bis man daraus gelernt hatte, es gibt nicht mehr das bittere Aroma der Niederlagen, das die Siege im Vergleich so süß machte! Wenn du verlierst, brauchst du einfach nicht abzuspeichern!

Und es gibt keine Zugehörigkeit mehr: heute sind die Kinder für Real oder Barcellona auch wenn sie in Novoli oder Girone aufgewachsen sind. Die Trikots von Rooney sind beliebter als die von Natali, deine Mannschaft ist nur eine Mode wert, wenn sie eine beneidenswerte Trophäensammlung aufzuweisen hat. Man supportet die Gewinner, nicht die Mannschaft, die dich repräsentiert.

Kurz gesagt hat sich das kulturelle Modell der heutigen Gesellschaft, das nur für die und von denen gemacht wurde, die siegen, auf den Fußball ausgebreitet und das auch wegen teuflischer Objekte wie Videospiele.

Euch hat die Playstation ruiniert: wir glauben immer noch an den Fußball, versuchen wir durchzuhalten.

G.C.

Und, liebe Kulturoptimisten: Nein, Videospiele sind kein Teufelszeug und ja, natürlich ist das Gejammer, weil war früher ja eh alles besser war. Trotzdem ist es ein hübscher kleiner Text, der mich eine Menge an meine eigene Jugend erinnert: an "drei Ecken ein Elfer", an Dicke, die immer ins Tor mußten, an die, die immer eine Finte besser waren als man selbst, an "wer ins Aus schießt, muss ins Tor", an Backpfeifen, weil die neue Hose aufgerissen war, an Gebolze nachts um 11 wo man den Ball nicht mehr sah, an Jungs, die jede Mathearbeit versemmelten, aber auf dem Platz die ungekrönten Helden – an Fußball eben, nicht dessen Simulation. Heute kann man sich auf der PS3 Hellas Verona zum DreamTeam für die Champion’s League pimpen und die 10-jährigen bekommen ausgefeilte Taktikschulungen, tragen Adidas adiPower Predator TRX FG Control auf dem akkurat gepflegten Rasenplatz und imitieren den Torjubel ihrer Stars aus der Premier League. Aber wir "waren" Maradona und das kann uns keiner nehmen. Und natürlich schlägt mein Herz für Spieler wie Gattuso oder Jürgen Kohler, die aus ihrem eher limitierten Talent trotzdem eine Karriere machten, weil sie ihre Schwächen mit voller Hingabe über jede der 90 Minuten wettmachen und mich an damals erinnern, als unsere Kindheitsträume befeuerte, dass wir das auch könnten. Die Ibrahimovics und Christiano Ronaldos lasse ich meinem Sohn.

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Streunende Köter Feedback bitte

von altravita · Dienstag, 29. November 2011 · 17 Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

Domenico Mungo: "Streunende Köter"

Domenico Mungo: "Streunende Köter"

Domenico Mungos Streunende Köter (Cani Sciolti) ist am 18.11.2011 auf deutsch erschienen und hier sammeln wir Feedback, Kommentare, Rezensionen, Links, Lob und Beschimpfungen.

So ein Projekt, ein authentisches Buch aus der italienischen Ultraszene im deutschsprachigen Raum erscheinen zu lassen, macht allen Beteiligen jede Menge Arbeit, aber eben auch jede Menge Spaß. Wir hoffen, dass man dem Buch die endlosen Stunden Freizeit und die Leidenschaft anmerkt, die wir in die Ausgabe gesteckt haben. Im Gegenzug freuen wir, also ich als Übersetzer und der Verlag, uns natürlich über jeden einzelnen, der das Buch gelesen hat. Wir hoffen selbstverständlich, dass wir euren Geschmack getroffen hat, das ihr es gern gelesen habt, darüber diskutiert, es vielleicht auch kritisiert, ihr euch also mit einem Stück Ultra-Geschichte aus dem Mutterland der Bewegung auseinandersetzt.

Die ersten Exemplare sind angekommen und die ersten haben es auch schon gelesen. Ich möchte natürlich wissen, wie es euch gefällt bzw. was wir beim nächsten Buch vielleicht besser machen könnten. Insofern sammele ich hier gern euer Feedback, wenn ihr mitmachen wollt: Schreibt eure Eindrücke hier unten in die Kommentare, kommentiert auf Facebook, schickt mir eine Email an info [Kringel] altravita [Punkt] com, falls ihr eine Rezension geschrieben habt, schickt mir den Link und falls ich eure Meinung hier auf altravita.com veröffentlichen darf, dann mache ich das natürlich gern; völlig egal, ob das nun ein Satz oder ein ganzer Artikel ist. Ich würde mich also über jede Meinung, auch Kritik, freuen, die ihr mir zukommen lasst.

Bezugsquellen:

Burkhardt & Partner
Selbstverständlich gibt es hier wieder die Möglichkeit für Sammelbestellungen für Eure Gruppe zum Gruppenpreis: Kontakt dafür gibt es hier!

Rezensionen:
Meine Rezension des italienischen Originals "Cani Sciolti"
Rezension Streunende Köter bei Pfalz-Inferno
Rezension Streunende Köter von Brucki auf “Fußball, Soccer, Calcio & Co.”
Rezension Streunende Köter bei Cantona – Superstar
Auch die “Welt” erwähnt das Buch

Textausschnitte:
Auszug: "Alkohol und Adrenalin"
Auszug: "Eine italienische Tragödie"
Auszug: "Rom, Bahnhof Termini"
Auszug: "Autogrill/2 Secchia Ost, Die vom Kreidesaal"

Interviews:
Interview von Domenico Mungo mit dem Ballsterer
Interview über “Streunende Köter” im aktuellen Ballesterer

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