Es hörte sich so schön an, als Stefano Calvagnas Film “L’ultimo ultrà s” (“Der letzte Ultrà ”) angekündigt wurde: Giancarlo “Sandokan” Lombardi, einer der Führer der Curva Sud, Capo der “Guerrieri”, sollte mitspielen und selbst Shevchenko sollte mit einem Gastauftritt für Authentizität sorgen. Nun, machen wir es kurz, herausgekommen ist ein Film, der mit “Der letzte Scheiss” vermutlich immer noch die Erwartungen zu hoch hängen würde. Satte 90 Minuten verschenkte Lebenszeit hielt die heiß erwartete DVD für mich bereit.
Angetreten war Calvagna mit der Idee, die Passion Ultrà erlebbar zu machen, einen spannenden Krimi um einen während einer Auseinandersetzung erstochenen Fan zu schaffen, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Herausgekommen ist ein formidables Schlafmittel, das Werk lebt bis zum Ende nur von der Wette “Passiert hier noch irgendetwas oder nicht?”. Stefano Calvagna ist glücklicherweise Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person, jeder andere Regisseur hätte Calvagna bestimmt vom Set geschmissen und jeder andere Hauptdarsteller hätte sich geweigert Calvagnas pathetische Monologe zu rezitieren. Dummerweise fehlt jedes Regolatorium und so stolpert unser Held von einem hölzernen Dialog zum nächsten, ohne auch nur einen Gesichtsmuskel zu bewegen, ohne auch nur einmal den Mund zu öffnen. Man möchte ihn am Kragen packen und schütteln, um ihm irgendeine sichtbare Emotion zu entlocken. Irgendwann möchte man auch die anderen Schauspieler schütteln. Und irgendwann möchte man nur noch, dass das Elend von wenigstens einer Werbeunterbrechung belebt wird.
Die Frauen sind alle ausnehmend hübsch und verfallen sämtlichst vom Fleck weg dem Hauptdarsteller. Einem Protagonisten, der nicht nur nicht besonders hübsch anzuschauen ist, sondern völlig abgerissen in einem Hotel am Lago di Garda haust und sich bruchlos durch sämtliche Szenen nuschelt. Völlig nachvollziehbar, dass jedes der den Film bevölkernden feengleichen Wesen sich ihm stante pede an den Hals wirft. Genauso realistisch geht es dann auch gleich weiter: Die wenigen Kampfszenen sind dermaßen schlecht gestellt und von derart affig maskierten Ultrà -Darstellern gespielt, dass man sich einen Auftritt von Bruce Lee herbeisehnt. Mehr als an violente Auseinandersetzungen von heißblütigen Fans erinnert das Theater an eine Gruppe 10-jähriger, die sich bei Mc Donald’s um die Geburtstagstorte balgt. Und überhaupt Theater: die Dialoge zwischen dem wohlmeinenden Vater und “Luca” (oder wie der Hauptdarsteller gerade heißt, er ist ja auf der Flucht) hätten in einer Shakespeare-Aufführung im Provinztheater von Santo Stefano al Mare vielleicht noch irgendjemand Verwirrten zum Klatschen animiert, im Umfeld eines um seinen gewalttätigen Sohn besorgten Vaters sorgen die hölzernen Rezitationen höchstens für ein gezieltes Zucken zur Fernbedienung.
Handlung hat “L’ultimo ultrà s” wohl auch. Zu Beginn ersticht “Luca” einen gegnerischen Ultrà , versteckt sich am Gardasee (wenigstens das wird deutlich, dasselbe Seepanorama mit der selben Fähre wird gefühlte 12 mal eingeblendet), wird von einem anderen bösen Ultrà (Lombardi) erpresst, wählt seine Lieblingsfrau aus, die sich dann am Ende ausgerechnet als… und diese armselige Wendung aus dem Handbuch des Kurses “kreatives Schreiben für Damen im besten Alter” spare ich jetzt aus, obwohl diese brunzdämliche Volte noch einmal einen besonderen Lacher verdient hätte.
Insgesamt ein höchst enttäuschendes Machwerk, dass im Laufe der anderthalb Stunden aber auch die letzte Hoffnung auf irgendwelche wenigstens banale Unterhaltung abwürgt. Eine “Story”, die unglaublich langweilig zwischen hundertprozentiger Vorhersehbarkeit und völlig absurden und nicht nachvollziehbaren Wendungen oszilliert und am Ende höchstens die Frage aufwirft, wieso sich jemand derart den Abend versauen sollte, wenn doch im Fernsehen gleichzeitig Eisstockschießen aus der zweiten dänischen Liga übertragen wird. Darsteller, von denen kein einziger jemals irgendeine Mimik praktiziert und dazu passende Dialoge, die in ihrer kompletten Ironiefreiheit 1. Mai-Demonstrationen in der SBZ entnommen scheinen.
Beste Szene ist die Eingangssequenz, in der eine Horde Ultrà s auf Auswärtsfahrt Schlachtgesänge verbreitet. Die wacklige Handkamera sorgt für eine halbwegs authentische Stimmung. Die dauert allerdings leider nur zwei Minuten an, dann fliegen Steine gegen den Bus, man steigt aus und man sieht einen Haufen Jugendlicher, die erst versuchen, so zu tun, als würden sie sich hauen und dann so zu tun, als würden sie betroffen dreinschaun. Schlechteste Szene ist der ganze Rest, wobei sich die obligate “Liebeszene” zwischen “Luca” und seiner Herzensdame eine besondere Erwähnung verdient. Mit einer halbnackten Dame auf dem Schoss muss man erst einmal so bärchenhaft knuddelig dazusitzen verstehen, zumal als vermeintlich brutaler Messerstecher mit Problemen in der Frustrationstoleranz. Da hatte sich die Dame sicherlich anderes versprochen. Wer nicht?
Hier noch der Trailer. Offensichtlich hatte man nicht genügend zeigenswerte Szenen:
PS: Shevchenko wäscht sich übrigens gerade auf dem Klo die Hände, als ihn “Luca” unvermittelt anspringt und ihm einen Monolog über das Herz von “Ultrà ” an und für sich aufsagt. Als sich unser Hauptdarsteller durch das Pamphlet gewürgt hat, klopft ihm Sheva lieb auf die Schulter. Aber er lacht wenigstens nicht. Grande Sheva!
Du kamst mir groß vor, riesengroß, als ich klein war
warst mein guter Riese der mit mir Versteck spielte
und das Herz schlug mir bis zum Hals während ich wartete
glücklich, mich zu verstecken, aber auch, dass du mich dann findest.
Du kamst mir stark vor und manchmal hatte ich auch ein bisschen Angst
aber du warst mein braves Pferd und der Teppich war die Prärie
und ich stieg ab und ging in deinen schweren Schuhen
zwischen Bergen aus Sesseln mit meinen Riesenschritten.
Es war süß, unglaublich süß,
ich erinnere mich daran und ich sage es dir
du warst mein großer Held
du warst mein erster wahrer Freund
Trotzdem bist du geschrumpft damals in den ersten Schuljahren
kamst spät nach Hause und die Mamma war immer allein
ich bin plötzlich aufgewacht und ich habe euch noch schreien gehört
du warst immer nervöser und hast mir einfach nicht mehr zugehört
Andere Male hast du mich gehauen und deine harten Worte
haben mir nichts als eine Welt voller Ängste eröffnet.
Du warst nicht anwesend und unnahbar
ich habe dich gehasst und ich sag dir auch das
in meinen Träumen warst du der schwarze Mann
für eine Weile warst du mein Feind.
Und ich trug dein Blut in mir wie einen Trauerflor
aber aus lauter Frechheit hat mein Herz dich trotzdem geliebt
und jetzt, Papi, schreibe ich dir wie damals als Kind,
wie als wir Versteck spielten.
Und jetzt ist es kalt, halt, unglaublich kalt
ich weine während ich dir das sage
worauf wartest du noch
Papi, wenn du mein Freund bist?
Es war süss, es war unglaublich süß,
ich hab’s jetzt verstanden und ich schreibe es dir
wie oft muss ich noch verrecken,
um mich noch einmal lebendig zu fühlen?
Mi sembravi alto altissimo quando ero piccolino
eri il mio gigante buono che giocava a nascondino
mi batteva forte il cuore mentre stavo ad aspettare
felice di nascondermi ma anche di farmi trovare.
Ti sentivo forte e a volte mi facevi un po’ paura
ma eri il mio cavallo docile e il tappeto la pianura
e scendevo e camminavo nelle tue scarpe pesanti
fra colline di poltrone coi miei passi da gigante.
Era dolce era dolcissimo
lo ricordo e te lo dico
eri il mio più grande eroe
eri il primo vero amico
Sei però rimpicciolito i primi anni della scuola
tornavi tardi a casa e la mamma sempre sola
mi svegliavo d’improvviso e vi sentivo ancora urlare
eri sempre più nervoso e non mi stavi ad ascoltare
Altre volte mi picchiavi e le tue parole dure
spalancavano soltanto una vita di paure.
Eri assente irraggiungibile
io ti odiavo e te lo dico
eri in sogno l’uomo nero
eri a un tratto il mio nemico.
E ho portato come un lutto il tuo sangue nelle vene
ma il mio cuore per dispetto ti voleva ancora bene
e ora babbo te lo scrivo come quando ero bambino
come quando per trovarci giocavamo a nascondino.
E ora è freddo anzi freddissimo
piango mentre te lo dico
cosa aspetti ad arrivare
babbo se mi sei amico
Era dolce era dolcissimo
l’ho capito e te lo scrivo
quante volte io dovrò morire
per sentirmi ancora vivo?
In Italien endet ein Fussballspiel keineswegs nach 90 Minuten. Denn dann beginnt die Zeitlupe. In der Pressekonferenz nach dem historischen Sieg seines F.C. Internazionale gegen Chelsea äußert sich der selbsternannte Startrainer Josè Mourinho zu einem möglichen Elfmeter für die (vom Spiel gegen Bayern München noch waidwunde) Fiorentina gegen den AC Milan im vorabendlichen Nachholspiel der Liga. Vermutlich muss man Deutscher in Italien sein, um die Bedeutung seiner Kritik überhaupt wahrzunehmen: “Mou”, wie ihn seine Jünger liebevoll nennen, hat nach dem ersten Sieg seines Teams gegen eine europäische Spitzenmannschaft nach vielen Jahren nichts wichtigeres im Kopf, als sich einer vermutlichen Benachteiligung seines Teams in der italienischen Serie A (und Bevorzugung der Meisterschafts”konkurrenten” zu widmen. Die Tatsache, dass es für Chelsea ebenso einen Strafstoss in der 45. Minute hätte geben müssen, wird vom unbeugsamen Kämpfer für sportliche Gerechtigkeit nicht weiter erwähnt.
Soweit, so normal, Mourinhos psychologische Spielchen, um das Fanvolk zu dirigieren, die Mannschaft aus dem Medienfokus zu nehmen und Schiedsrichter wie Gegner unter Druck zu setzen, sind so bekannt wie abgenutzt und führen typischerweise zu Strafzahlungen und Sperren. Sein hochsouveräner Veitstanz nach dem Heimspiel gegen Sampdoria brachte ihm aktuell 3 Spieltage auf der Tribüne ein. Mourinho braucht die Medien, die Medien brauchen Mourinho und die Fans – eigene wie gegnerische – brauchen ihn sowieso: Als Heiland oder Feindbild. Interessant ist eher, dass er bereits seit Wochen mit voller Verve am uritalienischsten aller Spiele partizipiert, um die Medien in die von ihm gewünschte Richtung zu bewegen: die Zeitlupe, “la moviola”.
“Das Problem in Italien ist, dass man für 2 Stunden über Elfmeter unterhält und das Spiel selbst in den Hintergrund rückt. Hier in England gibt es keine Zeitlupe und es gibt sie nicht einmal in Frankreich oder Spanien, es ist eine rein italienische Einrichtung. In England verlässt ein Trainer 15 Minuten nach dem Spiel das Stadion, in Italien vergehen 2 Stunden, weil man über einen Elfmeter spricht.”
(Flavio Briatore, nach Inter-Roma)
Nun, Zeitlupensequenzen, um sich eine Spielszene oder eine Schiedsrichterentscheidung noch einmal anzuschauen, gibt es sicher auch in den von Herrn Briatore angesprochenen Ländern, aber das ist nur entfernt mit “la moviola” verwandt. Nur in Italien werden strittige Schiedsrichterentscheidungen – mindestens – wochenlang diskutiert und der Höhepunkt der Hysterie dauert seit dem Ende von “Calciopoli” weiterhin an. Nun aufs beste befeuert vom guten Josè, aber er befindet sich in allerbester Gesellschaft.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Immer und immer wieder. Aus hunderten Kamerablickwinkeln werden Abseits, Freistoss- und Elfmeterentscheidungen in dutzenden Fernsehshows ins kleinste Detail analysiert. Die drei großen Printmedien für Sportberichterstattung haben eigene Experten und eine eigene Rubrik zum Thema. Zudem äußern sich in den Tagen nach dem Spiel praktisch alle Spieler, Ex-Spieler, Ex-Schiedsrichter (die Schiris selbst dürfen sich nicht äußern), Greenkeeper und Balljungen zu den Szenen. Selbstverständlich auch die Fans: Wer des Italienischen mächtig ist, wird beim Stöbern in den Fanforen der Gazzetta dello Sport leicht feststellen, dass es vor dem und während des Spiels häufig um Fußball geht. Spätestens nach Schlusspfiff geht es praktisch nur noch um den Schiedsrichter.
Und so beginnt jeden Montag eine laut tösende Agonie im Land, die man entweder meidet oder die einem den Spaß am Fußball gründlich verderben kann. Denn natürlich kommt auch die detaillierteste Exegese aller verfügbaren Fernsehbilder niemals zu einem klaren Ergebnis. Im zur Debatte stehenden Fall (der Elfmeter für Florenz, nicht etwa der für Chelsea, Gott bewahre!), wird man dann über jedes denkbare Medium darüber aufgeklärt, wer jetzt genau zur Spielszene welche Meinung hat: Hat Schiedsrichter Rossetti – wie von ihm selbst erklärt – schlichtweg Vorteil laufen lassen, weil Stürmer Nilmar trotz Fouls an Montolivo an den Ball und aus 2 m Torentfernung frei zum Schuss kam, nun dummerweise aber auf Milan-Torhüter Abbiati traf? Hat er den Kontakt zwischen Thiago Silva und Montolivo nicht gesehen? Hat er eine Schwalbe vermutet? Hat Montolivo den Fall akzentuiert, als sich Silva bei einer Körperdrehung nicht abschütteln ließ? Kann man im Strafraum überhaupt Vorteil laufen lassen? Was wäre passiert, wen Nilmar ein Tor erzielt hätte, der Schiri dies anulliert und Elfmeter gepfiffen hätte, der aber nicht verwandelt worden wäre?
Und das ist nur eine Auswahl an Diskussionen, die sich seit Sonntag durchs Land ziehen. Jeden Sonntag. Nach jedem Spiel. Und so kann den auch jeder italienische Fußballfan mühelos aus der Erinnerung Statistiken aufsagen, welches Team in der Zweitliga-Saison 1967/68 von welchem Schiri in welcher Situation bevorzugt bzw. benachteiligt wurde. Und weil Fußball keine exakte Wissenschaft ist sind diese Statistiken natürlich höchst individuell und haben nur eines gemeinsam: Das eigene Team wird immer benachteiligt. Denn eines kann auch die ausgefuchsteste “Moviola” nicht heilen: dass der Fan einen Elfmeter oder eine Abseitsentscheidung gegen seine Mannschaft ganz anders bewertet als einen oder eine für seine Mannschaft.
Die exponentielle Vermehrung des medialen Hintergrundrauschens durch die Verbreitung des Internets wie auch die Schockwelle des Bestechungsskandals Calciopoli haben das Phänomen “Moviola” aber nur ins unerträgliche verstärkt. In einem Land, das 3 tägliche Sportzeitungen unterhält und in dem jede Tageszeitung täglich (!) mehrere Seiten dem Fußball widmet, war die Schiedsrichter-Analyse schon immer Passion. Denn natürlich müssen alle diese Kommunikationskanäle auch irgendwie mit Kommunikation gefüllt werden. Und da ein Spiel auch hier nur 90 Minuten dauert, muss es eben unendlich in die Länge gezogen, diskutiert, analysiert, zerstückelt und bewertet werden. Auch wenn natürlich danach weiterhin seine eigene Meinung zum Fall hat. So wie die Anhänger Inters weitgehend den Erleuchtungen ihres Messia folgen und ein undurchsichtiges “Komplott” gegen den eigenen Verein vermuten (der knappe 60 Ligaspiele ohne Elfmeter gegen sich verbuchte und sich gerade anschickt, zum fünften mal nacheinander die Meisterschaft zu gewinnen). So wie sich die Anhänger der Viola sowieso seit Jahrzehnten benachteiligt fühlen wie deren Präsident della Valle diese Woche noch einmal gesondert erklärte. So wie der AC Milan vor 2 Jahren auf der offiziellen Website eine minutiöse Auflistung der Schiedsrichterbenachteiligungen veröffentlichte, gleich mit “korrigierter” Tabelle. So wie die Anhänger der “Alten Dame” Juve sich seit Calciopoli sowieso benachteiligt sehen, weil es “da oben” noch “etwas gutzumachen” gäbe. So wie sich der AS Roma und Napoli sowieso seit Jahrzehnten unterdrückt sehen. So wie eigentlich alle anderen Mannschaften auch.
Das ist ja das eigentlich absurde an dem ganzen Theater: Am Ende werden alle immer nur benachteiligt. Selbst wenn man konstatiert, dass 9 von 10 Schiedsrichtern den Elfmeter für Florenz gegeben hätten, hat man als Milan-Fan fest im kollektiven Gedächtnis eingebrannt, dass man ja zwei Spieltage vorher im Spiel gegen Livorno auch skandalös um einen ebensolchen gebracht wurde, als der verteidigende Stürmer Christiano Lucarelli den stürmenden Verteidiger Thiago Silva im Strafraum legte. Was natürlich niemals ein Fan Livornos zugeben könnte, weil Livorno ja seinerseits wegen der politischen Gesinnung seiner Fans systematisch verfolgt wird. Und so dreht sich das Karussell lustig immer weiter, bis es am Ende nur noch Verlierer gibt: Die eigene Mannschaft verliert sowieso, weil die ja immer benachteiligt wird. Aber es verliert auch der Sport, denn Flavio Briatore hat recht: Fußball-Italien ist Gefangener der Zeitlupe. Niemand nimmt sich mehr Zeit für eine Spielanalyse. Im Land, in dem Ergebnisse mehr zählen als irgendwo sonst, zerfällt das Spiel in Episoden, Bruchstücke, Splitter.
Kaum jemand verliert ein Wort darüber, dass die Fiorentina ein hervorragendes Spiel abgeliefert hat, den AC Milan weitgehend im Griff hatte. Dass der Ex-Rossonero Gilardino ein Tor erzielte. Dass Milan zwar kaum präsent war, aber trotzdem mehr hochkarätige Torchancen hatte, die vom Torhüter Frey vereitelt wurden. Dass die Fiorentina stolz sein könnte über die Mannschaftsleistung und die Tabellensituation doch sowieso weder nach oben noch nach unten irgendwelche Revolutionen zulässt. Dass die Viola trotz massiver Feldüberlegenheit trotzdem kaum aufs Tor geschossen hat und sich am Ende zwei kapitale Abwehrschnitzer leistete und das Spiel noch aus der Hand gab. Das alles spielt keine Rolle, wenn man ich die Niederlage in einen gefühlten Sieg diskutieren kann. Denn schöner, als den großen AC Milan zu besiegen ist nur, sich zum “Sieger der Herzen” zu erklären und die moralische Deutungshoheit zu erstürmen. Jedenfalls bis Samstagabend, im Spiel gegen Lazio wird dann wieder jemand vom “Komplott” zur unverdienten Niederlage gemeuchelt. Spannend ist nur, wen von beiden es diesmal trifft.
Dabei ist das perfideste, dass man sich der Krake “Moviola” nicht entziehen kann. Selbst wenn man es schaffte, ein Spiel am TV ohne Ton zu verfolgen, keine Zeitungen und kein Internet zu lesen, kein Facebook, kein Twitter und überhaupt nur noch amerikanische Bücher zu konsumieren: Spätestens Montagfrüh im Büro, an der Bar, an der Tankstelle wird man dann in den Strudel gerissen. “Ladri” (Diebe) heisst es dann, wahlweise auch “Avete rubato!” (Ihr habt geklaut!) und spätestens dann sollte man seine Statistiken fehlerfrei abrufbereit haben, um dem erregten Fanvolk unter die Nase zu reiben, dass es ja damals im Spiel Poggibonsi gegen Juve, im Frühling 1934, auch nicht mit rechten Dingen zuging und man mal ganz still sein sollte. Denn ob einen das italienische Ritual der wochenlangen Phantomdiskussionen über Millimeter-Abseitsentscheidungen im Vollsprint, die der “gekaufte” Schiedsrichter womöglich falsch bewertet hat, nun gefällt oder nicht, teilnehmen muss man trotzdem.
Ich weiß nicht, ob der italienische Fußball wirklich vor die Hunde geht. Aber wohin auch immer er geht – er geht in Zeitlupe. Als Mourinhos Nachfolger auf dem Chelsea-Trainerstuhl, der Ex-Milan-Coach Ancelotti, gefragt wurde, wie er denn den nicht gepfiffenen Elfmeter für sein Team sähe, antwortete der: “Ich bin es nicht mehr gewohnt, solche Dinge zu kommentieren.”
Selbst dem Spiegel Online war es eine Meldung wert, dass sich bei Facebook eine Gruppe von 1.800 Spassvögeln unter dem Motto “Tiro a segno sui down” (“Zielschiessen mit Down-Kindern”) zusammengeschlossen hatte. Mittlerweile ist diese Selbsthilfegruppe für Gehirnamputierte schon wieder verschwunden und eigentlich erübrigt sich jeder Kommentar jenseits des schönen italienischen Sprichworts: “Die Mutter der Vollidioten ist immer schwanger”. Weil ich mich aber gerade mit meinen Beiträgen zu “Si può fare“ und “Matti per il calcio“ mit dem Thema psychiatrische Krankheitsbilder beschäftigt habe, will ich mich auch zu den wahrhaft intellektuell Begabten bei Facebook äußern. Oder besser noch: Ich übergebe das Wort an Francesco Totti, denn allzuviel fällt mir zu dieser Anhäufung von ungefickten Soziopathen nicht ein, die Kinder, deren Vergehen darin besteht, mit dem Down-Syndrom geboren zu sein, als “inutile peso” (“sinnloses Gewicht”), “ignobili creature” (“unwürdige Kreaturen”), “stupidi esseri buoni a nulla” (“zu nichts gute Blödgestalten”) bezeichnen.
Francesco Totti äußerte sich im Blog “Diversamente aff-abile“ der MS-Erkrankten Journalistin Fiamma Satta wie folgt:
“Ich sehe sie jeden Samstag in meiner Fussballschule und für sie, nur für sie, arbeite ich als Trainer. Sie sind meine anderen Kinder, diese Gruppe von divers begabten Kindern, die in meinem seit 4 Jahren bestehenden Projekt mit Erfolg Fussball spielen. Wie ich es schon in meinem Buch ausgedrückt habe, das ich genau ihnen gewidmet habe, sind alle Kinder gleich und wenn sie Fussball spielen rufen alle “Ey, gib mir den Ball”; die sogenannten Normalen und die sogenannten Andersartigen, so dass ich das Projekt, das sich ihnen widmet, mit ein bisschen Ironie, die braucht man immer, “Geben wir der Andersartigkeit einen Tritt” genannt habe. Mich bewegt und reisst mit, wenn ich sie trainiere: um manche Hürden zu überwinden hilft manchmal eben auch ein Ball. Sie spielen und besiegen die Schüchternheit, die Angst, als etwas Abartiges gesehen zu werden, auch die Wut über bestimmte absurde Behandlungen, mit denen sie von den sogenanten Normalen bedacht werden, oft selbst ohne böse Absicht. Ich beobachte sie, ich verbringe Zeit mit ihnen und dann fällt mir immer ein, dass wir glauben, wir müssten ihnen, den andersartig Begabten, helfen sich zu bewegen und viele Dinge zu verstehen, wohingegen wir am Ende erstaunt feststellen müssen, dass es viel mehr sie sind, die uns viele Dinge beibringen.”
(Francesco Totti)
“Li vedo tutti sabati alla mia scuola calcio e per loro, solo per loro, faccio l’allenatore. Sono gli altri miei figli, il gruppo di ragazzi diversamente abili che, nel mio progetto che va avanti da quattro anni, giocano a pallone con successo. Come ho messo anche nel libro che ho dedicato proprio a loro, i bambini sono tutti uguali e quando giocano a pallone fanno “Ahò, passame la palla”. Quelli cosiddetti normali e quelli cosiddetti diversi, tanto che il progetto che li riguarda l’ho chiamato, con un po’ d’ironia, che ci vuole sempre, “Diamo un calcio alla diversità ”. Quando li alleno mi emoziono, mi commuovo: per vincere certe barriere può servire anche un pallone. Loro giocano e vincono la timidezza, la paura di essere considerati particolari, anche la rabbia di certi trattamenti assurdi che i cosiddetti normali gli regalano, spesso anche senza volere. Li guardo, sto con loro e mi viene sempre in mente che noi pensiamo di doverli aiutare, i diversamente abili, a muoversi, a capire molte cose, invece, alla fine, scopriamo che sono loro a insegnare tante cose a noi”.(Francesco Totti)
Nun ist es hoffnungslos zu erwarten, die Angesprochenen würden in sich kehren, um in der weiten Leere ihres Kraniums irgendwo zwei Neuronen zusammenzufegen, die ihnen das gesamte große Glück des Umstands erläutern, dass die Wissenschaft für ihre Spielart der völligen geistigen Umnachtung noch keinen Fachbegriff gefunden hat. Aber ich erwarte, dass jeder, der mit solcherart Schwachsinn konfrontiert wird, den Betroffenen unzweideutig seine Meinung mitteilt. Denn diese – wie jede faschistoide – Spezies reisst ihr Maul nur gegen die vermeintlich Schwachen auf.
Ebenso wie “matti per il calcio” ist der Film “Si può fare” (“Das kann man machen”) den über 30.000 sozialen Kooperativen gewidmet, die sich ab den 80er Jahren den unter dem “Legge Bersani” aus den italienischen geschlossenen “Irrenanstalten” entlassenen Menschen mit psychiatrischen Auffälligkeiten Arbeit, Beschäftigung und teilweise selbstbestimmtes Leben ermöglichten. Der 2008 erschienene Kinofilm von Giulio Manfredonia hat zudem den in allen Belangen großartigen und in Italien sehr verehrten Comedian Claudio Bisio aus dem mindestens ebenso beliebten Cabaret-Programm “Zelig” in der Hauptrolle. Und Claudio Bisio verspricht neben brilliantem Wortwitz eine schauspielerische Präzision, dass ich mir den Film schon fett markiert hatte, bevor er endlich in meinem Provinzkino aufschlug.
“Welche Rolle in einer Gemeinschaft kann jemand einnehmen, der nie spricht und dessen Lebenslauf armselig ist? Den Präsidenten!”
(Nello)
“Si può fare” ist eine Komödie, eine hintergründige, tiefsinnige, aber dabei ungemein entspannte Komödie, die mit ungeahnter Leichtigkeit ein gar nicht so leicht zu beackerndes Thema behandelt, so dass man sich zunächst ganz entspannt zurücklehnen und laut loslachen kann. Nun weiß ich nicht, wie es der üblichen Betroffenheitsfraktion geht, ich fand mich hervorragend unterhalten, habe stellenweise laut gelacht und ganz nebenbei eine saubere Lektion über das Leben erhalten. Eine Komödie über geistig Behinderte? Kann man machen! Hauptsache, man macht es gut.
“Ich gebe denen nicht recht, weil sie verrückt sind. Ich habe sie immer als Gleiche behandelt. Wenn sie mich aufregen, rege ich mich auf: das ist Respekt.”
(Nello)
Nello (Claudio Bisio) ist 1983 ein Mailänder Gewerkschafter und nicht nur sein Äußeres erinnert an Lenin, auch seine Argumentation lässt keinen Zweifel an der politischen Ausrichtung des Mannes. Nun besitzt er auch einen Kopf zum Denken und sein gerade erschienenes Buch zu Fragen des Marktes wird von seinen stalinistischen Kampfgenossen nicht eben begeistert aufgenommen und so findet er sich kurz darauf abgeschoben auf dem Platz des Chefs der “Cooperativa 180″ wieder, eine der zehntausenden Projekte für Behindertenarbeit, die nach dem Basaglia-Gesetz (legge 180) in ganz Italien entstanden. Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt und Nello erkennt schnell, dass von ihm nicht wirklich eine Arbeit erwartet wird: Bei seinem ersten Besuch tropft er vom professionell überheblichen medizinischen Leiter der Institution ab und wird von den Briefmarken klebenden und schwerst medizinierten Patienten bestenfalls höflich ignoriert, andernfalls auch aggressiv abgelehnt. Kleiner glatzköpfiger Weltrevoluzzer trifft mit seinem vollen Enthusiasmus auf eine unterdrückte Arbeiterklasse, die sich partout nicht retten lassen will. Sein erster Arbeitstag endet mit einer blutigen Nase. Ein erster Sprenkel rot im grauen Klinikalltag.
“Wenn er wütend wird, sag ihm, dass ich als letzter unterschrieben habe…”
(Fabio)
Aber so schnell lässt sich Nello nicht aufhalten. Er will Veränderung und Veränderung soll es sein. Völlig frei von Erfahrungen auf dem Gebiet und mit einer gehörigen Portion Naivität nimmt er sich vor, das Wort “Kooperative” mit Leben zu füllen – eine herrschaftsfreie Zusammenarbeit erwachsener Menschen. Er ruft also die Meute zusammen und erklärt ihnen den Sinn und Zweck einer Kooperative und gemeinsam erarbeitet man Rollen in dem zu entstehenden Räderwerk. Jeder nach seinen Möglichkeiten, jedem nach seinen Leistungen. Und überhaupt sei Briefmarkenkleben keine angemessene Arbeit – gemeinsam einigt man sich darauf, den Markt für Parkettlegearbeiten aufzumischen. “Gemeinsam” bleibt fortan das bestimmende Wort und der Stolz der derart mit Achtung und Verantwortung ausgestatteten Mitglieder der Kooperative drückt sich zunächst einmal in Staunen und Verwunderung aus.
“Wir sind völlig raus aus der Stadt! Diese Strassen gibt es gar nicht!”
(Ossi, als man in Mailand stundenlang an einer Baustellenumleitung verharrt)
Und die “Cooperativa 180″ macht sich an die Arbeit. Wie zu erwarten läuft in dem verrückten Haufen mehr schief, als Nello sich erwartet hatte, aber langsam nimmt das Projekt Gestalt an. Und was für eine Gestalt – die Telefonistin ist leicht nymphoman, telefoniert aber gern. Der Fahrer ist ein verhinderter Formel 1-Pilot, seine Krankheit erlaubt ihm aber nur, ausschließlich den 2. Gang zu benutzen. Und der Buchhalter kann hervorragend mit Zahlen umgehen, steht mit diesem Talent allerdings weitgehend allein da, der Rest der Gruppe mag sich nur schwer an dessen Präzision gewöhnen. Die Krankheitsbilder und Besonderheiten der bunten Truppe sind derart vielfältig, dass es tägliches Kopfzerbrechen braucht, den über sie hereingebrochenen Gemeinschaftssinn aufrechtzuerhalten. Nun, und Luca und Gigio (Giovanni Calcagno und Andrea Bosca) entdecken ihre künstlerische Ader ausgerechnet in dem Moment, als sie in einem eher aristokratischen Klub den erzkonservativen Inhaber mit einem fein ziselierten gigantischen fünfzackigen Stern auf dem Fussboden überraschen – den Jungs war das Parkett ausgegangen und sie erfanden das Kunstwerk aus Versägestücken und sonstigen Resten.
“Wir machen alles aus Abfall, das hier ist eine Kooperative aus Abfall.”
(Ossi)
Zu aller Überraschung ist das Kunstwerk ein Erfolg und fortan wird die Cooperativa mit Aufträgen überschwemmt. Ganz langsam und in kleinsten Schritten erarbeitet sich die Kooperative ihr Selbstbewusstsein sind alle noch überzeugt von dem, was ihnen ein Leben lang eingebleut wurde, dass sie nichts wert seien und nichts können. Aber von Arbeit zu Arbeit, von Sieg zu Sieg, im Arbeitsalltag wie bei ersten Kontakten mit dem anderen Geschlecht, begreifen die Patienten, dass sie trotz ihrer mannigfaltigen Limitierungen weit mehr sind als fremdbestimmte Kinder. Nello beschliesst, die Medikation zu verringern und nachdem er sich beim Arzt Del Vecchio (Giorgio Colangeli) einen Korb holt, holt er den jungen und modern denkenden Dottore Furlan (Giuseppe Battiston) ins Boot. Die Medikamentendosis wird reduziert und mit Mitteln der Europäischen Union zieht die Gruppe in einen neuen Sitz ein. Nun stelle man sich diesen von den neuen Freiheiten völlig überdrehten Haufen vor, dem es an Problemen nicht mangelt: Der smarte Gigio verliebt sich in eine Kundin, der Ausflug der durch die Reduktion an Tranquilizern enthemmten Truppe auf den Straßenstrich sorgt für allgemeine Belebung und das wachsende Selbstbewusstsein der Truppe macht Nello insgesamt mehr Probleme als erwartet.
“Wir sind verrückt, nicht bescheuert.”
(Luca)
Aber man wächst zusammen und alle Beteiligten sind immer wieder überrascht, zu welchen Leistungen man gemeinsam fähig ist. Eine Leistungsfähigkeit, die den Patienten von der Gesellschaft ein Leben lang abgesprochen wurde. Selbstverständlich macht es Freude, den ihre neue Welt entdeckenden Patienten bei der kindlichen Eroberung des Planeten zuzuschauen. Auch tragische Verluste muss die Truppe einstecken, Selbstzweifel, Angst und Resignation. Zwischenzeitlich hat es den Anschein, als hätte man sich übernommen und würde an äußeren und inneren Hürden letztlich dann doch scheitern und den Zweiflern recht geben. Aber erstaunlicherweise ist es am Ende der chronisch skeptische Doktor Del Vecchio, der Nello zum Weitermachen verpflichtet und ihm seine nicht für möglich gehaltenen Erfolge auflistet. Der Institutsleiter beschwört Nello, seine unglaubliche Arbeit nicht aufzugeben und weiterzumachen. Und so schliesst der Film mit einem Blick über die neu eingetroffenen Helfer aus anderen Kooperativen und einem Schwenk über die bereits vorgefertigten Parkettteile für einen Riesen-Auftrag für die Pariser Metro. Sie haben es geschafft.
“Die haben gegen dich gestimmt. Hast du nicht begriffen, dass das dein schönster Sieg ist?”
(Doktor Furlan)
“Si può fare” ist eine erfrischende und blitzgescheite Komödie, besser: Tragikkomödie, über das Leben aus verschiedenen Blickwinkeln. Jeder der “Cooperativa 180″ bringt seine Stärken in die Gruppe ein und jeder einzelne macht die Gruppe stärker. Ausgehend vom Krankheitsbild ergibt sich ein facettenreicher, mosaikartiger Blick auf all unsere Selbstverständlichkeiten des “normalen” Lebens und so lernt Nello im Laufe seiner Arbeit mindestens ebensoviel hinzu wie seine Mitstreiter. Unter anderem, dass die Weltrettung in kleinen Dingen beginnt und sein eigenes Leben mindestens ebenso planlos organisiert ist wie das seiner neuen Mitstreiter. Ein streckenweise unglaublich lustiger Film mit geistig Behinderten, der gänzlich ohne erhobenen Zeigefinger oder sonstiges Gutmenschentum daherkommt und sich niemals zu ernst nimmt: Kommunistische Weltverbesserer werden ebenso vorgeführt wie die unsägliche Ignoranz der angeblich geistig leistungsfähigeren Normalbevölkerung. Und ein Film über die Freundschaft, den Willen, auch im Kleinen die Welt zu verändern und den Spass am Leben – völlig unabhängig davon, was die Mehrheit als Leben gerade definiert.
“Sportdirektoren, die Schiedsrichter in der Umkleide einsperren, abgehörte Schiris und Spieler, verkaufte Meisterschaften. Es reicht, die sollen ihren Fussball behalten. Die Kranken sid die, nicht wir. Die Leute sollten die Fernsehgeräte abschalten und unsere Spiele anschauen kommen, denn unserer ist der wahre Fussball: der Staub, der Schlamm, die Tore mit völlig zerrissenen Netzen. Und vor allem der Wunsch, zusammen zu sein. Ein gesunder, gesundester, Fussball, sogar therapeutisch. Denn mir hat der Fussball das Leben gerettet. Im wahrsten Sine des Wortes.”
Carlo Strappaghetti, Kapitän von Gabbiano, Italienischer Meister der Spielserie für geistig Behinderte
“Matti per il calcio“ (“Verrückt nach Fussball” und “Verrückte für den Fussball”, das schöne Wortspiel hat leider keine deutsche Entsprechung) ist der Titel einer Dokumentation des italienischen Staatsfernsehens RAI von Wolfango de Biasi und Francesco Trento über den Spielbetrieb der Mannschaften für Menschen mit geistigen Krankheitsbildern. 1978 wurde in Italien das Basaglia-Gesetz verabschiedet (legge 180/78), welches das bis dahin übliche Wegsperren geistig Behinderter abschaffte und einen Weg ebnete, mental kranken Menschen eine Teilhabe am “normalen” Alltagsleben zu ermöglichen. Den so “Freigelassenen” widmeten sich unzählige Initiativen, die den Kranken ermöglichen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, ihre Talente auszuleben und ihre Menschenwürde zurückzugewinnen.
“Die Verrücktheit ist eine menschliche Eigenheit. Das Irre existiert in uns genauso wie die Vernunft. Das Problem ist, dass die Gesellschaft, um sich tatsächlich gesund nennen zu könen, das Verrückte genauso wie die Vernunft akzeptieren müsste. Stattdessen nutzt sie eine Wissenschaft, die Psychiatrie, das Verrückte in eine Krankheit zu übersetzen mit dem Ziel, diese auszurotten. Hier haben die geschlossenen Anstalten ihren Daseinszweck.”
(Franco Basaglia)
Im Film “Matti per il calcio” begleitet die RAI die Mannschaft “Il Gabbiano” aus einem ärmlichen Quartier im Norden Roms durch die Saison 2003/04. Überhaupt nicht von oben herab werden die Spieler der Manschaft vorgestellt, kleine Einspieler beleuchten ihre Krankheitsgeschichte und ihre – dann gar nicht so ungewöhnlichen – Alltagsprobleme. Zweimal wöchentlich trainiert man auf dem Hartplatz der Polisportiva Bufalotta und sowohl Platz wie Umkleidekabinen haben sicher schon bessere Zeiten gesehen. Aber das stört die “Verrückten” genauso wenig wie die hunderttausenden Freizeitkicker, deren geistige Abweichung noch nicht diagnostiziert wurde. Getrieben vom herrlich ansteckenden Enthusiasmus der Spieler beginnt man, den “Gabbiani” die Daumen zu drücken. Genau wie jeder andere auch streiten sie mit dem Schiedsrichter oder werfen sich vor Freude in den Schlamm, wenn der Siegtreffer in der Nachspielzeit bejubelt wird. Selbstverständlich gibt es eine Schweigeminute, weil die Mutter des Torjägers in der Nacht verstorben ist und natürlich müssen Trainer und Therapeuten mit ran, wenn die Mannschaft keine 7 Spieler zusammenbekommt, weil es einigen mal wieder etwas schlechter geht. Wie die Großen in der Serie A geht man dem Verteidiger ans Hemd, wen der mal wieder zu oft gefoult hat und wie zu selten in der Serie A ist das nach Spielschluss mit einem Handschlag alles wieder erledigt.
Matti per il calcio – die schönsten Tore
Und trotz aller demonstrierten und auch wahrhaftigen “Normalität”, beginnt man, in den kurzen Interviewsequenzen zu begreifen, was der Fussball für diese sympathischen Menschen wirklich bedeutet: die Chance, wieder am Leben teilzunehmen, ein paar Stunden Normalität zu erleben, die ihnen sonst von der Gesellschaft verwehrt wird. Als ob sie nicht schon allein genug Probleme mit sich selbst hätten – ohne weitere Behinderungen von außen. Wenigstens für die Dauer des Spiels müssen sie sich nicht mit ihrer Krankheit plagen, sich nicht mit Vorurteilen und Mitleid auseinandersetzen. Auf dem staubigen (oder schlammigen, je nachdem) Rechteck gelten die Gesetze des Spiels: Das Team gewinnt nur, wenn alle zusammen halten und jeder einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten alles gibt. Das Runde muss ins Eckige und wer mehr Tore schiesst, gewinnt. Dafür braucht es keine Einsteins, sondern Menschen, die bereit sind, an ihre Grenzen zu gehen. Und das tun sie mit einer Freude und einem Elan, der wirklich ansteckend ist. Hier auf dem Platz zählen nicht ihre Schwächen, sondern ihre Stärken – endlich ein Feld, auf dem sie Selbstbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes tanken können.
Matti per il calcio – der Trailer
Und Fussballspielen können sie. Beginnend beim bulligen Stürmer Mario, Schizophreniker, 43 Jahre mit einer fussballerischen Vergangenheit in Achillea. Seine präzisen Rechtsschuss hat er nicht verlernt. Um nichts in der Welt würde Mario auf ein Spiel der “Gabbiani” verzichten; und seit er in der Mannschaft spielt, musste er kein einziges Mal zurück in die “Geschlossene”. Oder nehmen wir Benedetto, 41, Doktor der Psychologie, Spross einer reichen Familie. Zu Beginn seiner Karriere musste ihn immer jemand abholen, ihm die Tasche packen und ihn überzeugen, am Training teilzunehmen. Heute ist “Il Gabbiano” ein Fixpunkt in seinem Leben, er ist bei jedem Training der Erste und seine Tasche ist aufs akkurateste gepackt. Von ihm selbst. Oder Valerio, der Torwart: Valerio hat eine Drogen- und Alkoholgeschichte, die seine Schizophrenie dramatisch verstärkte. Seit er Teil der Mannschaft ist, hat er zurück ins Leben gefunden. Heute arbeitet er im Friseursalon seiner Eltern und hat eine Freundin.
Matti per il calcio – bei “Dribbling a parte”
Natürlich hat die Teilnahme am Mannschaftssport eine therapeutische Bedeutung: erstmals haben die Spieler die Möglichkeit, sich mit echten Gegnern zu messen und sich selbst im Wettkampf gegen sie zu definieren, anstatt sich 24 Stunden am Tag mit eingebildeten, fiktiven Gegnern auseinanderzusetzen. Aber das wichtigste am vorliegenden Film ist, dass er den Zuschauer ohne erhobenen Zeigefinger am Alltag teilnehmen lässt: dumme Witze unter der Dusche, ausgelassene Gesänge nach einem Sieg, wüste Schiri-Beschimpfungen und abergläubische Rituale vor dem Spiel. Man lernt die Spieler als Menschen kennen, Menschen die nicht über ihre Krankheit definiert werden, sondern deren Krankheit Teil ihrer Persönlichkeit ist. Oder wie der Trainer und Therapeut es ausdrückt: “Es geht nicht darum, dass ich sie mit ihren Schwierigkeiten akzeptiere es geht darum, dass sie mich in ihrem Spiel in meiner Andersartigkeit als Teil der Mannschaft akzeptiert haben.”
Es ist völlig irrsinnig, die Auswüchse des modernen Fussballs als normal zu bezeichnen und die Jungs der Gabbiani als “verrückt”. Verrückt nach Fussball sind sie, ansonsten vergisst man gegen Ende der Dokumentation immer wieder, dass es um teils schwerwiegend kranke Menschen geht. Das spielt nämlich keine Rolle. Und in Bezug auf Selbstironie können sich die schwerbezahlten Profi-Kicker gern mal eine Scheibe abschneiden: deren Interviews sind nämlich meterweit tiefgründiger und lustiger als das, was man in der Sportschau so angeboten bekommt.
Vasco Rossi ist ein Phänomen in Italien. Vermutlich das genaue Gegenteil von Marco Masini, den zwar in Italien jeder kennt, aber bei weitem nicht jeder liebt. Laura Pausini ist vielen “zu amerikanisch”, Ramazzotti “zu klein”, Masini “zu depressiv”, Gianna Nannini “zu lesbisch”, di Andrè “zu künstlerisch” – Vasco Rossi hingegen kennt und liebt jeder. Vasco kann auf dem Wasser laufen, gefüllte Konzerthallen mit nur einem Brot satt machen und sicher auch Wasser in Wein verwandeln. Vasco spielt keine Konzerte, er zelebriert Messen. Praktisch jeder Italiener verehrt Vasco, praktisch jeder hat mehrere CDs im Schrank und praktisch jeden kann man befragen, wann in der 70er Jahren er denn sein erstes Konzert besucht hat, als “Il Blasco” noch vergleichsweise unbekannt war. Es gibt unzählige Coverbands, die deswegen erfolgreich sind, weil der Meister nicht überall gleichzeitig sein kann und es gibt unzählige Fans dieser Coverbands, weil sie sich so ihre wöchentliche Dosis “Vasco” abholen können, bevor die Entzugserscheinungen einsetzen. Und also wollte auch ich einmal aus der Nähe betrachten, was an dem Irrsinn dran ist.
Dabei ist das Phänomen Vasco streng auf Italien begrenzt. Ich kenne in Deutschland genau einen Menschen, der mit dem Namen des 1952 geborenen Sängers überhaupt etwas anfangen kann. Hier in Italien genügen wenige Stunden, um die 100.000 Tickets für ein Konzert im “Olimpico” in Rom oder im Mailänder “San Siro” auszuverkaufen. Um nicht zu reden von seinem mythischen “Vascostock”, als sich 2004 in Catanzaro 400.000 Menschen versammeln, um dem Meister zu huldigen. Jede neu aufgenommene CD, mittlerweile sind es ca. 24, setzt ein ganzes Land in Bewegung. Vasco ist es wie wohl kaum einem anderen Sänger in dem an Sängern reich gesegneten Land gelungen, das Lebensgefühl, die Probleme, die Sorgen, Hoffnungen und Wünsche der Italiener in Worte zu fassen, mit denen sich viele identifizieren können. Seine Musik ist handwerklich hervorragender aber keineswegs innovativer Rock. Seine Texte sind unverschnörkelt, greifen auf einen im Alltag üblichen Sprachgebrauch zurück und beziehen ihre Stärke aus Bildern und Metaphern, mit denen man sich identifizieren kann. Und zwar jede Generation: von 12-jährigen Mädels in schlabberigen Vasco-Hemdchen bis zu in Extase geratenden älteren Herrschaften um die 60, die zur Feier des Tages ihren Schlips abgenommen haben.
“Mozart ist der Vasco von vor ein paar Jahrhunderten. Großes Talent, ironisch, mit seinen Widersprüchen und seinen Verrücktheiten.”
“Mozart è il Vasco di qualche secolo fa: Grande talento, ironico, con i suoi contrasti e le sue follie.”
(Cosimo Damiano Damato)
Die Menschen in Vascos Liedern plagen Alltagssorgen und Ängste, sie benutzen nicht druckreife Ausdrücke, wenn das Schicksal mal wieder ungerecht zuschlägt, sie erzählen von Momenten, die wir wohl alle schon einmal durchlebt haben. Mithin, Vasco spricht vielen aus der Seele. Und er erfüllt ein Kriterium, das praktisch von jedem “Superstar” angestrebt, aber nur von wenigen erreicht wird: Authentizität. Man nimmt dem Mann einfach ab, dass er sich mit denselben Nichtigkeiten herumplagt, die uns alle betreffen: zurückgewiesene Liebe, ein Urlaub am Meer, Angst, eine Entscheidung zu treffen…die üblichen Hürden des “italiano medio”. Viel mehr ist da nicht und mehr braucht es auch nicht: Man nimmt dem Mann einfach ab, dass er weiss, wovon er spricht, wenn er verschwitzt da oben auf seiner Bühne steht, mit dem Publikum flirtet, einen nach dem anderen seiner berühmten Fidel-Castro-Käppis in die Menge wirft oder seinen unperfekten Oberkörper entblösst, weil die ersten Reihen sein Hemd fordern. Und man spürt das noch immer lebendige kindliche Staunen, wenn er minutenlang mit einem zugeflogenen roten String-Tanga herumalbert. Er, der sie doch alle haben könnte.
Vasco Rossi – Alba Chiara – Live San Siro 2003
Dieses Jahr zieht Vasco durch – für seine Verhältnisse – kleinere, geschlossene Austragungsorte; 13 Jahre nach seiner letzten Indoor-Tournee. Und es ist uns gelungen, für eines seiner 5 (!) Mailänder Konzerte im Mediolanum-Forum Tickets zu organisieren. Was soll ich sagen? Satte zweieinhalb Stunden vergnügt sich der alternde Derwisch mit seiner im übrigen hervorragenden Band auf der Bühne, als wäre es sein Abschiedskonzert. Die Atmosphäre gleicht einem Fußballstadion mit Fahnen, Transparenten und Sprechchören. Und das Publikum ist textsicher: Zu seinen bekannten Balladen braucht er nur synchron die Lippen zu bewegen und auch neue Stücke wie “Ad ogni costo”, ein Cover des Radiohead-Hits “Creep”, schallen ihm zehntausendfach entgegen. Ein eingestreuter Block aus Hits, die er allein mit der akustischen Gitarre begleitet, sorgt für ebensolche Begeisterungsstürme wie minutenlange exzellente Gitarren- und Schlagzeugsoli, wenn sich die Band ohne ihren Leadsänger vorstellt. Zweieinhalb Stunden Flucht aus dem berlusconianischen Italien mit Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Kriegstoten in Afghanista und der Mühe, der Freundin zu sgen, was man denkt.
Vasco Rossi – Vita Spericolata – Live San Siro 2003
Wie gesagt, Vasco ist ein Phänomen. Ebenso ist es ein Phänomen, dass sein erdiger Rock’n'Roll es noch nicht ins Ausland geschafft hat, wo doch selbst arg durchschnittliche Vertreter wie Eros Ramazotti oder Laura Pausini Erfolge feiern. Bis dahin wird der alte Haudegen aber weiter in der kultischen Verehrung seiner Landsleute baden und bei jedem Jubelsturm verschmitzt wie ein kleiner Junge grinsen, der immer noch nicht versteht, wieso ihn die Leute verehren, wenn er sich doch mit denselben blödsinnigen Nöten plagt wie alle dort vor ihm im Publikum. Denn so funktioniert die “Familie Vasco”. Verdient hat er es sich: “Italia ai tempi di Vasco.”
Gestern abend gegen 19.30 Uhr fällte das Jugendgericht in Catania nach achtstündiger Beratung sein lang erwartetes Urteil gegen den Catania-Fan Antonino Speziale: 14 Jahre wegen Totschlags. Verhandelt wurde wegen des Todes des Polizisten Filippo Raciti beim Sizilianischen Derby zwischen Catania und Palermo am 02. Februar 2007. Richter Nino Minneci und seine Kammer sind offenbar davon überzeugt, dass der Tod des Polizisten direkte Folge eines Gewaltakts des damals minderjährigen Speziale war. Vorgeworfen wurde ihm, ein gemeinsam mit anderen Ultrà s aus der Verankerung gerissenes Waschbecken, bzw. dessen metallenen Unterbau, auf Raciti geworfen zu haben. Ein daraus folgender Leberparenchymschaden hätte den Tod des Opfers hervorgerufen.
Die Beweisführung stützte sich auf die Aussagen von insgesamt 30 Zeugen. Der am 30. September 2008 begonnene Prozess versuchte an 22 Verhandlungstagen, Licht in die Vorgänge beim Derby zu bringen. Leider hatten die im und um das Stadion angebrachten Kameras den gesamten Verlauf der Auseinandersetzungen gefilmt, nur von der Tat selbst konnten erstaunlicherweise keine Aufnahmen gefunden werden. Antonino Speziale gab in seiner polizeilichen Aussage den Wurf auch durchaus zu, bestand aber darauf, “niemanden getroffen” zu haben. Auch die Zeugen, auch niemand von Racitis Kollegen, hatten den Wurf direkt gesehen, an dem Raciti – Stunden später – verstorben sein soll. Speziales Verteidiger Giuseppe Lipera fasste das seinerzeit so zusammen:
“Der Punkt ist aber ein anderer. Wenn Raciti einen tödlichen Schlag abbekommen hat, bemerkt das niemand. Nicht einmal er selbst.” “Ma il punto è un altro. Se Raciti subisce un colpo mortale, nessuno se ne accorge. Neanche lui.”
Schon die Höhe des gewählten Strafmasses lässt keinen Zweifel daran, dass an der Uniform Racitis gefundene Farbreste von einem Polizeifahrzeug, Zeugenaussagen, der Polizist wäre beim Zurücksetzen eines Einsatzwagen von eigenen Kollegen erfasst worden, ein im Krankenhaus festgestelltes Baritrauma durch eine in der Nähe explodierte Papierbombe mit nachfolgendem Herzstillstand oder andere Einwände der Verteidigung nicht berücksichtigt wurden. Nach Aussagen des Leiters der Notaufnahme Sergio Pintaudi stellt die Verletzung einer Lebervene keinen Widerspruch zum konstatierten Fehlen äußerer Verletzungszeichen dar. Das in hohem Bogen geschleuderte Waschbecken hat offensichtlich nur innere Verletzungen hervorgerufen.
Der Tod des Polizisten Filippo Raciti führte seinerzeit zur massiven Verschärfung der Gesetzgebung gegen gewaltbereite Fußballfans. Trotz allem kulminierte das Jahr 2007, das mit dem sizilianischen Derby schon schlecht begonnen hatte, mit den Todesschüssen auf den Lazio-Anhänger Gabriele Sandri im November. Hier erschoss der Polizist Spaccarotella über zwei Autobahn-Fahrspuren hinweg den im abfahrenden Auto sitzenden Tifoso. Auch hier lautete das Urteil auf Totschlag. Nur das Strafmaß gegen den offensichtlich nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilten Staatsdiener fiel naturgemäß geringer aus: 6 Jahre Haft für einen auf ein ohne jegliche Gefahrensituation auf ein fahrendes Auto abgegebenen gezielten Pistolenschuss ins Genick. 14 Jahre für einen Jugendlichen, der an den Gewalttaten teilgenommen hat, dessen direkte Tatbeteiligung oder auch nur die exakte Todeursache aber im Prozessverlauf durchaus Fragen aufwarfen.
Die Verteidigung Speziales hatte auf Freispruch plädiert, weil der Angeklagte die Tat niemals zugegeben hatte (wohl den Wurf, nicht aber den Treffer) und auch keine ausreichenden Beweise vorlägen. Bereits in einem Vorverfahren war der Catania-Fan wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu 2 Jahren Haftstrafe verurteilt worden, die er mittlerweile abgesessen hat. Somit war seine Beteiligung an den Auseinandersetzungen bereits bewiesen, bestraft und archiviert. Nach der Urteilsverkündung kündigte Speziale an, in Berufung zu gehen:
“Ich bin sicher, unschuldig zu sein. Das ist ein Komplott, aber ich gebe nicht auf. Mit meinem Anwalt werden wir in Berufung gehen.” “Sono sicuro di essere innocente. C’è un complotto, ma non mi arrendo. Con il mio avvocato faremo appello.”
Giá. Nach dem Tod Gabriele Sandris aus Polizistenhand fegte ein Sturm der Entrüstung durch Italiens Stadien. Nach dem Tod Racitis wurde der Spielbetrieb der Serie A komplett eingestellt, der tragische Tod Sandris sah keinerlei solche Maßnahmen vor. Im Juli letzten Jahres wurden die gezielten Todesschüsse des Polizisten Spaccarotella als Fahrlässigkeit mit 6 Jahren bewertet, der Fussballfan Speziale sieht sich nach einem Waschbeckenwurf mit 14 Jahren Jugendstrafe (!) wegen Totschlags (die urprüngliche Anklage lautete auf Mord) konfrontiert. Meinen seinerzeitigen Kommentar zum Urteil beendete ich mit dem Satz:
“Zudem möchte ich mir nicht vorstellen, wie das Urteil ausgefallen wäre, wenn der Ultrà Gabriele Sandri unter gleichen Umständen den Polizisten Luigi Spaccarotella erschossen hätte.”
Ich werde ja immer wieder gefragt, warum ich nach Italien gezogen bin. Alle Fragen sollte das herrliche Video beantworten, auf das mich Klaus Stern gestern hingewiesen hat: Klicken Sie hier!
Aus über 50.000 Einzelbildern ist dieser “fotografierte” Film entstanden. Zur Produktion wurden ausschließlich DSLR-Kameras genutzt (Canon EOS 5D und EOS 5D MkII). Aufnahmemonate waren Mai und Juli/August.
Traumhafte Landschaftsaufnahmen, die im Zeitraffer eine fast schon hypnotische Qualität entwickeln. Wir kennen die Technik aus TV-Werbespots eines deutschen Telekom-Konzerns, aber hier macht das Zusehen deutlich mehr Spaß. Exzellente Arbeit, auf die ich hier sehr gern hinweise: Zum Schwelgen!
Die BAVA organisiert derzeit ein antifaschistisches Fantreffen in Livorno. Stattfinden soll es am Wochenende 08./09. Mai in Livorno anlässlich des Heimspiels gegen Lazio. Neben allerlei sonstigen Aktivitäten in und um das Stadion sind auch Konzerte geplant und ich habe gehört, der eine oder andere will auch mal ein zünftiges Bier heben! In jedem Fall muss unterstützt werden, wenn man seine linke Gesinnung im Mai in einer Hafenstadt am Mittelmeer demonstrieren darf. Und deshalb hier der Aufruf der BAVA:
Am Wochenende vom 8. und 9. Mai 2010 findet im Stadio Armando Picchi das letzte Heimspiel der aktuellen Serie A Saison des AS Livorno statt. Der Gegner wird Lazio Rom sein.
Der römische Club mit dem Reichsadler im Wappen, offenen Faschisten im Kader und faschistischen Fans, ist nicht irgendein Gegner. Das Spiel ist kein Derby mit seinen regionalen Leidenschaften und lokalen Traditionen. Die Rivalität hat sich entwickelt und kulminierte in dem symbolischen Zweikampf zweier Stürmer. Auf der einen Seite steht der Kommunist und Livornese Cristiano Lucarelli. Seine Antithese ist der Faschist Paolo di Canio!
Hinzu kommt, daß das außergewöhnliche Spiel an einem besonderen Wochenende stattfindet. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazideutschland. Einen Tag später feierte die Rote Armee in Moskau den „Tag des Sieges“ über den Hitlerfaschismus. In einer spektakulären Parade wurden die militärischen Symbole des nationalsozialistischen Deutschlands dem Feuer übergeben. Prunkfahnen, Standarten, Uniformen, Abzeichen und Hakenkreuze brannten und besiegelten das Ende der Naziherrschaft. Schon am 25. April 1945 hatten sich die Italiener_innen selbst befreit und die Faschisten zum Teufel gejagt. Deutsche Nazis flohen. Bürger_innen, Partisan_innen, Anarchist_innen, Kommunist_innen, Sozialist_innen und Gewerkschafter_innen feierten gemeinsamen ihren Sieg.
Am 25. April diesen Jahres jährt sich zum fünfundsechzigsten Mal die Befreiung Italiens vom Faschismus. Im Mai wird europaweit in einem zunehmend aggressiven nationalistischen Klima, einem sich abschottenden Europa, das groß erwacht in allen Erdteilen militärisch interveniert, der „Tag des Sieges“ gefeiert. Jedoch kommen am 9. Mai 2010, am Jahrestag der Zerschlagung des Naziregimes, ausgerechnet seine faschistischen Brüder im Geiste, nach Livorno.
So wird aus dem letzten Heimspiel der Squadra Amaranto in der laufenden Saison gegen einen speziellen Gegner an einem einzigartigen Feiertag, einem historischen Jahrestag, ein bedeutsames Ereignis. Das soll gebührend gefeiert werden!
Aus diesem Grunde planen wir am Wochenende des 8./9. Mai 2010 ein internationales antifaschistisches Treffen von Livornofans und befreundeten Antifaschist_innen. Es soll nicht nur der einzigartige AS Livorno kreativ, lautstark und bunt unterstützt werden, sondern ein unmissverständliches Statement gegen Faschismus, Rassismus und Antisemitismus innerhalb und außerhalb des Stadions abgeben werden.
Deshalb rufen wir dazu auf uns bei der Planung des Internationalen Antifaschistischen Treffens zu unterstützen und zahlreich am Wochenende des 8./9. Mai nach Livorno zu kommen!