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Solifete und Lesung “Tifare Contro” in Hamburg

von altravita · Sonntag, 22. August 2010 · 2 Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

Freitag Abend, am 27.08., feiert der St. Paulianer “Nord Support” und ruft zur Unterstützung des Fanladens “Centro Sociale”. Es freut mich, dass auch Yours Truly anwesend sein wird für eine Lesung us Giovanni Francesios “Tifare Contro. Eine Geschichte der italienischen Ultras“, das Ende des Jahres auf deutsch erscheint. Eintritt gegen Spende, wird ne lustige Sache und nem guten Zweck gilt’s auch noch. Falls ihr also zufällig in Hamburg seid – ich würd mich über reges kommen, zuhören, mitdiskutieren und Bier trinken freuen!

Solifete und Lesung "Tifare Contro"


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Domenico Mungo: “Sensomutanti. Die Liebe in den Zeiten des Stadionverbots”

von altravita · Dienstag, 17. August 2010 · 2 Kommentare · 3 Trackbacks/Pingbacks

“Wie konntet ihr nur die unrechtmäßigen Kinder dieser perfekten Gesellschaft werden, die wir euch doch so hübsch verpackt zur Verfügung gestellt haben? Da muss sich irgendwo ein Fehler eingeschlichen haben, ihr wart überhaupt nicht vorgesehen. Neurotisch, nervenschwach, psychopathisch, gewaltkrank und mit einem übersteigerten Geltungsbedürfnis? Sicherlich. Wie sollten wir denn sonst sein? Es ist wahr, alles passt zusammen. Wir sind so, wie ihr uns zu sein erlaubt. Wir nehmen uns das, was ihr uns zugesteht. Die Bruchstücke des Glücks. Die Negation von Allem erreicht man über die Freude darüber, den Gartenzaun aus den Angeln zu heben, illegal all das zu beschaffen, was uns von Natur aus zusteht.”

Domenico Mungo: Sensomutanti.

Domenico Mungo: Sensomutanti.

Hier nun endlich mein x-ter Versuch, Domenico Mungos “Sensomutanti” in Worte zu fassen, wohl wissend, dass diese Aufgabe unerfüllbar ist. Weil “Sensomutanti” viele Bücher ist, weil es sich willentlich der einfachen Klassifikation entzieht, weil Mungo Schreibstile, Erzählperspektive und Vokabular nach Belieben wechselt und vor allem, weil es hinter dem allen keine einfache Wahrheit gibt, die man konsumieren kann. Hilfe vom Autoren bei der Dechiffrierung gibt es nicht, die Bedeutung muss man sich schon selbst erarbeiten, nichts wird glorifiziert, entschuldigt, erklärt oder auch nur verklärt. Mungo bezeichnet sich selbst als “Lehrer für Geschichte, Literatur und Kommunikationswissenschaften, Autor, Dichter, Essayist, Musik- und Literaturkritiker, Herausgeber von ‘Supertifo’, Berater für Kulturprojekte, künstlerischer Leiter für Festivals und Konzerte, Anarchist, Antiklerikaler, Ultrà der Fiorentina”. All dies findet in “Sensomutanti” seinen Niederschlag.

Einerseits und zunächst einmal ist es ein spannender Roman, intelligent, stilistisch fortgeschritten, belesen und geerdet. Die beiden Protagonisten, Ultràs der Fiorentina, befinden sich auf einer Reise zu einem Auswärtsspiel nach Bergamo. Die Charaktere sind fiktiv, die Ereignisse nicht zwingend genau so abgelaufen. Andererseits entstammen die Protagonisten durchaus der Realität, ebenso wie die Schauplätze, die beteiligten Personen der Zeitgeschichte, die Gruppierungen, die Mannschaften, die Spieler, die Bands oder die zitierten Schriftsteller. Ein Roman, der mit der Wirklichkeit verflochten bleibt, weil unzweifelhaft eigene Erlebnisse, Reflexionen und Philosophien sich an Ereignissen der neueren italienischen Geschichte entlanghangeln. Fiktiven, aber durchaus realistischen Episoden, wie dem doppelten Polizistenmord an einer Autobahnmautstelle vor Bergamo oder dem Taxi-Mord an einer Prostituierten in Turin stehen Mahnmale der jüngeren italienischen Geschichte zur Seite: die Todesschüsse auf Carlo Giuliani (dem das Buch i.ü. gewidmet ist, die Geschehnisse in Genua nehmen breiten Raum ein) während des G8-Gipfels in Genua oder der Brandanschlag auf einen Zug von Bologna-Fans durch die “Alcool Campi”. Daneben eine Unzahl von Episoden aus dem Leben der Kurve, der Anarchisten, der Raver, aus drogenerhitzten Nächten und Tagen im Eisregen einer Stadionkurve, Prostituierte, Porno-Darstellerinnen und immer wieder Polizisten.

Mungo definiert “Sensomutanti” als “surreale Reise zweier Fans der Fiorentina auf Auswärtsfahrt nach Bergamo” und in einem sehr übertragenen Sinn ist es das auch. Mungo, lange Jahre in erster Reihe der Florenzer “Curva Fiesole” und bekannter Kopf des “Collettivo Autonomo Viola” erzählt von einer Reise. Und wie wenn man die endlose Tristesse der Poebene im Zug durchquert und dabei durch die verregneten Fenster schaut, schweifen die Gedanken ab und drehen sich um das Ziel, oder um den Beginn, um Freunde und Feinde, die man erwartet oder am Bahnsteig zurückgelassen hat. Und so spuken durch die einzelnen Etappen des Romans immer wieder Rückblicke, Reflexionen, Erinnerungen und Augenzeugenberichte. Mannschaften, Spieler, Freunde, Bands, Schriftsteller, Philosophen. Ultràs.

“Wir eroberten Rimini an einer Montagnacht Ende Februar, warfen Papierbomben und Signalraketen auf die Carabinieri in unserem Sektor. Wir fuhren mit 3.000 nach Imola, wo Christian durch eine mörderische Tränengasgranate, die auf Mannhöhe explodierte ein Auge verlor.”

Immer aber erzählt Mungo vom Rand der Gesellschaft, aus der Position des Ausgegrenzten, Marginalisierten. Denn nichts beschreibt eine Gesellschaftsordnung so präzise wie das Aufspüren dessen, was sie ausgrenzt und verneint. Mehr als einmal definiert Mungo Ultràs als Abschaum, Müll von der nutzlosen Abraumhalde der society. Was aber, wenn diese Ausgegrenzten – Söhne und Töchter der Gesellschaft – nicht nur eine Stimme haben, die es anzuhören gilt, sondern all das verteidigen, was unser Wertekanon eigentlich meint, in Wirklichkeit aber unterdrückt, bekämpft und mit Schlagstöcken und Tränengasgranaten auslöscht? Was, wenn Ultràs, Anarchisten, Black Block, Punks, Skins, Junkies und andere Unangepasste in schönster Hegelscher Dialektik eben trotz alledem Teil sind – und sei es als Kehrseite der Medaille? Und was, o graus, wenn diese “Leute der Nacht”, dem braven Bürger eine Wirklichkeit vorhalten, die dieser ums Verrecken nicht wahrhaben will an sich? Was, wenn man in einem auf Antagonismus gebürsteten Staat einfach einmal Widerstand lebt?

“Vielleicht tut dies alles nicht weh. Vielleicht sorgt das nur dafür, alles ein bisschen zu verlangsamen, indem es in einen chloroform-getränkten Wattebausch getaucht wird, der das Brennen unserer Narben anästhetisiert. So wie Kokain den Mund und die Nase taub gegenüber den unheilbaren Wunden der Normalität macht, den Gliedmaßen erlaubt, zu mutieren und sich zu durchdringen, indem es den Schmerz unterdrückt und die Erinnerung auslöscht.”

Mungo spricht mit dem Vokabular und dem Bewusstsein eines Lebens außerhalb der bequemen Normen der Mehrheitsgesellschaft. Er erzählt von denen, die als Restmüll unserer hochtechnologisierten und keimfreien Realität übrig bleiben. Die sich ums Verrecken nicht verwerten lasen. Wollen. Die trotz allem den echten Schmerz des Schlagstocks der Pseudo-Befriedigung des Shoppingparadieses vorziehen. Die lieber mit ihren Freunden in irgendeiner verranzten Stadionkurve stehen, als zu Weihnachten das “Fest der Familie” zu simulieren. Lieber echten Schmerz als echte Frustration. Mungo gibt denen ein Wort, die sonst keine Stimme haben, die nicht erzählen wollen und denen niemand zuhören will. Eine Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft, die ausgegrenzt, eingesperrt, niedergeknüppelt, abgeknallt gehört. Vom Sofa aus betrachtet, versteht sich. Denn wenn das Buch überhaupt etwas vermittelt, dann dass unter diesen scheinbar Aussätzigen ein menschlicher Wertekanon weiterlebt, dessen sich der postmoderne Industriekapitalismus in Wirklichkeit schon lange entledigt hat. Insofern sind Mungos Hauptdarsteller radikal bis aufs Blut. An die Stelle von “simuliertem Leben” setzt der Autor ein, sagen wir es ruhig, archaisches und tribalistisches Wertesystem: An die Stelle einer als falsch empfundenen Gesellschaft, die menschliche Grundbedürfnisse mit Simulationen befriedigt, setzt Mungo die Koordinaten seines Stammes: Treue, Ehre, Freiheit, Selbstermächtigung, Wahrheit. Und wenn dies zulasten der Mehrheitsgesellschaft geht, dann umso besser.

“Bah, wenigstens haben WIR gelebt. Selbst jetzt, wo der Regen mir über das Gesicht strömt. Selbst jetzt mit zersplitterten und gelähmten Beinen, die auf eine unnatürliche und obszöne Weise verdreht sind. Selbst jetzt, mit auf dem Pflaster zerquetschten Rücken, lieber sterben als für immer von der Gnade anderer abhängig leben. So wie Antonello, wie Licari…”

Einer Welt, die die eigene gesellschaftliche Relevanz anhand der Anzahl der Freunde im Facebook-Profil definiert, setzt Mungo den Zusammenhalt der eigenen Leute, “meine Brüder”, entgegen, die einzigen, die einem wirklich den Arsch retten, wenn man sich von Schlagstöcken umringt sieht und alle anderen schon geflohen sind. Einer Welt, die sich milliardenfach täglich Banalitäten per SMS austauscht, setzt Mungo den sauberen Schlag in die Fresse als Form unvermittelter und direkter Kommunikation entgegen. Einer Gesellschaft, die alles assimilieren kann, was sich ihr unterwirft, antwortet Mungo mit konsequenter Verweigerung – Doppelmoral wird nicht erlaubt, wenn ich die herrschende Moral ablehne, dann schaffe ich mir eine neue. Um den Preis, als amoralisch dazustehen. “Jenseits von Gut und Böse” hat er gelesen, der Mungo. Und was noch besser ist: er hat Nietzsche verstanden. Einer Welt, die medial zwar jede Art von Gewaltanwendung brandmarkt, die facto allerdings Gewalt auf jeder Ebene zum sinnstiftenden Prinzip erhoben hat, hält er einfach den Spiegel entgegen: Ich bin so, wie ihr mich haben wollt heißt ein Kapitel. Eine postindustrielle Gesellschaft, die jedem, der sie nicht infrage stellt, Ruhe und materielle Sicherheit verspricht. Auf Kosten echter Leidenschaft, auf Kosten der Freiheit, auf Kosten all dessen, was Mungo für “menschlich” hält. Auch wenn er das natürlich so niemals sagen würde. Eine Gesellschaft, die Auschwitz und Hiroshima genauso hervorbringt wie Ultràs. Auch wenn das natürlich so niemand sagen würde.

“Dies ist der Klang des Turins, das es nicht mehr gibt. Dies ist der Klang des Turins, das unter der Flut von Zement und Stahlträgern untergeht, die Fabriken, Parks, Bäume und Flüsse in Mega-Einkaufsparadiese und Multisaalkinos zur Aufführung hollywoodianischer Multischeiße verwandeln für die tausenden Hirnamputierten des Samstagabends und die Familien, die den Frieden und das Glück des christlichen Weihnachtsfests suchen. Dies ist der Klang eines Arbeiters, der Mensch ist. Und keine Humanressource.”

Das ganze ist ebenso unmittelbar wie schwer zu verdauen, wenn man sich auf das Buch einlassen kann, trifft es wie eine Faust in die Magengrube. Weitere Erkenntnisse gewinnt man, wenn der erste Eindruck abgeklungen ist. Das sprachlich äußerst politisch unkorrekte, erzählerisch mindestens schizophrene und stilistisch nur lose geordnete Werk hat es aber trotzdem aus dem Stand auf Platz 2 meiner Hitliste “Bücher, die mein Leben veränderten” geschafft. Aber es geht dem Autoren auch nicht um Erklären oder Rechtfertigen, seine Helden sind Anti-Helden in jedem denkbaren Sinne: brutal, rücksichtslos, unangepasst, dreckig, drogensüchtig, radikal anti. Und dabei stolz. Die Kurve ist (oder besser: war) für Mungo ein Ort der Freiheit. Ein Ort, in dem die Regeln und Gesetze einer kranken Gesellschaftsordnung nicht gelten. In dem es aber durchaus Regeln und Gesetze und Hierarchien gibt. Nur eben selbst gesetzte. Der Vollkaskomentalität, die dem Individuum wohl Sicherheit gibt, wird von Mungo als potentiell (oder besser: durchaus real) als faschistisch entlarvt, indem sie materielle Sicherheit nur dem verheißt, der seinen eigenen moralischen Kompass, seine Leidenschaften und besonders seine Freiheit an der Garderobe abgibt. Für alles andere gibt es Schlagstöcke und CS-Granaten.

“In der Zwischenzeit zerlegte zu unser aller Freude irgendein Spaßvogel in Viola das Vorhängeschloss der Gerätekammer des Gärtners vom Brumana: ich sah mit eigenen Augen Leute mit Motorsägen, Bohrern, Spaten und Harken, Eimer und Spitzhacken, Holzleitern, Hühnern!!!, Stühlen und Gummistiefeln in den Fäusten und am Ende kam auch sogar jemand mit einem Fahrrad! Mit dem ganzen Zeug trieben wir uns auf den Rängen herum. In der Zwischenzeit war das violette Volk in Massen eingetroffen, die Kurve war zu zwei Dritteln Viola, eine Kette aus Carabinieri und die Leute aus Bergamo in einer Ecke verkrochen. In der anderen Kurve spuckten die Bauern Gift und Galle, schäumten vor Wut und Rachegelüsten, aber sie konnten nichts tun! Sie sangen und später passten sie uns am Bahnhof ab, aber in der Zwischenzeit machten wir, worauf wir gerade Bock hatten in ihrem Zuhause.”

Man muss Mungo in seinen Einsichten nicht folgen. Man kann ihm vom Sofa aus alles mögliche ankreiden. In jedem Fall lernt man eine Menge über unsere schöne neue Welt, egal für welche Seite man sich entscheidet, Soma oder keins. Und man lernt eine Menge über das Leben im wirklichen und eigentlichen Sinne. Alkohol und Adrenalin. Und jede Menge Testosteron. Geiles Buch.

Sensomutanti kann – leider nur im italienischen Original – bei Boogaloo Publishing bezogen werden.

Einen kleinen Ausschnitt zum Lesen gibt’s hier.

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Ich bin so, wie du mich haben willst

von altravita · Samstag, 14. August 2010 · Keine Kommentare · 3 Trackbacks/Pingbacks

Während das Fragment “Alkohol und Domenico Mungo: "Sensomutanti. L'amore ai tempi del Da.Spo."Adrenalin” aus dem Buch “Cani Sciolti” von Domenico Mungo gerade berechtigterweise seine Kreise durch die deutsche Ultrà-Szene zieht und Francesios “Tifare Contro” seiner Veröffentlichung harrt, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, endlich auch die Rezension von Mungos Romans “Sensomutanti” hier zu veröffentlichen. Was soll ich sagen, es sind schon jetzt fünf oder sechs Buchbesprechungen geworden, die alle bereits den Weg in den Papierkorb gefunden haben, weil keine mir dem Text auch nur annähernd angemessen erschien. “Sensomutanti. Die Liebe in Zeiten des Stadionverbots” entzieht sich einfach der Rezension, der Kategorisierung und der Zusammenfassung. Ein Ultràhassanarchistenphilosophiegewaltliteraturblutliebepornobuch, das direkt in die Magengrube trifft. Und sich auch nur hier wirklich fassen lässt. Ein schwarzes Loch von einem Roman, dem sich weder mit literaturwissenschaftlichem Handwerkszeug noch mit dem “geile Aktion, Alter” der Straße beikommen lässt.

Sei’s drum, ich habe mir die Freiheit genommen, zwei Seiten zu übersetzen und werfe die einfach mal hierhin.

Ich bin so, wie du mich haben willst

Ich habe oft genug versucht, die Bedeutung des Wortes Verachtung mit einer genauen Empfindung zu verknüpfen. Und meistens war das verbunden mit dem kurzzeitigen Wiederaufleben von Stereotypen, die uns nahelegen, wegen abhängiger, transitiver Eigenschaften zu hassen. Wenn diejenigen, mit denen ich sehr viele Bruchstücke meiner Existenz teile, jemanden hassen, dann ist dies ein gültiges Motiv, ihn auch zu hassen. Und wenn man hier weitergräbt, dann wird die Welt ein Unicum aus Gegensätzen zwischen „denen“ und „uns“: Faschisten, Kommunisten, Neger, Albaner, Bürgerliche, Hungerleider, Schlampen, Stecher, Erdfresser, Polentafresser, Juden, Araber, Polizei, Kriminelle, Junkies, Dealer, Gutmenschen, Moralisten, Transen, Türsteher, Wachdienste, Staatsdiener, Politiker, Politikverdrossene, Parasiten, Revolutionäre, Priester, Nutten, Techno, Punk, Langhaarige, Hausbesetzer, Journalisten, Forza Italia, Lega Nord…einfach, nicht? Das ist wie den Hass in der Zeitung zu lesen und vom heimischen Sofa aus Stellung zu beziehen. Diese beiden Arschlöcher aber, die uns gerade mit Schlägen, Tritten und Beleidigungen eindecken, die verachte ich hingegen, weil ich die schwarzen Punkte auf der Nase des Napoletanischensondereinsatzgruppenoffiziers zählen kann, weil ich die Löcher in seinen Zähnen sehe und seinen stinkenden Atem rieche, während er mir zur Analuntersuchung den Kopf auf die Motorhaube des Wagens presst. Die beiden da, die hasse ich, weil dieser sein Kollege Idiot von einem Römer meinen Kumpel V. sich im Eisregen ausziehen und ihn seine Klamotten auf die Erde, in Schlamm und Pfützen ablegen lässt und ihm dabei immer wieder mit dem Schlagstoffgriff auf die Fingerknöchel einprügelt. Ich verachte ihn, weil er gerade die Inhalte meiner Brieftasche eins nach dem anderen hoch in die Luft wirft, weil sie unsere Schals genommen und verbrannt haben und weil sie unseren Doppelhalter vor unseren Nasen zerrissen haben unter der Drohung, uns bei der DIGOS anzuzeigen wegen Ausstellung von politisch subversivem Material. Ich verachte sie, weil ich mich umschaue und das befriedigte Grinsen der anderen Wachhunde sehe, die empörten und dem Vorgehen der Polizei applaudierenden Gesichter der vorbeifahrenden Kadaver, die an der Mautstelle in Richtung der oberitalienischen Seen oder Gardaland Gummi geben. Ich verachte sie, weil sie mir Schmerzen zufügen, mich verarschen und ich nichts dagegen tun kann. Hier bin ich: ich bin so, wie du mich haben willst.

[...]

Dreizehn Stunden
Es waren dreizehn Stunden, die ich im Stehen verbracht hatte, die von blauen Flecken und offenen Verbrennungen übersäten Beine gespreizt haltend. Das Gesicht im mehligen Putz einer frisch geweißten Wand, der mich nicht durch die Nase atmen ließ und dafür sorgte, dass ich Blut hustete, das ich in langen Intervallen ausrotzte, denn jedesmal Spucken bedeutete einen Schlag in die Nieren, einen Tritt in den Arsch, Rücken und Kreuzbein in Stücke gehauen, die Fresse gegen die Wand geschlagen, dass es die Nase zermatscht oder auch einen kräftigen Griff in die Eier, garniert mit Hitlergrüßen und dummen Sprüchen über unsere Tattoos oder die Titten der Mädels. Dreizehn Stunden, die ich nicht ausgeruht hatte, in denen niemand mir die aufgescheuerten Handgelenke oder die offenen Wunden auf dem Rücken behandelte, das Auge, das rechte Jochbein oder die ausgekugelte Schulter. Keine Krankenschwester kam, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen oder Beistand zu leisten. Wenn der Militärarzt durchkam, regnete es noch mehr Beleidigungen und noch mehr Prügel. Ich wollte schlafen, das ja. Schlafen und Frieden. Aber an diesem Ort konnte man nicht mal in Frieden schlafen. Also MÜSSEN WIR SO TUN, ALS WÜRDEN WIR UNS VERGNÜGEN, die ganze Nacht!!!! „Wir müssen uns vergnügen, die ganze Nacht!“ Proklamierte ebenso martialisch wie lächerlich der Leiter der Haftanstalt Bolzaneto während er mein Gesicht weiter in die Wand vor mir drückte. „Also vergnügen wir uns!“ Ich wollte nur in Frieden schlafen. Aber das war unmöglich. Dreizehn Stunden lang.

Überdeckt vom Rummel der quietschbunten Weltmeisterschaft in Südafrika hat übrigens die Bundesregierung die Datenbank “Gewalttäter Sport” nachträglich “legitimiert”. Selbstverständlich nur für solche ohne Beamtenstatus.

Nachtrag: Eine Art Rezension gibt’s jetzt hier.

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Alkohol und Adrenalin

von altravita · Montag, 9. August 2010 · 7 Kommentare · 5 Trackbacks/Pingbacks

Domenico Mungo: Alkohol und Adenalin

Domenico Mungo: Alkohol und Adenalin

Ich hatte mich ja kürzlich mit Domenico Mungos “Cani Sciolti” beschäftigt, dieser Textsammlung aus der Welt der Ultràs der 80er und 90er Jahre. Als kleinen Appetithappen habe ich einmal eine Seite aus diesem wunderbaren Buch übersetzt, das es wie kein anderes mir bekanntes schafft, Einblicke in den Ultrà-Alltag der “goldenen Jahre” zu geben. Weil ich natürlich verstehe, dass viele von euch kein Italienisch sprechen, weil ich das Buch ausnehmend gut finde und weil ich vielleicht dem einen oder anderen das Interesse am Buch wecken konnte. In den nächsten Tagen erscheint hier die Rezension des mindestens ebenso hervorragenden Romans “Sensomutanti. Die Liebe in den Zeiten des Stadionverbots.” Stay tuned.

…Ultrà zu sein ist eine Haltung, von der du erst im Lauf der Zeit merkst, dass du sie hast… es ist eine ontologische Dimension, eine Art sich zu den anderen Komponenten dieser Scheißgesellschaft in Beziehung zu setzen, eine vielleicht unerklärbare Lebenshaltung…
Etwas, das du erst nach einer gewissen Zahl an Auswärtsfahrten verstehen kannst. Nachdem du dir auf der Gepäckablage des Zugs den Rücken verbeult hast, auf der du die ganze Nacht versucht hast, ein Auge zuzumachen. Nachdem du ein längst schon trockenes und geschmackfreies Brötchen mit 10 Leuten geteilt hast. Nachdem du eine ganze Woche geackert hast, nur um das zusammenzukratzen, was ein beschissenes Kurventicket kostet. Nachdem du dich stundenlang hinter den Sträuchern des Bahnhofs Caserta versteckt hast, um auf den vorbeikommenden Zug aufzuspringen, der dich in diese verfickte Feindstadt bringt, wo du genau weißt, dass sie dich fertigmachen wollen, weil du sie damals im Hinspiel bis in den Zug geprügelt hattest. Nachdem du bis um 4 Uhr morgens an einem Transpi gemalt hast, mit dem du den Gutmenschen und Wohlmeinenden das in die Fresse rotzt, was diese niemals wissen wollen. Nachdem du um 8 Uhr morgens am Hauptbahnhof deiner Heimatstadt angekommen bist, und nach Hause rennst für eine schnelle Dusche, weil du in ein paar Stunden eine wichtige Prüfung hast. Nachdem du keinen Cent mehr in den Taschen hast, weil das Geld für diesen Vielfraß von Anwalt aufzutreiben war, der die Verteidigung von deinem Kumpel übernimmt, der 15 Tage Knast und 3 Monate Hausarrest dafür bekommen hat, weil er schuldig ist, Ultrà zu sein. Nachdem du dich jedweder Würde beraubt gesehen hast, zusammengedrängt auf wenigen Quadratmetern gemeinsam mit weiteren 200 Personen und den Bullen, die deine Rebellion niederschlagen wollen mit dem stählernen Inneren von verkehrt herum gehaltenen Schlagstöcken, die dir nahelegen, auf den Knien zu bleiben. Nachdem du mit deinen Eltern gestritten hast, die in der Zeitung gelesen haben, du seist ein asozialer Rowdy, Kind einer gewalttätigen und kranken Gesellschaft. Nachdem du dein Mädchen verlassen hast, weil sie dir verboten hat, Auswärts zu fahren. Nachdem du im zweiten Studienjahr erst ganz wenige Prüfungen bestanden hast, weil in deinem Hirn immer noch die Eisenbahngleise poltern und das Krachen der Stöcke, die auf dem Helm irgendeines Polizisten zersplittern…
Ultrà sein heißt das Leben in Freiheit zu leben, und im Bewusstsein, dass irgendjemand dir völlig zufällig diese Freiheit nehmen kann, genau wenn du es am wenigsten erwartest…
Ultrà sein heißt, dies sowohl in der Kurve wie auch an der Uni zu sein, in der Kneipe wie in Bahnhöfen, in Buchhandlungen wie auf dem Stadionvorplatz von Bergamo, in Bibliotheken genauso wie vor einem Polizisten, der ein Mussolini-Tuch um den Hals geschlungen trägt, in den linken Sozialzentren wie auf dem Weg vom Bahnhof in den Auswärtsblock…
Ultrà sein heißt, seinen eigenen Widerstand 365 Tage im Jahr über 360 Grad zu leben, zu erlauben, dass sich das Adrenalin mit Alkohol mischt und eine Mixtur der gesunden Rebellion schafft…

Viel besser hätte man das nicht sagen können, meine ich.

Lo stato ha fatto una legge…

lo stato ha fatto una legge che dice allo sbirro così:
“appena incontri un tifoso
tu arrestalo e portalo qui”
appena arrivati in questura
lo sbirro tremare dovrà
la legge non ci fa paura
lo stato non ci fermerà
infatti non ci fermeremo
la vita dell’Ultras si sà
conosce soltanto due leggi
COERENZA e MENTALITÀ

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“Tifare contro” erscheint dieses Jahr noch

von altravita · Montag, 2. August 2010 · Keine Kommentare · 3 Trackbacks/Pingbacks

Giovanni Francesio: Tifare Contro. Eine Geschichte der italienischen Ultràs.

Giovanni Francesio: Tifare Contro. Eine Geschichte der italienischen Ultràs.

So, liebe Leute,

nochmal vielen Dank für euer reges Interesse an Francesios Buch “Tifare Contro. Eine Geschichte der italienischen Ultràs“, hat mich natürlich sehr gefreut. Was soll ich sagen, es war ein hartes Stück Arbeit, aber mittlerweile sieht man Licht am Ende des Tunnels: Die Übersetzung ist eingepackt und losgeschickt, das Buch wird dieses Jahr noch auf deutsch erscheinen. Wir sind natürlich alle schon einigermaßen aufgeregt und hoffen, dass euch das Machwerk dann mindestens genauso gut gefällt wie uns.

Um euch die Wartezeit noch etwas zu verkürzen, habe ich mir die Freiheit genommen, eine Facebook-Gruppe (http://www.facebook.com/group.php?gid=148497938493720) zum Thema zu erstellen. Dort werde ich dann auch immer mal Neuigkeiten verbreiten, vielleicht den einen oder anderen Auszug aus dem Machwerk und womöglich auch den einen oder anderen Hinweis auf weitere Bücher. Selbstverständlich ist dort natürlich der Ort für sonstige Diskussionen rund um’s Thema Ultràs in Italien.

Falls irgendjemand also seine kostbare Zeit sowieso bereits bei Facebook vertrödelt: einfach anmelden!

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Cilento – La Scogliera di Ascea

von altravita · Montag, 2. August 2010 · 2 Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

Ascea - La Scogliera

Ascea - La Scogliera

Ich hatte mich ja schon in der Vergangenheit mit den Stränden im Cilento auseinandergesetzt, aber die “Scogliera” von Ascea erfordert noch einmal eine besondere Erwähnung, finde ich. Die Küste des Cilento ist voll von verlassenen Buchten, die man in der Regel nur per Boot erreichen kann, eine ganze Reihe von Veranstaltern bieten Ausflüge zu diesen versteckten Badeplätzen an. Nun sind solche mehrstündigen Ausflüge nur bedingt kindergeeignet (“Sind wir bald da?”, “Mir ist langweilig”, Ich will ein Eis” to name but a few…) und umso erfreulicher ist, dass die lieben Asceaner ihre versteckten Badestellen per Tunnel erreichbar machten. Ganz offiziell handelt es sich um drei schmale, nur zu Fuß betretbare Tunnel, die zum Transport von Baumaterial in den Fels gehauen wurden – sie erfüllen aber trotzdem ihren Zweck.

Wie von den Herbergsvätern und -müttern im Elios vorgeschlagen, startet die Expedition am schönsten Sandstrand des Örtchens, der “Scogliera”, direkt unter der Ruine des “Torre del Telegrafo”, hinter dem besten Fischrestaurant am Platz. Der Zugang zum Tunnel ist versteckt, man sucht direkt hinter dem letzten Parkplatz nach dem Eingang (ca. 30 m). Am besten zieht man sich ein paar abwaschbare Latschen an, der Untergrund ist teilweise doch arg schlammig. Lohnt aber die Mühe. Nach dem ersten, ca. 100 m langen Tunnel übersteigt man am besten die erste Bucht, am gegenüberliegenden Ende sieht man bereits den zweiten Tunnel. Nach diesem kann man hinabklettern (abseilen ist nicht erforderlich, für alte Leute ist es trotzdem nichts) oder aber – bei guter körperlicher Konstitution – auch noch den dritten in Angriff nehmen.

Als Lohn der Mühe erwarten einen kristallklares Wasser und die Möglichkeit, die Unterwasser-Tierwelt zu betrachten (Brille nicht vergessen). Gegen unangenehme Bekanntschaften mit Seeigeln hilft das Tragen von Latschen, diese werden bei der Gelegenheit auch wieder vom Schlamm befreit. Mir selbst reichte auch schon die Abwesenheit von Urlaubern, hier ist man nämlich in der Regel völlig ungestört. Und weil mich unzugängliche Badestellen grundsätzlich und immer anziehen dachte ich, ich teile diese Beobachtung einfach mal. Ebenso wie diese Servicemitteilung:

Last Minute Urlaub: Für den gesamten August gibt es im Elios Country Village noch letzte Unterkünfte in Doppelzimmern mit Frühstück (Formel B&B). Die Mindestaufenthaltsdauer beträgt 5 Tage. Ihr spart satte 15 % auf den Listenpreis!

Bilder:

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Tones on the Stones

von altravita · Sonntag, 1. August 2010 · Keine Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

Tones on the Stones

Tones on the Stones

Mal eine Urlaubsidee. Seit einigen Jahren findet in meiner Heimatregion am Lago Maggiore das Festival “Tones on the Stones” statt, eine Reihe von Musik und Tanzveranstaltungen in verschiedenen Steinbrüchen. Und während es mindestens 10 Pferde bedürfte, mich in ein Opernhaus zu zerren, ging ich doch gestern Abend relativ freiwillig in den Marmorsteinbruch oberhalb von Crevoladossola im schönen Ossola-Tal. Wenn schon Oper, dann wenigstens unkonventionell und spektakulär. Was soll ich sagen, es war dramatisch schön: der Steinbruch mit seinen klaren geometrischen Foren, der gut 50 m steil aufragenden Wand im Rücken der Zuschauer und den als Bühne genutzten mehrstufigen Marmoretagen ist auch jenseits des Überraschungseffektes sehr beeindruckend.

Meine Opern-Kenntnisse sind sicherlich nicht nennenswert und so will ich die sängerische und tänzerische Leistung auch gar nicht weiter bewerten. In jedem Fall war das Setting mit seinen spektakulären Lichteffekten, den in die Kulisse “eingebundenen” Baumaschinen und die an die Wand projizierten Animationen eine wahre Augenweide. Aufgeführt wurde am gestrigen letzten Tag des Festivals “Fuego Gitano: Pasion y Muerte. The true story of Carmen” und auch wenn ich mir womöglich Aida noch besser hier vorstellen könnte, hatte ich mich durchaus wider Erwarten hervorragend unterhalten gefühlt. Vor allem, weil es eben nicht “Carmen” war, sondern eine von erklärenden Monologen und Tanzaufführungen unterbrochene Abfolge verschiedener Kernelemente der Oper. Sehr kurzweilig das alles.

Das spielt aber vermutlich die kleinere Rolle: Falls ihr in eurem nächsten Urlaub mal Lust habt, etwas “ganz anderes” zu erleben, dan schaut einfach mal bei “Tones on the Stones” rein. Für 30 EUR kann man hier in der Gegend weit schlimmeres erleben und Musik im Steinbruch gibt’s ja auch nicht überall. Mir hat die Verbindung von Musik und optischen Effekten in einem so ungewöhnlichen Ambiente (und in angenehmer Begleitung, Danke Sara!) einen durchaus sehr vergnüglichen Abend bereitet. Leider war das fotografieren untersagt, daher im folgenden nur ein paar allgemeine Fotos, aber auf der Website findet ihr genügend weitere Bilder und Videos.

Kontakt:
Tones on the Stones

Web: http://www.tonesonthestones.com
Tel.: +39 334 153 6056

Promo-Video:

Schlechte Bilder:

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Domenico Mungo: Cani Sciolti

von altravita · Donnerstag, 22. Juli 2010 · 7 Kommentare · 9 Trackbacks/Pingbacks

“Die Ultràs sind böse. Sie sind die dunkle Hemisphäre des Fußballs. Das obszöne Grauen der Zivilgesellschaft. Die Ultràs sind der Blitzableiter der Gutmenschen, des Bürgertums, der Krämerseelen, der Hausfrauen, der armseligen Journaillie und der Bullen auf Opfersuche. Die Ultràs sind die offene Güllegrube der Stadien. Symbol der blinden und irrationalen Gewalt.”

Domenico Mungo ist vieles, Anarchist, Skinhead, Gewalttäter, Journalist, Philosoph, Musiker, Dichter, Drogenkonsument, Hausbesetzer, hochrangiger Ultrà der Fiorentina und vor allem eines: ein unglaublich guter Autor. “Cani Sciolti” ist mit einigem Abstand das beste Buch, das mir zum Thema Ultràs jemals zwischen die Finger gelangt ist. Nicht nur, weil hier jemand aus der ersten Reihe der italienischen Ultrà-Bewegung das Wort ergreift, sondern weil es Mungo wie praktisch niemand anderes versteht, sich vor keinerlei Karren spannen zu lassen und keinerlei Blätter vor den Mund zu nehmen und das gesamte noch mit einem erzählerischen Talent verbindet, das eigentlich für den literarischen Kanon reichen sollte. Würde er denn nur “das richtige” schreiben. “Cani Sciolti” ist in erster Linie ein wahres Buch und schildert die Welt der Ultràs der 80er und 90er Jahre fotorealistisch – nicht etwa, wie sie Ultràs oder deren Gegner gern hören würden: Nichts wird beschönigt, mythisiert, überhöht, erniedrigt, verklärt oder auch nur erklärt. “Cani Sciolti” ist hingegen dreckig, gewalttätig, ungerecht und eindeutig subjektiv. Oder wie Lorenzo Contucci es im Vorwort so treffend formuliert: “‘Cani sciolti’ lässt sich in einem Satz zusammenfassen: ‘Die Wahrheit mag nicht revolutionär sein, aber sie geht gehörig auf den Sack.’”

“Es klingelt an der Tür. Es ist ein Bulle. Er erkennt ihn am Aftershave und an seinen Schuhspitzen. Er sieht ihm nicht ins Gesicht. Das würde der nicht aushalten. Er sieht ihm nicht ins Gesicht, denn ins Gesicht schaut man nur Männern. Keinen Wachhunden. Es ist 7.00 Uhr morgens. Zwei Monate waren vergangen…”

Technisch gesehen fasst der Autor chronologisch geordnet Texte aus der Welt der Kurven zusammen, das Buch ist als eine Art Bibliothek zur Erhaltung einer vergessenen Welt angelegt. Weil es die Ultrà-Bewegung verdient, eine Stimme und eine Erzählung zu haben. Ein Großteil der Kapitel stammt aus Beziehungen des Autors zu anderen Vertretern italienischer Kurven, die man während eines forcierten Exils in der Schweiz (wohin man sich vor der Verfolgung im Nachgang zur Tötung Gabriele Sandris flüchtete) zusammentrug. Ein Manifest einer untergegangenen Bewegung. Stückhaft, stilistisch kaum einzuordnen, unstrukturiert – aber aus erster Hand. Hier findet man den Inhalt einer Unterhaltung mit einem Mitbegründer der Fossa dei Leoni aus dem Inneren des eingekesselten Gästesektors der Milanisti nach dem Tod Vincenzo Spagnolos, wie der Barbour-Parka des Täters den Besitzer wechselte und wie die blutige Tatwaffe entsorgt wurde. Hier findet man ein Interview mit dem Mörder von Vincenzo Paparelli, das dieser während seiner Flucht in der Schweiz gegeben hatte. Hier kann man lesen, wie “Pompa”, Begründer des CAV (Colettivo Autonomo Viola), sein Banner im Mailänder San Siro praktisch im Alleingang gegen eine Übermacht der Brigate Rossonere und Fossa dei Leoni verteidigte, blutüberströmt durch eine Schnittverletzung die später durch 42 Stiche genäht werden musste. Der Hintergrund dessen also, was Jahre später zum Banner “Ehre dem Pompa” in der Mailänder Curva Sud führen sollte. Hier wird berichtet, wie die völlig durchgeknallten Florenzer “Alcool Campi” mit einem geklauten Fiat 500 gefüllt mit Mollis den Zug aus Bologna abfackelten und dabei einen 15-jährigen Fan für sein Leben entstellten. Hier findet man den Bericht eines Juventus-Ultràs aus dem Brüsseler Heysel-Stadion. Hier findet man den Autor selbst, der in einem Moment der Unachtsamkeit zwischen die Reihen der gegnerischen Polizei und gegnerische Brescia-Ultràs gelangt, was gern auch einmal tödlich ausgehen kann. Wobei Mungo immer darauf beharrt, dass er sein Leben nicht “riskiert” – sein Leben ist von vornherein außerhalb dessen angelegt, was die Mehrheit als Leben definiert. Da gibt es überhaupt nichts zu verlieren, er ist von vornherein vom Mehrheitsleben ausgeschlossen. Er hat sich von vornherein ausgeschlossen.

“Wir stiegen geschlossen aus den Bussen aus und machten alles platt, was uns vor die Fäuste kam, Gegner, die paar Bullen im Einsatz, Ticketverkäufer, Getränkehändler. Die Tore des Auswärtssektors wurden regelrecht zerlegt. Tränengasgranaten und Bengalos regneten von allen Seiten. Wer nach uns mit dem Bus eintraf, glaubte ein Kriegsgebiet in irgendeiner Stadt im Mittleren Osten oder Ex-Jugoslawien zu erreichen. Müllcontainer in Flammen, Tränengasnebel und viele viele Viola-Ultràs, die überall herumstreunten.”

Eine Sammlung von Augenzeugenberichten der kritischsten und weniger kritischen Momente der Ultrà-Bewegung also. Gefüllt mit CS-Granaten, Projektilen, Klingen, Koks, Heroin, Amphetaminen, Blut, Toten, Knochenbrüchen, Scherben, Schweiß. Man erfährt von Reisen in vollgekotzten und vollgepissten Zugabteilen, von praktisch ausradierten Autobahnraststätten, von hunderten brennenden Autos und verwüsteten Innenstädten, von durch Papierbomben zerfetzte Händen, von im Auge steckenden Signalraketen, von kiloweise verschlungenen Drogen jedweder Art, von gebrochenen Rippen, Nasen, Kiefernknochen, von Schweiß, Sperma, Blut, Zahnsplittern, von CS-Gasgranaten und Schlagstöcken aus Edelstahl. Und Achtung: “Cani Sciolti” eignet sich nicht dazu, sich auf der Wohnzimmercouch mal so richtig wohlig einen kühlen Schauer den Rücken herunterrieseln zu lassen: Bei Mungo gibt’s direkt in die Fresse! Als eine Art stummer Archivar stellt Mungo fremde Texte unkommentiert neben eigene, nichts wird dabei erklärt oder auch nur zu beschönigen versucht. Keine über sich selbst – als Außenseiter – hinausgehende Philosophie, keine Utopie und vor allem keine Hoffnung auf Besserung. Mungo macht es sich nicht zur Aufgabe, die Welt der Ultràs vom Sessel aus nachvollziehbar zu machen – er will sie lediglich wiedergeben. Mungo macht es sich nicht zur Aufgabe, die Welt als solche zu verändern – er will lediglich seinen Platz verteidigen. Praktisch niemals ist von ideologischem Ballast die Rede.

“Wir sind Ultràs aber wir sind nicht so ignorant, wie ihr das glaubt. Denn unsere Gewalt erlaubt keine Ignoranz. Wer uns nicht kennt und unsere Bewegung nicht in ihrem Inneren lebt, kann das Gefühl eines sich langsam mit Menschen aufheizenden, überfüllenden und überkochenden Sektors nicht kennen. Menschen deren Gesichter man von Außen nur durch Schals vermummt und hinter einem Vorhang aus Rauch wahrnimmt, während wir gerade Knüppel und Ketten aufteilen und die Zwillen ausprobieren, mit denen wir Stahlkugeln auf Bullenjeeps schießen werden.”

Dass es Mungo trotz alledem schafft, nicht nur ein präzises und unverstelltes Bild der teilweise haarsträubenden Gegebenheiten in italienischen Stadien der 80er und 90er Jahre zu zeichnen, sondern dass er es trotzdem eben auch schafft, die Leidenschaft, den Geist und die Kraft jener Jahre zu übermitteln und trotz allem nachvollziehbar zu machen, ist Beleg für die literarische Wucht dieses Autoren. Indem er gerade auf Deutungen und Interpretationen verzichtet, dem Leser keinen Bewertungsvorschlag anbietet, sondern die Geschehnisse nur möglichst echt wiedergibt, gelingt es Mungo, der Kurve eine Stimme zu geben und womöglich sogar Diskussionen anzuregen. Denn jede Bewertung setzt immer zuerst die Kenntnis des Geschehenen voraus – und wer könnte dies besser als Mungo, der knapp 3 Jahrzehnte an vorderster Front stand. Die Bewertung ist ihm auch egal, Ultrà ist keine Revolte, Ultrà ist Ablehnung des Gegebenen. Ultrà ist das Setzen eigener Regeln und die Befolgung dieser. Ultrà ist, sich lieber alle Knochen brechen zu lassen als auch nur einen Schritt zurückzuweichen – gerade weil dies in den Augen jedes Nicht-Ultràs völlig sinnlos erscheint. Na und? Ist es denn sinnvoller, für eine Hand voll Lire in Turin vom Baugerüst zu fallen? Dem Chef für’s 13. Monatsgehalt die übrigen 12 Monate in den Arsch zu kriechen? Dem Schatzi ein Goldkettchen zu kaufen? Alles gleich bescheuert, alles gleichermaßen arbiträr, antwortet Mungo, aber wenigstens ist Ultrà echt. Jenseits der verkommenen Moral, der korrupten Politik, der “legitimierten gesellschaftlichen Gewalt”, der Diktatur der Mehrheitsmeinung. Jenseits von Gut und Böse – durchaus in Nietzsches Sinne: Moral als gesellschaftliche Konvention für die dumme Masse, die ihre Ur-Instinkte in Kategorien einteilen muss und so letztlich abtötet. Alles zivilisatorischer Dreck, der das Chaos der animalischen Primärinstinkte überzuckert. In Wirklichkeit geht es um Solidarität, Verlässlichkeit, Freundschaft, Treue, Revierverhalten und, ja, Männlichkeit. Und wenn es um Schmerz geht, dann gehört der eben auch dazu. Eindeutig verlaufen demzufolge bei Mungo auch die Grenzlinien: “Professionelle Ultràs“, wie er sie nennt, die ihr Geschäft im Ticketverkauf oder der Unterstützung politischer Parteien machen und Youtube-Ultrà-Kiddies, die sich vor ihren Schlachterzählungen Internet einen runterholen, bei denen sie niemals verloren haben und niemals weggerannt sind, stehen bei ihm auf einer Stufe mit der Staatsmacht, dargestellt von Sklaven in Uniform mit blauem Helm.

“‘Du kannst sagen, dass es völlig bekloppt ist, für einen Fetzen Stoff sein leben zu riskieren, auf dem CAV steht, aber hier ist das so. Unter uns gibt es so etwas wie einen Ehrenkodex mit denen der anderen Mannschaften, unter uns Alten kennen wir uns alle persönlich, man erzählt miteinander und am Ende weißt du doch ganz genau, dass das Leute sind, die genau wie du ticken, da gibt es absoluten Respekt. Die neuen hingegen, die jüngeren, die wissen doch nicht einmal, was sowas überhaupt bedeutet…’”

Es geht dem Autor wie gesagt überhaupt nicht darum, Verständnis zu wecken oder irgendetwas zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Die Charaktere von “Cani sciolti” sind Anti-Helden im völlig unromantischen Sinn: dreckig, stinkend, versoffen, bekifft, zugekokst und latent gewalttätig. “Streunende Köter” eben. Mungo ist sich durchaus bewusst, dass sein Ultrà-Sein aus jeglicher Außenperspektive völlig irrational erscheint, keinerlei Maßstäben irgendeiner Zivilgesellschaft entspricht. Und trotzdem. Und trotzdem vermittelt er die Leidenschaft jener Jahre und ich meine, man kann seine sehr persönlichen Beweggründe durchaus gefahrlos verallgemeinern: Mungo ist Anti. Gegen einen Staat, dessen Gesellschaft immer weniger wirklichen Freiraum zulässt, auf der anderen Seite aber hunderttausende von Simulationen anbietet: Man schreibt sich SMS statt zu kommunizieren. Mungo reist mit seinen Leuten 12 Stunden an den Arsch der Welt, um ein Auswärtsspiel zu besuchen. Gewalt ist geächtet und wird in filmische Darstellungen oder Videospiele verlegt. Mungo beschreibt, wie sein zerschundener Körper sich lebendig anfühlt, nicht trotz, sondern gerade weil 3 Rippen und das Jochbein gebrochen sind. Dem postmodernen Relativismus aller Werte setzt Mungo die 100%ige Treue zu den Farben und seiner Stadt entgegen, Freundschaft, Verlässlichkeit und rückhaltlosen Einsatz. Natürlich klingt es in den Ohren der meisten absurd, sein Leben einer Fußballmannschaft zu widmen, aber Mungo macht an mehr als einer Stelle überdeutlich, wie absurd er es findet, sein Leben der Büroarbeit, den Weihnachtseinkäufen oder dem Mittelklassewagen zu opfern.

“Ihr seid die Ignoranten! Ihr, die ihr nur die Ruhe eines Spaziergangs mit der Freundin kennt, das Sonntagsessen bei den Eltern. Genau an jenem Sonntag, dem ihr die Magie einer geilen Massenschlägerei absprecht, eines Steinhagels gegen die gegnerischen Busse und eines Angriffs auf die Bullen! Wer ignorant ist, kann zudem nicht wissen, dass hinter diesem Banner und hinter diesen Jungs, die sich mit Gleichaltrigen prügeln, die Streifenwagen demolieren und Stadionränge in Flammen setzen, mehr als ein Vierteljahrhundert Geschichte der Gruppe steht, der Curva und eines Teils der Stadt!”

Ultràs sind per se marginalisiert und illegal, praktisch nichts von dem, was sie tun, lässt sich mit dem Wertekanon einer westlichen Industriegesellschaft in Einklang bringen. Und also überhöht der Autor das Außenseiterdasein: Wenn ich die Gesellschaft als unecht, zerstörerisch und inhuman ablehne, dann verfolge ich eben konsequent grundsätzlich alles, was diese Gesellschaft ablehnt. Das ist die Rolle, die das Italien zehntausenden seiner Jugendlichen zugesteht? Also nehmen wir uns diese Rolle und füllen sie mit Leben, tun wir alles, was der “normale” Bürger sowieso in uns sieht: Unnötige Pestbeulen am Arsch der Gesellschaft, gewalttätig, drogengeil und auch sonst kriminell. Ultrà als das dunkle Spiegelbild dessen, was es in der Zivilisation gar nicht geben dürfte und das deswegen konsequent ignoriert, ausgeschlossen, bekämpft, unterdrückt und marginalisiert wird. Eben weil es – in schönster Hegelscher Dialektik – zur Gesellschaft gehört; einer Gesellschaft, die es auf den Tod nicht ausstehen kann, mit dem chaotischen, triebhaften und animalischen in sich konfrontiert zu werden.

“An einem Punkt merke ich, wie so ein Stück Scheiße in Blau sich mit dem Schlagstock in der Faust von hinten an D. ranschleicht. Ich sprinte los und strecke ihn mit einem Tritt in den Arsch nieder, wie wir ihn aus den Bud Spencer-Filmen kennen. Die anderen Bullen umringen mich nun und mein Opfer zieht seine Knarre und zielt auf mich. Einer meiner Turiner Freunde, der mit uns war schafft es, mich beiseite zu ziehen, in Richtung der Aufgänge. Wie ein Aal entwinde ich mich zwei oder drei mal aus seinem Griff und gehe immer wieder af die Bullen los. Ich wollte dieses elende Stück Scheiße, das die Dienstpistole auf mich gerichtet hatte. Ich sah nichts anderes mehr. Ich wollte den bei lebendigem Leib auffressen.”

Und trotzdem ist ein Ultrà für Mungo jemand, der immer und absolut die selbstgesetzten Regeln beherzigt. Jemand, auf den man sich 100%ig verlassen kann. Jemand, der einem ohne zu zögen den Arsch rettet. Ein Moment, das nach Mungo eben auch die Ultràs verschiedener Kurven letztlich eint: Natürlich gibt man als Viola-Ultrà den Bresciani auf die Fresse, teilt aus, steckt ein, bricht sich die Knochen und beschießt sich mit ausgesuchter Pyrotechnik. So sind die Regeln. Aber man akzeptiert sich als seinesgleichen, man respektiert sich, man weiß im Grunde, dass der Typ da drüben mit dem hellblauen Schal vor dem Gesicht genau dein Leben lebt, dass der Typ da drüben genauso bescheuert ist wie du. Ein Respekt, den Mungo den wohlmeinenden Familienvätern beim Ausflug nach IKEA nicht zugesteht, denn diese stehen innerhalb der Gesellschaft. Aus dem bekannten Motto “Wir werden nie so, wie ihr uns haben wollt” wird bei Mungo: “Wir sind genau das, was ihr uns zugesteht”. Appunto, Ultràs werden als Abschaum gesehen, also verhalten sie sich auch so. Oder wie Francesio in “Tifare Contro” den Taylor Report zitiert: “Wenn ihr nicht wollt, dass sie sich wie Vieh benehmen, dann hört auf, sie wie welches zu behandeln.”

“Du wirst sagen: ‘Was hast du denn an Stelle eines Gehirns?’ Ich habe kein Gehirn! In meiner Welt zählt das nicht. Es zählen die Fäuste, um Respekt zu erlangen! Das Gehirn ist wichtig für die Jungs vorn am Geländer, welche die Gesänge starten und über das Was, Wann und Wie entscheiden. Ich bin etwas anderes. Ich bin ein Arbeitsloser, ein Drogensüchtiger, ein Einwohner des Planeten Müll!”

Dass der Autor auch noch seinen persönlichen Wunsch nach Grenzüberschreitung durch die Zeilen schimmern lässt, macht das Buch nur interessanter, ändert aber nichts am oben gesagten. Für Mungo sind Gesetze, Grenzen und Regeln nur arbiträre Konstrukte einer in sich verrotteten Gesellschaftsordnung. Selbstgesetzte Stromzäune einer gigantischen dämlich blökenden Schafherde. Deren Ablehnung ist an sich schon ein Akt der Selbstermächtigung. Auch über seinen Körper: Wenn es gesellschaftlich akzeptierte Norm ist, dass man frisch geduscht das Haus verlässt, keinerlei Tätowierungen zeigt, sich die Haare ordentlich scheitelt, fein duftet, gepflegt kommuniziert und bei jedem Zipperlein den Arzt aufsucht, dann bricht er eben direkt nach einer in einer besetzten Fabrikhalle durchgeraveten Nacht auf, kuriert Brüche durch Zähne zusammenbeißen, setzt Drogencocktails gegen die Müdigkeit ein und schließt noch den letzten freien Fleck am Körper mit einem neuen Tattoo. Aber er kennt echte Leidenschaft, echten Zusammenhalt, echte Freundschaft, echte Liebe und echten Schmerz. Und während sich der wohlintegrierte Bürger am Montag über den Polizeibericht echauffiert und der Möchtegern-Widerständler wohlige Gefühle in der Körpermitte verspürt, brüllt ihm Mungo entgegen: “Ich war dabei!” Wirklich und Wahrhaftig!

“Wir sind Ultràs. Wir sind die Sonntagskrieger, die aus ihren Existenzen ausgebrochen sind. Wir sind die unterirdischen Flüsse, die im großen Strom der Helden ohne Gesicht ineinanderfließen. Wir sind die Rowdies, die Unangepassten, Kinder einer gewalttätigen und kranken Gesellschaft. Wir sind all das, was es für euch gar nicht geben sollte, das aber trotz allem im Ghetto der Stadiongewalt weiterlebt”

Cani Sciolti kann – leider nur im italienischen Original – bei Boogaloo Publishing bezogen werden.

Einen kleinen Ausschnitt zum Lesen gibt’s hier.

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Cilento – Monte Gelbison

von altravita · Dienstag, 20. Juli 2010 · Keine Kommentare · 0 Trackbacks/Pingbacks

Cilento - Monte Gelbison

Cilento - Monte Gelbison

Hatte ich schon erwähnt, dass ich mich unglaublich langweile, wenn ich länger als eine Gazzetta dello Sport lang am Strand liegen muss? Zumal bei Temperaturen um die 40 Grad? Freundlicherweise ist das Cilento ein bergige Gegend und vom Badezimmerfenster aus gesehen ging die Sonne um 5.37 Uhr direkt über dem schönsten von allen auf: Monte Gelbison. Der vierthöchste Berg des Parco nazionale del Cilento e Vallo di Diano erreicht immerhin 1.705 Höhenmeter und ist auch von der Küste schnell zu erreichen. Das riesige Metallkreuz der Madonna del Monte Sacro sieht man auch von unserem Basislager, dem Elios in Ascea aus, vor allem wenn es nachts spektakulär beleuchtet wird. Eigentlich brauchte es die absolute Empfehlung unseres Herbergsvaters also gar nicht, den Berg hätte ich mir sowieso nicht entgehen lassen.

Also habe ich an einem mindestens wieder 40 Grad versprechenden Tag Nörgelzwerg und Fotoapparat eingepackt und in Richtung Novi Velia, der letzten Ortschaft vor dem Gipfel aufgebrochen. Selbstverständlich habe ich für den Weg nicht die bequeme Schnellstraße über Vallo della Lucania gewählt, sondern erstbeste Feldwege – das Ziel sieht man ja und das Auto hat noch Garantie. In Novi Velia folgt man dann einfach der Beschilderung zum “Santuario”. Die zum Gipfel führende Straße wechselt dichte Wälder mit teils spektakulären Ausblicken ab, manchmal muss man eine Herde Ziege vorbeilassen, manchmal kann man kristallklares Wasser aus den direkt am Straßenrand zu findenden Quellen abfüllen.

Für nur 3 Euro erkauft man sich das Recht, sein Gefährt unterhalb des Gipfels abstellen zu dürfen. Ich empfehle, den Berg nicht an einem Wochenende zu besuchen, das Kloster ist stark besucht und am Wochenende riskiert man einen längeren Anstieg, weil man sein Auto ein paar hundert Meter weiter unten abstellen muss.

Der Gipfel selbst bietet das Kloster “Santuario della Madonna del Monte” (siehe Fotostrecke), das auf den Überresten einer heidnischen Kultstätte errichtet wurde. Und in der Tat bedeutet Gelbison “Götzenberg”. Ich bin ja heidnischen Dingen immer durchaus zugeneigt, christlichere Seelen als ich finden sicher Gefallen an den zahlreichen Kirchen, Kapellen, Glockentürmen und Restaurants. Ich finde, dass allein der spektakuläre Ausblick die halbe Stunde Fahrt (Pilger gehen gefälligst zu Fuß!) rechtfertigt: der Blick über das gesamte Cilento ist atemberaubend und stolze Cilentani werden berichten, dass man von dort an klaren Tagen sowohl Capri als auch die Adria-Küste und Sizilien sehen könnte…Ich habe dies nicht vermocht.

Es empfiehlt sich, genügend Münzen mitzunehmen: Einem uralten heidnischen Brauch zufolge (vermutlich beschäftigt sich heute die “Madonna del Monte” mit derlei Profanitäten) kehrt Geld zurück, das man auf eine an der Nordseite des Plateaus befindliche Steinsäule so wirft, dass es liegen bleibt. Das ist leichter getan, als es klingt und von zweifelhaftem Erfolg (die Autobahngebühr wurde während meines Urlaubs mal wieder erhöht), aber durchaus unterhaltsam.

Am Fuß des Berges, kurz bevor man wieder Novi Velia erreicht, empfiehlt sich das kleine Restaurant “La Montanara”, in dem cilentanische Spezialitäten gereicht werden. Die Preise sind moderat, das Essen durchaus erstaunlich gut und die Temperaturen auch auf der schattigen Terrasse erfrischend erträglich. Als Alternative hat es direkt auf der anderen Straßenseite ein wunderschönes Picknick-Gebiet am Fluß.

Bilder:

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Ascea Elios Country Village

von altravita · Montag, 19. Juli 2010 · Keine Kommentare · 2 Trackbacks/Pingbacks

Elios - ein Willkommensgruß

Elios - ein Willkommensgruß

Wenn man nach über 1.000 km Autobahn am Nachmittag in seiner Herberge aufschlägt und die Frage nach “Habt ihr schon was gegessen?” praktisch ohne die Antwort abzuwarten mit einem schnell gezauberten mediterranen Mittagessen “in Familie” beantwortet wird, dann ist so ein Urlaub sicherlich schon einmal mit dem richtigen Bein aufgestanden. Willkommen im Cilento! Wie alle Jahre zog es uns auch dieses Jahr wieder in diesen weitgehend unbekannten Nationalpark südlich von Salerno, dieses mal hatten wir uns den mittleren Küstenabschnitt ausgeguckt: das kleine Städtchen Ascea mit seinen weitläufigen Stränden und der Ausgrabungsstätte Elea Velia.

Ich werde mich in den nächsten Wochen noch genauer mit diesem herrlichen Landstrich beschäftigen, den Anfang macht aber wie immer die Beschreibung unserer Basisstation. Die Entscheidung war schnell gefallen: Als mein Sohn im Internet den Swimming Pool entdeckte, war die Entscheidung für das “Elios” praktisch gefallen. Als ich den zum improvisierten Mittagessen gereichten Wein getrunken hatte wusste auch ich, dass er wieder mal recht hatte. Rein technisch hatten wir den ersten Stock einer der drei um den Pool gruppierten kleinen Villen gebucht, praktisch fühlten wir uns vom ersten Tag an in die Familie eingeladen.

Der Komplex wurde vor eineinhalb Jahren im Stil eines typischen cilentanischen “Borgo” errichtet. Nur 5 Minuten vom Küstenörtchen Ascea findet man sich in absoluter Stille in der Natur des Hinterlands wieder. Hier stört einfach kein Geräusch die Erholung und man hat trotzdem die lebensnotwendigen Einrichtungen zur Beschaffung von Wein, Mozzarella und Strandbräune in direkter Nähe. Die absolut sauberen kleinen Villen sind ein perfekter Rückzugsort für alle, de zwar Urlaub am Meer machen wollen, aber dem Strandtrubel abends dann lieber wieder gern entfliehen möchten. Zum Gelände gehört ein kleiner Lehrpfad zur Flora der Gegend, der typischen “macchia mediterranea” mit wildem Origano, Mirto, Rosmarin oder Oleander. Typische halbwilde Birnbäume und supersüße Feigen können nicht nur gepflückt werden, sondern werden im Elios auch nach traditionellen Rezepten weiterverarbeitet. Ein lustiger Abend mit cilentanischer Küche und Musik war dann der Höhepunkt unseres Urlaubs dort.

Zur Begeisterung des Mini-Hooligans finden sich neben dem Pool auch verschiedene Hunde, Esel, Hühner und was so ein 10-jähriger Haudegen noch so braucht, um die Eltern ausschlafen zu lassen: Tischtennisplatte, Sportbogenschießen, ein Kicker. Gut, an idyllischen Fleckchen ist der Nationalpark sicherlich nicht arm, aber ich möchte hiermit nochmal ganz liebe Grüße an Milena, Stefania, Sofia, Velantino, Pierluigi und Raimondo senden und alle, die ich sonst noch vergessen habe von den vielen lieben Menschen, die unseren wiedermal viel zu kurzen Aufenthalt mit ganz viel Herz begleiteten. Nicht nur wurden wir mit allen Informationen versorgt, wo man unbedingt hinfahren müsste, wo die besten Strände sind, welcher Mozarella der beste wäre, wo man Pilze, Quellwasser und wilden Origano findet, sondern auch sonst wurden wir von Anfang an in alles einbezogen, was die rührige Familie Cammararo so veranstaltete.

Wir kommen in jedem Fall wieder, nicht nur wegen der glasklaren Strände und der hervorragenden Restaurants in Ascea, sondern vor allem, weil wir dort Freunde gefunden haben. Und weil noch viel mehr geplant ist: Besuche bei örtlichen Käsereien und Weinbauern, beim Feigentrocknen über die Schulter schauen, der Ausbau der “Happy Farm” … oder einfach nur in den Tag hinein dösen. Schaut mal rein, sehr wahsceinlich gefällt es euch ja auch.

Links:
www.elioscountryvillage.com
Facebook Elios

Bilder:

Kontakt zum Elios Country Village:

 

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