non tesserati viola

Ohne Tessera del Tifoso im San Siro

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Ich war ja die letzten zwei Wochen für eine ZDF-Doku zum Zustand des italienischen Fußballs und der italienischen Fankultur unterwegs und weil es in der Bahn Internet gibt, fange ich schon einmal an, meine Erlebnisse zu beschreiben. Schön ist natürlich, wenn man die „Repression“ nicht nur von den befragten Ultras und Fans beschrieben bekommt, sondern man an ihr auch selbst teilhaben kann. Am 30.09. fand im Mailänder San Siro das Spiel Inter gegen Fiorentina statt und das Team wurde von den Capos von Inter in ihre Kurve eingeladen, mit der wir bereits Interviews geführt hatten, die uns zur Vorbereitung der Choreografie für das Derby gebracht hatten, mit denen wir im geheimen „Covo“ waren und mit denen wir gemeinsam Auto gefahren, gegessen, getrunken, geraucht, gelacht und diskutiert hatten. Kameras durften wir ja sowieso nicht ins Stadion bringen, weil die Lega Calcio Angst hat, wir würden uns für Spielszenen interessieren und insofern war das ein Spiel zum Stadionluft schnuppern. Ich selbst wollte die erste Halbzeit mit den Freunden von den „Non Tesserati“ (mehr zur Tessera del Tifoso hier) der Fiorentina verbringen, die ich ja im Oktober 2010 bereits in Genua begleiten durfte. Außerdem war auch Domenico Mungo dabei, der Autor des Buchs „Streunende Köter„, den wir am Vortag in den Ruinen des „Filadelfia“-Stadions in Turin zum Toro und den politischen Implikationen der Ultrà-Bewegung interviewt hatten.

Und so trennte ich mich von Protagonisten und Crew und bewegte mich in Richtung zweiter Oberrang meiner ehemaligen Curva Sud. Der Auswärtsblock befindet sich im dritten Oberrang und die „Non Tesserati“ wollten ihrer Ablehnung der Fankarte „Tessera del Tifoso“ dadurch Ausdruck verleihen, dass sie sich als freie und nicht vorbestrafte italienische Staatsbürger Karten für den Stadionbereich davor kauften und dort singen. Die Rechtslage ist ja weiterhin unverändert: in den Auswärtsblock dürfen nur Fans mit „Tessera“, alle anderen müssen woanders Platz nehmen. Und so gesellte ich mich zu ihnen, meinen Zweitjob als „Journalist“ kurz unterbrochen, die Freunde umarmt und wir fingen an zu singen. Das Grüppchen von 20 Leuten war friedlich, feuerte die Mannschaft an und tat mit einem „No Alla Tessera del Tifoso“ ab und an einmal ihre Meinung zur Datensammelwut der italienischen Behörden kund. Die um uns sitzenden Inter-Fans nahmen kaum Notiz von uns, keiner machte den Eindruck, sich bedroht zu fühlen oder drehte sich auch nur zu uns um. Und wie uns der Fananwalt Lorenzo Contucci erklärt, den wir im Übrigen ein paar Tage vorher in Rom interviewt hatten, war der Auftritt der „Non Tesserati“ durchaus gesetzeskonform:

„Aus strafrechtlicher Sicht haben diese Personen kein Delikt begangen und auch keine Verwaltungsentscheidung mißachtet. Es ist mir nicht bekannt, dass es ein Verbot seitens der Präfektur gegeben hätte, das den Verkauf von Eintrittskarten für den betreffenden Stzadionbereich für Einwohner der Provinz Toskana verhindert hätte. Es erschließt sich mir, im Gegenteil, noch weniger, dass man sich in einem Stadionbereich außerhalb des Auswärtsblock nur dann begeben darf, wenn man eine Tessera del Tifoso besitzt.“

Und es ist ja noch absurder, man darf ja nur mit Tessera del Tifoso in den Auswärtsblock, so dass Fans ohne eine solche Fankarte laut geltenden Gesetzen in andere Stadionbereiche ausweichen müssen. Sollte es ein Verbot des Verkaufs von Karten an Einwohner der Provinz Toskana gegeben haben, so ist die Schuld für den Vorfall dem zuständigen Ticketverkäufer zu geben, der „Banca Popolare di Milano“, die die Fußballfans über eine dementsprechende Anordnung weder aufgeklärt noch den Kartenverkauf verweigert hat. Es hätte ja, wie Contucci im oben verlinkten Interview anmerkt, auch ein Interista aus Florenz anreisen können, um seiner Mannschaft zuzuschauen. In Italien spielen derlei Spitzfindigkeiten keine Rolle: Nach ungefähr einer halben Stunde der ersten Halbzeit wurden wir von einem Trupp Ordner eingeschlossen. Gern hätte ich mich festnehmen lassen, aber ich hatte die Autoschlüssel dabei und konnte das Team nicht zu Fuß zurück lassen. Insofern konnte ich nur ein paar Fotos dieser Ungerechtigkeit schießen und mir später anhören, dass die ca. zwanzig „Non tesserati“ abgeführt, vor dem Stadion die Personalien aufgenommen wurden und allen ein Stadionverbot droht. Und das obwohl an keiner Stelle auch nur verbale Gewalt gedroht hätte, das Grüppchen sang einfach für Team. Nur eben scheinbar nicht dort, wo es sollte.

„Ehrlich gesagt kann ich nicht verstehen, wie – aber das wird uns die Polizeibehörde Mailand erklären – eine Person als gefährlich angesehen werden könnte, die sich eine Eintrittskarte kauft, die vollkommen regulär ins Stadion geht, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nimmt und dann sogar dazu gezwungen wird, das Stadion vorzeitig zu verlassen und dabei um den Gegenwert des Eintrittspreises gebracht wird. Ich wundere mich immer mehr über den Status der Demokratie in Italien.“

Während meine Freunde sich also auf dem Stadionparkplatz von den Polizisten ablichten lassen mussten und ich verfluchte, dass ich die Wagenschlüssel in der Tasche hatte, war mir klar, dass solche Fälle eine Öffentlichkeit verdienen. Wir haben auf dieser Reise von seiten der Ultràs trotz Kamerateam so viel Gastfreundschaft, Mut und Vertrauen entgegengebracht bekommen und genau dieselben Menschen werden aus den Stadien verbannt. Die Einzigen, die überhaupt noch ins Stadion gehen. Und kein „objektives“ Medium berichtet darüber, denn bekanntlich sind in Stadionkurven ja nur „Gewalttäter“ und „Chaoten“ zu finden und wer ein Stadionverbot bekommt, der „wird schon etwas gemacht“ haben. Ich stand neben meinen Freunden und wir haben gemeinsam gesungen. Niemand der umsitzenden Fans fühlte sich gestört oder bedroht. Unsere Anwesenheit war nicht einmal illegal. ich würde mich wirklich freuen, wenn in Italien einmal jemand die wirklichen Probleme anpacken und die wirklichen Kriminellen verfolgen würde.

Zur Halbzeit drehte ich eine illegale Stadionrunde und sah mir die zweite Spielhälfte als Gast der Interisti an, die natürlich bereits von meinem Abenteuer erfahren hatten. Wenn jemand Probleme von ihrer Seite verdient hatte, dann ich: Milanista, der mit den Gästefans singt. Stattdessen ließen wir uns bei der Verabschiedung vor dem Stadion alle gemeinsam von den zwei „unauffälligen“ Agenten der DIGOS ablichten. Ein paar Bier, ein fester Händedruck, eine Umarmung und das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.