Choreo-Vorbereitung

Und ich bin dort, wo ich auf keinen Fall sein dürfte.

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Von meiner Tour für die Italien-Doku im ZDF habe ich jede Menge neue Kontakte, Eindrücke und Erfahrungen mitgebracht. Einerseits haben wir Städte und Stadien besucht, die ich noch nicht kannte, andererseits war ich ja noch nie mit einer Kamera und Drehteam unterwegs. Nach so ein paar Jahrzehnten Stadion ist mir natürlich schon klar, dass sich in Fußballkurven keinesfalls nur „Chaoten“, „Verbrecher“ und anderes Gesocks rumtreibt, das weggesperrt gehört. Aber wenn man mit acht Leuten, Kamera und Tontechnik aufschlägt ist das natürlich schon was anderes. Und hier nehme ich auch die überraschendste Erkenntnis mit, die ich den lieben Journalisten mit auf den Weg geben möchte: Natürlich reden Ultràs offiziell nicht mit der Presse und sie haben auch gute Gründe dafür. Wenn man sich aber ordentlich präsentiert, Neugier zeigt und Objektivität androht, dann öffnen sich diese Menschen nicht nur, man bekommt mit Kamera auch Dinge zu sehen, die man ohne Kamera unmöglich erlebt hätte. Denn Stadionkurven sind entgegen der veröffentlichten Meinung von Menschen bevölkert, Menschen mit Biografien, Menschen die Geschichten zu erzählen haben und die diese auch durchaus erzählen wollen. Mit dem folgenden möchte ich mit dem Märchen aufräumen, dass man ja nicht über Ultràs berichten kann, weil die ja nicht mit den Medien reden. Unfug, der eure Faulheit, euer Desinteresse und eure Redaktionsvorgaben kaschieren soll.

Ich bin bekanntlich Milanista. Und am Sonntag wird das Mailänder Derby steigen. Beide Kurven bereiten seit Monaten Choreografien vor, die den Fußballtempel San Siro Stadion noch einmal im alten Glanz erstrahlen lassen werden. Der Inhalt dieser Choreografien gehört zu den bestgehütetsten Geheimnissen auf dem Planeten, denn die größte Schande für eine Kurve wäre es, wenn die Gegenseite die Antwort-Choreo parat hätte. Dies muss auf alle Arten und Weisen verhindert werden und so wissen nicht einmal alte Capos die aktuelle Choreo, auch sie werden sie erst bei Aufführung am Spieltag erfahren. Und wenn die eigenen Leute, die sich in teils mehreren Jahrzehnten ein gewisses Standing erworben haben, die Choreo nicht wissen können, dann darf ein Milanista sowas natürlich als letzter erfahren. Oder Journalisten. Meint man. Also rufe ich ein paar Leute der Curva Nord an und sage, dass wir für eine Dokumentation des Zustands des italienischen Fußballs unterwegs wären und wir gern mit ihnen drehen würden. So wie jeder Journalist das auch könnte, der ein Telefon bedienen kann. Mit dem Vorteil, dass er nicht von der „falschen“ Seite der Stadt wäre; Journalist in Tateinheit mit Milan-Fan mit durchaus Kontakten in die eigene Kurve ist ja sozusagen das worst case scenario.

Nun, liebe Journalisten, ihr wisst nicht, was euch entgeht. Wir treffen uns allesamt in der besten Brötchenbar der Stadt, der „Bar della Crocetta“ am U-Bahnhof „Crocetta“. Dort gibt es eine Karte mit gefühlten 500 verschiedenen belegten Brötchen mit Namen wie „Fossa“, „Viking“, Milito“ oder einfach „Sara“. Muss man hingehen. Und wir warten auf das, was da passieren mag, während die Küchenfee uns ungefragt einen Teller nach dem anderen aus der Küche bringt. Es ist Donnerstag und wir müssen warten, bis unsere Kontakte vom „Raduno“ – dem wöchentlichen Treffen der Curva Nord kommen. Später werden wir erfahren, dass die gesamte Rechnung bereits bezahlt ist und niemand mit uns über Geld reden möchte. Als die hochrangigen Vertreter und Vertreterinnen (!) von Inter aufschlagen, wird sich begrüßt, umarmt, viel Bier getrunken und vielleicht freht sich der eine oder andere auch einen Joint. In der Zwischenzeit reden wir über das, was wir schon gedreht haben und was das Ziel unseres Films ist. Und selbstverständlich fahren sie uns danach ins Hotel. Die normalste Sache der Welt, liebe Journalisten, man könnte ja einfach mal fragen.

Am nächsten Tag, nach den üblichen Dreharbeiten am San Siro, verabreden wir uns am „Covo“, dem geheimen Treffpunkt der Mailänder Nordkurve. So geheim, dass selbst Giorgio Specchia, Autor des Buchs „Der Rowdy„, mich hinterher fragt, wie das da so sei. Hab’s ihm natürlich nicht gesagt. Kann er ja später im Fernsehen anschauen, denn natürlich durften wir die heiligen Hallen drehen, in denen u.a. das Material für die Choreo gelagert wird. „Fühlt euch einfach, wie Zuhause. Bier steht dahinten, bedient euch“. Ein paar Lieferwagen-Füllungen später geht es in der Karawane in Richtung einer Lagerhalle, wo die Jungs sich für drei Tage verkriechen würden, um die mehr als 5.000 Quadratmeter feuerfester Stoffbahnen zu bemalen. Auch hier dieselbe Ansage: „Dreht was ihr wollt, nur nicht den Anfahrtsweg. Greift bei Bier und Essen zu, wir müssen eh nochwas nachholen. Fühlt euch wie Zuhause.“ Nichts einfacher als das. Und so steht ein Drehteam des ZDF in einer Industriehalle mit zwei stilechten Straßenwalzen und filmt junge Menschen dabei, wie sie Zeit und Geld opfern, um ihrer Leidenschaft und ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen, das Stadion zu illuminieren und dem Pay-TV die Bilder zu liefern, mit denen es so gerne wirbt. Eine solche Choreografie kostet um die 25.000 Euro und endlose Nächte, das ungefähre Dutzend Beteiligter schloss sich für 3 Tage dort ein, schlief, aß, rauchte und trank dort. Mit uns Journalisten, geführt von einem Milanista, man kann das nicht oft genug erwähnen.

Und so filmten wir „Il Rosso“, wie er auf einer der malerischen Straßenwalzen stand wie ein Regisseur und Anweisungen gab oder wie er hochkonzentriert mit dem Edding über die riesigen Stoffbahnen schritt, um hier oder da noch Korrekturen vorzunehmen. Wir teilten Bier und Zigaretten, als wäre unsere Anwesenheit die normalste Sache der Welt. Wir führten Interviews oder redeten über Frauen und Fußball. Warum? Weil Ultràs Menschen sind, Menschen ohne Heiligenschein, aber mit Sicherheit nicht das Grundübel des korrupten und dem Geld geopferten Fußballbetriebs. Menschen, die Werte leben und die die Ungerechtigkeit hassen, mit denen sie unisono als „Verbrecher“ abgestempelt werden, die „mit Fußball nichts am Hut haben“. Mit Fußball nichts am Hut? Wo sie doch praktisch ihre gesamte Freizeit damit verbringen, den schönsten Teil des Spektakels Fußball vorzubereiten? Ohne dafür von irgendjemandem Geld oder auch nur ein „Danke“ zu hören. „Es ist schon viel, wenn irgendjemand vom Verein auf der Ehrentribüne aufsteht und mal applaudiert.“ Nein, wir haben Menschen filmen dürfen, die Geschichten zu erzählen haben und diese auch gern erzählen wollen. Die uns einladen, darüber zu berichten, was Ultrà jenseits der problematischen Aspekte eben auch schon immer war: Anerkennung, Freundschaft, Respekt, Leidenschaft und Aufopferung. Menschen, die uns einfach eingeladen haben, zwei Tage mit ihnen gemeinsam zu verbringen und uns selbstverständlich am Spieltag auch in ihre Kurve eingeladen haben, direkt hinter dem Vorsänger, einem Platz, den man sich sonst jahrelang erarbeiten muss.

Gastfreundliche, charmante, intelligente und witzige Menschen. Menschen, denen daran liegt, in die Öffentlichkeit zu bringen, dass die eigene Kurve, die eine unter verschiedenen Aspekten sehr problematische Vergangenheit hat, sich seit Jahren schon wandelt hin zu einer bunteren, „choreografischeren“ und gesangsfreudigeren Kurve. Einer Kurve, die ihre Vergangenheit nicht leugnet und durchaus reflektiert darüber spricht, die aber auch darauf hinweist, wie man gemeinsam mit der Curva Sud von Milan bei den Kommunalwahlen Mailands 2011 dafür gesorgt hat, dass die Mitte-Rechts-Regierung der seit Jahrzehnten „schwarzen“ Festung Mailand abgewählt wurde und mit der Inthronisierung des Sozialisten Pisapia als Bürgermeisterder erste Baustein zum Sturz Berlusconis gelegt wurde. Eine Kurve also, die bei aller berechtigten Kritik deutlich flexibler ist, als die Berichterstattung über sie. Ultràs, die durchaus ihre Gründe diskutieren, die sie dazu bewogen haben, nach langen Diskussionen, die „Tessera del Tifoso“ zu unterschreiben. Die aber durchaus anerkennen, dass andere Kurven sich mit anderen Problemen und Realitäten herumzuschlagen haben und sich anders entschieden haben. Wir haben also durchaus erlebt, wie Entscheidungen in selbstreflektierten und selbstkritischen Diskussionen gefällt werden, die das Für und Wider bestimmter Alternativen abwägen, um im derzeitigen Klima der Repression sich trotzdem noch Freiheiten zu erstreiten, einfach das zu sein, was sie in erster Linie sein wollen: Fußballfans mit Leidenschaft. Fans, die Fehler zugeben, die aber vor allem darum kämpfen, als Bestandteil des Systems „moderner Fußball“ nicht völlig vertreiebn zu werden, weil „Fußball den Fans gehört“. Und für die Ultrà vor allem anderen eben auch Freundschaft, Emotion und Anerkennung bedeutet. Anerkennung auch für Jugendliche, die in einem Land mit 35% Jugendarbeitslosigkeit vielleicht gar keine andere Chance haben, Anerkennung und Respekt zu erfahren oder Teil einer Gemeinschaft zu sein. Denn das ist eine Curva nämlich auch: Ein Ort, in dem Architekten und Journalisten, Obdachlose und Gelegenheitsjobber gleichberechtigt nebeneinander stehen, weil sie ein gemeinsamer Antrieb verbindet. Ich will mir nicht ausmalen, wer diesen Teil der „Sozialarbeit“ übernehmen will, wenn Ultràs endgültig aus den Stadien vertrieben sind. Denn soziale Probleme verschwinden ja bekanntlich nicht, nur weil man sie aus dem Blickfeld einer Live-Übetragung entfernt.

„Ich hatte mir eher mehr so Hooligans erwartet, die uns böse anschauen und ich hatte ehrlich gesagt auch ein bisschen Angst. Aber wir haben doch echt nur nette, intelligente Leute kennengelernt, mit denen man sich super unterhalten konnte.“ So fasste die mitreisende Aufnahmeleiterin – eine zierliche Person knapp über dem Meter fünfzig, die Fankurven nur aus dem Fernsehen kennt – mir ihre Erfahrungen auf unserer Reise zur Archäologie einer Fankultur zusammen. Und wenn der Film später dann so ähnliche Reaktionen bei mäßig fußballinteressierten Menschen hervorruft, denen die Welt der Kurven durch die Medien als von „Chaoten“, „Kriminellen“, Schlägern“ und „blinder Gewalt“ bevölkert nahegelegt wurde, dann ist schon viel erreicht. Als ich beim Spiel gegen die Fiorentina nach meiner Beinahe-Festnahme mit den Auswärtsfans der Viola zur Halbzeit die Stadionrunde drehte und in die Curva Nord ging, hatte man alles schon genauestens beobachtet und war über meinen Fluchtweg bereits in Kenntnis. Milanist, Kamerateam, Gästefans. Egal. Alle begrüßt, abgeklatscht und nach dem Spiel unter den Augen der DIGOS verabschiedet. Ich bin um Himmelswillen kein Journalist und möchte auch keiner werden. Aber in meiner romantisch-naiven Vorstellung trifft sich ein Journalist mit Menschen, die er beschreibt, um sich deren version der Dinge anzuhören, ihre Motivationen, Ängste und Ideen. Vor allem, wenn er vorhat, sie als „Verbrecher“, „Chaoten“ und „Störer“ abzustempeln, die Kindern Angst und Schrecken einjagen. Mein Kind wird jedenfalls am Sonntag im Stadion sein. Und wie jeder andere kleine Junge wird er mit leuchtenden Augen nur auf das Spektakel der Kurven starren. Kurven, in denen Menschen stehen. Menschen, mit denen man reden kann, man müsste halt nur vorher höflich fragen. Einer der Fußballchefs der ehrwürdigen Gazzetta dello Sport ist übrigens Mitbegründer der „Viking“, der beißt auch nicht.