Giorgio Specchia "Il Teppista/Der Rowdy. 30 verdammte Jahre in Mailand."

Giorgio Specchia: Il Teppista/Der Rowdy

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Inmitten des gerade aktuellen Wettskandals um manipulierte Fußballspiele erscheint im November 2011 Giorgio Specchias “Il Teppista/Der Rowdy”, Lebensgeschichte des Mitbegründers der “Viking”, bis heute bestehende Ultragruppierung der Nordkurve des San Siro-Stadions. Der des FC Internazionale. Geschrieben hat seine Biografie aber nicht der Protagonist, Nino Ciccarelli, selbst, sondern Giorgio Specchia, Autor und Journalist der Gazzetta dello Sport. Auch er, und das macht das Buch durchaus zu etwas Besonderem, Gründer der “Viking” – gemeinsam mit den vielen anderen im Roman erwähnten Personen. Glücklicherweise erscheint das Buch in einem Kleinstverlag und der Protagonist ist sowieso “ein Krimineller”, ansonsten böte das Werk genügend veritablen Sprengstoff, um einer Menge Italienern ganz gehörig die Augen zu öffnen. Und das korrumpierte Fußballgeschäft sind hierbei nur der kleinste Faktor.

“Ich habe mich niemals an irgendjemanden verkauft, vor allem an keinen Journalisten. Aber ein Buch, sogar einen Roman, über mein Leben war notwendig. Warum? Vor allem, weil ich zum Thema Ultras immer und ausschließlich Blödsinn gelesen habe, geschrieben von Leuten, die Ultras nicht kennen. So als ob man mich ein Konzert in der Scala kommentieren oder einen Leitartikel zur Staatsverschuldung schreiben ließe. Über die Kurven aber ergießen sich immer die, die überhaupt nichts von uns wissen können: Soziologen, Journalisten, sogar Autoren, die den Fußball erst nach einer Episode aus der Kriminalitätsecke entdecken. Alles Leute, die auf völlig anderen Planeten leben und meinen, sie müssten mir Moral beibringen.”

Es handelt sich also um ein Ultrabuch, erzählt die Lebensgeschichte einer der landesweit bekannten Persönlichkeiten der italienischen Kurven. Dabei geht es aber nicht nur um legendäre Auswärtsfahrten, Drogen, Kämpfe und die Leidenschaft der Curva. Vor allem aber gibt der “Teppista” einen Einblick in das Leben eines Jungen, der in der zweiten Hälfte der 60er Jahre in einem weniger vornehmen Stadtteil Mailands geboren wird. Dort, wo du nur überlebst, wenn du stärker und schneller bist als die anderen. Und Ceccarelli, weil härter und pfiffiger als andere, haucht sein Leben nicht nach einem goldenen Schuss auf einer Parkbank aus, sondern geht auf eine rasante Achterbahnfahrt zwischen Reichtum, Gewalt, Kriminalität, Betrug und jeder Menge Prominenz durch ganz Europa. Und er nimmt sich die Zeit, von den 70% des Eisbergs zu berichten, von denen auch in Deutschland nur Berlusconis Bunga-Bunga-Spitze angekommen war. Wie weit sich das Geflecht aus Prominenz aus Politik und Sport, Drogen und Prositition zur Normalmatrix des italienischen Geldadels ausgebreitet hat, davon gibt uns “Il Teppista” einen verstörenden Eindruck.

“Er ist der Autor und ich der Protagonist, die Rollen sind klar verteilt. Es ist richtig, dass die Leute verstehen, was wir Ultras wirklich sind, aber sicherlich ist dieses kein weiteres der tausend Bücher über Ultras. Im Gegenteil, der Fußball und was sich um ihn dreht, stellen nur einen kleinen Teil der Geschichte dar, die drei Jahrzehnte Mailands, Italiens, Lebensläufe ohne allzuviele Perspektiven erzählt. Die 80er der Jugendbanden und des Mailänder Nachtlebens sind das interessanteste Jahrzehnt, aber auch die 90er und die Nuller Jahre sind voller Begebenheiten, die noch nie von jemandem erzählt wurden, der selbst dabeigewesen war.”

Das Titelbild wird von einem mit 12 Efeublättern tätowierten Oberarm dominiert – eines für jedes im Gefängnis verbrachte Jahr. Der Untertitel lautet: “Dreißig verdammte Jahre in Mailand.” Eine Einstimmung auf die gleichermaßen faszinierende wie beklemmende Geschichte aus einem Italien, das Lichtjahre entfernt ist vom Dom, der Galleria und dem hübschen Flohmarkt am Naviglio. Von toskanischen Zypressen und singenden Gondolieri. Ciccarelli lebt in den Gedärmen Italiens, in einer Welt, die totgeschwiegen wird und die selbst der großen Mehrheit der Italiener unbekannt ist. Und so entführen die kurzen, präzise beschriebenen und trocken-unmoralisch erzählten Geschichten in eine Welt, die man wohl eher in mittelamerikanischen Pseudodemokratien erwarten würde. Die sich aber trotzdem mitten in Europa abspielt.

“In diesem Buch gibt es ein Mailand und ein Italien, dass weit entfernt von den Gemeinplätzen ist, auch von denen zur Kriminalität. Und genau deshalb sind sie weithin unbekannt, weil die Leute nicht begreifen, wie eng verschiedene Wirklichkeiten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, in Wirklichkeit miteinander verbunden sind. Die Welt der Finanzen, die Politik, das Showgeschäft, der Fußball, die mehr oder weniger organisierte Kriminalität, die Kultur etc.: eine Parallelwelt, die euch alle verarscht, eine Welt, die wegen einer Reihe von Zufällen einem Jungen der Straße wie mir erlaubt hat, auf der ganzen Welt berühmte Persönlichkeiten zu Duzen.”

Und so wird der Leser mitgenommen auf eine Reise in die Schnittstellen von Mailands Unter- und Oberwelt von den 80ern bis in die Gegenwart. Schulhofstreitigeiten, Jugendgangs, Bolzen im Park und die Gründung der Viking. Auswärtsfahrten, Klingen und Banner. Es wird erzählt, wie Kokain und Heroin die Stadt und die Kurven übernehmen – und dezimieren -, genauso wie Bandenkämpfe die üblichen Stadtparks. Und mit einer atemberaubenden Nonchalance wird der Rahmen erweitert: Zu den üblichen Kokainkunden kommen Fußballer und ihre Luxussternchen, Tennisspieler und brasilianische Transvestiten, Dealer, Zocker und Politprominenz. In der Nacht vor dem Derby werden von millionenschweren Starspielern in luxuriösen Villen kokainschwangere Orgien gefeiert. Die letzten paar Spieltage der Serie A reisen die Kicker mit dem Laptop durch die Gegend, um ihr kärgliches Gehalt noch durch ein paar Sportwetten auf manipulierte Spiele aufzubessern. Ciccarelli nimmt den Leser mit in die Halbwelt der Mailänder In-Diskotheken, wo sich in den Hinterzimmern fußballerische Prominenz mit tonnenweise teurem Schnee und billigen Prostituierten trifft. Die Türen bewacht von Mailänder Ultras.

“Ihr müsst aber auch wissen, dass nicht alle meiner Generation so wie ich sind. Ich bin einfach immer ein bisschen weiter gegangen. Und dafür habe ich mit den 12 Efeublättern auf meinem linken Arm bezahlt. Eines für jedes Jahr in Haft.”

Auf dem Weg werden illegale Wetten geschlossen, Konten beglichen, Geld gemacht und wieder verloren, Klingen gezückt und jede Menge Kugeln verschossen und teure Autos zersiebt. Die Namen der Fußballstars werden aus Respekt (sicher auch vor deren Anwälten) nicht genannt, aber die erschließen sich für die meisten, die sich ein bisschen auskennen auch von selbst. Der Leser erfährt, wieso die meisten Ultras die italienische Sportpresse boykottieren. Und er erfährt auch, welche Einflussname sie auf politische Entscheidungsprozesse nehmen können. Denn die einzigen Namen werden genannt, als die beiden Mailänder Kurven – aus Protest gegen den “Verrat” der Lega Nord und die Terrorgesetzgebung samt “Tessera del Tifoso” durch Berlusconis Innenminister Maroni – den Sturz der Mitte-Rechts-Regierung bei den Mailänder Kommunalwahlen 2011 mitbetreiben und gemeinsam den neuen Bürgermeister Giuliano Pisapia feiern. Ein Umstand, der es meines Wissens bislang in keinerlei offizielle Schrift geschafft hat. Genausowenig wie das eloquente Spruchband der Mailänder Nordkurve zum Wahlausgang, das in keinem offiziellen Medium erwähnt oder abgebildet wurde. Vermutlich, weil es sich nicht verträgt mit der offiziösen Sichtweise, Ultras seien hirnlose Straßenschläger.

Der Beiname “Tiere”, aus England übernommen, um die Welt der Stadionkurven zu beschreiben, gefällt denen, die diese Kurven besuchen und leben natürlich nicht. Die Antwort der Nordkurve wird von einem Spruchbanner zusammengefasst, das vor jedem Spiel ausgehängt wird: “Lieber Tiere als Journalisten.” Und dann ist da noch der Sprechchor, der alle italienischen Fanlager vereint: “Stampa italiana, figli di puttana” – “Italienische Presse, Hurensöhne”. Und je mehr du schlecht über eine Kurve schreibst, umso mehr füllt sich diese mit Jugendlichen, die von ihrer Fahne und ihrem Hass gegen diejenigen geeint sind, die sie als korrupte Schreiberlinge wahrnehmen. Genau deswegen sind sie stolz, da zu sein. In einem Stadion, im Regen.

Aber auch die größtenteils traurigen Geschichten der Jungs aus der Kurve kommen nicht zu kurz: Atemberaubend, wie das erste Banner gemalt und stolz präsentiert wird. Wie Nino von einem bedröhnten Trucker der Bauch aufgeschlitzt wird und einer seiner besten Freunde von dreckigem Stoff niedergestreckt wird und die Mailänder Normalbürger derweil die Fensterläden vor dem sterbenden Jungen verschließen. Geschichten von Freundschaften aus der Kurve, von Zusammenhalt, gemeinsamer Trauer und Leidenschaft. Denn über die drei Jahrzehnte zeichnen sich auch die Änderungen und der schließliche Untergang der Ultrabewegung ab, der von einer moralbefeuerten Repression betrieben wird, die sich angesichts der Episoden aus dem Leben der Reichen und Mächtigen des Landes noch viel absurder liest, als sonst schon.

“Normalerweise wechseln die jeweiligen Journalisten oder Soziologen ihre Moralpredigten mit einer Art Leidenschaft für die gewalttätigsten und tristesten Details ab, ohne wenigstens zu verstehen zu versuchen, dass hinter jeder Person ein Leben steht. Womöglich ohne Hoffnung, aber trotzdem immer noch ein Leben.”

Kurz, Specchia und Ciccarelli betrachten den einmaligen italienischen Filz aus Fußballstars und Fernsehsternchen, aus Basketballern und Hofjournalisten, aus Künstlern und der mehr oder weniger organisierten Kriminalität, aus Politikern und Transvestiten durch eine Art halbblinden Spiegel und beleuchten gewissermaßen von unten eine Realität, die sich sonst normalerweise unter einem dicken Teppich aus Showbusiness abspielt. Dass sich die eklige korrupte Gemengelage nicht nur im Fußball, sondern auch im Basketball, Pferderennsport und beim Tennis findet, ist im Verlauf des Buchs schon nicht mehr weiter überraschend. Ebenso die Schnittmengen aus Kurvenfans, der Türsteherszene und dem Drogenhandel. Alles Dinge, die im Gedärm jeder beliebigen italienischen Großstadt das schillernde Ganze am Laufen halten und die die Ebene darstellen, auf der sich ein einfacher Junge aus Quarto Oggiaro und argentinische oder brasilianische Fußballprominenz treffen – und Duzen – können. Denn sicherlich ist Nino ein Verbrecher, einer der Straftaten ansammelt wie andere Leute Briefmarken. Einer, dem man tunlichst nicht nachahmen sollte. Im Vergleich zum bodenlosen Dreck der Reichen, Schönen und Mächtigen, den Leute wie er immer wieder auffüllen müssen, ist er aber nicht weiter der Rede wert. Außer natürlich für Journalisten und Polizisten, die so tun, als wären Nino und seine Jungs das Grundübel der Gesellschaft, obwohl eigentlich…

“Wer in der zweiten Hälfte der 60er oder der ersten der 70er geboren ist, kann sich vielleicht mit der einen oder anderen dargestellten Person identifizieren, mancher wird sagen, dass dies ein Generationenbuch ist. Aber von einer Generation, die keine Lektionen über das Leben gibt. Und nicht einmal welche hören will.”

Das alles sehr wohltuend unpathetisch. Es wird ein Leben eines der tristen Vorstadtquartiere geschildert, ohne irgendeine Moral daraus abzuleiten. “Dinge passieren, weil sie passieren” ist einer der Leitsätze dieses Romans. Um dann im traurigen Schlusskapitel zur Auflösung der italienischen Ultrabewegungen doch noch so eine Art moralischer Leitplanke zu bekräftigen: Die Ehre, niemals jemanden verraten zu haben. Der Stolz, für alle seine Taten bezahlt zu haben. Und die Erkenntnis, dass was am Ende bleibt, die Jungs von damals sind: Die mit denen man zur Schule ging, mit denen man die ersten Joints gedreht und die ersten Banner gemalt hat. Die einzigen, die man auch nach Monaten noch nachts um 3 anrufen kann, weil man in Genua gerade jemanden braucht, auf den man sich verlassen kann. In einer Welt, in der man sich auf nichts sonst verlassen kann.

“Um Missverständnissen vorzubeugen schließe ich mit der Bemerkung, dass man mir sicherlich nicht nacheifern soll, auch weil die Rechnung für viele meiner Heldentaten fast immer meine Frau und meine Kinder bezahlen mussten. Ich bin in Quarto Oggiaro losgezogen, um werweißwo anzukommen und habe dabei mehrfach riskiert, auf der Strecke mein Leben zu lassen. Ich bin kein Opfer des Systems, ich bin kein Held, ich suche nach keiner ideologischen Billigung. Aber ich kann ohne Scham in den Spiegel schauen. Das ist nicht wenig.”

PS: Falls ihr sowas auf Deutsch lesen wollt, schreibt’s bitte in die Kommentare!