Giorgio Specchia

Interview mit Giorgio Specchia, Autor von “Il Teppista” / “Der Rowdy”

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Vor dem letzten Mailänder Derby hatte ich die Gelegenheit, ein kurzes Interview mit Giorgio Specchia zu führen, seines Zeichens Journalist und Autor des Buchs “Il Teppista/Der Rowdy” über die Lebensgeschichte von Nino Ciccarelli; Ultrà und Gründer der “Viking” Inter. Das Interview ist im aktuellen “Blickfang Ultrà” Nummer 26 erstmals erschienen und ich möchte es euch natürlich nicht vorenthalten. Giorgio Specchia war auch einer unserer Gesprächspartner in der Doku “Verrückt nach Fußball. Eine Reise durch die Fankurven Italiens“. Meine damalige Rezension des Buchs findet ihr hier, dieses Machwerk bestellen könnt ihr hier.

Kannst du uns ein wenig über über Deine Zeit in der Curva berichten und womit du dich heute beschäftigst?

Jetzt bin ich Journalist. Ich arbeite für die Gazzetta dello Sport. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass alles was ich sage, nicht die Redaktionslinie meiner Zeitung ist, sondern meine persönlichen Ansichten. Wie ihr wisst, ist meine Zeitung eine der Institutionen, ich hingegen bin im Herzen Ultrà geblieben und ich spreche für sie, weil ich die Problematiken derer, die heute die Kurven leben, sehr gut kenne. Ich mit seit meiner Kindheit mit meinem Vater ins Stadion gegangen. Mein Vater war Friseur von Inter, genau hier im Corso di Porta Romana. Und alle Spieler sind zu ihm gekommen, um sich die Haare schneiden zu lassen. Facchetti zum Beispiel… das war das Inter der 70er/80er Jahre. Und natürlich bin ich Interista geworden. Ich habe auch meinen Vater auf seiner Arbeit begleitet und habe zum Beispiel den Fußboden gefegt, während er in Appiano Gentile den Spielern die Haare geschnitten hat. Ich bin also mitten im Herzen von Inter aufgewachsen. Und als Kind ist es vollkommen unvermeidlich, dass ich die Kurven angeschaut habe; die haben mir schon immer gefallen. Mit sechs oder sieben Jahren war ich fasziniert von dem, was über mir passiert ist. Sobald ich ein bisschen größer war, so 13-14 Jahre, habe ich begonnen, selbst hoch in die Kurve zu gehen.

Meine erste Auswärtsfahrt war Austria Wien – Inter. Ich kann mich an das Jahr nicht mehr erinnern. Vor dem Prater war die Hölle los. Wir von der Curva Nord sind mit nur einem Bus gekommen und ich war der kleinste von allen. Draußen, am Prater, griffen uns österreichische Punks an. Und beim Rückspiel gab es die Rache, Gerard Wanninger wurde hier am San Siro durch Messerstiche schwer verletzt. Verschiedene Capos von Inter wurden daraufhin verhaftet. Und seit diesem Moment habe ich begonnen, die Inter-Kurve regelmäßig zu Besuchen, das waren damals sehr gewalttätige Jahre. Und dann, weil wir auf denselben Rängen im Stadion standen, habe ich ein paar gleichaltrige Jungs kennengelernt und wir haben diese Gruppe gegründet, die “Viking”. Wir haben Geld zusammengelegt, um unser eigenes Banner machen zu lassen, den hatten wir in der Via degli Umiliati bestellt. Wir haben uns dann immer hinter diesem Banner versammelt und begonnen, alle Auswärtsfahrten mitzumachen.

Gehst du heute noch ins Stadion?

Die wenigen Male, die ich noch hingehen kann, stehe ich in der Kurve. Ich war in London für Chelsea – Inter und in Barcellona für Barca – Inter im Jahr unseres Champion’s League-Titels. Im Moment plane ich gerade, für das Spiel Partizan – Inter nach Belgrad zu fliegen, ich habe mich für das Spiel schon eingetragen. Das ist ein höchst riskantes Spiel, von Partizan wird erzählt, das wäre die gewalttätigste Fangruppe Europas. Ich weiß, dass die Curva Nord einen oder zwei Charterflüge organisiert und sich mit ungefähr 300-400 Leuten in Belgrad präsentieren wird. Ich fliege mit ihnen. Vielleicht gibt es dort auch eine Mega-Überraschung! Ich arbeite aber noch daran. Ich weiß nicht, ob das klappt, aber hier in dieses Lokal, die “Bar della Crocetta”3, kommt häufig Paolo Rossi, ein berühmter italienischer Komiker. Paolo Rossi ist ein sehr guter Freund von mir. Und als mein Freund hat er sich auch mit den anderen Jungs der “Viking” angefreundet. Er hatte schon immer gesagt: “Ich will mal mit euch auf Auswärtsfahrt gehen” und ich will ihn mit der Curva Nord nach Belgrad mitbringen. Und das wäre eine wunderschöne Sache, denn er will wirklich sehr gern mit uns mitkommen. Das wäre faszinierend, denn im gewalttätigsten Stadion Europas würde die Curva Nord sich mit einem sechzigjährigen Komiker am Geländer präsentieren.

Das wäre eine großartige Geschichte! Und das wäre auch eine Möglichkeit, endlich ein paar der Etiketten loszuwerden, die uns Journalisten bis heute anheften… dass wir alle Nazis und Faschisten wären. Wir wissen ja alle, dass Paolo Rossi ein linker Komiker ist. Wir sind nicht links, aber wir sind in den letzten Jahren zu einer apolitischen Kurve geworden, wie du weißt. Aber weil Journalisten, die über Kurven schreiben, absolut keine Ahnung vom Thema haben, kopieren sie seit dreißig Jahren denselben Artikel, so ist das für sie einfacher. Wie üblich haben die wieder mal einen Scheiß begriffen. Paolo Rossi kennt uns, weiß wer wir sind, er hat uns oft genug in die Augen geblickt und weiß, dass die Politik im Stadion mittlerweile nichts mehr zu suchen hat. Also würde er gern kommen und das wäre für mich persönlich eine wunderschöne Sache; auch aus journalistischem Blickwinkel. Oder nicht?

Woher kommt die Ignoranz der üblichen Journalisten oder die Redaktionsvorgabe, die sie befolgen?

Keine Ahnung. Schau, ich muss dir sagen, dass nicht einmal ich das weiß. Ich arbeite für diese sehr wichtige Zeitung und ich muss sagen, dass die jungen Autoren, die die jetzt in meinen Beruf einsteigen mehr oder weniger alle schon einmal in einer Kurve waren. Und deshalb kriminalisieren sie diese nicht mehr, weil sie sie kennen, weil sie die Regeln einer Kurve gelebt haben, weil sie wissen, dass sich das “Böse” der Gesellschaft oder eines Stadions nicht dort findet. Ganz im Gegenteil: der schönste Teil! Leider gibt es aber noch diese alten, Jahrzehnte hinterher hängenden Journalisten, die noch niemals einen Fuß in ein Stadion gesetzt haben, besonders in keine Kurve. Das ist eine Sache, die ich immer sage. Und die erlauben sich, peinliche Unwahrheiten über diese Jungs zu schreiben. Ich verstehe wirklich nicht, warum sie das tun. Ich begreife zum Beispiel nicht, warum Sportzeitungen diese ganze Scheiße genau auf die werfen müssen, die dann ja ihre Leser sind. Denn ich glaube, dass ihre Leser schlussendlich größtenteils vor allem in den Kurven zu finden sind. Und bestimmt nicht in den Lesesälen des intellektuellen Mailänder Bürgertums, die den Fußball und den Sport allgemein höchst widerlich finden. Und die Chefredakteure der Zeitungen müssen wissen, dass in Stadionkurven keine dummen Leute stehen. Da gibt es jede Menge Jungs und Mädchen mit Universitätsabschluss, Studenten, da sind nicht die, die sie dort erwarten würden. Da finden sie keine Hirnamputierten, sondern Menschen mit einem Kopf zum denken.

Wie ist die Idee für dieses Buch geboren wurden?

Also die Idee für dieses Buch ist mir in Barcellona gekommen, beim Champions League Halbfinale. Dort habe ich Nino wiedergetroffen, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Und ich sagte ihm: “Das wäre doch schön, mal ein Buch über dich zu schreiben.” Und er hat natürlich zugesagt. Auch wenn ich seine Geschichte in einen Roman verwandelt habe; das heißt nicht alles, was sich darin findet, hat sich wirklich so zugetragen. Ich wollte aber seine Geschichte erzählen, denn Nino ist seit meiner Kindheit einer meiner engsten Freunde. Ich war einer der Jungs, mit denen er die “Viking” gegründet hat. Für mich ist seine eine Geschichte, die es verdient, erzählt zu werden. Weil sie auf eine neue Art, als Roman, das Leben einer Kurve erzählt.

War es leicht, einen Verlag für ein solches Buch zu finden? Denn ich weiß, dass solche Ultrà-Bücher normalerweise eher “underground” vertrieben werden.

Mit diesem Verlag war alles ganz einfach, weil Stefano Olivari von “Indiscreto” an dem Tag selbst in Barcellona war. Auch er ist jemand, der den Fußball verfolgt. Er ist kein Ultrà, aber ein junger und äußerst gut informierter Journalist und ihm hat die Idee sofort gefallen. Er hat den Protagonisten kennengelernt und dann gab es überhaupt kein Problem mit der Umsetzung des Buchs.

Wie hat sich das Buch verkauft? Seid ihr zufrieden?

Der Verkauf ist super gelaufen, wir sind bei der vierten Auflage und ich glaube, hier in Mailand war es eines der am meisten verkauften Bücher. Es war das bestverkaufte Buch im “Hoepli”, dem historischen Buchladen der Mailänder, dem größten Italiens. In den Jahresstatistiken online auf ihrer Internetseite waren wir das meistverkaufte Buch und das bereitet mir natürlich viel Freude, denn viele haben diese Geschichte gelesen. Vor allem ist das Buch nicht nur in die Hände von Ultràs gelangt, sondern auch zu “normalen” Menschen, die verstanden haben, dass im Stadion auch wichtige Werte gelebt und vermittelt werden.

Einige Rezensionen haben das Buch als “Generationenbuch” beschrieben. Und in der Tat liest man über mindestens zwei Jahrzehnte Mailänder Realität. Aber wie kann die Geschichte eines Jungen “exemplarisch” sein, die im Stadtteil Quarto Oggiaro beginnt, um dann Freund von Fußballstars, Tennisspielern, Jockeys, TV-Sternchen und Basketballern zu werden?

Nun, über die Mailänder Jugendkulturen müsste man eine eigene Enzyklopädie schreiben. Nino hat niemals selbst gedealt, sein Name wurde immer mit Drogenhandel in Verbindung gebracht, aber er wurde niemals wegen dieser Art Gesetzesverstöße verurteilt. Vielleicht hat er in seinem Nachtleben anderes angestellt. Sicherlich bewegte er sich in seinem Leben immer auf einem schmalen Grat. Aber er hat zum Beispiel niemals Heroin verkauft, weil er er diese Droge mit Tod assoziiert, eine Droge, die Menschen umbringt. Diese Seite Ninos kenne ich aber auch nicht sehr gut, hier sind auch von anderen aufgegriffene Geschichten eingeflossen.

Aber in jedem Fall gibt es schon immer Kontakte zwischen Fußballern und anderen Protagonisten des Mailänder Nachtlebens, wie zum Beispiel Ultràs oder auch Rausschmeißern. Denn wie selbst du bestens weißt, gehören Fußballer zu den Hauptdarstellern des Nachtlebens. Nicht alle. Aber viele. Und das ist eine der hässlichsten Seiten des heutigen Fußballs. Ich sage nicht, dass sie wie Priester leben sollen, aber sie müssen auch nicht jede Nacht als letzte Gäste das Lokal verlassen nachdem sie in der Zwischenzeit zwanzig Halbe getrunken haben. Das hat doch gar keinen Sinn, so zu leben. Vor allem, weil sie hervorragend für ihre Arbeit bezahlt werden und ihre Karriere kurz ist; nach ihrem dreißigsten Geburtstag können sie ja immer noch tun, was sie wollen. Aber wenigstens vorher sollten sie sich ein bisschen zusammenreißen können. An diesem Zustand haben Spieler großen Anteil, die aus Südamerika hierher gewechselt sind und den ganzen Rest ein bisschen mit in den Dreck gezogen haben. Es sind ja auch Bücher von denen selbst herausgekommen, das letzte von Matìas Almeyda, also über einen Fußballer, der immer am Limit gelebt hat. Und natürlich kennen sie, wenn sie selbst am Limit leben, auch diese Art von Persönlichkeiten, weil sie dieselben Lokale besuchen zu denselben Zeiten besuchen.

Wie wird Nino in der heutigen Kurve gesehen?

Nino ist immer noch einer, der regelmäßig an den Kurventreffen teilnimmt. Nino kennen alle, er ist ein bisschen so etwas wie eine Ikone dieses Stadions. Auch wenn man heute vielleicht nicht immer so genau weiß, wo er gerade steckt.

Wusstest du, dass es auch in Deutschland seit zehn oder fünfzehn Jahres eine Ultràbewegung gibt mit bunten Kurven? Normalerweise, wenn ich mit italienischen Ultràs meiner Generation nach Deutschland reise, haben die immer immer eine Träne im Auge.

Ich weiß, dass es in Deutschland hervorragende Gruppen gibt, sehr schöne, sehr gut organisierte. Im Gegenteil, für mich sind es heute vielleicht wir Italiener, die wir mit Neid nach Deutschland schauen. Weil die Ultràbewegung dort etwas später als in Italien geboren wurde und vielleicht genau deshalb leben sie im Moment noch die Geburtsjahre der Bewegung. Du weißt schon, wenn eine neue Sache beginnt, ist das immer der schönste Moment. Ich weiß, dass es auch dort repressive Gesetze gibt und vielleicht werden sie auch bald zum Problem. Sie beginnen vielleicht, für irgendjemanden ein Problem darzustellen und schon bald werden sie, wenn das nicht jetzt schon der Fall ist, sich vor diesen freiheitsfeindlichen und restriktiven Maßnahmen konfrontiert werden, die im Moment die italienischen Kurven töten. Auch wenn viele Jungs und Mädchen versuchen, irgendwie weiterzumachen. Aber es ist sehr schwierig, denn die Situation in Italien gleicht einem faschistischen Staat, sogar schlimmer. Hier passieren absurde Sachen.

Was können deutsche Ultràs in diesem Buch finden? Oder ist es zu spezifisch? Erzählt “Der Rowdy” eine rein italienische oder Mailänder Geschichte oder können sie sich auch selbst in diesem Roman wiederfinden?

Das Buch erzählt in der Tat eine typisch Mailänder Geschichte. Aber Mailand ist eine Stadt auf diesem Planeten. Ich glaube, dass was in Mailand passiert, auch in München oder Berlin zu beobachten ist. Am Ende reden wir immer über Realitäten Jugendlicher in Metropolen und ich glaube, dass auch ein Deutscher sich sehr gut darin wiedererkennen kann, wenn er dieses Buch liest. Egal, ob er aus München, Berlin oder Dresden kommt, am Ende machen Jugendliche doch immer dieselben Erfahrungen.

Ich danke dir, dass wir direkt vor dem Derby noch Zeit für dieses Interview gefunden haben.

Fotos vom Derbytag