Pyro satt

Fest der Curva Nord CN69

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Weil es in meinem Alter ja eh nicht mehr um die Farben geht und ich mir mittlerweile den Titel „Kurvenhure“ redlich verdient habe, war es für mich natürlich eine ganz besondere Freude, zum offiziellen Saisonabschlussfest des Stadtrivalen eingeladen worden zu sein. Zwar war die Saison der „Cugini“ alles andere als feiernswert, aber man hatte sich trotzdem jede Menge toller Sachen einfallen lassen. Vor allem aber wollte ich ein paar beim Dreh für unsere „Italien-Doku“ beteiligte liebe Freunde wieder sehen sowie Giorgio Specchia und Nino Ciccarelli, Autor und Protagonist des Ultrà-Buchs „Il Teppista/Der Rowdy„. Was natürlich bei ausreichend Bier auch ausgiebig gefeiert wurde (Fotostrecke unter dem Artikel).

Das Kurvenfest der „Nord“ ist eine seit ein paar Jahren etablierte und ständig wachsende Realität, zu der sich neben den organisierten Gruppen auch jede Menge „normaler“ Inter-Fans einfinden. So werden in einem unterhaltsamen Rahmen eben auch die Kommunikation befördert und Berührungsängste abgebaut. Und vorbereitet war jede Menge: An einem großen Stand konnte man sich mit Material der jeweiligen Gruppen eindecken und bei einer Lotterie fünf match-worn Trikots und anderes gewinnen. Beim Torwandschießen (Mr. Altravita hat selbstverständlich bewusst daneben geschossen, aber trotzdem gewonnen) gab es auch wieder Trikots, Aufkleber, Pins und Schals. In zwei Ausstellungen wurden die Choreos der letzten Saison erklärt und bebildert sowie historische Eintrittskarten ausgestellt. Tja, und zwei Küchen sorgten dafür, dass man sich auch gepflegt mit Grillgut und Pasta vollfressen konnte.

Aber Kernstück der Feierei war natürlich die Bühne, auf der „Il Rosso“ jede Menge Prominenz ankündigte. Nach seiner Absage etwas überraschend kam für alle Beteiligten der spontane Besuch von Inter-Präsident Massimo Moratti. Nach der sportlich desaströsen Saison (und nachvollziehbaren Protesten seitens der Kurve) hätte sich sicherlich nicht jeder Präsident der Meute gestellt. Moratti präsentierte sich aber und lobte u.a. die sehr sachliche Form des Protests (Inter hatte der Vereinsführung eine Reihe von Bannern mit Fragen präsentiert) und fügte hinzu, dass „er das viel schlimmer formuliert hätte“. Den Mut, auf dem Kurvenfest sein gesicht zu zeigen, honorierte das Publikum mit langem Applaus und Sprechchören. Bei aller Kritik war man sich einig, dass man lieber mit Moratti weitermachen will, als mit indonesischen Investoren.

Nach der Pränierung der Siger des Ultrà-Fußballturniers ließ es sich ein großes „Cuore Interista“, der landesweit bekannte Komiker Paolo Rossi, nicht nehmen, einen Sketch aufzuführen. Ebenfalls aus dem Fernsehen bekant ist auch Comedian Andrea Pucci, der nicht nur die Leute zum Lachen brachte, sondern seine Verabschiedung auch standesgemäß mit dem Bengalo in der Hand aufführte. Eine großartige Szene, gerade angesichts der in Deutschland ablaufenden Diskussionen zum Thema. Dazwischen gab es noch jede Menge Musik von „DJ Squalo“ von Radio 105 und im Laufe des Abends noch viele viele Dutzend abgebrannte Bengalos, Böller und Rauchtöpfe, die dem Platz direkt unter dem San Siro-Stadion eine phantastische Atmosphäre verliehen. Auch die Pyro-Aktion zu Ehren der verstorbenen Ultràs und das abschließende Feuerwerk waren Gänsehaut erregend.

Auf der Leinwand wurden auch kurze Ausschnitte aus unserer Italien-Doku gezeigt und der gute „Rosso“ ließ es sich natürlich nicht nehmen, mich auf der Bühne als Milanista bloßzustellen. Nachdem ich mit meine Dosis Pfiffe und Sprechchöre abgeholt hatte, klärte er aber die Motive der Zusammenarbeit nochmal auf, nämlich dass es in dem Film darum ging, die positiven Aspekte des Ultrà-Gedankens in die Öffentlichkeit zu bringen. Jenseits der Farben. Dem schloss sich das Publikum geschlossen an und so gab es nicht nur Applaus für mich, sondern später im Publikum auch jede Menge Umarmungen, Händeschütteln und Bedankungen für den schönen Film. Ich fühlte mich sowieso sehr wohl und ganz persönlich habe ich viele neue Freundschaften geknüpft und werde die Einladung in die Kurve in der nächsten Saison natürlich wieder gern annehmen. Sehr bewegend, die über 60-jährigen Gründer der „Boys“ kennenzulernen oder nachts beim Bier mit dem Capo der „Boys Roma“ und den angereisten Ultrà-Abordnungen aus Valencia und Nizza zu fachsimpeln. Unglaublich sympathisch auch das Gespräch mit dem Kurvenfotografen Armando, der mir nicht nur seinen atemberaubenden Bildband mitgab (rezensiere ich hier demnächst), sondern auch jede Menge toller Anekdoten aus seinen jahrzehnten als Ultrà zum besten geben konnte.

Und bevor es zur Fotogallerie geht, möchte ich noch eins loswerden, das mir wichtig ist: Ich habe leider bemerkt, dass nicht nur Journalisten per Copy & Paste argumentieren, wenn es um Ultràs geht, sondern auch dieser Jugendbewegung durchaus nahestehende Menschen gern Urteile und Vorurteile weiter tragen. Insofern möchte ich zwei Dinge nicht unerwähnt lassen, die womöglich die Gefahr bergen, ein paar liebgewonnene Ideen korrigieren zu müssen. Zum 45-jährigen Kurvenjubiläum im nächsten Jahr wird ein Filmprojekt zur Geschichte der Kurve fertiggestellt, von dem bereits Ausschnitte gezeigt werden konnten. Eine lange Passage gab ein Interview zum Thema „Rassismus“ wieder, das dann auch auf der Bühne anhand der Sprechchöhre gegen Mario Balotelli diskutiert wurde (die Curva Nord hatte vor dem letzten Derby ein offizielles Kommuniqué herausgegeben, das aufforderte, auf rassistische Sprechchöre zu verzichten). Ebenso wurde auf der Bühne eine Jugendmannschaft vorgestellt, die beim „Tifo Positivo“ („positiver Support“) teilgenommen hatte, das neben anderen Veranstaltungen auch ein Turnier von Kinder- und Jugendmannschaften von Menschen verschiedener Hautfarbe beinhaltete. Ziel der meisten Sprechchöre des Abends war übrigens nicht etwa das soeben aufgestiegene Livorno, sondern der Hass entlud sich auf Hellas Verona. Und nein, ich leide nicht am Stockholm-Syndrom.

Ihr könnte jetzt natürlich alle gern eure lieb gewonnenen Meinungen zu Inters Nazi-Kurve behalten. Ich persönlich finde es im derzeitigen Italien und vor allem eben auch bei Inter aber durchaus erwähnenswert, dass man sich auf dem offiziellen Kurvenfest eben auch lange und ausladend mit dem Thema Rassismus in Stadien beschäftigt. Ich halte das für einen Schritt in die richtige Richtung. Denn einzig sinnvollen Schritt in die richtige Richtung.

Aber weil ich weiß, dass euch eh nur die Feuerbilder interessieren, hier ein paar Fotos: