Festa Curva Nord

Ein Jahrzehnt Altravita

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Am 11.11.2007 wurde Gabriele Sandri im Auto sitzend von einem Polizisten auf der Autobahn erschossen. Ich erinnere mich noch viel zu gut an diesen Tag vor 10 Jahren, wie ich stundenlang vorm Fernseher verbrachte, und mir die traurige Nachricht, die lächerlichen Erklärungsversuche und den geballten Mediehass auf Ultras anschaute, der sich in der Berichterstattung des Spieltags – wieder einmal – Bahn brach.

Die Sonder- und Nachrichtensendungen bestimmten die Krawalle wütender Fans, die mit allen Mitteln versuchten, eine Unterbrechung des Spielbetriebs durchzusetzen. Am nächsten Morgen schrieb ich mir den Frust von der Seele und keine 24 Stunden später war der Artikel viele tausend Mal gelesen worden. Der Tod des jungen Lazio-Fans wurde zur Geburtsstunde von altravita und ich hatte keinerlei Ahnung, wohin das alles führen sollte.

Mittlerweile sind 10 Jahre vergangen. Zu Gabriele Sandri und den Todesschützen Luigi Spaccarotella habe ich noch viele weitere Seiten hier und in anderen Publikationen geschrieben. Im Rahmen unserer Italien-Doku für ZDF info hatte ich seinen Vater Giorgio und seinen Bruder Cristiano in Rom kennengelernt. Ebenso wie Antonino Speziale, den anderen Namen dieses Schicksalsjahres 2007 für die italienischen Ultras.

Ich habe dessen Prozess hier begleitet, Kontakt zu seinem Anwalt gehalten und gemeinsam haben wir Spruchbänder für Speziale in ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern organisiert, dokumentiert und schließlich einen Kalender herausgebracht, bei den Prozesskosten zu helfen. Speziale sitzt immer noch im Gefängnis, während Spaccarotella vor einer Woche Freigänger wurde und nur noch die Nacht in der Zelle verbringt.

Ich habe die Bücher „Tifare Contro„, „Der Rowdy“ und „Streunende Köter“ rezensiert, dann übersetzt und dazu viele dutzende Lesungen und Diskussionen in ebenso vielen Ultragruppen, Fanprojekten und Fankongressen vorgestellt. Ich war mit den Non Tesserati der Fiorentina im San Siro und im Marassi, mit den Lebowski in der toskanischen Pampa, mit Lothar Matthäus bei Sky in München und mit der SPD in Düsseldorf und Mailand. Und zwischendurch neue Artikel, Interviews, Radio- und Fernsehsendungen in Deutschland und Italien – von der „Gazzetta dello Sport“ bis zum „Südwestdeutschen Rundfunk“. Alles unter der Prämisse, dass sich „italienische Verhältnisse“ in Deutschland nicht wiederholen dürfen.

In diesem Jahrzehnt haben wir die Tessera del Tifoso kommen und auch wieder gehen sehen. Mein AC Milan wechselte aus den Händen Berlusconis in die chinesischer Investoren, meine Kurve hängte die Banner der Fossa dei Leoni und der Brigate Rossonere wieder auf. Cassano und Totti haben die Töppen an den Nagel gehängt, der Videobeweis wurde eingeführt. Ich habe der Schickeria mit geholfen, in Moskau ins gesperrte Stadion zu kommen und mit Armando Bottelli eine Fotoausstellung in Mönchengladbach und eine Veranstaltung in Leipzig organisiert. Ich war mit dem Domenico Mungo in Jena und Berlin, stand in Neapel und Turin mit Dortmund am Eingang und bei den Rivalen von der Curva Nord auf der Bühne und in der geheimen Höhle, wo die Derby-Choreo vorbereitet wurde.

Kurzum, es war eine wilde und völlig unerwartete Reise. Ich habe Einblick in viele europäische Kurven bekommen, tausende Menschen gesehen, hunderte Kennengelernt und dutzende Freunde gewonnen. Ich habe mir in anderen als meiner eigenen Kurve Bier in den Nacken schütten lassen, auf anderen Sofas als meinem geschlafen und viel Zeit auf Bahnhöfen, in Flughäfen oder am Lenkrad verbracht. Gelesen, geraucht, diskutiert, gestritten und gelacht.

E niente… ich wollte mich nur einmal kurz einen Dank senden an alle, die auf altravita gelesen, mitdiskutiert und gestritten haben. Allen, die mir Bier ausgegeben haben oder sich einen Samstagabend damit ruiniert, mir zuzuhören. Manche von euch haben in der Zwischenzeit geheiratet und/oder Kinder bekommen, haben den Zaun gegen das Büro eingetauscht. Andere sind erst vor kurzem dazu gekommen oder schauen sich nur die Bilder auf Facebook an. Wichtig ist: Ultrà gibt es noch immer und ich werd hier auch noch ein bisschen weitermachen. Jedenfalls so lange es jemanden interessiert.