Millimeterentscheidung. Für das menschliche Auge nicht erkennbar.

Gegen den Videobeweis!

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In einem der nächsten beiden Spiele wird der vor der Spielzeit als klarer Favorit gehandelte AC Milan die italienische Meisterschaft auch mathematisch an Juventus abgeben. Zum entscheidenden Zeitpunkt der Saison war das Team mit den Nachwehen des Ausscheidens aus der Champion’s League beschäftigt und verlor das Heimspiel gegen die grottige Fiorentina und erkämpfte sich spektakuläre Unentschieden gegen Catania und Bologna. So wurde aus einem zwischenzeitlichen 4-Punkte Vorsprung ein zwischenzeitlicher 3-Punkte Rückstand. Auf derartige Objektivierungen kommt man aber nur als Deutscher in Italien, denn im Heimatland des calcio parlato, des erzählten Fußballs hat ganz klar eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters die Alte Dame favorisiert. Beim Stand von 1:0 in einer furiosen Anfangsphase des Duells Milan gegen Juve erzielte Sulley Muntari einen regulären Treffer, was allerdings Schieds- und Linienrichter nicht so sahen und weiterspielen ließen. Das Spiel ging letztlich Unentschieden aus mit der Finesse, dass auch Juventus ein regulärer Treffer wegen vermeintlicher Abseitsposition von Matri aberkannt wurde. Da in Italien zunächst die direkte Bilanz zweier Teams zählt, noch vor dem Torverhältnis, bedeutete das Ergbnis einen durchaus messbaren Nachteil im Meisterschaftsrennen. Im Moment sogar einen entscheidenden. Trainer Allegri lässt seitdem kein Mikrofon aus, gegen diese Ungerechtigkeit zu polemisieren, Sportdirektor Adriano Galliani erklärte kürzlich, er hätte das Bild auf seinem Handy, „um immer daran erinnert zu werden“ und für Millionen von Milanisti ist sowieso klar, dass sich Juventus einmal mehr mit dunklen Machenschaften zur Meisterschaft geputscht hatte. Besonnenere Stimmen in der in Italien seit jeher frei drehenden Medienhysterie forderten elektronische Hilfsmittel wie Chips im Ball und Videobeweise. Denn man könne sich in einem Millionengeschäft wie dem Fußball nicht auf so Unwägbarkeiten wie das menschliche Auge verlassen. Kann man nicht? Ich gebe zu, dass mich der nicht gegebene Treffer heute noch wurmt und in den zwei Wochen nach dem Spiel tat Schiedsrichter Tagliavento sicher gut daran, mir nicht über den Weg zu laufen. Trotzdem bin ich mir weiterhin ziemlich sicher, dass ich das Gegenteil auch bloß nicht haben möchte: Spielunterbrechungen wie im American Football, bei denen sich ein Schiedsrichtergespann vor dem Monitor versammelt und dann eine stets korrekte Entscheidung trifft. Oder ein Chip im Ball, der dem vierten offiziellen millimetergenau ins Ohr piept, wenn die Hightech-Pille die Linie überschritten hat. Präzise, technologisiert, fehlerfrei, sauber. Kein Platz für zweite Meinungen. Dabei brülle ich den Pixelschiri der Xbox an, der darauf programmiert ist, keine Fehler zu machen. Während die familienfreundlichen Pixelfans im Hintergrund ungerührt fröhlich herumhüpfen. Ich will einen solchen Fußball nicht. Genauso wenig wie ich will, dass immer „der bessere gewinnen möge“. My Ass! Fußball ist eine der letzten Bastionen der Irrationalität in einer stromlinienförmigen Postmoderne, in der Restrisiken für den menschlichen Körper eliminiert werden, in der „functional food“ dabei helfen soll, sich auf einem möglichst störungsfreien Arbeitsalltag hinzuoptimieren. In der ein paar Minuten Verspätung der Bahn mehr Platz in den Tageszeitungen einnehmen als ein paar zehntausend Tote in irgendeinem afrikanischen Kleinstaat. In dem Raucher ganz klar am Niedergang der westlichen Zivilgesellschaften schuld sind und „intelligente Bomben“ das Videospiel-Feeling nach Afghanistan bringen. In der Menschen ihre „Frei“zeit in Kleingartenkolonien damit verbringen, den Rasen statutengerecht zu kürzen und den benachbarten Laubenpieper anzuschwärzen, wenn dessen EM-Fahnenmast 35 cm länger ist, als laut Satzung erlaubt. Sauber, präzise, fehlerfrei, funktional bis auf die dritte Nachkommastelle. Ich hingegen gehe ins Stadion der Emotionen wegen. Für den Kollektivorgasmus, wenn Jon Dahl Tomasson dich in der 93. Minute ebenso glücklich wie unverdient in die nächste Runde schießt. Für Papierkugeln, die spielentscheidende Eckstöße verursachen. Für spektakulär vergeigte Aufstiege und nach 3:0 Halbzeitführung innerhalb von 7 Minuten abgegebene Champion’s League-Endspiele. Für „Meisterschaften der Herzen“ und Wembley-Mythen, die auch nach Jahrzehnten noch die Gemüter bewegen. Für Spielunterbrechungen wegen Rauchbelastung und politisch unkorrekte Spruchbanner. Für wegen Coladosenwürfen annulierte Spiele und John Terry, der beim entscheidenden Elfmeter ausrutscht. Für dreckige Fouls und faire Gesten. Warum um Himmelswillen sind denn Grobmotoriker wie Gattuso und Materazzi bei ihren jeweiligen Fans so beliebt? Genau, wegen des Versprechens, dass man es im Fußball mit den Talentiertesten aufnehmen kann, weil man sich mit verschwitztem Hemd und den Tricks des Straßenboxers HD-Kicker wie Christiano Ronaldo aus dem Spiel nehmen kann. Ich liebe diese Einbrüche von Irrationalität, wenn ich beim Siegtreffer in den Armen wildfremder, aber gleich gewandeter Menschen liege. Und „die da drüben“ das dreckigste und häßlichste Pack sind, das mir jemals über den Weg gelaufen ist. Ich gehe ins Stadion, weil nur dort die Welt für mindestens 90 Minuten schwarz und weiß ist und kein Platz ist für Kompromisse, Zweifel, Abwägungen und Rationalität, der ich mich fünf Tage in der Woche im Arbeitsalltag und im Liebesleben unterwerfen muss. „Wir“ sind alle geil und die anderen sind wiederlich. Ich gehe ins Stadion, weil ich dort befreit und irrational hassen und lieben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ganz einfach, weil die Farben „richtig“ und „falsch“ signalisieren, nicht etwa die effektive Spielanalyse. Und weil allein die Aussage „das sind doch nur 22 Leute, die einem Ball hinterherrennen“ einen Gesprächspartner in der untersten Schublade verschwinden lässt. Für immer. Elektronische Hilfsmittel würden für korrekte Entscheidungen sorgen, für Gerechtigkeit. Ich will aber keine Gerechtigkeit im Fußball, sonst bräuchte man Chelsea gegen Barca ja überhaupt nicht erst spielen. Sonst bräuchte Robben den Strafstoß gegen Borussia gar nicht erst zu schießen. Elektronische Hilfsmittel würden ebenso end- wie sinnlose Polemiken und Schiedsrichterbeschimpfungen beenden. Ich hätte dann aber auch keine Möglichkeit mehr, mir eine Niederlage auf dem Platz zurechtzudiskutieren und mir die moralische Deutungshoheit zu sichern. Immer korrekte Schiedsrichterentscheidungen wären der letzte Baustein zur Eliminierung von echter Leidenschaft und Irrationalität zugunsten eines reibungsfreien Ablaufs der Show. Derselbe Grund, weshalb ein Stürmer mit einer gelben Karte bestraft wird, wenn er sich das Trikot auszieht und zu den heißesten seiner Fans auf den Zaun steigt. Freuen soll er sich, der Stürmer, aber doch bitte schnell wieder zum Anstoßpunkt gehen, die Programmplanung der nachfolgenden Sendungen erlaubt keinen Spielraum. Fußball ist aber für mich das genaue Gegenteil von stromlinienförmig: Besondere Spiele finden Eingang in das kollektive Gedächtnis von Fans, weil etwas Ungewöhnliches passiert ist. Weil eine Mannschaft nach 25 % Ballbesitz den ersten Torschuss verwandelt und siegt. Weil Adriano den blauschwarzen Drecksäcken ein Derby mit der Hand entscheidet. Weil Buffon dem hoffnungslos unterlegenem Lecce in Unterzahl vier Minuten vor Schluss den Ball zum Ausgleich schenkt. Weil der Elfmeter gar keiner war. Fußball ohne Tragik? Und ich soll alle meine Verschwörungstheorien aufgeben für schnöde Gerechtigkeit? Im Gegenteil, ich wünsche mir für FIFA 2013, dass der Schiedsrichter gefälligst Fehlentscheidungen trifft – durch herumfliegende Controller beschädigte Einrichtungsgegenstände sind bereits eingepreist. Das ist es mir wert. Torhüterlegende Gigi Buffon erklärt derweil, er hätte nicht mitbekommen, ob der Ball die Linie überschritten hätte und selbst wenn, hätte er nichts gesagt. Darf ein Nationalmannschaftsspieler derartige Unsportllichkeiten von sich geben? Das muss er sogar! Leidenschaft ist das genaue Gegenteil von Rationalität. Und wenn ich mich zwischen beiden entscheiden muss, wähle ich immer einen Fußball, der ersteres verkörpert. Sonst rennen da am Ende tatsächlich nur noch 22 Spieler einem Ball hinterher. Wer Polemik findet, darf sie behalten.