Gianluigi Buffon

Ciao Gigi – Buffon tritt ab

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Am Abend, an dem sich Italiens WM-Traum in Luft auflöste, trat ein weinender Gianluigi Buffon vor die Kameras und gab seinen Rücktritt bekannt. Die Weltmeisterschaft in Russland hätte sein sechstes Turnier werden sollen, so oft hat noch niemand an einer teilgenommen. Trainer Ventura, für die 60 Millionen italienischen Nationaltrainer der Hauptschuldige am Debakel, tat dies nicht. Er trat nicht vor die Kameras und er trat auch nicht zurück. Buffon hingegen entschuldigte sich bei den Fans und bewies Größe im Scheitern. Und weil alte Männer beim würdevollen Scheitern von den sozialen Netzwerken immer gern genommen werden, sind Facebook und Twitter am nächsten Morgen voll von Schmalz, Tränen und Sportsgeist. „Aber für Buffon tut es mir leid“ heißt der gefühlt häufigste Kommentar zum Ergebnis.

Allein ich schaffe es diesmal nicht, mich romantischen Gefühlen hinzugeben, zu gespalten ist meine Meinung zu Buffon. Ich habe Totti hier verabschiedet, natürlich Paolo Maldini, aber auch den Kapitän vom Stadtrivalen Zanetti, den Kasper Cassano und auch Balottelli habe ich immer eher wohlwollend begleitet. Gianluigi Buffon ist einer der größten Torhüter der Welt, die Entscheidung, ob er der größte seiner Zeit ist, überlasse ich anderen. Seine Karriere verdient jeden möglichen Respekt und die Tatsache, dass er sich gerade anschickt, mit Juventus den siebten Titel in Folge zu holen, sollte über die ausgefallene Fahrt nach Russland wenigstens ein bisschen hinwegtrösten. Kritisiert werden im italienischen Fußball im Moment alle außer ihm. Zurecht.

Und trotzdem hält sich meine Schwermut ob seines Ausscheidens aus der Nationalmannschaft in Grenzen. Natürlich bin ich Fan und als solcher spielt meine Abneigung gegen Juventus dabei eine Rolle. Und „Gigi“, wie er von der bekanntesten Sportmoderatorin des Landes, seiner Ehefrau, nach spielen ebenso huld- wie liebevoll angeredet wird, ist ein Symbol von Juventus. Ich will auch gar nicht mit der Geschichte anfangen, dass er seinerzeit bei Parma auf dem Trikot mit der Nummer „88“ bestehen wollte, er gab später zu Protokoll, sich des Zahlencodes nicht bewusst gewesen zu sein. Genauso erklärte er auch Bilder aus der Zeit, die ihn mit dem faschistischen Motto „Boia Chi Molla“ auf dem T-Shirt zeigen. Das hätten ihm Freunde in die Hand gegeben und er wußte nicht, dass es sich bei „Gehenkt sei, wer aufgibt“ um den Wahlspruch der italienischen Truppen handelte, der sich unter anderem 1957 auf Standarten am Grab von Benito Mussolini fand.

Ich erinnere mich aber bestens daran, wie der gerade durch die Netzwerke geisternde personifizierte Sportsgeist, den gerade wieder einmal aufflammenden Skandal um abgesprochene Spiele mit dem denkwürdigen „Lieber zwei Verletzte als ein Toter“ kommentierte. Um kurz darauf nachzulegen: „Natürlich muss man Spiele immer gewinnen, das wird auch immer so bleiben. Aber wenn, ab und zu mal, jemand seine eigene Rechnung aufmacht, ist das schon gerechtfertigt.“ Wie gesagt, es ging um Bestechungen und Absprachen. Genau der Vorwurf, der Juventus schon 2006 im „Calciopoli“-Skandal in die Zweitklassigkeit schickte.

Ich erinnere mich auch bestens an ein reguläres Tor von Sulley Muntari für die Mailänder in einem AC Milan – Juventus, das er zwar erst ungefähr einen Meter hinter der LInie klärte, das aber trotzdem aberkannt wurde und seinem Club den Weg zur Meisterschaft ebnete. „Wenn ich gemerkt hätte, dass der ball schon hinter der Linie war, hätte ich das dem Schiedsrichter nicht gesagt.“ Das ist zumindest ehrlich, das Motto von Juventus ist ja „Siegen ist nicht wichtig, es ist das Einzige, was zählt.“ Juventus wurden vom Sportgericht zwei Meisterschaften aberkannt: „Wenn man mich fragen würde, wie viele ich gewonnen habe, würde ich fünf antworten, auch wenn man mir nur drei zugesprochen hat.“ Juventus schmückte Stadion und Trikot trotzdem mit drei Sternen für 30 Meisterschaften, auch wenn man offiziell nur 28 hatte. Man kann das auch alles so sagen und meinen, ich wundere mich nur darüber, wann genau Buffon nördlich der Alpen zum Sinnbild sportlicher Fairness geworden ist.

Als die Aufklärer des x-ten Wettskandals im italienischen Fußball über die Tatsache stolperten, dass Gianluigi Buffon zwischen Januar und September 2010 mehr als anderthalb Millionen Euro in einem Raucherkiosk in Parma gelassen hatte, bei dem man auch Sportwetten abschließen konnte, erklärte der Kapitän von Juventus und der italienischen Nationalmannschaft dies zunächst mit Immobiliengeschäften, später dann mit dem Erwerb verschiedener Rolex-Uhren. Wer kennt das nicht? Da geht man ein paar Mal Kippen kaufen und dann hat der da immer diese tollen Uhren in der Auslage neben den Feuerzeugen. Die diesbezüglichen Ermittlungen haben jedenfalls nicht nachweisen können, dass Buffon auf Fußballspiele wettete. Das wäre ja auch verboten.

Ich erinnere mich auch, wie ein paar unvorsichtige Journalisten letztes Jahr es wagten, ihm die Schuld an ein paar Torschüssen zu geben, die zwar nicht unhaltbar aussahen aber trotzdem an ihm vorbei im Tor landeten. Irgendjemand merkte an, dass die Zeit für alle vergehen würde und der 39jährige womöglich nicht mehr ganz so gut wäre, wie noch vor ein paar Jahren. Die Wut über solcherart Majestätsbeleidigung entlud sich in einer bei Sky Italia eifrig einberufenen Pressekonferenz und wurde fortan von allen Beteiligten so interpretiert, dass Buffon auf immer alle haltbaren Bälle hält und gar nicht kritisert werden könne. Ilaria D’Amico, Italiens bekannteste Sportreporterin, seine Frau, hatte das vorher schon so gesehen. Nach dem in Madrid mit 0:3 verlorenen WM-Qualifikationsspiel wagte sich kaum jemand mehr aus der Deckung.

Sei es drum, Gianluigi Buffon ist ein Großer seiner Zunft. Jemand, der dem italienischen Fußball im kollektiven Gedächtnis ein Gesicht gegeben hat. Ein sympathischer Kerl, der beim Auswärtsspiel in Mönchengladbach seine Handschuhe gegen einen Schal der hinter ihm stehenden Gladbacher Ultras tauschen wollte. Italien fährt nicht nach Russland, weil dem Team unter Trainer Ventura in drei Spielen gegen Albanien und Schweden nur ein mickriges Tor gelungen war. Der letztlich spielentscheidende Treffer war ein abgefälschter Distanzschuss. Unhaltbar. Gigi hatte keinerlei Schuld an dem Debakel.

Es geht ein hervorragender Torhüter, womöglich der großartigste von allen. Vielleicht sollte ich ja trotzdem einen Kloß im Hals oder einen Ziegelstein im Magen haben, aber beide stellen sich einfach nicht ein. Fehlen wird er mir trotzdem, der Mann steht zwischen den Pfosten, seit ich italienischen Fußball richtig schreiben kann. Und es ist für das effektive Halten von Bällen auch gar nicht notwendig, auch ein moralisches Modell und ethische Leitlinie für alle Lebenslagen zu sein. Es reicht, dass alle anderen auch nicht so tun. Beim übernächsten internationalen Turnier wird die Squadra Azzurra also mit einem neuen Gesicht im Tor auflaufen. Womöglich das des hochbegabten Donnarumma, genannt „Gigi“.

Ciao Gigi, ich werde mich so an Dich erinnern!

Gianluigi Buffon

Gianluigi Buffon