Giovanni Francesio: Tifare Contro. Eine Geschichte der italienischen Ultràs.

Hunderte Chaoten lesen und diskutieren Tifare Contro

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So, die ersten Lesungen zu „Tifare Contro“ haben stattgefunden und ich möchte das gern zum Anlass nehmen, mich zu meinen Eindrücken äußern. Zunächst aber erst einmal einen ganz herzlichen Dank für die Gastfreundschaft, den Stress beim Organisieren und die spannenden Diskussionen – an alle also, die dabei waren. Ich hoffe, es hat euch mindestens genausoviel Spaß gemacht wie mir. Meine erste und wichtigste Erkenntnis ist, dass solche Veranstaltungen in Deutschland überhaupt stattfinden können. Sei es, weil die Gruppen eigene Räumlichkeiten besitzen und das große Interesse, sich mit der eigenen Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. Sei es, weil solche Initiativen von Fanbeauftragten und Vereinen unterstützt werden, die einen Dialog mit den Fans offenhalten, der in dieser Form in Italien sicherlich nie gesucht wurde. Ich habe meine Zweifel, dass solche Lesungen und Diskussionen über ein durchaus auch selbstkritisches Buch der Ultrà-Bewegung in Italien in dieser Form möglich sein würden. Allein die Tatsache, dass ich hier noch ein gutes Dutzend Anfragen für Lesungen auf dem Schreibtisch habe, spricht Bände über die Bereitschaft und die Lust, sich mit „Ultrà“ auseinanderzusetzen, zu lernen, zu diskutieren und eine eigene Meinung zu bilden. Wie gesagt, allein dass ein so anspruchsvolles und reflektiertes Buch wie „Tifare Contro“ Gruppen in ganz Deutschland und damit hunderte Jugendlicher in Bewegung setzt, die doch von der Presse so gern reflexhaft als „Chaoten, die nichts mit Fußball zu tun haben“, „Subjekte, die wir in keinem Stadion sehen wollen“, „frustrierte Gewalttäter“ etikettiert werden, sollte dem Durchschnittsjournalisten zu denken geben. Aber in Bezug auf Nachdenken und kritischer Auseinandersetzung haben derzeit die Ultràs selbst einen 5:0 Vorsprung gegenüber der Mehrheit der deutschen Medienlandschaft. Besonders schön ist natürlich der Aspekt, dass diese Lesungen eben auch bezeugen, dass es in Deutschland mit seiner erst rund 10-jährigen Geschichte der Ultràs bereits ein viel größeres Bewusstsein dafür gibt, dass man – neben allen Rivalitäten – eben auch eine gemeinsame Bewegung ist, ein Gut, für das es zu kämpfen und das es zu verteidigen gilt. Wie auch die Fandemo in Berlin sprechen auch die Veranstaltungen z.B. in Dortmund, Dresden, St. Pauli und München dafür, dass man immer auch das gemeinsame, verbindende an „Ultrà“ sieht. Dem Autoren hätte das gefallen, es ist sicher eine bittere Ironie, dass „Tifare Contro“ nun in Deutschland einen Wissenshunger stillt und einen kritischen Diskurs füttert, den er sich in Italien gewünscht hätte. Dass Dutzende bis mehr als zweihundert Jugendliche an einem Wochenende, teils nicht mal am Spieltag, sich an einem Samstagabend mit Literatur, Politik und Geschichte auseinandersetzen. Während also die eigene Gruppe selbstverständlich und völlig berechtigt immer die beste, respektierteste und lauteste ganz Europas ist, war es eine schöne Überraschung, wie weit schon das Verständnis dafür ist, dass man eben auch eine gemeinsame Bewegung ist, dass es nicht allein um die Auseinandersetzung geht, dass man gemeinsame Ziele hat, die weit über „Fußball“ hinaus gehen. Und um kritische Auseinandersetzung geht es. Francesios „Tifare Contro“ wollte ich auf einen deutschsprachigen Markt bringen, weil es ein Buch über die italienische Ultrà-Bewegung ist. Niemand, nicht einmal der Autor selbst, würde auf die Idee kommen, das Werk als allein glücklichmachende „Bibel“ zu sehen. Es handelt sich um eine mögliche Sichtweise auf die Geschichte der Ultrà-Kultur, keinen allgemeingültigen Almanach, den ich meiner Mutter auf den Weihnachtstisch legen könnte, um ihr zu erklären, warum um Himmelswillen ich mein Geld und einen Großteil meiner Freizeit dafür verbrenne, mit ein paar hundert anderen Bekloppten durch die Lande zu fahren, um mir Fußballspiele anzuschauen. Den Aspekt der Freude, der Solidarität, des Adrenalins, der Freiheit, des Stolzes, der Gemeinsamkeit wird im Buch sicherlich vernachlässigt. Aber wahr ist ebenso, dass Francesio wichtige Fragen aufwirft zum Selbstverständnis von vielen tausenden Jugendlichen, die sich als „Ultràs“ bezeichnen und zum Verhältnis von Medienöffentlichkeit, Sicherheitsorganen und Vereinen zu ihren treuesten Fans. Fragen, die in Deutschland akut sind und für deren Beantwortung es noch nicht zu spät ist. Vielleicht kommt das Buch ja hier – im Gegensatz zu Italien, wo 2007 womöglich das Ende von Ultrà, wie wir es kennen bedeutet – zum genau richtigen Zeitpunkt. Sehr interessant für mich war zum anderen die Tatsache, dass „Tifare Contro“ – im Sinne der Schmähung des Gegners – in Deutschland wohl so nur bei Derbys stattfindet. Mein Eindruck war, dass ein Großteil der Gesänge und Chöre dem Support des eigenen Vereins, der eigenen Farben, der eigenen Spieler gilt. Meine Erfahrungen in italienischen Kurven lehren, dass es hier auch außerhalb besonders hitziger Rivalitäten schon durchaus in der Mehrheit „gegen“ irgendjemanden und irgendetwas geht. Verbunden mit der zum Glück noch weit wichtigeren Stellung des „ästhetischen“ Aspekts, macht dies deutsche Kurven im Moment zu weit bunteren, lauteren und lustigeren Veranstaltungen als italienische Kurven im Jahr 2010. Selbstverständlich haben deutsche Ultràs ja auch – noch – mehr Freiheiten als die mittlerweile wie Schwerkriminelle überwachten italienischen Gruppen. In jedem Fall übertrifft die Resonanz auf das Buch meine größten Erwartungen. Es geht nicht um unkritische Beweihräucherung des Buches und mit einigen Schlüssen des Autoren stimme ich selbst nicht überein. Es scheint aber, als fiele das Buch im deutschsprachigen Raum auf fruchtbaren Boden, auf den Wunsch zur Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln und auf einen ungeheuren Wissensdurst. Und genau darum ging es mir, als das Projekt langsam Züge annahhm. Ich hätte mich gefreut, wenn es überhaupt auf deutsch erscheint und der eine oder andere es auch liest. Dass daraus nun in ganz Deutschland Leseabende werden, in denen viele Leute mit viel Enthusiasmus ihre Freizeit einbringen, um sich ernsthaft mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, ist der eigentliche Erfolg. Egal wie unterschiedlich die Lesungen, die Räumlichkeiten, die Zuhörer und Fragen waren – irgendjemand hat sich immer die Mühe gemacht, mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, Räume und Veranstaltungstechnik zu organisieren, Schlafplätze bereitzustellen, Leute zu informieren und mitzubringen, Karten fürs Spiel dazuhaben. Immer waren unglaublich viele, besonders auch sehr junge, Ultràs da, die eine Menge Fragen stellten, aus denen hervor ging, wie sehr sie sich mit dem Buch, der Geschichte der Ultràs schon auseinander gesetzt haben und welche Fragen ihnen auf den Nägeln brennen. Egal, zu welchen Antworten die Teilnehmer und Gruppen kommen, allein die Möglichkeit, solche fantastischen Diskussionen zu führen, macht mich stolz und zeigt die Absurdität der medialen Darstellung von Ultràs als „dumpfe Gewalttäter“ beispielhaft auf. Danke an alle, die dabei waren. Danke an alle, die sich die Organisation aufgebürdet haben. Danke an alle, die mitdiskutiert haben. Danke an alle, die auf ihre Lesungen noch warten müssen.