Rauchtopf an Stange. Mehr Old School geht nicht.

Lachen gegen den modernen Fußball – Centro Storico Lebowski

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Autogrill von Roncobilaccio, Freitag nacht im verschneiten Appenin. Die Autobahn windet sich waghalsig über die Bergrücken, die rechte Spur von einer endlosen Schlange Trucks blockiert, an der sich links ein paar verwegene Autofahrer auf Sommerreifen vorbeiquetschen. Also schicke ich eine letzte SMS nach Florenz…ist spät geworden, ich fahr ins Hotel, wir sehen uns morgen. „Ja meld dich eben, wenn du da bist.“ Als ob die Lebowskis das Begrüßungsbier ausfallen lassen würden. Und so stehen wir eine Stunde später in einer Bar in der Altstadt und werden mit aus allen Ecken kommenden Biergläsern und Shots irgendeines selbstgemachten Chili-Grappas getauft. Zwar dröhnt schlechte Musik in den Ohren und die fiorentinische Spezialität, das „C“ auszulassen trägt auch nicht zum Verständnis bei, aber genau in dem Moment spüre ich wieder, was Lebowski ausmacht und was ich an diesem durchgedrehten Haufen so liebe: Erst Freunde, dann Ultràs. Trinken, rauchen, lachen, quatschen, sich verarschen und Fußball ist erst morgen.

Mehr als 10 Jahre sind vergangen, seit sich Freunde – Schüler aus drei Gymnasien der Innenstadt – in den Tabellenletzten der untersten italienischen Spielklasse verliebten, den „modernen Fußball“ modern sein ließen und fortan als „Curva Moana Pozzi“ toskanische Dorfsportplätze verunsicherten. Heute umfasst das Imperium vier Teams – 1. Mannschaft, Juniores, Frauen und Amateure -, man hat einen richtigen Trainer, richtige Spieler, die Erste kickt nach zwei aufeinander folgenden Aufstiegen in der anspruchsvollen „Prima Categoria“ und sobald die Sache mit dem „eigenen“ Stadion geklärt ist, werden weitere Aufstiege angepeilt. Bis dahin soll der Verein als erster italienischer Club überhaupt eine legale Struktur erhalten, die auch offiziell abbildet, was das Centro Storico Lebowski schon immer ist: ein zu 100% durch seine Mitglieder geführter Verein, bei dem jeder die gleiche Stimme hat. Eine solche Vereinsstruktur ist im italienischen Fußball nicht vorgesehen, deswegen muss man sie erfinden. Und wer sollte das sonst können, wenn nicht dieser Haufen Freaks hinter dem Banner mit dem Dude? Ein Haufen Freunde, die Freitagabends an der Bar herumkaspern wie alle anderen auch. „Nimmst noch einen, oder?“

Als Teaser hatten wir uns am Samstag das Spiel der Nachwuchsmannschaft gegeben: Der Tabellenführer wickelte das Match souverän 3:0 ab und unterstrich, wie ernsthaft Fußball hier mittlerweile betrieben wird. Gekommen waren wir aber wegen der Auswärtsfahrt des CS Lebowski nach San Godenzo. Und was ging mir das Herz auf, als wir uns am Sonntag am „schlechtesten Panini-Dealer der Stadt…sehr Lebowski“ trafen. Adidas, Northface, grüne Parkas, verschlissene Gruppenshirts aus der Anfangszeit, Bierdosen, paar Frühstückjoints…junge Menschen, aufgefüllt durch das eine oder andere stadiongegerbte Gesicht aus der Kurve der Fiorentina. Gerade, als „Omo“ bierbefeuert damit loslegte, Anekdoten aus gefühlt 100 Jahren Fiorentina so unnachahmlich zusammenhangslos herunterzunuscheln, kam das Signal zum Aufbruch und eine Schlange aus einem Dutzend Autos setzte sich in Bewegung in die toskanische Bergwelt. Ich war auf der Suche nach der Essenz von Lebowski und nicht weniger sollte ich bekommen. Im Gegenteil.

Keiner schien so richtig zu wissen, wo es lang geht und so wechselte unter hektischen Telefonaten ab und zu die Führungsspitze, dazustoßende Autos wurden eingereiht, defekte Fiats als verloren aufgegeben, aber eine knappe Stunde später sprang eine kompakte erste Reihe aus den Wagen und … musste mal dringend. Corteo zum Stadion und die gut 50 Leute nahmen die Stahlrohrtribüne mit Blick auf einen ranzigen Dorfbolzplatz in Beschlag. „Los jetzt, alle die Hände hoch, lassen wir uns hören.“ Trommeln scharf gemacht und schon rauschte eine Viertelstunde vor Anpfiff der erste Gruß an den modernen Fußball durchs Tal und die Aufmerksamkeit der umstehenden Dorfbewohner war geweckt. Dass jeder Gesang als Echo zurückgeworfen wurde, befeuerte nur die Begeisterung. Denn danach wurde 90 Minuten lang durchgesungen. Also praktisch immer. Außer, wenn man mal abgelenkt war. Wenn zum Beispiel der Gästespieler mit der Nummer 15 die Kurve zur Nachspielprügelei einlud, weil die ihn „Dicker“ gerufen hatten. Er wurde mit Mühe von seinen Kollegen zur Bank zurückgezogen und es kam auch zu keiner Prügelei, fortan war er aber zum Idol geworden und zum „Hirsch“ oder „Wildschwein“ aufgestiegen. „Oioioi oioioioi Nummer 15 schieß ein Tor für uns.“

Auch die Staatsmacht war aufgeboten in Person des Dorf-Carabiniere, der zur Feier des Tages sein Handy zückte und einen orangenen Rauchtopf für seine Enkelkinder sicherte. Dafür verdiente er sich ein donnerndes „Noi odiamo la pUlizia“ – „Wir hassen saubermachen“. „Leute, aufpassen, nicht dass ihr den Vokal verwechselt.“ Und eine gackernde Kurve, die ihm mit erhobenen Handys hinterherfotografierte. Überhaupt wird hier mit allem supportet, was zur Verfügung steht: Aus rasselnden Schlüsselbunden wird ein Sambarhythmus gezaubert. Wer keinen Schal hat, wedelt einfach mit seiner Jacke, einer Krücke oder seinem Turnschuh. „Was für ein Chaos, das wird das Marijuana sein…“ Das alles unter der schweigenden Zustimmung des etwas bräsigen Kurvenhundes, der sich – perfekter Lebowski Style – in der zweiten Halbzeit darauf verlegte, Plastikflaschen unter der Tribüne zu verspeisen. Es fehlte mir genau nichts an diesem Sonntagnachmittag: keine millionenschweren Starspieler, keine Tessera del Tifoso, keine Ausweispflicht, kein Trommelverbot, keine elektronischen Drehkreuze, lärmenden Werbejingles, keine VIP-Lounges. Denn der Fußball war vollständig versammelt: Leidenschaft, Dreck, Bier, Pyro, rote Karten, Elfmeter, Beleidigungen, Frauen. Und ganz viel Lachen. Der Spaß daran, dumme Witze unter Freunden zu machen, sich einen noch dümmeren Sprechchor auszudenken, Gegner und vor allem sich selbst zu verarschen. Feiern. Anarchie.

Und als nach der nach dem Spiel herumstehende Mob den liegengebliebenen Dorf-Carabiniere mit vor Lachen tränenden Augen den Berg hinauf anschob, hatte ich nicht nur die Essenz von Lebowski verstanden, sondern die vom Fußball. Sie sind identisch. Denn unter diesem ganzen elenden Mist aus Repression, Korruption, Bestechung, Manipulation, Marketing und Geschäftemacherei schlägt das Herz des Fußballs in Florenz. Inmitten eines Haufens von Leuten, die Fußball schauen wollen, dabei singen, trommeln, ein Bier trinken oder einen Bengalo hochhalten. Dass sie nicht allein damit stehen, zeigt sich nicht allein in der Tatsache, dass mittlerweile gestandene Fußballer sich darum bemühen, bei Lebowski spielen zu dürfen. Beim einzigen Verein der Spielklasse, der seinen Spielern keinen einzelnen Euro zahlt. In den Freundeskreis aufgenommen zu werden als Karrierehöhepunkt. Eltern, die darauf bestehen, ihre Kinder bei den „Calabroni“ kicken zu lassen. Mädchen, die in der Frauenmannschaft „Mele Toste“ („Curva Rocco Siffredi – Solo falli!“) Spaß haben. Der Rest der Kurve, der im Amateurteam über die Dörfer dilettiert. Wenn der Lebowski-Virus dich einmal infiziert hat, lässt er dich nicht wieder los. Mehr noch: Die Jungs und Mädchen der grau-schwarzen haben es geschafft, selbst mich alten Griesgram mit einem Lächeln auf den Lippen und jeder Menge Hoffnung wieder heimfahren zu lassen. Oder, gefasst in meine Abschiedsworte an Marco, Carlo, Daniele, Lorenzo, Niccolò, Marta undwiesienichtalleheißen: „Und wenn ich nur irgendetwas ähnliches in der Nähe hätte, ich würde keine Minute zögern, die ganze Serie A, das ganze San Siro dafür einzutauschen. Weil das hier die Essenz des Fußballs ist.“

……

PS: Die Ultimi Rimasti Lebowski sind seit 5 Jahren mit den „Coloniacs“ befreundet. Ich nehme diesen Umstand gern zum Anlass zu verkünden, dass es noch ein paar Restexemplare eines der – für mich – besten Fanzines Deutschlands gibt – Ausgabe 6 des „Kalledresser“: Bestellmöglichkeiten. Wenn ich’s nicht schon hätte, würde ich es mir jetzt holen. Lohnt sich immer!

Jetzt aber endlich die Bilder des ganzen Elends: