Ultimi Rimasti Lebowski

Die letzten Übriggebliebenen

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Gegen den modernen Fussball sind ja praktisch alle Stadionbesucher in Italien. Über die Woche gespreizte Spieltage, die sich an den Notwendigkeiten des Bezahlfernsehens orientieren, prophylaktische erkennungsdienstliche Behandlung der Fans qua „Tessera del Tifoso“, Anstosszeiten, die Auswärtsfahrten unmöglich machen, Exzesse staatlicher Gewalt, verschobene Spiele, Fussballer, die ihre Karriere bei 12 verschiedenen Vereinen bestreiten…so weit so bekannt. Weniger bekannt, aber auch nicht neu, war der Protest der „Ultimi Rimasti“ Lebowski. Nur ganz kurz zum Grüppchen: Eine Gruppe von Fans, Ex-Drugati und Ex-Urban Kaos, entscheidet sich 2008, in einer neuen Gruppe die Mannschaft zu unterstützen, die für die Werte des „alten Fussballs“ stehen sollte. Ein Fussball, den es in Zeiten des „calcio moderno“ der höheren Spielklassen nicht mehr gibt. Hinzu kommen einige, die ohne irgendwelchen historischen, familiären oder kulturellen Bezug sich für den damaligen Tabellenletzten der untersten italienischen Liga entscheiden: den AC Lebowski. Die Gruppe nennt sich „Ultimi Rimasti Lebowski“ („die letzten Übriggebliebenen“). In der Hoffnung, hier einen wahren Fussball leben zu können, den es woanders nicht mehr gibt oder von dem man per Stadionverbot sowieso ausgeschlossen ist. Und so standen die Leute, die i.ü. eine lebendige Fanfreundschaft mit den „Coloniacs“ unterhalten, in der „Curva Moana Pozzi“ (gemeint ist der Pornostar). Support der Ultimi Rimasti So richtig spannend wird es allerdings erst jetzt. Immer noch müde von einer Serie A ohne Überraschungen, von den Mauscheleien der Nomenklatura, Spielansetzungen im 3-Tages-Rhythmus, einem Fussball ohne Geduld und ohne Pausen, der sich widerstandslos den Regeln der freien“ Marktwirtschaft unterwirft, hat man sich nun entschlossen, gleich einen eigenen Verein zu gründen. Unter dem Banner von Mentalität ohne Kompromisse geht man den Weg des grössten Widerstands, um einmal auszuloten, inwieweit ein völlig neues (oder eben „altes“) Modell vom Verhältnis von Verein, Spielern und Fans noch gelebt werden kann. Abgelehnt wird der Fan als kommerziell verwertbarer Kunde (auch wenn die hierauf zielenden Maßnahmen seit jeher unter dem Schlagwort „Stadionsicherheit“ verbucht werden), abgelehnt wird die Gestaltung dieses „neuen Fans“ mit den Mitteln der Repression, die den Kurven ihren Platz als selbstbestimmten Raum der Jugendkultur raubt und wo der Staat die Auswahl der Stadionbesucher und die Definition von deren gewünschten Ausdrucksformen übernimmt. Um das Gewaltproblem anzupacken, sind ja in Italien bekantlich Trommeln, Pyro und Megaphone verboten und Spruchbänder sind genehmigungspflichtig. Im Protest und der Ablehnung gibt es kaum Dissenz, hier ist aber eine Gruppe, die konstruktiv neue Wege vorschlägt und mit viel Eifer und Altruismus mit Inhalten füllt. Was ist aber der Fussball, den das Projekt „Centro Storico Lebowski“ meint? Ich habe einen von den Spielern (und ehemals Ultrà) einmal gefragt:
„Zunächst ein Fussball, in dem zwischen Mannschaft, Fans und Verein eine Identität besteht. Der CSL gehört in erster Linie den Ultimi Rimasti, die das Herz all dessen sind, was wir machen; er gehört denen, die vor den Spielen den Rasen mähen, die Feste organisieren, um die Einschreibegebühr für die Meisterschaft aufzubringen, die Sammlungen anstoßen, um die Ausrüstung zu bezahlen, die den Vereinssitz saubermachen, die nach dem Training die Bälle einsammeln, die Leidenschaft und Respekt für ihre Farben auf den Platz tragen.“
Offensichlich haben wir es hier mit einer Ultrà-Gruppe zu tun, die sich weder gleichschalten lässt noch aufgibt. Die weder Kompromisse mit dem System Fussball eingeht noch sich in rein symbolischen Aktionen und pathetischem Geschwafel verliert. Eine Gruppe, die ihre Sichtbarkeit verkleinert, aber genau dadurch die Freiheit erlangt, konsequent und kohärent zu handeln. Weit über „Ultras sind keine Verbrecher“ hinaus. Mit begeisterungswürdiger Konsequenz gehen die Ultimi Rimasti ihren Weg bis zum Ende: Wenn wir uns vom höherklassigen Fussball nicht mehr repräsentiert fühlen, wenn das Establishment aus Fernsehsendern, Presse und Millionärskickern uns nicht mehr haben will, dann entwerfen wir uns unseren Fussball eben selbst. Einen Fussball, der von Solidarität und Freiheit geprägt ist, von Selbstbestimmung und Verantwortung, von flachen Hierarchien und einer gemeinsamen Leidenschaft für den Sport. Kurzum, von all jenen Dingen, die Staatsmacht, Sportjournalisten und Vereine den treuesten Fans so gern absprechen, die üblicherweise als „dumme Gewalttäter, die mit echtem Fussball nichts zu tun haben“ etikettiert werden. Hingegen bin ich der Meinung, das Modell Lebowski hat mehr mit Fussball zu tun, als Schiedsrichter-Skandale, Polizeigewalt, kommerzielle Fanutensilien und Multifunktions-Arenen, die pro Saison zweimal den Namen wechseln.
„Wir haben die Idee, ein Umfeld zu schaffen, in dem wir, soweit möglich, Fussball in maximaler Unabhängigkeit von den Einmischungen des Staates und des Markts leben können. Deshalb zielen wir auf Selbstfinanzierung und auf die Unterstützung derer, die Leidenschaft für den echten Sport empfinden. Ohne Raum für die Spekulationen, die den heutigen Fussball begleiten. Deshalb gibt es neben den fußballerischen Notwendigkeiten im Team immer auch Platz für diejenigen, die womöglich in einem vielleicht schwierigen Moment ihres Lebens Augenblicke der Freundschaft und des Zusammenseins brauchen, denen einfach für einen Moment die Luft des Platzes und der Umkleidekabinen hilft.“
Und als ob das nicht alles schon wahr, gut und schön genug wäre, plant man auch, eine Fussballschule für die Kleinsten zu schaffen, in der das gelebt wird, was sich zwar jede „scuola calcio“ ins Statut kopiert, das aber in der Praxis dann trotzdem nur selten vorgelebt wird. Eine Fussballschule, in der es nicht um Talent und Ergebnisse geht, sondern wo Fussball als Spiel begriffen wird, wo die Kleinen lernen, sich die Schuhe zuzubinden und gemeinsam zu duschen, wo sie sich die Tasche selbst packen und in der Gruppe wachsen, Werte wie Treue und Respekt vor Differenzen leben. Ohne von 8-jährigen imitiertem Luca-Toni-Torjubel, ohne Schiri-Beleidigungen, ohne Konkurrenzkampf und ohne Mannschaftsaufstellungen, die aufs Ergebnis fixiert sind. Genauso, wie es einmal war, bevor sich der Markt das Spiel geschnappt und es in ein hyperventilierendes, glitzerndes Event mutiert hat. Bevor die einstige Freizeitaktivität zur Fortsetzung des rationalisierten Arbeitsalltags mit anderen Mitteln verkam. Trailer der Doku „We love Lebowski“ Der Anfang ist gemacht und die ersten Signale (nach 3 Spieltagen) sind erfolgversprechend. Die Spiele, im Stadion der Rondinella in Florenz, sind vergleichsweise ordentlich besucht, der Support ist angesichts der Spielklasse absurd gut und der Enthusiasmus des neuen Projekts ist mit den Händen zu greifen. Dabei soll das Stadion nicht als Enklave für unterdrückte Ultràs gefeiert werden, sondern zu einem offenen Ort für alle, die die Faszination des antiken und volkstümlichen Fussballs leben wollen, die ansonsten weitgehend auf dem Altar der TV-Verwertbarkeit geopfert ist. Ohne Tessera del Tifoso, ohne Stadionverbote, ohne Spiele am Freitagmittag, ohne hypertechnologisierte Trikots, Geldkarten, Choreo-Verbote und andere putzige Fanutensilien. Ein freier Ort, in dem Fussballfans ihrer Passion für den schönsten Sport (!) der Welt nachgehen können. Natürlich ist alles noch neu, ungewohnt, ungeplant und von der reinen Begeisterung getragen. Aber ich wünsche den Jungs und Mädels der „Ultimi Rimasti“ und vor allem allen anderen Stadionfans, dass die Initiative Erfolg hat. Denn tausende kleine Leute, die an tausenden Orten tausende kleine Dinge tun, können die Welt verändern. Zeit wär’s. Liberi Ultràs – Liberi Tutti! Bilder: