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Italien als Wiege der Ultra-Kultur – ein Gespräch mit Kai Tippmann

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Das folgende Interview ist im Sammelband „Ultras – Eine Fankultur im Spannungsfeld unterschiedlicher Subkulturen“ von Gabriel Duttler und Boris Haigis (Hg.) erschienen. Das Buch kann hier direkt beim Verlag bestellt werden oder ggf. hier bei amazon: Ultras: Eine Fankultur im Spannungsfeld unterschiedlicher Subkulturen (Kulturen der Gesellschaft).

GESPRÄCH GEFÜHRT VON GABRIEL DUTTLER UND BORIS HAIGIS

GD/BH: Was bedeutet für Sie Italien und woher kommt Ihre Affinität zu Italien?

KT: Etwa zeitgleich mit dem Konkurs meines eigentlichen Heimatvereins lernte
ich über TV-Übertragungen des Pokals der Landesmeister den AC Milan kennen.
Arrigos Sacchis Interpretation vom „Voetbal Totaal“ mit den Interpreten um die Holländer Rijkaard, Gulit und Van Basten bedeutete für mich damals eine Revolution meiner Ansprüche an Fußball. Viele Italienreisen und Stadionbesuche später bin ich dann vor etwa 15 Jahren in die Nähe von Mailand gezogen.

GD/BH: Wie hat sich Ultra in Italien historisch entwickelt (Politisierung der italienischen Kurven als historisch gewachsen? Unterschied zu Deutschland?)? Wie steht es aktuell um die Ultra-Kultur in Italien und wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

KT: Wenn man die Geburt dessen, was wir heute unter dem Begriff „Ultra“ verstehen,
in der zweiten Hälfte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts verortet, kommt man nicht um die Beobachtung herum, dass diese Zeit auch südlich der Alpen eine hoch politisierte Epoche war, in der Auseinandersetzungen der verschiedenen Lager – oft auch gewalttätig – auf Straßen und Plätzen, in besetzten Häusern und bei politischen Manifestationen ausgetragen wurden. Stadien stellten zudem auch einen der wenigen Freiräume für spontane jugendliche Aggregation in diesem erzkatholischen und durchaus konservativen Land dar. Diese Gemengelage erklärt nicht nur die massenhafte Anziehungskraft dieser neuen „Bewegung“, sondern auch die verwendeten Stilmittel: Transparente, Trommeln, Megafone, Doppelhalter, Fahnen, Pyrotechnik und auch viele der ersten Gesänge und Sprechchöre (umgetextet) waren vorher bei Demonstrationen und Kundgebungen zu hören und zu sehen. Insofern war „Ultra“ in Italien direkt – über die Selbstermächtigung und Verteidigung eigener Freiräume – wie indirekt – viele der Ultras der ersten Stunde kannten sich bereits aus politischen Zusammenhängen – von Beginn an eine auch politische Veranstaltung.

Wobei hier der Schluss nicht zulässig ist, dass sich junge Leute deshalb im Stadion getroffen haben, um politisch zu agitieren oder den Kampf um die eine oder andere bessere Welt auf die Ränge zu tragen. Damals wie heute war Triebfeder und Anziehungskraft, sich am Wochenende in die Stadien zu begeben, Freundschaft, relative Freiheit, Liebe zum eigenen Verein und zur eigenen Stadt und der Wunsch, den Lieblingssport nicht nur passiv zu konsumieren. Die wechselnden politischen Stimmungslagen im Land haben sich natürlich immer auch in den Kurven abgebildet, aber die Zahl der eindeutig politisch positionierten Kurven, die ihr Credo auch deutlich ausdrückten, war von Anfang an gering. Den Fanlagern von beispielsweise Livorno, Hellas, Lazio oder Ternana stand und steht eine Mehrheit von Kurven gegenüber, die als bewusste Entscheidung den Fußball und den Support des eigenen Teams in den Mittelpunkt stellen und/oder durch eine apolitische Ausrichtung Spannungen innerhalb der eigenen Kurve vermeiden wollen.

Verglichen mit den Hochzeiten von Ultra in den 80er und 90er Jahren sehen wir im Moment natürlich viel weniger Menschen in italienischen Stadien, die Kurven machen da keine Ausnahme. Ohne die vielen Beispiele klein zu reden, wo sich äußerst engagierte Einzelpersonen und Gruppen durchaus mit Erfolg bemühen, die Tradition am Leben zu erhalten, bleibt festzuhalten, dass es heute eben nicht mehr so ist, dass man irgendein zufälliges Spiel besuchen kann, um das typische Flair überfüllter Blöcke mit lautstarkem Support, Unmengen an Fahnen und Pyrotechnik zu erleben. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Die Wirtschaftskrise sorgt bei hoher Jugendarbeitslosigkeit und hohen Ticketpreisen neben dem erwartbaren qualitativen Schwund der Liga für niedrigere Zuschauerzahlen in den alten, teils eher baufälligen Stadien. Eine Reihe von Korruptions-, Manipulations-, Wett- und Dopingskandalen hat die sprichwörtliche Leidenschaft der Italiener für ihren Sport durchaus erkalten lassen. Generationswechsel, Bürokratie, Repression und billige Pay-TV-Angebote sorgen dann in der Summe für die aktuellen Zuschauerzahlen.

Zur Zukunft von Ultra in Italien mag ich mich im Moment noch gar nicht äußern. Die wird sehr davon abhängen, inwieweit es den Verantwortlichen gelingt, die vielen Baustellen des italienischen Fußballbetriebs abzuarbeiten. Wenn es dann notgedrungen überall neue, vereinseigene Stadien gibt, wird sich zeigen, ob eine bunte und spontane Fankultur noch vorgesehen ist.

GD/BH: Wie wird in Italien politisch/staatlich auf die Ultras Einfluss genommen (Tessera, etc.)? Wie wirkt sich das auf die Fankultur aus?

KT: Man muss da gar nicht viel interpretieren, Innenminister Maroni sagte zur Einführung des Maßnahmenpakets ganz wörtlich, dass es ihm darum ginge, die Ultra-Logik zu brechen. Gemeint war, über das Verbot von Megaphonen und Trommeln, einer Anmeldepflicht für Banner und Zaunfahnen, die Verbürokratisierung des Kartenkaufs oder die Schaffung von Datenbanken für alle Stadionbesucher Kurven unattraktiver zu machen und ihnen so den Nachwuchs abzugraben. Und natürlich sind viele italienische Kurven heute für die Generation der 10-15-jährigen beim ersten Stadionbesuch auch nicht mehr so spannend wie sie das einmal waren.

Maroni ist mittlerweile Geschichte, aber die Maßnahmen wurden über die Jahre nur weiter verschärft. Erst für diese Saison wurden mit einer Ausweitung der Maximaldauer eines Stadionverbots auf 8 Jahre oder Gruppen- Stadionverboten der Spielraum der Behörden weiter erweitert. Kritisch sehe ich dabei den Aspekt, dass ein Großteil der beschlossenen Maßnahmen sich auf diese Form der Fankultur bzw. ganze Stadien bezieht, anstatt konkrete Straftaten nach den bereits vorhandenen Maßgaben des Strafrechts zu verfolgen. Wie in anderen Lebensbereichen auch rücken solcherart kollektiv der Repression unterworfene Menschengruppen enger zusammen und entwickeln Solidarität für Menschen und Handlungen aus ihrem eigenen Lager, mit denen sie normalerweise eigentlich nichts gemein haben. Diese Wagenburgmentalität verhindert also oft die viel beschworenen „Selbstreinigungsprozesse“. Hinzu kommt, dass die gemäßigt orientierten Fans oft genug dem Stadion ganz fernbleiben, weil die den scheinbar zur Gewaltprävention erhobenen Maßnahmen natürlich alle Stadionbesucher betreffen.

GD/BH: Welchen Stellenwert hat die Ausübung von Gewalt für die italienische Ultra-Kultur? Welche Entwicklungen diesbezüglich beobachten Sie?

KT: Körperliche Auseinandersetzungen waren schon immer ein Bestandteil von Teilen der Fußball-Fankultur und gehörte so von Beginn an auch zu den Grundprinzipien von Ultra. Selbstverständlich waren Fußballkurven im Italien der „bleiernen Jahre“, in denen politische Auseinandersetzungen im Land zu teils dutzenden Toten im Jahr führten, keine pazifistischen Inseln innerhalb einer gewalttätigen Gesellschaft. Waren es in den 80ern noch vom Medienrummel weitgehend unbeachtete Schlägereien unter Fußballfans, sorgte die Militarisierung der Stadien für die Weltmeisterschaft 1990 und besonders das Aufkommen der Bezahlsender 1995 für eine zunehmend zentrale Rolle der Konflikte mit der Staatsmacht. Selbstverständlich wurden Uniformträger in einer Jugendbewegung, die aus den „68ern“ hervor ging und in den 70ern und 80ern geschmiedet wurde, nie als Freund und Helfer wahrgenommen. Neu war, dass konsequentes Eskortieren von Auswärtsfans nun den direkten Kontakt weitgehend verhinderte, so dass Konflikte mit der Staatsmacht selbst immer mehr in den Vordergrund traten. Abgesprochene Drittortauseinandersetzungen waren in Italien nie mehrheitsfähig, mehr oder weniger zufällige Begegnungen auf Bahnhöfen oder Autobahnraststätten werden von entsprechend orientierten Teilen der Ultràs aber punktuell noch heute zur körperlichen Auseinandersetzung genutzt.

Gemeinsam mit Generationswechsel, generellem Zuschauerschwund und Restriktionen beim Auswärtsspielbesuch nahmen gewalttätige Konflikte im Laufe der Jahre immer weiter ab. Was zunahm, war die Zahl der medialen Kommunikationskanäle und deren Buhlen um Aufmerksamkeit. Ähnlich wie im Rest Westeuropas wird die Anzahl von körperlichen Auseinandersetzungen und deren Schwere statistisch zwar geringer, dafür werden diese Episoden viel vehementer in die öffentliche Aufmerksamkeit getragen, qualitativ wie quantitativ. Das führt auch in Italien zur selben Inkongruenz, wie in Deutschland auch: Stadionbesucher fühlen sich sicher, als gefährliche Orte werden diese mehrheitlich von Menschen gesehen, die sich Fußballspiele im TV oder gar nicht ansehen.

GD/BH: Wie groß schätzen Sie den Einfluss der italienischen Ultras auf ihre Vereine ein (Freikarten für Ultra-Gruppen, Merchandise-Artikel der Gruppen als Geschäft, Trikot-Rückgabe in Genua, etc.)?

KT: Vorangestellt sei, dass es mangels eines Modells von Mitgliederbeteiligung für Fußballfans in der Mehrheit überhaupt keine strukturell-organisatorische Möglichkeit gibt, direkt auf die Geschicke ihres Vereins Einfluss zu nehmen oder sich zumindest Gehör zu verschaffen. Vor diesem Hintergrund verstärkt die typische Eigentümerstruktur eines italienischen Fußballklubs die Tendenz der aktiven Fans, die eigene Meinung auf andere Arten in den Diskurs einzubringen. Gleiches gilt für den Präsidenten eines Fußballclubs, der womöglich mit Freikarten versucht, einen drohenden Protest der Heimkurve zu befrieden. Spätestens mit der Einführung der namensgebundenen „Tessera del Tifoso“ für Dauerkarten ist die Hochzeit dieser Art von Geschäften sicherlich vorbei.

Ansonsten muss man differenzieren. Während das Geschäftsmodell der „Irriducibili“ von Lazio, denen in der Vergangenheit zeitweise die Rechte am Logo gehörten, sicherlich äußerst kritisch zu bewerten war (und auch von der Ultrà- Welt als „Irriducibili GmbH“ verspottet wurde), gehört der Verkauf von selbst gefertigten Fanartikeln oder einem Kurvenheftchen seit jeher zum Grundpfeiler der Gruppenkasse, aus der Choreografien, Anwaltskosten oder Auswärtsfahrten finanziert werden. Reich wird mit dieser Art von Merchandising sicherlich niemand. Dies gilt eher für Menschen, die mit ihren Kontakten und ihrer Stellung beispielsweise in die Türsteherszene oder private Sicherheitsfirmen expandieren, was dann aber auch keinen „Einfluss auf den Verein“ verspricht.

Dass Spieler nach einer Serie von schlechten Ergebnissen, sei es bei Genoa, Parma oder Roma, auch mal unter die Kurve gebeten werden, um sich den Frust der weitgereisten Fans anzuhören, ist sicher auch keine italienische Besonderheit.

Ich würde bei so etwas auch nicht von „Einfluss“ sprechen: Die aktiven Fans sehen sich auch in Italien als Bewahrer einer Tradition und fordern für ihren 90minütigen Einsatz gern dasselbe auch von ihren Spielern ein. Vereinzelt kommt es dazu, dass denen erklärt wird, sie wären nicht würdig, das Trikot zu tragen. Abgesehen vom symbolischen Gehalt solcher Szenen, sehe ich die praktische Relevanz eher gering. Auch bei Genoa entscheidet der Trainer über die Aufstellung und die Shirts kommen vom Ausrüster.

GD/BH: Inwieweit wird das Ultra-Manifest (AS Roma) in den Szene noch als verbindlich betrachtet? Wie ist dieser Kodex genau entstanden?

KT: Verbindlich sind solche Kommuniqués oder Manifeste maximal für die Gruppe, die sie herausgibt. Es gab in der Geschichte eine ganze Reihe solcher Versuche, sich landesweit einen Kodex zu geben. Letztlich waren alle diese Versuche sowohl kurzlebig wie auch Minderheitenprogramme, das heißt die Mehrzahl der Gruppen und Fanlager hat sie ignoriert und auch die den Konsens tragenden Fans haben diese Art Übereinkunft nie lange als verbindlich betrachtet.

Überhand hatte in Italien immer der wichtigere Grundkonsens der Notwendigkeit der Auseinandersetzung. Während man beispielsweise in Deutschland relativ früh verstanden hat, dass man bei allen Differenzen eben auch eine gemeinsame „Bewegung“ ist und sich dementsprechend vernetzt hat, stand in Italien immer die Logik der Auseinandersetzung im Vordergrund. Wenn beispielsweise Inter im Spiel, das auf den Versuch der Ächtung von Messern ein Spruchband entrollt, auf dem „Wenn ihr einen fairen Kampf wollt, dann geht in die Boxhalle“ steht, wird das gut illustriert. Daraus folgt auch, dass es nie eine strukturelle, gar institutionalisierte, Form des Dialogs oder der Vernetzung wenigstens weiter Teile der Fanszenen gab. Sicherlich gibt es informelle Kontakte der Szenen untereinander, auch gemeinsame Treffen wenigstens einiger Gruppen, die aber nie soweit gediehen waren, dass es überhaupt eine Instanz gab, die eine Art Regelwerk verbindlich herausgeben könnte. Gruppenintern funktioniert diese Art Selbstregulierung deutlich besser.

GD/BH: Kommen wir nun zum übergreifenden Thema unseres Sammelbandes, der Beeinflussung der Ultra-Kultur durch andere Subkulturen und Bewegungen: Wie rezipieren Ultras in Italien denn beispielsweise Elemente der Graffiti-Szene?

KT: Auch italienische Ultras erstellen Graffitis und Tags, Treffpunkte, Stadtteile
werden so auch gern als Territorium markiert. Ich gehe davon aus, dass es auch personelle Überschneidungen der beiden Szenen gibt, habe allerdings keine Hinweise darauf, dass diese besonders häufig über die Personengleichheit hinausgehen.
Am ehesten ist dies zu erwarten in Städten, die eine eher linksgerichtete Fanszene haben, so dass diese verstärkt Ausdrucksmittel- und Inhalte verwendet, die auch in anderen Lebensbereichen junger Menschen eine Rolle spielen.

In apolitisch bis rechtsgerichteten Kurven ist dies sicher seltener, weil sich eine rechtsgerichtete Grafitti-Szene – trotz entsprechender Bemühungen z.B. seitens „Casa Pound“ – nie so richtig entwickeln wollte. Kurzum, vielerorts finden sich um den Gruppensitz und das Stadion gruppen-, szene- und vereinsbezogene Graffitis, das Bild wird aber dominiert von Sprüchen und Slogans, bei denen der künstlerische Aspekt in den Hintergrund rückt.

GD/BH: Wie ist die Beziehung von Ultras und unterschiedlichen Musik- Szenen (insbesondere Hip Hop)?

KT: Es gibt dutzende von Bands unterschiedlicher Stilrichtungen, die aus der
Ultraszene entstammen, zu dieser affin sind oder deren Geschmack bedienen.
Der Hip Hop mit seiner Darstellung von Uniformträgern oder dem suggerierten Lifestyle oder Rechtsrockbands bieten hier genügend auch inhaltliche Anknüpfungspunkte und werden auch rezipiert. Dies gilt neben dem passiven Konsum solcher Musik insbesondere auch für von Gruppen selbst organisierte Konzerte.

Insbesondere in und um Neapel mit seiner lebendigen Hip Hop-Szene und seiner ausgeprägten Stadtteilkultur als verbindendes Element gibt es hier immer wieder wechselseitige Beziehungen und verschiedene Künstler nehmen Aspekte der Ultrakultur in Text, Musik und Video auf, beziehungsweise richten sich direkt an die Ultraszene. Auch hier würde ich aber davon ausgehen, dass Geschmack und Stil aus stadionfernen Lebensbereichen sich beim Fußball gegebenenfalls abbilden bzw. es hier gewisse Schnittmengen gibt.

Neben Ska aus der Skinheadszene spielen Rechtsrockbands in mehrheitlich entsprechend orientierten Kurven durchaus eine Rolle. Diese greifen Bezüge zur Ultrakultur und deren Ablehnung der Ordnungskräfte oder Stadionchöre gern auf und werden dann auch positiv rezipiert. Allerdings deutet ein „Kurvenhit“ wie das allfällige „Frana la curva“ der linken Band „Erode“, der praktisch von allen Szenen hochgehalten und auch von rechten Bands gern gecovert wird auch wieder darauf hin, dass eher ultratypische Thematiken im Vordergrund stehen.

Festzuhalten bleibt, dass es in Italien eine ganze Reihe von Interpreten und Bands gibt, die ganz deutliche Schnittmengen zur Ultrabewegung entwickelt haben.
Sei es, weil sie dieser entstammen, sei es, dass sie sich dieser andienen.

GD/BH: Welche Einflüsse auf und Bezüge zu andere(n) Jugend- und Subkulturen existieren sonst?

KT: Prinzipiell gehe ich davon aus, dass sich in Kurven die Lebenswirklichkeiten
von Städten oder Regionen in ihrem historischen Verlauf abbilden. Insofern hatte die außerparlamentarische Opposition ihren Platz in den Ultrakurven der 70er Jahre ebenso wie Jugendkulturen, die in einer Stadt eine Bedeutung haben oder hatten. Das gilt für die Veroneser Skinheadszene ebenso wie für Turiner Mods oder Mailänder „Paninari“. Wenn eine Stadt eine starke Jugendkultur hat, finden sich deren Insignien auch in einer Kurve oder Gruppe. Vereinzelt kam es dabei zeitweise zu dem Phänomen, dass sich Gruppen auch unter eindeutigem Bezug auf solche Subkulturen bildeten; die Mailänder „Skins“ von Inter seien hier nur als Beispiel genannt.

Grundsätzlich kann man aber, glaube ich, festhalten, dass sich in wohl keiner italienischen Kurve eine Uniformität oder Monokultur entwickelt hat. Es gab sicherlich Gruppen, die geschlossen beispielsweise in Bomberjacken oder den so genannten „Eskimos“ auftraten, eine komplett Northface-ausgestattete Kurve wäre mir aber unbekannt. Insofern wüsste ich nicht einmal einen ultratypischen Bekleidungsstil zu umreißen, der nicht kurven- oder gruppenspezifisch wäre.

Neben ganz deutlichen Einflüssen aus der britischen Casual-Mode kleiden sich
italienische Ultras äußerst verschieden ein
, die wenigen Schnittmengen wie Kapuzenpullis, Sportschuhe oder Schals haben sich aus praktischen Erwägungen (Vermummung, Atemschutz) durchgesetzt. Die gruppeneigenen Shirts oder Jacken werden aber gern mit Dolce & Gabbana oder Ray Ban komplettiert. Daneben finden sich szenetypische Modelabels, die der Ultrakultur entstammen aber eben auch nur deren Grundkonsens abbilden: Polos, T-Shirts, Hoodies, Caps und Schals.

GD/BH: Wie schätzen Sie die Hintergründe der Einflüsse von Szenen aufeinander ein? Entstehen diese gegenseitigen Beeinflussungen mit anderen Szenen eher zufällig und als Einzelfälle? Ergeben sie sich vielleicht zwangsläufig über geteilte Lebenswelten und gemeinsame gesellschaftliche Räume? Werden sie evtl. sogar gezielt von Ultras angestrebt, um die eigene Kultur zu erweitern und auszugestalten?

KT: Einiges lässt sich schon aus den vorherigen Antworten entnehmen. Gezielt
angestrebt kann man, denke ich, ausschließen, von solchen Bestrebungen wüsste ich nichts. Auch wenn dieser Aspekt im Laufe der Jahre und im Zuge der Entwicklung zu einer eigenständigen Subkultur teilweise verloren ging, darf man den Aspekt der Freundschaft nicht außer acht lassen: italienische Ultragruppen sind häufig aus jahrelanger Freundschaft entstandene und konsolidierte Realitäten.

Selbstverständlich können Exponenten einer vorhandenen Subkultur sich über eine gemeinsame Begeisterung für den Fußball dazu entschließen, auch im Stadion aufzutreten. Dies geschah in der linken metropolitanen Hausbesetzerszene genauso wie bei den „Skins“ von Inter Mailand oder bei „Blood & Honour Varese“.

Besonders in vielen kleineren Realitäten ist aber der Aspekt nicht zu vernachlässigen, dass hier oft genug „Ultra“ die einzige zahlenmäßig nennenswerte Subkultur ist und die Stadionkurve der einzige öffentliche Raum für relativ freie jugendliche Aggregation – oft genug wohnt ja die U-30-Generation noch bei ihren Eltern. Insofern neige ich der Theorie der „gemeinsamen Lebensräume“ zu: In einer Stadt vorhandene Jugendkulturen werden in den Kurven abgebildet, führen aber aufgrund der ikonischen Stärke dieser historisch mitgliederstärksten und lang andauerndsten aller Subkulturen aber höchstens zur umgekehrten Befruchtung und Ultraschlachtrufe ertönen bei entsprechenden Konzerten, nicht Liedzeilen in der Kurve.

GD/BH: Wie nehmen italienische Ultras die deutschen Szenen wahr?

KT: Bis vor wenigen Jahren hätte ich „gar nicht“ geantwortet. Der wachsende Erfolg deutscher Mannschaften in Europacupspielen, der visuelle Eindruck deutscher Kurven aber auch die teils lange bestehenden Fanfreundschaften sorgen hier aber punktuell für verstärkte Neugier. Besonders ältere Ultras, die noch eigene Erfahrungen in den 80er Jahren gemacht haben, fühlen sich in einem deutschen Stadion gern daran erinnert. Auch ist die Dortmunder „Gelbe Wand“ sicher den meisten italienischen Fußballfans ein Begriff. Generell ist es aber so, dass man deutlich weniger auf das Ausland schaut, als beispielsweise deutsche oder österreichische Szenen. Bedeutsam für italienische Gruppen ist der Lokalrivale oder Derbygegner, bis auf wenige Ausnahmen werden inneritalienische Konflikte und Begeisterungen gelebt. Während viele europäische Ultras Italien, dessen Gesänge und Stilmittel ganz genau verfolgen und als Inspiration nutzen, passiert das in umgekehrter Richtung weit seltener. Man versteht „Ultra“ als ureigene Erfindung, als proprietären Lebensstil, nicht als Mode. Insofern entlehnte beispielsweise Hellas Verona Balkenschals oder Gesänge von ihren britschen Freunden der „Chelsea Headhunters“ oder alle italienischen Gruppen die südamerikanischen Bengaloaktionen; sicher wird auch ab und zu einmal ein europäischer oder südamerikanischer „Hit“ aufgenommen, umgetextet und gesungen. Aber generell schaut man weniger ins Ausland als auf italienische Szenen.

GD/BH: Wie nehmen Sie den Einfluss italienischer Ultras heutzutage auf andere Länder wahr? Ist Italien immer noch das gelobte Land?

KT: Italien ist weiterhin das „Mutterland der Bewegung“ und steht sicherlich im Fokus des Interesses bei der Mehrzahl derjenigen, die sich mit dieser Subkultur identifizieren. Gruppenfreundschaften- und Auflösungen, Prozesse, Gesetzesänderungen oder andere Details werden von den Opinion Leaders aufmerksam verfolgt und verbreitet. Allein die Tatsache, dass es Ultra in Italien seit fast fünf Jahrzehnten gibt und sich in den Kurven teils auch über 60jährige in verantwortlicher Position finden, sorgt in den deutlich jüngeren deutschsprachigen Gruppen immer für eine ganz eigene Ehrfurcht. Anekdoten, Stilmittel oder spektakuläre Ereignisse werden breit und fundiert diskutiert. Allerdings sorgen überbordende Repression und der auch aus anderen Gründen entstehende numerische Niedergang der Ultrakultur in Italien dafür, dass Italien sicher nicht mehr als das „gelobte Land“ wahrgenommen wird. Viel häufiger gilt es als abschreckendes Beispiel, als praktische Umsetzung der Ideen auch deutscher Innenminister und Polizeigewerkschaftler und mithin als das, was auch in heimischen Stadien ganz konkret drohen könnte bzw. teilweise ja auch schon umgesetzt wird. Umso größer ist natürlich die Verehrung italienischer Gruppen, die gerade trotz der widrigen Umstände ihre Idee von Support weiter auszuleben versuchen. Die historisch gewachsene Strahlkraft der italienischen Ultras lebt jedenfalls weiter.

GD/BH: „Quo vadis“ italienische Fankultur? Wird Italien für deutsche Hopper wieder interessanter?

KT: Italien ist für deutsche Hopper immer interessant geblieben und nach dem
absoluten Totpunkt rund um das Jahr 2010 ist insbesondere im Süden teils wieder mehr Fankultur zu beobachten. Wir sind natürlich weit davon entfernt, die Zehntausende starken Auswärtsfahrten, überfüllte Kurven, spontane Spruchbänder oder gar Pyroaktionen wieder zu sehen, aber es war schon grauer und stiller.
Es ist aber in jedem Fall zu früh, die Quo-Vadis-Frage zu beantworten, das wird davon abhängen, wohin sich der italienische Fußballbetrieb insgesamt entwickelt.
In einem von kompetenten Menschen regierten Fußball mit transparenten Strukturen und Entscheidungswegen, in dem auch die diese Saison zwangsweise Einführung der Figur des Fanbetreuers eine echte Daseinsberechtigung erhält, wird auch Platz sein für eine lebendige und kritische Fankultur. Die weitgehende Dialogunfähigkeit beider Seiten, die Überhöhung des „englischen Modells“ seitens der Verantwortlichen der Liga und rein repressive Polizeitaktiken geben mir im Moment wenig Anlass, diese Hoffnung mit Fakten zu unterfüttern.

GD/BH: Vielen Dank!