Tribuna Posillipo

Aber nächstes Jahr ganz sicher

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In dem ganz formidablen Roman „Ismael“ von Daniel Quinn unterstreicht ein Gorilla seine Meinung vom Kartenhaus kultureller Mythen namens Zivilisation, mit dem wir uns die Ausbeutung des Planeten schönerzählen, mit einer Metapher: Die Menschheit, so heißt es hier, gleiche einem Mann, der von der Klippe gesprungen ist und mit den Armen rudert. Dessen Überzeugung ist es, er müsse einfach schneller flattern, dann würde es auch wieder aufwärts gehen. Eine These, die während des Falls womöglich noch nachvollziehbar erscheint, aber – viel wichtiger – die Frage ausschließt, ob der Sprung an sich so eine tolle Idee war und nicht vielleicht etwas ganz Grundsätzliches in die falsche Richtung geht. Das Bild ist mir heute wieder in den Sinn gekommen, als ich von der Repubblica über das für die nächste Saison geplante Maßnahmenpaket für die Sicherheit von Fußballspielen der Serie A aufgeklärt wurde. Wie erwartbar flattert man einfach noch schneller mit den Flügeln. Verständlich, man fällt ja noch, bei den Zuschauerzahlen beispielsweise. Im folgenden die wichtigsten Maßnahmen, die seit dem schiefgelaufenen Pokalfinale von der Nationalen Beobachtungsstelle für Sportveranstaltungen ausgearbeitet wurde und das Premier Matteo Renzi demnächst dem Kabinett vorstellen wird:
  1. Kurz nach den Vorfällen beim diesjärigen Pokalfinale in Rom kam der Ruf nach einem lebenslänglichen Stadionverbot auf, am lautesten bei Innenminister Angelino Alfano. Wegen verfassungsrechtlicher Bedenken wird es nicht dazu kommen, dafür wird die maximale Dauer dieser Maßnahme (im Wiederholungsfall) auf 8 Jahre ausgedehnt (bisher 5). Eine gute, weil lästige Verwaltungsvorgänge verschlankende Maßnahme. Musste unliebsamen Menschen bisher eine Woche vor Ablauf des bisherigen ein neues, gern frei erfundenes, Stadionverbot zugestellt werden, kann man das jetzt in einem Aufwasch erledigen. Top.
  2. Präventive und Gruppen-Stadionverbote. Der feuchte Traum von Polizeigwerkschaftern: Fährt beispielsweise ein Bus mit Fans an einer Autobahnraststätte vor und kommt es seitens der Insassen zu Rechtsverstößen, kann der ganze Bus auf die Wache gefahren werden und alle Mitfahrer erhalten ein SV. Das wurde zwar auch jetzt schon so gehandhabt, allerdings wurde diese Art Gießkannen-Stadionverbot immer wieder aufgehoben. Schätzungen zufolge werden bereits jetzt mehr als 50% der ausgesprochenen Stadionverbote in Italien wieder kassiert (auf Kosten des Steuerzahlers), da liegt es doch nahe, die verdachtsweise Bestrafung von Menschengruppen gesetzlich auf sichere Füße zu stellen. Das ist insofern höchst effizient, als man in einem Bus mit 50 Fahrgästen, die allesamt bestraft werden, weil 5 von ihnen Olivenöl geklaut haben, mit einer einzigen Unterschrift 45 weitere junge Menschen der ACAB-Fraktion zugeführt hat.
  3. Ausweitung des Stadionverbots auf Verstöße gegen die öffentliche Ordnung. Ein Schelm, wer das so interpretiert, als würden die ersten Repressionsmechanismen nun das Laborfeld „Stadion“ verlassen und auch Teilnehmer an sonstigen Manifestationen betreffen, Streiks, No TAV“-Kundgebungen oder Proteste gegen Müllverbrennungsanlagen etwa – die Einführung der „Tessera del Tifoso“ war hier ja auch schon Grundlage von Erwägungen. Was damit nun genau gemeint ist, weiß ich nicht, ich ahne aber nichts Gutes. Oder zielführendes.
  4. Verschärfung des Stadionverbots für „Organisatoren von Gruppen von Gewalttätern“. Das ist soweit transparent: Capo weg, Problem gelöst. Weil sich unstrukturierte, einzeln reisende, Gruppen ohne Führung sich natürlich viel leichter unter Kontrolle halten lassen. Schließlich geht die überwiegende Mehrheit besonders gravierender Gewalttaten schon seit ca. 30 Jahren auf das Konto von außerhalb der Gruppe sich bewegenden „Cani Sciolti“. Nichts läge da näher, als organisierte Gruppen zu zerschlagen und diesem Trend weiteren Auftrieb zu verschaffen.
  5. Möglichkeit der „Rehabilitierung“ für vom SV Betroffene, die „Reue zeigen“ und „kooperieren“. Auch hier ist man erfrischen ehrlich: Wer von Rechtsbrüchen anderer erzählt, darf auf Skonto hoffen. Ob das in der jahrzehntelang gezimmerten, dialogfreien Konfrontationswelt etwas hilft, in der die Polizei zum „Feind Nummer 1“ erkoren wurde, auf Aufklebern und Bannern das „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ propagiert wird und der Stadionverbotler Achtung und Respekt seiner Gruppe erfährt? Hoffentlich hat man an ein Zeugenschutzprogramm gedacht.
  6. Mehr Überwachungskameras und stärkere Überwachung der „Filterzonen“. Hervorragende Idee. Vielleicht findet man ja so endlich heraus, dass die überwiegende Zahl der pyrotechnischen Erzeugnisse und sonstiger Unbill schon Tage vor dem Spiel ins Stadion verbracht wird.
  7. Verstärkter Einsatz von „Intelligence“ zur Überwachung von Bewegungen und Intentionen gewalttätiger Fans. Verdeckte Ermittler in den Gruppen also. Das bildet Vertrauen und sorgt sofort dafür, dass potentiell gefährliche Situationen bereits im Ansatz entschärft werden. Wenn die „Intelligence“ enttarnt wird beispielsweise.
Keine Aufnahme in die Liste findet die geplante Einführung verkleinerter Stadionsektoren: Durch die bauliche Unterteilung großer Kurven soll nächste Saison schärfer eingegrenzt werden, wer jetzt genau „Neapoletaner sind doof“ gesungen hat. Dann braucht man nicht die ganze Kurve zu sperren, sondern nur die betreffenden Abschnitte. Es war ja keinesfalls so, dass letztes Jahr nach der Kurvensperrung im Römer Olympiastadion selbst Tribünenfans aus Solidarität die bösen Sprechchöre anstimmten. Ebenso hat diese Maßnahme keinesfalls zur größten Solidarisierung italienischer Kurven in der Nachkriegsgeschichte geführt. Wie gesagt, die Sicherheit italienischer Stadien wird weiter als akuter Gefahrenfall gesehen, der durch noch schärfere, noch weitreichendere Freiheitseinschränkungen gekontert werden muss. Weiterhin kein Versuch, Fans als Ressource und Partner zu verstehen und deren Beweggründe dialogisch einzubeziehen. Nicht einmal ein Ansatz eines Versuchs, die als Gegner wahrgenommenen Fans überhaupt zu verstehen und die absolut überwiegende Mehrheit der gemäßigten Fans mit einzubeziehen. Selbst die nicht unbedingt ultrà-affine „Repubblica“ kommt nicht umhin, das Versagen der für die Ordnung und Sicherheit zuständigen Behörden in Rom zu rügen und angesichts immer neuer restriktiver Maßnahmen die Sinnfrage zu stellen. Denn eigentlich war ja bereits die „Fankarte „Tessera del Tifoso“ der Heilige Gral der Stadionsicherheit, allein dieses Instrument sollte ja schon lange dafür gesorgt haben, das Gewalt aus italienischen Stadien verschwunden ist. Aber man muss einfach noch schneller mit den Armen wedeln, dann klappt das schon.