BVB-Schalke 04

Wollte ich mir mal geben: Borussia Dortmund-Schalke 04, Bundesliga

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Wollte ich mir mal geben: Borussia Dortmund-Schalke 04, Bundesliga

Der folgende Artikel von Simone Meloni ist zuerst auf der formidablen Seite sportpeople.net erschienen (hier auch die Fotos des Autoren). Ich wurde gezwungen wollte diesen Artikel übersetzen, weil sich hier ein Italiener mit kritischem Blick, gesunder Neugier und jeder Menge Erfahrung auch mit den kulturellen Unterschieden der beiden Länder auseinandersetzt, „Ultrà“ zu leben. So entstand – unabhängig vom besuchten Derby – eben auch ein interessanter Einblick, wie Italiener deutsche Kurven sehen, wie sie deutsche Stadien empfinden oder wie sie das Auftreten der deutschen Polizei bewerten. Ein sehr interessanter Beitrag zum Verständnis der Kulturen, meine ich:


Die Spieltagsansetzungen der verschiedenen Meisterschaften greifen ineinander, dass es eine wahre Pracht ist. Ein guter Stern zwinkert mir zu und dem kann man nicht einfach den Rücken zudrehen. Als ich den Flug nach Rotterdam buche, suggeriert mir mein Instinkt, vor dem Rückflug noch schnell die Ansetzungen der Bundesliga zu checken. Auch weil Deutschland ja nur zwei Schritte von Holland entfernt ist. Und nachdem ich vor zwei Jahren ein paar Stadien besucht hatte, hätte ich wirklich nichts dagegen, dem ein paar neue Erfahrungen hinzuzufügen. Luftlinie ist die am nächsten liegende Gegend das Ruhrgebiet, Borussia Dortmund und Schalke 04 sind also die beiden am nächsten liegendsten Vereine.

Mit Nachdruck öffne ich die Seite der Bundesliga und entdecke die frohe Kunde. Ich würde nicht nur eines der beiden Fanlager sehen können, sondern sogar beide, gegeneinander, im Ruhrpott-Derby. Ein wirklicher und wahrhaftiger Traum. Einzige Unklarheit bleibt der genaue Spieltag dafür und der von Roma-Juventus. Aber auch hier kommt mir nach ein paar Wochen das Glück zu Hilfe. Die beiden deutschen Teams würden am Samstag den Rasen des Westfalenstadions betreten, während das Spiel im Römer Olympiastadion für Montag angesetzt wird. Alles einfach perfekt. Mit chirurgischer Präzision.

An der Stelle bleibt nur, Informationen einzuholen, all die deutschen Kontakte wiederzubeleben, die sich in den letzten Jahren angesammelt haben und die Akkreditierung anzufragen. Die wäre das letzte Hindernis, bevor ich sagen könnte: Ich habe es geschafft! Weil ich mich noch gut an die verschiedenen Absagen erinnerte, die ich mir vor einiger Zeit von teutonischen Vereinen eingehandelt hatte, war ich diesmal vorbereitet und hatte mir einen europäischen Journalistenausweis besorgt. Ein Stück Plastik mit englischer und französischer Schrift drauf, mit dem ich fast wie ein ernsthafter Reporter rüberkam. Also jedenfalls für die, die mich nicht kennen.

Jedenfalls kam eine Woche vor dem Spiel die lang ersehnte Antwort des BVB: Akkreditierung erteilt und somit die Sicherheit, in einem der faszinierendsten Stadien der Welt auf dem Platz zu stehen. Das reichte schon, um mir das Adrenalin durch den Körper zu jagen. Die einzige Unsicherheit blieb die nach der Anwesenheit von Ultràs beider Vereine. Denn obwohl in Italien alle denken, dass man im Ausland, besonders in Deutschland, im Stadion alles machen könne, sieht die Wirklichkeit dann doch ein bisschen anders aus. Beim Hinspiel hatten die Ultràs aus Dortmund den Gästebereich in Gelsenkirchen wegen der exzessiven Einschränkungen für dieses Spiel boykottiert. Gut 400 bis 2019 geltende Stadionverbote nur für das Derby in der Veltins Arena, die es nicht einmal erlauben, sich auch nur in die Innenstadt des Rivalen zu begeben. Aber die verschiedenen Kontakte versichern mir, dass die Situation der Ultràs von Schalke 04 entspannter sei, nur wenig mehr als 50 gegen Anhänger der Blau-Weißen ausgesprochene SVs.

Ich informiere mich nun täglich über das Spiel und finde so heraus, dass nach einigen, wegen Ausschreitungen in den Vorjahren verhängten Einschränkungen beim Kartenverkauf im letzten Jahr, die Sicherheitsbehörden nun wieder mehr Karten für den Gästeblock erlaubten. 7.000 von 8.000 möglichen. Selbstverständlich alle im Vorverkauf abgesetzt. Greifbares Zeichen dafür, dass wenn man der Leidenschaft nur ein kleines bisschen Freiheit lässt, ohne sie in Verbote, Fankarten und Limitationen einzupferchen, diese sich ohne Probleme in ihrer vollen Pracht entfaltet.

Am Morgen des 28. Februar wache ich guter Dinge auf, als die Uhr noch 5.30 anzeigt. Um nach Dortmund zu gelangen, muss ich dreimal umsteigen. Dafür erweist sich die Deutsche Bahn wieder einmal als Avantgarde des alten Kontinents, weil sie die ganze Strecke Schritt für Schritt ausweist und im Großen und Ganzen sehr gute Preise verlangt. Um die 253 km zurückzulegen, die beide Städte trennen zahle ich 19 €. Sicherlich deutlich nachvollziehbarer als das, was Trenitalia auf vielen Strecken so fordert und die, das sollte man nicht vergessen, in einem Land operieren, dessen Bruttoinlandsprodukt deutlich niedriger liegt als hier.

Die Müdigkeit macht sich bemerkbar und um ein Haar verpasse ich schon das erste Umsteigen in Utrecht, ich war schamlos eingeschlafen. Dort steige ich in den eleganten ICE aus Amsterdam in Richtung Frankfurt. Mein Zielbahnhof heißt Duisburg, wo ich nicht umhin konnte, an die dortige Mannschaft zu denken und wie ich mich Ende der 90er Jahre in einen ihrer Spieler verguckt hatte, den Dänen Stig Töfting. Einer, der in seiner Karriere mehr Aufmerksamkeit für Rempeleien und Gerangel auf und neben dem Platz erhielt, als für seine sportlichen Leistungen.

Während ich die Stufen hinabsteige, um meinen letzten Zug zu erreichen, kommen mir ca. fünfzig Fans in Trikots und Schals von Schalke 04 entgegen. Weil auch Duisburg dieselben Vereinsfarben hat, schaue ich genauer hin, ob das auch wirklich „Knappen“ sind und als ich das Logo von S04 sehe, bin ich einigermaßen überrascht. Es ist 9 Uhr morgens und die sind schon unterwegs, obwohl das Spiel erst um 15.30 Uhr angepfiffen werden würde. Ich steige in die Regionalbahn nach Dortmund und beginne langsam, die Atmosphäre dieses Spiels zu begreifen.

Am Bahnhof sind die Beamten in Anti-Riot-Outfits bereits in beeindruckender Zahl aufgereiht. Wir reden zwar nicht über Partizan-Stella Rossa oder Boca Juniors-River Plate, aber dieses hier ist doch eines der heißesten deutschen Derbies, mit zahlreichen Auseinandersetzungen in den letzten Jahren. Bevor ich in die Stadt gehe, lasse ich meinen Koffer in der Gepäckaufbewahrung, damit ich ihn nicht den ganzen Tag hinter mir her ziehen muss. Undenkbar bei den vielen Sachen, die ich besuchen will.

Schon im Bahnhof viele gelbe Schals, wieder beschleichen mich Zweifel, ob wirklich erst um 15.30 Uhr angepfifen wird. Ich frage einen Jungen im Trikot von Reus, der mich beruhigt. Dortmund ist mit Sicherheit keine Stadt, die viel an architektonischer Extravaganz bereithält, aber jede ihrer Ecken atmet Borussia. Von der Hauptstraße, gefüllt von hunderten Menschen mit Schals, Trikots und Käppis des Teams, bis in die Kneipen, die sich um 11 langsam mit Fans auf der Suche nach dem Vorspiel-Bier füllen. Mir gefällt es, durch diese Straßen zu schlendern, über den Marktplatz, und die Leidenschaft dieser Menschen für ihre Mannschaft einzuatmen.

Genau, das ist wirklich eine Sache, die mir in Italien wirklich fehlt. Die Leidenschaft für den Fußball. Hier spürt und sieht man ganz deutlich, dass Borussia Dortmund – in der Rolle eines modernen Vereins, der Geld verdienen muss – diese Leidenschaft auf positive Weise aufgegriffen hat. Ohne ein eigenes Stadion zu errichten, in dem die heißesten Fans nicht mehr vorgesehen sind oder die Ticketpreise viel zu hoch zu schrauben. Natürlich gibt es im Zentrum einen Store und der wird auch regelmäßig angegriffen. Aber dies alles ist nur der Beweis, dass der moderne Fußball nicht zwingend die Eliminierung der Ultràs oder die Erniedrigung des Fans bedeuten muss.

OK, es stimmt, dass der deutsche Fan nicht eben herausragt, was Boshaftigkeit und Hingabe an die körperliche Auseinandersetzung angeht. Es ist aber trotzdem wahr, dass ihre Bewegung in den letzten Jahren riesige Schritte nach vorn gemacht hat und dabei fast vollständig das stereotype Bild des Teutonen-Supporters im Biker Outfit mit einem dutzend Schals am Körper abgeschafft hat. An dessen Stelle heute ein Auftreten, das immer näher an dem des italienischen Ultràs ist, dem wahren Vorbild der deutschen Kurven.

Als die Zeiger auf 12.30 Uhr stehen, mache ich mich auf den Weg zum Stadion. Dafür muss ich an der Haltestelle „Stadtgarten“ die U-Bahn nehmen. Da stehen bereits jede Menge Fans auf dem Bahnsteig und ich muss zwei Züge passieren lassen, bevor ich es in den dritten schaffe. Die 20 Minuten bis zur Haltestelle „Stadion“ verbringen fast alle mit Hüpfen und damit, überall im Zug Aufkleber anzubringen. Das Auftreten der deutschen Polizei ist, für einen Italiener, eher ungewöhnlich. Und für mich bleibt sie eines der Geheimnisse für den Erfolg des deutschen Modells.

Die deutschen Gendarmen verlieren, ganz im Gegensatz zu ihren italienischen Kollegen, nicht wegen jeder Kleinigkeit die Geduld. Ich bin einigermaßen beeindruckt, als ich vor dem Stadion ein paar Jungs sehe, die die Polizei veralbern, indem sie den Beamten hinterherrennen und sie nachäffen, ohne dass es zu einer Reaktion kommt. Ich glaube, wenn irgendjemand in Italien auch nur an sowas denken würde, käme er mit einer denkwürdigen Schlagstockerfahrung nach Hause zurück. Damit will ich nicht sagen, dass sie jetzt besser oder zivilisierter sind, als unsere, sie sind einfach intelligenter. Sie verstehen, dass es einfacher ist, sich verarschen zu lassen, als zu selbst provozieren, um hinterher die Probleme wieder eindämmen zu müssen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Polizei – mit all ihren Privilegien, wie überall auf der Welt – hier nicht ungestraft machen kann, was sie will.

Als sich die Bahntüren öffnen, breitet sich vor mir das Westfalenstadion in seiner ganzen Pracht aus. Ich muss mich einfach hinstellen und es auf meinem Handy verewigen, während hinter mir ein Trupp Japaner, die ihrem Idol Kagawa bis hierher gefolgt waren, selbst von Borussen-Fans veralbert wird.

Es dauert noch bis zum Anpfiff und ich möchte mir einen ausgedehnten Spaziergang rund ums Stadion gönnen. Die gelbe Flut ist bereits überall und der Geruch nach Wurst und Sauerkraut erinnert mich darann, dass ich hier in einer der proletarischsten Gegenden Deutschlands bin. Kontrast zu den vielen italienischen Graffittis, die überall verteilt sind, vor allem „Polizia assassina“ und „Diffidati con noi“, die durchblicken lassen, dass Italienisch wirklich die gemeinsame Sprache der europäischen Ultràs ist.

Ich hole meine Akkreditierung ab und ich kann eine gewisse Emotion nicht verleugnen, als ich den Umschlag mit dem Logo des BVB und „Mr. Simone Meloni – Sport People“ entgegen nehme. Wirklicher und wahrhaftiger Stolz, neben der Genugtuung, offiziell als Journalist ins Stadion zu dürfen. Ich möchte auch unter den Gästeblock, das ist aber unmöglich.

Als Alternative wähle ich also den Besuch im Museum des schwarzgelben Vereins, das wirklich gut gemacht ist und überhaupt nicht protzig, wie ich erwartet hatte. Besonders schön für einen Fan solcher Sachen ist die Sammlung alter Eintrittskarten der alten westdeutschen Bundesliga und der europäischen Spiele der 90er, in denen die Schwarzgelben den Pokal der Landesmeister und den Weltpokal gewannen.

Jetzt wurde es Zeit, die Arbeitsweste abzuholen, mit der ich ans Spielfeld dürfte. Diese Operation stellt sich als gar nicht so einfach dar, eine Frau von der Pressestelle bemüht sich, mir zu erklären, wo es die gibt, aber auch wegen meinem Macaroni-Englisch verstehe ich nur Bruchstücke und am Ende muss mich ein sehr freundlicher Fotograf aus der Situation retten, der mich zur Ausgabestelle bringt, wo ich gegen meinen Ausweis das wertvolle Stück grauen Stoffs mit dem Logo der Bundesliga erhalte.

Geschafft. Der Moment ist da, das Spielfeld des Westfalenstadions zu testen. Mit großer Genugtuung denke ich nochmal an all die kleinen Anstrengungen für den Journalistenausweis, an all die Spiele der Jugendmannschaften an all diesen Sonntagmorgen. Geld wird für mich dabei nicht herausspringen, aber wenigstens steht mein Wunsch jetzt kurz davor, erfüllt zu werden.

Ich hetze schwer atmend bis zum Eingang, ein Steward öffnet mir das Tor und schon stehe ich auf dem Rasen. Sofort faltet mich eine Sicherheitsbeauftragte zusammen und erklärt mir, dass man hinter den Toren und seitlich davon stehen darf. Ich würde ihr gern erklären, dass genau das in Italien praktisch unmöglich ist, für mich also keine Einschränkung darstellt, höchstens einen Luxus. Auch wenn es sich als sehr schwer herausstellen würde, Bilder vom Gästeblock zu schießen. Die Schalke-Anhänger sind auf zwei Ränge verteilt und im Moment ist der Sektor schon gut gefüllt, nur von Ultràs keine Spur.

Auf der Heimseite sieht das schon ganz anders aus, die Kurve ist eine Stunde vor dem Anpfiff schon fast vollständig angetreten und am Zaun hängt als einziges Banner „Freiheit für Basti“. Schon erheben sich verschiedene Sprechchöre gegen den Rivalen in den Himmel und sehr beeindruckend sind auch die Pfiffe, die auf die gegnerischen Spieler regnen, als die zum Aufwärmen den Platz betreten.

Ich bin ein wenig überrascht, keins der bekannten Symbole des schwarzgelben Supports zu sehen, aber im Nachhinein kann ich sagen, dass ich wegen meiner Angst, dass irgendetwas schief laufen könnte, einfach viel zu aufgeregt war, um ein paar Dynamiken richtig einzuordnen, die ich später noch erkläre.

Mit Hilfe der treuen „Pressemappe“, die mir Stefan von 45 Grad zugeschickt hatte, möchte ich ins Detail gehen und die Zusammensetzung der beiden Fanlager kurz ausloten: Die Hauptgruppe der Dortmunder ist „The Unity“, aktiv seit 2001 und befreundet mit den Ultràs von Bröndby und den „Black Side Ultras“ von Burghausen, einem Team aus der Regionalliga. Die andere historische Gruppe des Westfalenstadions sind die „Desperados“, aktiv seit 1999 und befreundet mit den „Boyz Köln“, die heute anwesend sind, „Super 3 Aris Saloniki“ und den „Irriducibili“ aus Catania. Und schließlich als drittes Abzeichen der Südkurve Südtribüne die „Jubos“ (Junge Borussen).

Was die Nordkurve von Schalke 04 angeht, sind die Hauptgruppe die „Ultras Gelsenkirchen“, die um die 450 Mitglieder zählen, dazu die etwa 1.000 Personen, die „Vorwärts Nordkurve“ bilden. Offizielle Freundschaften bestehen zu den „Ultras Nürnberg 94“, „Vak-P Enschede“ und den Ultras von Vardar Skopje. Zum heutigen Spiel reisen die weißblauen an Bord eines Sonderzugs nach Dortmund.

Als noch eine Viertelstunde zum Anpfiff fehlt, tönt aus den Lautsprechern „You’ll Never Walk Alone“ und die gesamte Kurve der Borussia hebt gemeinsam mit einem guten Teil des Stadions die Schals in den Himmel und formt eine riesige schwarzgelbe Wand. Alle, außer dem Kern der Ultràs. Ich begreife, dass sie irgendetwas vorbereiten und kurz darauf erhalte ich die mehr als befriedigende Antwort. Bis dahin fühle ich mich aber wie ein Kind, dem man die Bonbons weggenommen hat. Von den Schalker Ultràs fehlt jede Spur und ich denke ernsthaft daran, dass sie irgendein Probnlem mit der Polizei hatten und zurückgeschickt wurden. Vor meinen Augen entrollt sich der Albtraum eines Eintracht Frankfurt – Nürnberg, bei dem die Gästenfans nachdem sie schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht hatten, nicht ins Stadion kamen.

Hingegen kommt zu meiner überbordenden Freude in der 5. Spielminute die große Gruppe mit Trommeln und Megafonen in den Block. Erst später würde ich erfahren, dass es vor dem Stadion tatsächlich Probleme mit den Beamten gab, nachdem einige Fans versucht hatten, ohne Tickets in den Block zu gelangen. Zudem muss ich gleich klar stellen, dass es im Auswärtsblock die ganze Spielzeit über keine Fahnen zu sehen geben würde, weil diese in Deutschland bei solchen Spielen in den Gästebereichen oft verboten sind, um zu verhindern, dass die Fans unter den Stoffbahnen versteckt Bengalos und Rauchtöpfe anzünden. Eine der wenigen Sachen, auf die deutsche Autoritäten wirklich fixiert sind. Das alles, um den falschen Mythos nochmal aufzuklären, nach dem die deutschen Kurven die freiesten in ganz Europa wären.

Der Einmarsch der Schalker befeuert die Stimmung, Salven von Sprechchören und die Südtribüne würde schon bald dutzende erbeutete Trophäen ausstellen. Auch hier muss man erklären. In diesen Breitengraden gibt es den – für den Norden typischen – Brauch, Überfälle auf von den gegnerischen Fans organisierte Feste oder Turniere zu starten. So hatten es die Gelsenkirchener Ultràs im Sommer gemacht und vor ein paar Monaten haben sie die Antwort der Desperados erhalten und die lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Ausbeute auszustellen. Die Polizei zeigt wenig Freude daran und sammelt sich unter dem Block und versucht, die blauen Stoffstücke in Gewahrsam zu nehmen. Ein weiterer Unterschied zu unserem Fahnenklau ist, dass die Trophäen zerstört werden, nachdem sie gezeigt wurden. Im Gegensatz zu uns, wo sie auch nach Jahren noch ausgestellt werden.

Was soll ich sagen? Gar nicht so übel für den Anfang. An der Stelle kann jetzt der Support-Wettbewerb beginnen und die Südkurve Südtribüne zeigt nun alle ihre Zaunfahnen. In dieser elektrisierenden und elektrisierten Atmosphäre atmet man die ganze Zeit über die Spannung, die Auseinandersetzung, die so auch nur schön und faszinierend sein kann. Klären wir sofort ein und für alle Mal, dass lügt wer behauptet, die gesamte Dortmunder gelbe Wand würde von der ersten bis zur letzten Reihe 90 Minuten lang singen. Es ist vermutlich nicht einmal denkbar, dass 15.000 Personen ein ganzes Spiel lang unisono supporten. Mit Sicherheit gibt es einen zentralen Stimmungskern von ca. tausend Personen, dem es fast immer gelingt, den Rest des Sektors anzutreiben. Und das ist durchaus keine kleine Leistung. Was den Stil angeht, sind die Klatschaktionen der Heimfans von seltener Schönheit, die Sprechchöre werden sehr intensiv und knackig dargeboten, oft hüpfen dabei alle gemeinsam.

Das Westfalenstadion ist ein Einflussfaktor. Mit seinen bis an den Spielfeldrand reichenden Tribünen ist es für das Publikum und dessen Wünsche errichtet, man muss nur an die Stehplatzränge ohne Sitzschalen denken oder an die Preise für dieses Spiel: das billigste Ticket kostet 14 Euro. Praktisch undenkbar für die großen italienischen Clubs.

Zu meiner Rechten beginnen die Ultras Gelsenkirchen, nach dem Anbringen ihrer Zaunfahne mit dem Support. Es ist nicht einfach, zwei einigermaßen weit auseinanderliegende Sektoren zu koordinieren, trotzdem ist die Unterstützung auf höchstem Niveau. Der untere Bereich versucht immer, den Oberrang mitzuziehen. Viele perfekte Klatschaktionen im Rythmus der Trommler, die keinen einzigen Schlag verhauen. Als ich in die Gesichter und Bewegungen der beiden Kurven schaue, habe ich die Bestätigung für das, was ich schon seit langer Zeit vermute: die wirkliche Stärke der Deutschen liegt darin, dass sie das leben, was wir schon lange vergessen haben: das Zusammensein.

Auf dem Platz dominiert Borussia Dortmund, ohne allerdings im ersten Durchgang ein Tor zu erzielen. In der zweiten Halbzeit eröffnet Aubameyang den Torreigen. Der Torjubel des Stadions ist etwas, das ich nur schwerlich vergessen werde, problemlos vergleichbar jenen, die ich in meinem Leben im Römer „Olimpico“ oder im „San Paolo“ in Napoli erleben durfte. Es vergehen nicht einmal zwei Minuten und Mkhitaryan setzt noch einen drauf und lässt die Südkurve Südtribüne ganz wörtlich explodieren. Für die Fans von Schalke 04 ist das ein echtes Trauma. Ich kann ihnen wirklich nicht ankreiden, dass sie für ein paar Minuten still sind, die Hände in den Haaren, während der Rest des Stadions ihnen ins Gesicht feiert. Ich verstehe sie, ich muss mich als Fan nur in sie hinein versetzen.

Wenn der Support von Borussia bis hier hin sehr gut war, wird er in den letzten 10 Spielminuten zu etwas Infernalischem. Jetzt singen wirklich 15.000 Menschen, um ein Team zu feiern, das bis vor 2 Monaten mit einem Bein in der zweiten Liga stand und jetzt nur noch 8 Punkte hinter den Champions League-Plätzen. Das ist auch so eine schöne Besonderheit des deutschen Fußballs, ein Wettbwewerb der bis vor ein paar Jahren sicher nicht wegen seines Spektakels berühmt war, der aber heute – dank jahrelanger Arbeit und intelligenten Investitionen – mit an der europäischen Spitze liegt. Außerdem reicht es, sich die Tabelle anzuschauen, wo wenn man den Taktgeber Bayern München mal raus lässt, den Zweiten gerade einmal 30 Punkte vom Letzten trennen. Hinweis auf ein gewisses Gleichgewicht.

Reus, der einen Fehler des gegnerischen Keepers ausnutzt, erzielt sogar noch das endgültige 3:0 und als der Schiedsrichter die Pfeife zum Mund führt, um das Ende der Feindseligkeiten zu bestimmen, recken Spieler und Fans die Fäuste nach oben, jetzt bewusst, die Krise definitiv hinter sich gelassen zu haben. Die Feierlichkeiten unter dem Block ziehen sich in die Länge, mit Großkreutz und Reus – beide in Dortmund und in der Borussia geboren und aufgewachsen, scheinen zwei Fans auf dem Rasen.

Auf der anderen Seite ist das Klima genau das Gegenteil und die Mannschaft wird für ihren sicher wenig begeisternden Auftritt mit erbarmungslosen Pfiffen bedacht. Sie werden Gelegenheit haben, das wieder gutzumachen, aber eine 3:0 Derbyniederlage ist schon eine erniedrigende Backpfeife für den Verlierer.

Mir fällt auf, dass das Spiel wie im Flug vorbeigegangen war und leider ist der Moment gekommen, das Stadion zu verlassen. Ein letztes Foto der beiden Kurven als Antwort auf die zahlreichen Whatsapp-Nachrichten, die mich in der Zwischenzeit gefragt hatten, wie es so läuft. Und dann die Weste zurückgeben und zur U-Bahn. Auf der Rückfahrt geht die Bahn kaputt, weil die schwarzgelben Fans beim Hüpfen und Lärmen in den Waggons etwas übertrieben hatten. Und trotzdem sieht man keine Wut in den Gesichtern der Fahrer oder Sicherheitskräfte. Ganz offensichtlich ist das Konzept „Brot und Spiele“ hier noch bekannt.

Um 19 Uhr bin ich wieder am Bahnhof, ich scanne die Anzeige und bemerke, dass die S-Bahn nach Düsseldorf in ein paar Minuten abfährt. Ich beeile mich, mein Gepäck abzuholen und nach einer verschwitzten Rennerei schaffe ich es im letzten Moment, den Zug zu besteigen. Es ist das letzte Kapitel dieses schönen Tages. Morgen öffnet sich dann das letzte Kapitel dieser Tour, die Fahrt mit den Ultràs von Fortuna Düsseldorf nach Heidenheim.

Mein Schlussgedanke ist, dass wenn man die Welt der Ultràs liebt, dieses Derby eine unbedingt zu machende Erfahrung darstellt. Vorher muss man allerdings Deutschland verstehen, seine Ultràs und ihre Art, das Stadion zu leben. Wer mit der Erwartung in diese Breiten fährt, hier unsere Derbys der 80er und 90er oder die Balkan-Derbys zu finden, riskiert eine Enttäuschung. Absolut positiv zu sehen sind die Fortschritte der deutschen Bewegung und ihre Bescheidenheit, mit der sie unsere Kultur beobachtet und ihr die schönsten Elemente entlehnt und eine Prise typisch deutscher Präzision und Ernsthaftigkeit hinzugefügt haben. Ansonsten bin ich der Meinung, dass man um sich eine Meinung zu bilden erst einmal mit eigenen Augen gesehen haben muss.

Simone Meloni.