Fossa dei Leoni //Matteo Papini

Ciao Fossa dei Leoni

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Der folgende Artikel zum Ende der „Fossa dei Leoni“ ist ursprünglich im Jubiläumsheft des Ballesterer erschienen. Zur Feier der 10/Jahre/100. Ausgabe gibt es  dort ein Jubiläumsaboangebot: 30 ballesterer für 100 Euro (erhältlich in Österreich). http://ballesterer.at/abo/abo.html


Fast zehn Jahre sind vergangen seit diesem traurigen Novemberabend in der Viale Bligny in der östlichen Peripherie Mailands. Männer um die 50, 60 Jahre, die die Stufen des hässlichen Fabrikgebäudes herabsteigen und von der wartenden Masse mit Applaus, Umarmungen und Tränen empfangen werden. Ende. Aus.

Heute hören viele nur die ohrenbetäubende Stille, wo 38 Jahre lang der rotzige, stolze, geliebte und gefürchtete Schlachtruf der „Fossa dei Leoni“ das Revier einer der bedeutendsten Ultragruppen Italiens markierte. Konsequent, respektiert und schön wie die Sonne.

Alles außer Stille
„Fossa 68“. Kinder der Revolution, ins Stadion getragene Speerspitze sozialer Proteste oder einfach eine Gruppe von Freunden, die sich mit Fahnen und Säcken voller Konfetti vor dem Eingang 18 traf, um ihr Milan anzufeuern. Auf die Tribüne eines San Siro noch ohne Dach und dritten Oberrang. Die Karten kamen von der Rolle, an namensgebundene Tickets oder Stadionverbote war noch nicht zu denken. Es waren die Jahre des Meistertitels unter Nereo Rocco, des zweiten Cups der Landesmeister, und Fußball fand noch im Stadion statt.

Voll war es damals, meist deutlich voller als erlaubt. Und laut. Megafone, Trommeln, Gesänge. Parkas, Bärte, Joints und Kaffeelikör. Und vor allem die Freiheit, für ein paar Stunden der Schwere dieses religiös-konservativen Landes entgangen zu sein, um dem selbst ernannten feinen Mailand Obszönitäten ins Gesicht zu spucken. Oder einfach Spaß zu haben. Alles war erlaubt, alles außer Stille in der Löwengrube, die ihren Namen Milans altem Trainingsgelände entlehnte.

Proletarisch und stur
Die „Fossa“ war der Motor der 60.000 Milan-Fans, die ihr Team in der Serie B gegen Cavese anfeuerten. Sie führte gemeinsam mit den „Brigate Rossonere“ den zigtausendfachen Exodus nach Barcelona zum Europacupfinale gegen Steaua Bukarest an. Sie sammelte Geld für die Erdbebenopfer in Süditalien oder die Krebsforschung und fand in ihren Kassen immer ein paar Lire, um bei Auswärtsfahrten oder der Anwaltssuche diejenigen zu unterstützen, die es sich nicht leisten konnten. In die eigenen Taschen wanderte nichts.

Wenn es wahr ist, dass der Fußball seinen Fans gehört, eine Mannschaft denen, die sie lieben, dann war die „Fossa dei Leoni“ der höchste Ausdruck der Milan-Fans: proletarisch, aneckend, unbeherrschbar und stur wie ein Esel. Sie sang während der Schweigeminute für die im Irak bei einem Bombenattentat ums Leben gekommenen Carabinieri weiter, auch wenn der Rest der Kurve anderer Meinung war. Sie nahm sich die Freiheit, Sportdirektor Adriano Galliani zu beleidigen, auch wenn der Rest der Kurve andere Absprachen getroffen hatte.

Achtung Löwen!
Fast vier Jahrzehnte hinterlassen Spuren. Die „Fossa“ findet sich auch heute noch in Mailand – in tausenden Tätowierungen, in vergilbten Kappen auf ergrauten Köpfen in den Sitzplatzbereichen des Stadions, vielleicht in einem an die Wand der Lieblingsbar genagelten Schal mit dem Löwenkopf oder in dem Kürzel „HSL“ unter einem Kommentar auf Facebook. Hic Sunt Leones. Hier sind Löwen. So wurde auf antiken Landkarten die Gefährlichkeit unerforschter Gebiete markiert. Sie lebt in den Erinnerungen an die Choreografien von Fabrizio Pedretti, den sie den Michelangelo der Kurven nannten. Im Geruch aus Rauchtöpfen, Marihuana und biergetränkten Jeans, der sich unauslöschlich in die Nasenflügel gefressen hat. Im Wutschrei „Unter der ‚Fossa‘ hätte es das nicht gegeben“ angesichts jedes Ansatzes von Unterordnung unter die Regeln des modernen Fußballs.

Über die Gründe ihrer Auflösung wird heute immer noch viel spekuliert, dabei ist die Erklärung ganz einfach: Die „Fossa“ gibt es nicht mehr, weil ihr Sport verschwunden ist, weil Romantik keinen Platz hat im Fußball der Finanzjongleure, der toupierten Superstars, der Bilanzpressekonferenzen, Sponsorenmeetings, Überwachungskameras und Drehkreuze. Die „Fossa“ kann und darf es nicht geben im Zeitalter der Facebook-Hooligans und Kurventouristen. Sie hatte ihre Zeit. Und sie ist abgetreten, noch bevor der Meteorit nach den Dinosauriern auch noch das restliche intelligente Leben auslöschte.

Die Freundschaft bleibt
Geblieben ist die riesige Fahne mit der Nummer sechs von Franco Baresi im Herzen der Curva Sud, ein dutzendfach geflicktes, verblichenes und ausgefranstes Relikt. Sie sorgt immer noch für Gänsehaut, aber die Kurve, aus der sie ragt, ist heute ein Stück grauer, trauriger, leerer. Ein Fossil jedoch durfte die „Fossa“ nie sein, nie Konklave alter Männer, die in der Vergangenheit leben; womöglich belächelt von den Jungen, die schneller, schlauer und vernetzter sind und die vor dem Restaurant Da Giannino die Ankunft des aktuellen brillantgepiercten Superstars feiern. Die „Fossa“ hat dort keine Luft zum Atmen, sie holt sich lieber die Blättchen aus den Jackentaschen, leckt sorgfältig die Gummierung, spuckt die Tabakreste auf den Boden und presst durch die Zähne „Wir waren Löwen“. Mehr, als irgendjemand anderes von sich behaupten kann.

Auf einer goldglänzenden Plakette an einem Spielplatz, den die „Fossa“ nach ihrer Auflösung aus den Beständen der Choreografiekasse finanzierte, findet sich ein Löwe und der Spruch: „Aus dem Spiel entsteht Freundschaft und wenn das Spiel vorbei ist, bleibt die Freundschaft bestehen.“ HSL!

Foto: Matteo Papini

Ballesterer Jubiläumsausgabe 2015

Ballesterer Jubiläumsausgabe 2015