Das ist Ultrà

Das ist Ultrà

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Ich hatte vor einigen Wochen die Frage „Was ist Ultrà“ in den Raum gestellt. Zugegebenermaßen ohne eine Idee davon zu haben, welche Art von Antworten – wenn überhaupt welche – ich so erhalten würde. Allerdings habe ich ja auch bis auf eine Minimalvorgabe zur Länge keinerlei Ausformulierung gebracht, mich hatte einfach einmal rein aus Neugier interessiert, wie viele persönliche Definitionen von Ultrà ich erhalten könnte. In den Medien scheint ja flächendeckend mit der Definition Ultrà = Randale = Hooligan = Unterschichtkids beim Frustabbau gearbeitet zu werden. Ebenso unspannend ist aber die „offizielle“ Version aus den Veröffentlichungen der Gruppen selbst (Ultrà = 100%iger Support 24/7 = Unterstützung der Farben = Gegen den modernen Fußball =…).

Ursprünglich wurde auf einer Lesung einmal vor 2 Jahren die Frage an mich gestellt, ob ich mich als „Ultrà“ bezeichnen würde. Interessanterweise war eine so einfache Frage gar nicht so einfach zu beantworten und deshalb hat sie mich auch immer mal wieder eingeholt. Zu meiner Zeit in deutschen Fußballstadien gab es noch keine Ultràs, viele Jahre lang habe ich mich in italienischen Kurven vergnügt, aber mittlerweile schaffe ich es nicht einmal mehr, alle Heimspiele meines Vereins zu besuchen. Verschiedene merkwürdige Entwicklungen der italienischen Kurven im Allgemeinen und meiner Kurve im Besonderen haben zudem dazu geführt, dass ich über die Jahre auch einigen Abstand gewonnen hatte. Trotzdem liegt mir die Idee natürlich am Herzen und ich versenke ja auch weiterhin viele Stunden meiner Freizeit in das Thema.

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass es zwar eine relativ vage Grundidee gibt, was Ultrà sein könnte (Stadion/Stehplatz/Support/Farben/Auswärts), diese aber von den Teilnehmenden sehr individuell definiert wird. Will sagen: es gibt vermutlich genauso viele Gründe, einer Ultràgruppe beizutreten, wie es Ultràs gibt. Und das ist auch ziemlich präzise das, was Ultrà zu seiner Geburtsstunde Mitte der 60er Jahre in Italien einmal war: das Stadion als von Jugendlichen „besetzter“ und „verteidigter“ Freiraum, der die Möglichkeit gibt, gemeinsam nach selbst gesetzten Regeln zusammenzusein. Wobei mein Interesse eben nicht ist, wie diese „Regeln“ aussehen, sondern worin die Faszination besteht; was einen Jugendlichen dazu bewegt, sich einer Ultràgruppe anzuschließen. Denn bei allen denkbaren Kritikpunkten: niemand wird Ultrà, weil man sich an Bengalos den Pullover berbrennen kann oder weil man ständig sein Leben riskiert.

Im Folgenden die veröffentlichbaren Einsendungen, roh, unkommentiert und in zufälliger Reihenfolge. Es ist mir vor dem Hintergrund des oben gesagten auch völlig gleichgültig, welche Definition die „richtige“ ist, wer jetzt „mehr Ultrà“ als irgendjemand anderes ist, wer sich äußern darf und wer nicht. Ultrà ist zunächst einmal die freie Entscheidung, sich einer bestimmten Art von Support im Fußballstadion anzuschließen, aktiv am Gruppenleben teilzunehmen und diesem zumindest einen Teil seiner Freizeit zu widmen. Domenico Mungo hatte in seinem Buch „Streunende Köter“ im Kapitel „Alkohol und Adrenalin“ einmal eine mir ziemlich einleuchtende Definition gebracht, die nun folgenden sind aber genau so gültig:

in einem kommentar gleich unter dem artikel steht „ultra ist familie“. ja die geborgenheit der gruppe, nicht mal die der szene, denn die kann in vielem nicht so übereinstimmen wie es innerhalb einer gruppe oft ist. aber selbst dort gibt es reibungspunkte und da fängt es an. was ist ultra? besser, was ist ultra für den einzelnen ultra. ehr progressiv oder ehr ne mischung aus mystischen italien erzählungen und dem casual burberry oder verlorene hiphopper die im ultra sein eine wirkliche crew mit wirklichem zusammenhalt und einem ziel finden. man kann es endlos weiterführen, woher wer kommt und warum. ultra ist abgesehen von meinen eigene ansichten zu herachien innerhalb vieler gruppen die quintessenz der reinen leidenschaft die man in unserer gesellschaft entwickeln kann. selbstdarstellung ausser acht gelassen. ultra ist selbstaufgabe, solidarität ultra sollte progressiv sein, sollte offen sein. die gesellschaft verändert sich, ultra sollte genau das gegenteil tun immer offen sein. ultra ist in der kurve laut und auch eingebildet, aber jeder der die leidenschaft und die liebe fühlt die über allem steht ist willkommen. auch hier könnte ich es endlos weiterführen:-)

ultra ist der versuch in einer verlogenen gesellschaft die wahrheit zu leben und zu lieben, offenheit, respekt und progress…

 

Die praktizierte Unvernunft, das ist Ultra. Wenn ich vor Freude darüber ausraste, dass ich mit Freunden ein anderes Stadion erobere… Wenn ich lauter bin als die Kurve des Gegners… Wenn ich einem Derby-Sieg die Gewalt des optischen und akkustischen Sieges zur Krone aufsetze… Wenn ich dem Gegner einen dicken Scheißhaufen in Form von ausgeflipptem Einsatz von Pyrotechnik in sein Wohnzimmer setze… Wenn ich nach dem Spiel den Ausgang des Gästeblock belagere… Wenn ich beim Triumph des Tores mit Torschützen und Mannschaft ekstatisch ausflippe und wir Eins werden…

Dann ist genau das Ultra! Aber Ultra ist genauso auch, wenn ich am nächsten Morgen mit einem gehörigen Kater in den Spiegel schaue und mich frage, ob es wirklich das ist, was ich will. Ob es wirklich nötig war auch diese Grenzen wieder zu übertreten. Und Ultra ist vor allem, wenn ich diese Fragen mit einem klaren JA beantworte. Ultra, das ist, wenn ich gehörige Scheiße baue und nicht davor zurückschrecke die Konsequenzen zu tragen!

 

Ultrà ist natürlich: Optischer,- koordinierter Support und Vereinsliebe.

Für mich bedeutet Ultrà aber noch mehr: Permanente Rebellion. Dies bedeutet wieder, dass man sich ständig von der Gesellschaft abgrenzt. Sei es durch die Vereinsliebe, durch Gewalt, durch Reviermarkierung, etc. Es bedeutet, dass man seine Ideale nicht aufgibt, egal wer gegen einen ist. Es bedeutet, dass man so ist, wie die Gesellschaft einen nicht haben will. Es bedeutet, dass man die Stereotypen und Klischees der gemeinen Bürger schonungslos zusammenbrechen läßt.

Estranei alla Massa ! Gegen den Strom, Anders als die Masse !

 

ultrá war/ist für mich: Samstag Vormittag nach bergamo zu fahren, dort deine freunde treffen, gemeinsam eine bar aufsuchen, viele bekannte gesichter treffen, über gott und die welt mit den lokalgästen aus dem dorf zu diskutieren, großes gemeinsames abendessen, zusammen eine disko rocken, die halbe nacht abfeiern, nach wenigen stunden schlaf zum treffpunkt, mit dutzenden gleichgesinnten einen bus entern, durch halb italien gondeln, um am abend die magische göttin in rom anzufeuern, seine stadt, seine farben, seine ideale repräsentieren, in einem vollen olympiastadion niedergepfiffen werden, stolz sich die seele aus dem leib schreien, noch mehr ausgefiffen werden, unglaublicher torjubel, mit allem möglichen beworfen werden, gegentor, niederlage, spiel aus, wie so oft, enttäuschung, stundenlang im stadion ausharren bis man raus darf, endlich abfahrt, polizeieskorte, steine fliegen, alle raus, kein gegner stellt sich, weiter auf die autobahn, die ganze nacht retour, schwer angeschlagen, nichts zu essen, katerstimmung, 5 uhr morgens in bergamo ankommen, weiterfahrt nach innsbruck, am Vormittag wieder zurück. 48 anstrengende stunden mit wenig schlaf, fast nichts zu essen, vielen schikanen, und einigem geld zur für 90 min. einer niederlage opfern!

beliebig austauschbar mit spielen in fast ganz italien, von turin über cagliari bis nach palermo, aber die magische dea war/ist es wert!

 

Ultra ist wahrscheinlich das, was man als fanatischer Anhänger für selbst definiert und danach ein Teil Modeerscheinung. Zeitgeist der aktiven Fanszene, selbst gestaltend und dynamisch. Nicht immer nur vorwärts gerichtet, da man auch irgendwann in der Realität ankommt. Speziell in Deutschland ist Ultra, oder muß ich Ultra‘ schreiben(?), genau durch die Reglementierung und Ordnung eines funktionierenden Staates mit einer selten funktionierenden vierten Gewalt, zwischen reflektierter als in Italien und kurz vor dem Scheitern. Wir werden nie wieder die Antriebskraft von Chaos, Gewalt, Leidenschaft und Freiräumen der 70er, 80er oder auch 90er Jahre erleben. Bei allem Widersprüchen zu dem Empfinden einer sehr gewaltorientierten Sichtweise wie von Mungo und ähnlichen Protagonisten existiert wahrscheinlich der ultimative Nenner von allen Ultras, nämlich Selbstbestimmung- DIY!

 

Ultra ist…

für manche viel und für andere unheimlich wenig. Irgendetwas zwischen Faszination und greift mir dennoch zu kurz. Manchmal bewegend und Diskurse anstoßend, sich dann aber herausziehend.

letztendlich…

Eine Erholung vom gesamtgesellschaftlichem Bullshit. Ein Ersatz und ein Ort zum Wohlfühlen, Wahlverwandschaft, eine Auszeit die über 90 Minuten hinausgeht und trotzdem nicht weit genug greift, weil sie letztendlich doch nichts ändert.

Und Ultra ist mehr als das, wie es in Presse oder von Ultras definiert wird…

das gesagte sagt nichts aus? womöglich, aber vielleicht liegt darin die stärke… das obwohl es einige Floskeln zu dem gibt was es ist, man es dennoch selbst füllen kann.. auch wenn das nicht immer auf Gegenliebe stößt.

 

Was ist Ultra?

Eine sehr spannende Frage, die jeder für sich beantworten muss.

Aktuell bedeutet Ultra für mich (speziell in Deutschland) schlaflose Nächte und schweifende negative Gedanken im Alltag.

– Was passiert nächste Saison ?

– Welche Repressionen kommen ?

– Welche Druckmittel erfinden Vereine und der Verband ?

– Wie werden die Szenen darauf reagieren?

etc. etc.

Ultra in Deutschland befindet sich aktuell immer mehr an einem Scheideweg, hervorgerufen durch nachvollziehbare, vielleicht unglücklich-durchgeführte Aktionen einzelner Gruppen.

Spaltungen innerhalb der deutschen Ultrakultur werden sich immer weiter vollführen, die Daumenschraube von Repressionen durch Politik, Medien, Polizei, Verbände und durch die Vereine werden immer mehr angezogen. Eine Politisierung der Ultras ist eigentlich unausweichlich, damit meine ich nicht recht-links und Parteienschemata, sondern eine freiheitlicher-autonomere Sichtweise von Ultras auf ihre eigene Fankultur. Leider wurde dies eindeutig in Ultradeutschland in den letzten Jahren verschlafen. Choreografien und Stimmung sind nur noch ein Beiwerk medial festgelegter „guten“ Ultras zum modernen Fussball.

Spätestens wenn Karten- bzw. Fanpolitik in Deutschland soweit ist wie aktuell in Italien oder Polen wird sich diese Szene von selbst verabschieden !

Eine Antwort die eigentlich noch mehr Fragen aufwirft…

http://www.youtube.com/watch?v=0faaD6F4fs8

 

Komplexe Frage und dennoch will ich mich mal an einer einfachen Definition, die für mich gilt versuchen:

Ultrá ist für mich die Liebe zum Verein, zur Stadt, zur Heimat und auch zur eigenen Gruppe und Szene zu leben. Jeden Tag aufzuwachen und an diese Dinge zu denken, jeden Tag einzuschlafen und an diese Dinge zu denken!

Es ist die bedingungslose Liebe zu seinem Verein, gleich wie gut oder schlecht es ihm geht, egal ob es nach Rostock oder nach München geht! Es zählt nur der eigene Verein, die Mannschaft und deren Unterstützung in den 90 Minuten auf dem Platz mit deinen Jungs um dich herum, aber eben auch das Gruppenleben im Alltag unter der Woche. Dabei spielt für mich das sportliche auch eine große Rolle! Die Gier nach neusten Infos (teilweise auch aus erster Hand von Insidern) rund um meinen Verein und alles was mit ihm dazugehört ist riesig. Man will alles wissen und alles mitbekommen!

Für seine Farben, seine Stadt und seine Gruppe alles geben, zusammenzuhalten und gemeinsam Dinge erreichen und erleben, das ist es, was für mich die Faszination „Ultrá“ ausmacht! Der Rest, sprich die ganzen Spielchen und der ganze Rotz, der kann mir getrost gestohlen bleiben…

 

Ultrà bedeutet einen Ausbruch aus einer unangenehmen Gesellschaft. Frei zu entscheiden, was ich machen möchte und die eigenen Vorstellungen von Gemeinschaft umzusetzen. Ohne Polizei und Ordner, ohne Geld als Dreh- und Angelpunkt. Den eigenen Körper erleben. Bei 40°C im Schatten oder Eisregen. Mit zehntausend singenden Fans im Rücken oder vier Freund_innen im Auto. Über das Leben sinnieren. Gemeinsam die Probleme des Lebens lösen und der kapitalistischen Verwertungslogik entfliehen. Die eigenen Bilder und Meinungen auf Doppelhaltern, Fahnen oder Choreos ausdrücken. Bei Anpfiff nicht wissen, was passieren wird, neunzig Minuten hüpfen und in der letzten Minute vor Freunde erst recht ausrasten. Ultrà bedeutet Freiheit, Selbstorganisation und Emotionen.

 

Für mich ist Ultrá rebellisch zu sein, wild, frei, offen, verrückt, laut, gegen den Strom zu schwimmen und vorallem kritisch zu sein.

Außerdem bedeutet für mich Ultrá alles für seinen Verein zu geben. Aber auch, dass man sich auf neues einlässt. Es gibt nunmal nicht den Perfekten Ultra und so sollte man auch andere arten Akzeptieren.

 

Ultra ist…immer für seinen Verein da zu sein, in guten wie in schlechten Zeiten.

 

der Ideal Zustand nach meiner Einschätzung: Freiheitliches Denken, Antifaschismus, kritisches Denken gegen Konsum, Staat und Nation, Politik, Drogen, Gewalt

Der Real Zustand nach meiner Einschätzung (bezogen auf Deutschland): ein Sammelbecken für Mittelstands Kids die am Wochenende, ohne großes eigenes zu tun, etwas erleben und dadurch etwas darstellen möchten (Stichwort: ich bin so krass und aufgeklärt), ultras.ws, lächerliche „Ultrà Zurück auf die Ränge “ Attidüte, ein Zeitvertreib, 20 Seiten starke Ultràszines die sich nicht unterscheiden, uneffektive Kampagnen (Pyrotechnik legalisieren), Bürokratie in den Köpfen, Gruppen die ihre Stadt darstellen möchten, aber keinen Ausländer (Migranten) dabei haben, schlechte Tags, Bilder und Graffs, hohles gerede von Subkultur und dem Kontakt zu anderen subkulturen, „Fussball bleibt Fussball und Politik bleibt Politik!“

 

Ich möchte mich natürlich noch einmal bei allen Einsendern bedanken, der Gewinner des Buchs ist benachrichtigt und die streunenden Köter sind unterwegs ins schöne Österreich. Wer noch eine eigene Meinung hat oder Anmerkungen zum oben gesagten: immer in die Kommentare damit.