E noi ve lo diciamo

Ultrà-Doku: „E noi ve lo diciamo“

Ultrà-Doku: „E noi ve lo diciamo“: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
5,00 von 5 Punkten, basierend auf 7 abgegebenen Stimmen.
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Kurzversion: Wenn mein Sohn mal für eine Dreiviertelstunde das iPhone weglegt, um dem Fernseher zu folgen, muss das ein außergewöhnlicher Film sein. Punkt. Langversion: Vor ein paar Monaten hatte ich mal die Frage „Was ist Ultrà?“ gestellt und einige sehr schöne Antworten darauf erhalten. Es gab damals keine Vorgaben, ich war einfach mal neugierig darauf, wie Ultràs das für sich erklären und Definitionen gibt es vermutlich so viele wie Teilnehmer. Gianluca Marcon hat aus dem Konzept einen Dokumentarfilm gemacht, indem er von 2007 bis 2009 mit Dutzenden Capos der verschiedensten italienischen Kurven gesprochen und das Ganze mit aktuellen Aufnahmen und historischem Filmmaterial gegengeschnitten hat. Der Titel ist dabei Programm: „e noi ve lo diciamo“ ist Teil eines Stadionchors und bedeutet „und wir sagen es euch“. Dabei tauchen weder der Fragende noch die Fragen auf, was deutlich unterstreicht, dass hier jemand zuhört. Während sich Medienberichte ja in aller Regel darin erschöpfen, über Ultràs zu sprechen, reden hier 40-, 50- und 60-jährige Haudegen über sich und ihr Leben. Hierzu ist die Doku grob in „Kapitel“ wie „Politik“, „Auseinandersetzungen“, „Auswärtsfahrten“ oder „Tifo“ unterteilt und die Befragten kommen kurz zu Wort. Illustriert wird der eher schnell und kurzweilig geschnittene Film von passenden Aufnahmen aus den Kurven, Bahnhöfen, beim Ausflippen in Reisebussen oder diversen anderen Stadionaktivitäten. Marcon hat es geschafft, die führenden Köpfe der folgenden Gruppen zur Mitarbeit zu bewegen: Ultras Grigi Alessandria, Curva Nord Atalanta, Ultras Avellino, Ultras Bari, Forever Ultras Bologna, Vecchia Guardia Bologna, Ultras Cremona, CAV Fiorentina, Parterre Fiorentina, Pessimi Elementi Matera, Fossa dei Leoni Milan, Ultras Tito Cucchiaroni Sampdoria, Freak Brother Ternana, Ultras Granata Torino, Ultras Udinese, Vigilantes Vicenza. Entstanden ist eine Dreiviertelstunde, deren einziger ärgerlicher Punkt ist, dass das Ganze mehrere Stunden zu kurz geraten ist. Zumindest ich hätte den Erzählungen alter Männer mit Jahrzehnten Stadionerfahrung gern noch viel länger beigewohnt. Unterschiedlichste Charaktere mit unterschiedlichsten Ansichten aus ganz verschiedenen Spielklassen und italienischen Regionen. Die aber alle dieses Leuchten in den Augen haben, wenn sie ihre Anekdoten von Auswärtsfahrten erzählen, von ihren Erfahrungen mit Gewalt oder der Staatsmacht (oder beidem), vom Malen der ersten Banner, von stinkenden, vergitterten Bussen und von all der Passion, die sie am Spieltag jeden morgen aus dem Bett treibt. Auch kritisches wird nicht ausgespart, etwa wenn es um das Thema „Geld“ in Kurven geht oder den Einsatz von Klingen. Prinzipiell geht es aber um die Lust an der Sache, um Freundschaften, derbe Witze, Bier, Joints, Müdigkeit, aus Zügen geklaute Bengalos und heisere Kehlen.
Wer sind die Ultras? Soziale Bewegung? jugendliche Subkultur? Rowdys? Gewalttäter? „E noi ve lo diciamo“ erzählt die Ultrà-Bewegung aus ihrem Inneren; ein Blick auf die Realität über Stimmen, Erfahrungen und Erzählungen italienischer Ultràs
Denn natürlich haben alle deutlich mehr Dinge gemein, als sie zugeben würden; allen Befragten steht die Begeisterung und die Freude ins Gesicht geschrieben. Ich könnte mir fast vorstellen, dass dieser Film auch einen gewissen Effekt auf den mediengeschädigten Nicht-Ultrà hat; im Gegensatz zu den üblichen bengaloerleuchteten Krawallbildern, bekommen die vermummten Horden nämlich endlich auch ein Gesicht. Und Charme, Intelligenz, einen Sinn für Humor – und die Möglichkeit, von sich selbst zu erzählen. Und plötzlich machen viele Dinge, die von außen betrachtet unverständlich und absurd erscheinen zumindest einen Sinn. Vor allem, wenn man auf den Abspann achtet: Großartig, die „Take Outs“, in denen allen Beteiligten unverwendbares Material gewidmet wird und die vielleicht das Überzeugendste am Film sind – in jedem Fall das Lustigste. Wenn die eben noch von „Mentalità“ und politischen Unterwanderungsversuchen, vom Saufen oder Prügeln erzählenden Familienväter mal gerade nicht im „Interviewmodus“ sind, sondern mit anderen Verkehrsteilnehmern hadern, ihren Hund kraulen, sich endlich einen Joint drehen wollen oder das Kamerateam in die Kneipe einladen. Und lachen. Das aus diesen Schnipseln hervorgehende Vertrauen in das Drehteam und den Macher ist vermutlich die Erkläung für die Qualität der Doku. Denn spätestens dann sollte klar sein, dass hier Menschen interviewt werden, so verschieden und so gleich wie alle anderen Menschen auch. Menschen mit einer überbordenden Leidenschaft für Fußball, die stundenlang interessante und lustige Geschichten erzählen können. In denen 44 Minuten lang nicht einmal irgendwelche Schwanzvergleiche aufgestellt werden, wer wem wann welche Banner oder Schals erbeutet hat oder die tollsten Choreografien macht. Unprätentiös, ohne irgendein Sendungsbewusstsein, ohne den Anspruch, irgendjemandem irgendetwas erklären zu wollen. Nein, lauter ganz normale Männer, die Freude daran haben, ihrem Fußballteam zu folgen und es anzufeuern. Die Spaß an der Sache haben und sich nichts anderes wünschen, als einfach immer weiterzumachen. Sensationell ist dabei nur der Film selbst: Ein sehr unterhaltsames Zeitdokument ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Oder um Fananwalt Giovanni Adami zu zitieren: „Wir sind verrückt…wir sind verrückt.“ Die Doku ist jetzt auch auf Youtube: