Stahl Thale 1982

Weißt du noch, damals?

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Hey, Fußball, bist du noch wach? Hab grade an dich denken müssen und…naja, ich schreib dir einfach mal. Weißt du noch, damals vor 30 Jahren? Eigentlich war schon auf den ersten Blick war klar, dass es was ernsteres werden sollte. Ich erinnere mich noch an jedes Detail unseres ersten Mals. Dein Duft nach Bier und Filterlosen, nach Schweiß und Staub. Es war ein unsäglich heißer Juninachmittag, als ich dir das erstemal in die Augen schaute und du einfach so zurückgelächelt hast. Ich wollte nie wieder irgendwoanders sein. Seitdem haben wir unendliche Stunden miteinander verbracht, in Reichsbahn-Zügen, Ikarus-Bussen oder auf stinkenden Motorrädern aus Zschopau, zu viert auf einem rostigen Geländer oder die blauen Sitze des zweiten Oberrings im San Siro-Stadion herunterrollend. Betrogen habe ich dich nie, das ist nicht der Grund und das weisst du ja auch. Ich schaue auch heute noch, was du so machst, selbst wenn es weh tut.

Was du so machst? Du hast dich verändert und ich bin geblieben. Ich konnte einfach nicht mit dir Schritt halten. Ein Transfermarkt, der mittlerweile offensichtlich ganze Mannschaften umfasst. Aguero, das ewige Talent, wechselt zu Manchester City für 42,5 Millionen. Der smarte Leonardo schickt satte 43 Millionen nach Palermo, um sich dort einen Spieler namens Pastore zu sichern. Der Herrscher des gesamten bekannten Fußball-Universums, Barça, verguckt sich in einen gewissen Alexis Sanchez und ist der Meinung, der Mann würde für moderate 37,5 Millionen das Team weiter verstärken. Real Madrid möchte dem nicht nachstehen und schnappt sich am Wühltisch den Außenverteidiger Coentrao für 30 Millionen. Suarez von Ajax zu Liverpool für 26,5 Millionen. Und demnächst bestimmt auch Neymar von Santos, für den Real Madrid ernsthaft 45 Millionen auf den Tisch legen möchte. Financial FairPlay, Leihen mit Kaufoption, Schuldverschreibungen, Leasings, Multifunktions-Arenen, Public Viewing, Event Sponsoring. Mannomann, da dreht sich einem ja der Kopp.

Bei PSG und City haben die Scheichs das Sagen, Málaga idem. Bei Roma und ManU versuchen sich Amerikaner. Chelski ist schon ein alter Hut. Real Madrid gehört dem spanischen Steuerzahler und bei Milan diskutiert man den Einstieg frischen Kapitals aus sonstwo. In Deutschland, wo die 50+1-Regel wenigstens das Gesicht wahrt, gesellte sich vor ein paar Jahren auch ein Dorf namens Hoffenheim zu den bekannten Betriebssportgemeinschaften aus Leverkusen und Wolfsburg. Xamax gehört soweit man weiß einem Tschetschenen und auch 1860 gibt es noch. Salzburg gehört schon seit längerem einem Hersteller von aufgelösten Gummibärchen in Dosen und hat mal eben Vereinsfarben, Namen und auch sonst alles umgepflügt. Erstaunliche Vertragsangebote aus dem Fußball-Entwicklungsland USA oder nur Insidern bekannten Kaukasus-Republiken sind nur noch Randnotizen wert. Blatter verschachert vergibt Fußball-Weltmeisterschaften in die Wüste und Zwanziger liebt ihn auch dafür.

Und ich, ich freue mich auf eine Saison, in der ein gewisser Ibrahimovic (Ex-Ajax, Ex-Juve, Ex-Inter, Ex-Barca), Zambrotta (Ex-Juve, Ex-Real) und Robinho (Ex-Real, Ex-City) hoffentlich den Ton angeben werden. Völlig normal. Genauso normal, wie Neuer der zu Bayern wechselt und Seedorf, der viermal die Champion’s League mit drei verschiedenen Vereinen stemmt. Oder der Holländer van Nistelrooy, der nach ManU, Real und HSV jetzt für Màlaga kickt. Heilsbringer und Jesus’ Stellvertreter auf Erden Josè Mourinho beginnt 5 Minuten nach dem Gewinn der Champion’s League mit Inter die Vertragsverhandlungen mit den Königlichen aus Madrid.

Du hast ja recht, wenn du sagst, dass du nicht ewig in zerrissenen Jeans und weißen T-Shirts herumlaufen willst. Dass du jetzt richtig Geld verdienst und Karriere machst. Dass es damals schon irgendwie cool war, aber jetzt bist du ein Star und Leute auf der ganzen Welt beten dich an, nicht nur die paar verpeilten Möchtegern-Alkoholiker, die eh nicht wissen, wohin mit ihrem Leben. Du hast jetzt Spieler, die eben noch unter der Kurve das eine Wappen ablecken und dies nächste Saison mit dem Trikot des Derbygegners tun. Einstmalige Publikumslieblinge, die nur ein paar Monate später Tore des Hassgegners bejubeln. Stadien, die alle zwei Jahre den Namen wechseln. Anstoßzeiten, die bestimmt auch bald mal Montags 9.35 Uhr lauten, weil das “den asiatischen Markt erschließt”. Ein italienisches Supercup-Finale, das in Peking ausgetragen wird. Sky überträgt das Topspiel demnächst in 3D und eigentlich läuft ständig irgendwo Fußball. Oder was man so dafür hält. Italien streitet sich immer noch um die Vergabe des 2006 von überhaupt niemandem regulär gewonnenen Titels, ist derweil aber schon in den nächsten Wettskandal verstrickt.

Nein, meine Liebe, ich konnte dir nicht folgen. Damals, als wir beide aus demselben Viertel kamen und unser größter Erfolg der Gewinn des FDGB-Pokals 1950 war, war alles einfach, wir brauchten nur die 90 Pfennige und wenn nicht, dann kletterten wir einfach über den Zaun. Zuerst mit Papi auf der Tribüne, wo ich wie jeder kleine Junge kaum dem Spielgeschehen folgte sondern dem Trara auf der Gegengerade, wo “Halbstarke” und “Rowdies” böse Sachen sangen und mit Klopapier, Kassenrollen oder selbstgeschnitztem Konfetti um sich warfen. Zwischen mir und dir lag maximal eine rötliche Laufbahn und aus den kiesbeschippten Stufen wuchs all das Zeugs, das man im eigenen Garten nicht haben möchte. Die kostbaren Bälle landeten – besonders gegen Spielende – gern mal in der hinter der Tribüne gelegenen Bode und mussten von dort mit Stangen herausgefischt werden. Aber wenigstens war unser Platz halbwegs eben und man musste nicht eine Halbzeit lang bergauf spielen wie in Wernigerode. Weisst schon, Liebe macht blind. Damals sang U2 “Sunday Bloody Sunday” und Bono hat noch nicht im Glitzeranzug die Welt gerettet.

Ich erinnere mich an den damals noch aufregenden und irgendwie melancholischen Geruch nach widerlichen Ost-Zigaretten, die aber irgendwie “erwachsen” bedeuteten. Langhaarige Kerle in Jeanswesten, denen eine braune Bierflasche in der Hand festgewachsen war. Busfahrten, die stundenlang dauerten, weil alle 50 Meter jemand pissen musste. Bescheuerte Auswärtsfahrten mit der MZ durch’s winterliche Sachsen Anhalt, nur um festzustellen, dass in Leuna niemand wusste, dass die überhaupt ein Stadion und eine Mannschaft haben. Die ewig gleichen Bockwürstchen im ewig gleichen Brötchen für 80 Pfennige, die man bar zahlen musste, nicht mit einer aufladbaren Plastikkarte Ein paar Spielzeiten in der NOFV-Liga Nordost, die mich lehrten, dass es in Berlin Fußballplätze gibt, wo du sie am wenigsten erwartest. Die Eintrittskarten kamen von der Rolle und man kaufte die einfach so an der Stadionkasse. Wenn ich dich sehen wollte, kontrollierte mir niemand die Hosentaschen und wenn wir uns hauen mussten, schauten die paar Ordnungshüter aus Versehen in eine andere Richtung. Wir mussten das ja auch nicht im Internet dokumentieren, wir haben einfach immer gewonnen und basta.

Stars hatten wir keine, aber wir hatten unsere Stars. Olaf Adamczak heiratete die Schwester meines Kumpels. Einem gewissen Dariusz Wosz konnte ich an der Werkbank neben mir erzählen, was ich von seinem Auftritt am Sonntag hielt. Meine Helden hießen Häußler, Wiermann oder Uli Schulze. Die trugen damals noch keinen Namen auf dem Trikot, die erkannte man auch so, weil sie solange für für uns kickten, bis das Kreuzband endgültig schnappte oder das Halbzeit-Bier die Leistung versaute. Nach dem Spiel warteten wir solange unter dem Sprecherturm, bis jemand alle Ergebnisse zusammentelefoniert hatte und sie per Lautsprecher durchgab. Ansonsten gab es Bezirksliga-Ergebnisse nur Sonntagmorgens um 8 auf irgendeiner knarzigen Radiostation, deren Name mir entfallen ist. Dafür wussten wir aber auch, auf welchem Tabellenplatz wir die gesamte nächste Woche stehen würden. Und nicht nur bis zum Abendspiel.

Ich habe jetzt auch ein Kind, du wirst das nicht wissen. Du bist ja jetzt berühmt. Er ist elfeinhalb und kann alle deine Transfers der letzten 5 Jahre aufzählen und hat sein Team schon in drei Champion’s League-Finals gesehen. Aber ein 5:0 gewonnenes Derby gegen Motor Quedlinburg, bei dem 90 Minuten lang “Arbeiter du Arschloch” über den Sportplatz der Betriebssportgemeinschaft donnerte, weil der Herr Arbeiter es irgendwann mal gewagt hatte, zum 10 Kilometer entfernten Stadtrivalen zu wechseln, sowas kennt er nicht. Und dafür tut er mir unendlich leid. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir gemeinsam die Straße runtergegangen sind, den selbstgestrickten grün-weißen Balkenschal um den Hals und in der Hosentasche ein paar Groschen. Über die Bahnschienen, an der “Forelle” nach rechts und dann am Fluß lang bis die Flutlichtmasten auftauchten. Danke für die schöne Zeit und viel Glück. Ich wollte dir nur schreiben, dass ich immer noch ab und zu mal an dich denke. Und komm, beim vierten Tor der Dresdner gegen Leverkusen, da hast du doch auch an mich gedacht.