Fast so wie Fußball

Die Playstation hat uns versaut!

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Heute früh habe ich einen kleinen Text gefunden, den ich euch nicht vorenthalten will. Einer von diesen Sachen, die man liest und dabei denkt „Schade, dass ich den nicht selbst geschrieben habe“, weil er die eigenen Gedanken so schön auf den Punkt bringt. Außerdem habe ich ja mit „Weißt du noch, damals?“ und „Wenn Du ein Kind der 70er bist“ das Thema schonmal beackert. Nun also G.C. von der formidablen Seite der Fiorentina-Fans „Dodicesimouomo.net„:

Die Playstation hat uns versaut!

Klingt wie ein Spruch von Sordi, wenn er einen auf Amerikaner macht, aber ich glaube das wirklich. Die Videospiele, die Playstation als ihr Symbol, sind eines der größten Verhängnisse, die den modernen Fußball je heimgesucht haben.

Ich erklär das mal: Meine Generation ist mit dem gespielten Fußball aufgewachsen, also nicht in dem Sinn, dass das Spiel nach wochenlangem Geschwätz erst kam, wie man das heute versteht, sondern ich meine, dass wir Fußball spielend (und grundlegend war die Dimension des Spiels) aufgewachsen sind. Wir haben überall gekickt: zuhause, in der Schule, auf der Straße, zwischen Autos, auf staubigen Hartplätzen, im Schlamm oder auf Parkplätzen, mit rundlichen Objekten jeder Farbe, jedes Gewichts und jeder Größe. Von Tennisbällen bis zu den Badebällen von Nivea, so groß wie Chaplins Globus.

Und wir haben gelernt, dass der Ball nicht immer dahin geht, wo man ihn gerne hätte. Dass es mindestens genauso einfach ist, einen Pass an den Mann zu bringen, wie ihn zu verhauen. Dass wenn man aufs Tor schießt (das Tor war oft durch zwei Steine, zwei Jacken oder zwei Rucksäcke begrenzt und präzise so hoch, wie der Torwart bei über dem Kopf nach oben ausgestrecktem Arm reichen würde) man vergeben konnte, zu schwach oder zu langsam schießt, den Torwart trifft oder am Ball vorbeitritt. Wir haben gelernt, dass Tritte weh tun, man die aber austeilt und einsteckt. Dass die Guten gut waren und die Schlechten schlecht, aber man ohne die einen wie die anderen keine Mannschaft aufstellen konnte. Dass die eigene Mannschaft immer die beste war. Dass die aus Florenz für die Fiorentina waren und dass wenn dein Papi aus Süditalien kam es also normal war, dass du Napoli, Avellino oder Catanzaro die Daumen gedrückt hast. Und wenn du dich unglücklicherweise dafür entschieden hast, einem der Teams aus dem Norden die Daumen zu drücken, dann bekamst du solange Dresche, bis du dich umentschieden hattest.

Wir sind im Glauben aufgewachsen, dass der Transfermarkt eine bescheuerte Angelegenheit wäre, weil Antognoni sowieso nie zur Juve wechseln würde, dass die in den violetten Hemden zu elft auflaufen genau wie die anderen und dass man also erstmal auf Augenhöhe anfing. Dass wenn die Roma oder Napoli nach Florenz kamen, die Mütter sich Sorgen machten und dich vielleicht an dem Tag nicht ins Stadion gehen ließen.

Dann kam die Playstation: mit einem Tastendruck wechseln Spieler von Manchester United nach Messina, die Formationen werden anhand numerischer Koeffizienten bewertet, die Spieler versemmeln nie eine Ballannahme, einen Pass, einen Torschuss, die Torhüter sind exzellent, die Stürmer dribbeln wie Tomba seinerzeit die Stangen umkurvte und jeder Spieler scheint Maradona.

Und der Schweiß? Und die Zankerei? Und die gegenseitige Verarsche? Und die Freunde, die ausgedachte Fantasiemannschaft, die kaputten Schuhe, die aufgeschlagenen Knie? Und die Strapazen? Nichts gibt es mehr von alledem! Die Anstrengung ist verschwunden, es gibt die freudige Spannung nicht mehr, den Geschmack des Fehlers, bis man daraus gelernt hatte, es gibt nicht mehr das bittere Aroma der Niederlagen, das die Siege im Vergleich so süß machte! Wenn du verlierst, brauchst du einfach nicht abzuspeichern!

Und es gibt keine Zugehörigkeit mehr: heute sind die Kinder für Real oder Barcellona auch wenn sie in Novoli oder Girone aufgewachsen sind. Die Trikots von Rooney sind beliebter als die von Natali, deine Mannschaft ist nur eine Mode wert, wenn sie eine beneidenswerte Trophäensammlung aufzuweisen hat. Man supportet die Gewinner, nicht die Mannschaft, die dich repräsentiert.

Kurz gesagt hat sich das kulturelle Modell der heutigen Gesellschaft, das nur für die und von denen gemacht wurde, die siegen, auf den Fußball ausgebreitet und das auch wegen teuflischer Objekte wie Videospiele.

Euch hat die Playstation ruiniert: wir glauben immer noch an den Fußball, versuchen wir durchzuhalten.

G.C.

Und, liebe Kulturoptimisten: Nein, Videospiele sind kein Teufelszeug und ja, natürlich ist das Gejammer, weil war früher ja eh alles besser war. Trotzdem ist es ein hübscher kleiner Text, der mich eine Menge an meine eigene Jugend erinnert: an „drei Ecken ein Elfer“, an Dicke, die immer ins Tor mußten, an die, die immer eine Finte besser waren als man selbst, an „wer ins Aus schießt, muss ins Tor“, an Backpfeifen, weil die neue Hose aufgerissen war, an Gebolze nachts um 11 wo man den Ball nicht mehr sah, an Jungs, die jede Mathearbeit versemmelten, aber auf dem Platz die ungekrönten Helden – an Fußball eben, nicht dessen Simulation. Heute kann man sich auf der PS3 Hellas Verona zum DreamTeam für die Champion’s League pimpen und die 10-jährigen bekommen ausgefeilte Taktikschulungen, tragen Adidas adiPower Predator TRX FG Control auf dem akkurat gepflegten Rasenplatz und imitieren den Torjubel ihrer Stars aus der Premier League. Aber wir „waren“ Maradona und das kann uns keiner nehmen. Und natürlich schlägt mein Herz für Spieler wie Gattuso oder Jürgen Kohler, die aus ihrem eher limitierten Talent trotzdem eine Karriere machten, weil sie ihre Schwächen mit voller Hingabe über jede der 90 Minuten wettmachen und mich an damals erinnern, als unsere Kindheitsträume befeuerte, dass wir das auch könnten. Die Ibrahimovics und Christiano Ronaldos lasse ich meinem Sohn.