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Die Hände der Ultràs im Geschäft mit dem Fußball

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Paolo Berizzi, einer der besten Journalisten, die Italien zu bieten hat, schrieb dieser Tage einen Artikel zum Thema Ultràs: „Die Hände der Ultràs im Geschäft mit dem Fußball„. Der Text ist harter Tobak und wird für Diskussionsstoff sorgen und ich ahne, dass sich die Begeisterung auf Seiten der Ultràs in Grenzen halten wird. Auch, weil das Verhältnis zum Journalismus ja sowieso nicht eben idyllisch ist. Daher möchte ich für meine deutschen Leser voranstellen, dass Berizzi für die Repubblica schreibt, die einzige der großen Tageszeitungen Italiens, die sich in konstruktiver, sachlicher und hervorragend recherchierter Weise mit der Welt der Ultràs auseinandersetzt. Vor allem leidlich objektiv. Es war die Repubblica, die den Fall Gabriele Sandri ausführlich begleitet hat und praktisch als einzige die Ungereimtheiten um den Tod Filippo Racitis in Catania immer wieder ins Blatt brachte. Und nicht zuletzt gehört Carlo Bonini zum Team, einem der besten Kenner der „Szene“ überhaupt, Autor u.a. von „ACAB„, einer gnadenlosen Abrechnung mit dem sonntäglichen Guerilla-Krieg. Diese Anmerkungen sind nötig, um den folgenden Text nicht a priori als das übliche Gewäsch eines ahnungslosen und böswilligen Schreiberlings abzutun. Die Jungs von der Repubblica kennen ihre Pappenheimer. Also hören wir ihn erst einmal an, auch wenn es unangenehm wird.

ROM – Stecken wirklich nur innerstädtische Rivalität und eine alte Fanfreundschaft hinter den Projektilen, die an Lotito geschickt wurden und der Niederlage, welche die Lazio-Ultràs ihren Spielern im Spiel gegen Inter „empfohlen“ hatten? Reichte die tribalistische Anti-Roma-Logik bereits aus, um die Erpressung durch die Banden aus der Nordkurve zu befeuern oder steht, vor allem, in den Kurven weit mehr und schlimmeres dahinter als das, was wir erst jetzt langsam sichtbar wird? „Wenn das nur alles wäre“ – erklärt ein verdeckter Ermittler des Innenministeriums, der heute Abend wieder vor einem massiv befestigten Olympiastadion, das sich erneut in eine Bühne für Auseinandersetzungen verwandeln wird, im Einsatz sein wird: „Wenn es nur so einfach wäre, das was vor und während des Spiels Lazio-Inter abgelaufen ist, einfach als einfache Unsportlichkeit einordnen zu können. Das Problem besteht darin, dass die Ultrás – und dieser Umstand gilt für alle größeren Fanlager, insbesondere die der großen Städte – damit beginnen, ihre Methoden zu verschärfen und ehrgeiziger werden. Viele Kurven sind bereits der organisierten Kriminalität in die Hände gefallen. Die genau wissen, mit welchen Methoden sie ihre Kontrolle ausüben und wie sie diese auf die Vereine ausweiten. Das machen sie, offensichtlich, nicht umsonst. Sie tun das aus wirtschaftlichen Motiven. Denn während es früher die Figur des Kurven-Chefs gab, der eine Kleinigkeit beiseite legen konnte, indem er beim Ticketverkauf etwas abschöpfte, gibt es heute wirkliche und wahrhaftige kriminelle Organisationen, deren Interesse darin besteht, ihre Hände an die ganz großen Einnahmen zu bekommen. Und diese entfesseln sich nun nicht mehr nur gegen die Ordnungshüter, sondern auch gegen die Vereine. Die Nachricht, die es zu verbreiten gilt ist: Wir haben das Sagen und wir sind jetzt Kriminelle. Punkt.“

Aufhänger seines Artikels sind die Vorgänge beim Spiel Lazio gegen Inter, als die Laziali ihre Fanfreundschaft mit den Interisti zum Anlass nahmen, ihre Mannschaft zur Niederlage zu pfeifen und zu brüllen, um dem Stadtrivalen AS Roma die Meisterschaft zu versauen. Die ihren Torwart Muslera schwer beleidigten, weil der sich erdreistete, auf den „Pakt“ zu pfeifen und das tat, wofür er da ist – hervorragend zu halten. Die Verbindungen mit der organisierten Kriminalität sind aber sein eigentliches Thema. Ich selbst hatte mich mit dem Thema ja bereits auseinandergesetzt, als es um die Aktivitäten der einstmals glorreichen Mailänder Sükurve ging. Sicherlich ist Berizzi polemisch. Aber manchmal hilft es, die Lautstärke hochzudrehen, wenn man gehört werden will. Vor allem, wenn niemand sich mit dem Thema beschäftigen mag. Es ist ja auch viel einfacher, den Kopf in den Sand zu stecken und die alten Ideale aus den 70ern an die Mauern zu sprühen.

Wer in den Kurven ein und ausgeht und deren Entwicklungen und Dynamiken studiert, kennt den Qualitätssprung genau, mit dem wir es zu tun haben: er kennt den Virus, der die Legionen von Sonntagskombattanten infiziert und sie in kleine Bezirke verwandelt hat, „in denen alles möglich ist und alles passieren kann“, um es wiederum mit den Worten des Ermittlers auszudrücken. Die Situation dauert bereits seit mindestens zwei Spielzeiten an. Und vielleicht nur zufällig fällt dieser Zeitraum zusammen mit der vom Innenministerium verhängten verschärften Gangart, diesem „Druck“, der den heißblütigsten der Fans das Leben so schwer macht. Die Auswärtsfahrtverbote. Die personengebundenen Eintrittskarten. Dann die Fankarte, ein rotes Tuch in den Augen der Ultràs, die dann auch folgerichtig auf Konfrontationskurs gegangen sind (siehe die letzten Zusammenstöße der Doriani mit den Ordnungskräften vor dem Derby am 11. April).

Nun, das Problem sind nicht dir Orte, an denen „alles möglich ist und alles passieren kann“. Das waren Kurven schon immer, Plätze der Freiheit. In den 60ern und 70ern oftmals die einzigen Orte der Freiheit gegen die – damals noch politische – Repression. Plätze, in denen junge Menschen sich spontan zusammenfinden und sich ausdrücken konnten. Die Kurven waren Ausdruck von selbstgewählten Gemeinschaften, auf die die Staatsmacht keinen Zugriff hatte, ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur für Generationen von Italienern. Die Frage ist eben, was man aus dieser Freiheit macht. Italienische Ultrà-Kurven sind historisch streng hierarchisch organisiert, der Capo gibt den Ton an und die Masse folgt. Diese präzise Befehlskette ist auch sinnvoll, wenn man sich jeden Sonntag mit aufgeheizten Sondereinsatzkommandos oder messerbewehrten gegnerischen Ultrà-Gruppen messen will. Sie birgt allerdings – wie jede Diktatur – auch eine Gefahr: man ist abhängig von den Intentionen des Kurvenchefs. Zumal im Italien der letzten 3 Jahre, in denen sich die italienische Ultrà-Bewegung praktisch allein, ohne Allianzen oder Lobby, mit den Daumenschrauben einer immer überdrehteren Repression auseinandersetzen muss. Wir gegen alle. Man rückt zusammen. Und man stellt dieses „Zusammen“ nicht infrage, schließlich herrscht Krieg.

Dieser Wechsel der Gangart hat einen Ursprung und ein Datum. Den 2. Februar 2007. Den Tod des Polizisten Filippo Raciti in Catania. Ab diesem Zeitpunkt war nichts mehr wie es vorher war. Auch die Gewalt hat sich gewandelt. Sie ist nicht verschwunden, sie hat sich nur neu organisiert. „Es handelt sich um eine anonyme Gewalt, ohne Regeln, und deshalb auch gefährlicher, weil sie in jedem Moment ausbrechen kann“ – analysiert Carlo Balestri, Gelehrter und Kopf des „Progetto Ultrà“, dem Laboratorium, das vor 15 Jahren vom UISP („Unione Italiana Sport per Tutti“) Emilia Romagna gegründet wurde. „Wir sind entweder an der Endstation oder im „Jahr Null“ angekommen. Es bleibt ein trostloses Szenario, in dem die positiven Aspekte, die es gab – das Zusammensein, der Enthusiasmus, der Support, die Choreografien – gestorben sind und damit Platz gemacht haben für das, was wir heute sehen: Auseinandersetzungen zwischen Gangs, wobei manchmal alles von dem entschieden wird, der starke Interessen hat und deshalb die Kurven unterwandert hat. Genau wie es in den großen Städten passiert.“

Gut, das „Progetto Ultrà“ wird nicht von allen Kurven wohlwollend betrachtet und sonderlich erfolgreich ist es auch nicht. Schon das Gründungsmanifest der „BISL“ („basta infame solo lame“, „keine Verräter, nur Klingen“) stellte sich explizit gegen das Projekt und verwies auf die „wahren Werte“, die eben auch die Auseinandersetzung mit Messern beinhalten würden. Inter-Ultràs hielten den Atalanta-Ultràs seinerzeit ein Banner entgegen, dass die einzige Regel im Kampf eben wäre, dass es „keine Regeln gibt“. Aber immerhin ist das „Progetto“ wenigstens irgendein Versuch, sich konstruktiv zu verhalten und Ultrà als Bewegung am Leben zu erhalten. Aber Berizzi ist eben nicht der einzige kluge Kopf, der anmerkt, dass im Ergebnis die Repression zu einer gefährlichen Situation geführt hat. Dutzende historischer Gruppen sind verschwunden, die einzelnen Kurven sind zersplittert, viele Ultràs reisen auf eigene Faust als Cani sciolti durch die Lande. Durch das Verbot von Bannern, Megafonen und Fahnen hat sich der Zusammenhalt der Kurven weiter verringert. So sind sie noch unbeherrschbarer geworden. Während die Staatsmacht es früher mit den Brigate Rossonere oder der Fossa dei Leoni zu tun hatte, steht sie nun vor einer gesichtslosen Wand von Kapuzenträgern. Die internen Dynamiken sind oftmals nicht einmal mehr von den Beteiligten selbst zu durchschauen. Geschweige den von außen.

Das ist die harte Linie, welche die neuen Mafiaclans des Tifo ausgerufen haben. Diejenigen, die weiter blicken und die, dem Mafia-Modell folgend, auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, wenn es darum geht, die Kassen zu füllen. Und praktisch immer suchen sie die direkte Konfrontation. Rom und Mailand. Und Turin. Das sind die Werkstätten der Ultràs GmbH, die Firma, die ihre Fangarme nach allem ausstreckt, was es in- und außerhalb der Stadien zu fressen gibt: Ordnungskräfte (Stewards), Parkplätze, Merchandising, Eintrittskarten, Schwarzmarkthändler. Selbst die mobilen Imbissbuden, oder „paninari“, wie sie in Rom genannt werden, wo die fliegenden Händler den lokalen Mafiachefs der Kurven etwas „hinblättern“ müssen, wenn sie ohne Scherereien arbeiten wollen. „Es ist hässlich, das zugeben zu müssen, aber hier haben sie alles in der Hand“, fügt eine weitere Quelle aus den Reihen der Polizei hinzu, der sich mittlerweile als „Teil der Einrichtung des Olympiastadions“ versteht, „Viele bekannte Gesichter aus den Kurven siehst du an den Einlässen, wie sie den Zugang organisieren. Auch in der Tribüne Tevere, wo früher ganz normale Leute saßen, findet man heute, während der Derbys, Ultràs, weil die wissen, dass sie dort Welle machen können. Ich frage mich: Wissen die Vereine das eigentlich?“

Auf jeden Fall haben diese eines mittlerweile gemerkt. Die Kurvenchefs versuchen, die Klubs „kommisarisch zu verwalten“. Ein Plan, der über Jahre ausgebrütet wurde und sich endgültig Bahn brach, als sich die Ultrà-Bewegung – unter den Schlägen der Repression – an einem Scheideweg wiederfand: verschwinden oder sich verwandeln. Daher kommt diese verheerende Mutation. Mit der Ankunft der organisierten Malavita, die über die Spielerkäufe (oder -verkäufe) entscheiden will. Die Spielern Ohrfeigen verabreicht (Turin am 6. Januar und 28. März, erst Toro, dann Juve). Die die Spieler auf dem Trainingsgelände „warnt“ (wie es dem Lazio-Spieler Baronio vor dem letzten Lazio-Inter passierte, „ihr müsst verlieren, sonst…“).

Das Thema ist so alt wie „Ultrà“ selbst. Schon die Brigate Gialloblù aus Verona hatten ihr Sagen bei Spielerverpflichtungen. Schon immer hatten die größeren Kurven ihren eigenen Kartenverkauf und nicht zuletzt wurde der AC Milan-Vize Galliani unter Polizeischutz gestellt, als er als erster Club der Serie A die Fankarte „Tessera del Tifoso“ einführte, die dem kurveninternen Tickethandel das Wasser abgräbt. Die Ultràs des F.C. Internazionale waren nicht die ersten, die mit Bengalowürfen einen Spielabbruch (im „Euroderby“ 2003 2005, danke Marcello 😉 ) herbeiführten, um den Verein qua Strafzahlungen zu erpressen. Und Paolo Maldini war nicht der erste Spieler, der merkte, dass es manchmal eben nicht nur „um die Farben“ geht. Berizzi beleuchtet aber die neue Qualität. Es geht eben in der Tat nicht mehr darum, dass der Capo sich einen Neuwagen finanziert oder Käppis verkauft werden, um die Choreo zu finanzieren, sondern mittlerweile werden allein in der Curva Sud geschätzte mehrere Millionen Euro umgesetzt. Pro Saison. Und nur im „Kerngeschäft“. Und wenn du 500 muskelbepackte, angstfreie junge Männer anführst, dann liegt der Gedanke nahe, das Geschäftsmodell zu modernisieren. Wie gesagt, Kurven als „rechtsfreie Räume“ sind eine prima Sache, es kommt nur darauf an, was man mit dieser Freiheit anstellt. Und der Macht.

Die sich gegen den „modernen Fußball“ aufstellt und derweil den Griff ans Business verstärkt. Diese Wandlung beschreibt der Mailänder Staatsanwalt Luca Poniz sehr gut, als er die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen den Clan der „Guerrieri“ (zu siebt auf der Anklagebank) unterschreibt. Jene Gruppe, die unter der Ägide des mehrfach vorbestraften Giancarlo Lombardi, genannt „Sandokan“, einem Ferrari-Händler, die Mailänder Südkurve kannibalisiert hatte: „Unter dem Deckmantel einer angeblichen Fangruppe“, schreibt er, „korrespondiert die Wahl der Mittel mit einer typisch kriminellen Logik, die sich zudem in völliger Übereinstimmung mit dem Profil Lombardis befindet.“ Auch hier, wie in Rom mit Lotito, in Turin mit der alten Vereinsführung der Juve oder Cairo als Präsident des Toro, haben sich die Ultràs auf direkten Kollisionskurs zum Verein begeben. Wie wiederum Poniz schreibt, über „ein klar einschüchterndes Verhalten gegenüber dem Verein AC Milan, ließ die Organisation im Umgang mit dem Verein Methoden einfließen, die aus der gewöhnlichen Kriminalität entstammen.“ Die Strategie nennt sich „Beeinflussung der Umweltbedingungen“. Bengalos, die auf das Spielfeld geworfen werden, Erpressung der Vereinsführung, gezielte Protestaktionen, den Spielern auf Flughäfen, auf der Straße, im Restaurant auflauern.

Lotito hat den Kampf gegen die „Irriducibili GmbH“ zu einer Herzensangelegenheit gemacht. Wie recht er hatte, durften wir nicht zuletzt am letzten Samstag bewundern, als im Römer Olympiastadion einer der vielen Tiefpunkte des italienischen Fußballs aufgeführt wurde. Galliani hat versucht, mit der Einführung der Tessera del Tifoso den Kartenmarkt abzugraben. Die entstandenen Proteste wurden auf italienische Weise schnell behoben und die „Curva Sud“ mit Freikarten wieder auf Linie gebracht. Seitdem heißt es dort wieder „Avanti con Silvio“. Cairo hat den „Toro“ zum Verkauf gestellt. Juventus wechselt nächste Saison vermutlich die komplette Vereinsführung. Es ist ja nicht so, dass die Kurven keine Macht mehr hätten. Aber auf eine ernsthafte, entschiedene und gemeinsame Aktion gegen die überbordende Repression wartet man bis heute vergebens. Anstatt die vorhandene Macht wirklich zu nutzen, der „Causa Ultrà“ eine Stimme zu geben, beschäftigt man sich offenkundig viel enthusiastischer und effektiver anderen Themen.

Aber sind die Vereine immer und ausschließlich in der Opferrolle? Dem Soziologen Alessandro Dal Lago zufolge – Autor des berühmten Werks „Beschreibung einer Schlacht: die Rituale des Supports“ („Descrizione di una battaglia: i rituali del tifo“) – lautet die Antwort Nein. „Die Ultràs haben die Mittäterschaft der Vereine, die vor dem unklaren Hintergrund finanzieller Unregelmäßigkeiten ein Interesse daran hätten, Staatshilfen zu erhalten und Gewaltakte könnten helfen, diese Hilfen abzutarnen oder akzeptabel zu machen.“ Gewaltakte, die immer häufiger am grünen Tisch entschieden werden. Es war Polizeipräsident Antonio Manganelli, der im September 2008 die Präsenz der Camorra hinter den Ultràs aus Neapel zertifizierte, die mit einem Zug in Rom eintrafen, den sie sich mit harten Bandagen „besorgt“ hatten. Mastiffs, NISS („Keine Treffen, nur Zusammenstöße“, „Niente Incontri, Solo Scontri“), Masseria Cardone. Sie sind die Herrscher über das San Paolo-Stadion, in dem sich die Clans der „Sanità“ und der „Alleanza di Secondigliano“ im Lauf der Jahre stabile Festungen errichtet haben. Rechtsfreie Räume, Orte der Macht. Dieselben Auftraggeber der Gruppen an der Spitze der Römer Kurven: „Padroni di casa“ und „Boys“ (AS Roma), „In basso a destra“ („Unten Rechts“) und „Irriducibili“ (Lazio). Dieselben, für die sich in Mailand Lombardi so sehr ins Zeug gelegt hat, einer der in seinem Lebenslauf (Raub, Erpressung, Sachbeschädigung, versuchter Mord unter Schusswaffengebrauch) sogar einen Auftritt in einem Kinofilm zu Buche stehen hat: letztes Jahr hat er sich selbst gespielt, einen Ultrà-Capo, im Film „L’ultimo ultras“ („Der letzte Ultrà“) von Stefano Calvagna, Regisseur und Hauptdarsteller, seinerseits ein Lazio-Ultrà, dem vor ein paar Jahren unter ungeklärten Umständen vor einem Römischen Theater in die Beine geschossen wurde und der später im Knast geendet war.

OK, den Film hatte ich ja schon verrissen. Die Kontakte verschiedener Kurven zum organisierten Verbrechen sind vielfältig dokumentiert. Ich empfehle jedem, der italienisch spricht gern noch einmal das Buch „ACAB“ von Bonini, der die Verschiebungen innerhalb der Napoli-Kurve sehr detailliert aufarbeitet. Manganelli hätte ich aber niemals zitiert, um einem eigenen Artikel Glaubwürdigkeit zu verschaffen, dem Mann liegt jegliche Objektivität fern. Und so sollte die Geschichte vom von Napoli-Ultràs gekaperten Zuges spätestens seit den Enthüllungen des „Ballesterer“ nun wirklich auch dem letzten als Märchen bekannt sein. Dass die Camorra im San Paolo das Sagen hat, ist bekannt. Es ist wieder Bonini in ACAB, der die Beteiligung der Ultràs bei der Verteidigung des von der Mafia kontrollierten „Müllhandels“ in Kampanien dokumentiert. Es hätte das – falsche – Beispiel mit dem „brennenden Zug nach Rom“ nicht gebraucht. Hier stellt sich Berizzi ohne Not selbst ein Bein.

Daten, die sich überschneiden. Seltsame Ereignisse. Am 23. September 2009 wird in einem Gemeinderat im Umland Mailands ein Treffen zum Thema „organisierter Support“ abgehalten. Das bietet die Möglichkeit für einen Dreier-Gipfel von Giancarlo Lombardi, Franco Caravita, historischer Führer der Inter-Kurve und Christian Mauriello, Abgesandter der Viking von Juventus. Der Dominus ist, laut der Mailänder DIGOS (Staatsschutz), wiederum Lombardi. Der, nachdem er sich mit seinen Gorillas bereits die Milan-Kurve erobert hat, die Absicht hätte, weiterhin im ganz großen Geschäft mitzumischen. Phase Zwei des Projekts sieht die Ausweitung der kriminellen Unterwanderung auf weitere Kurven vor. Zuallererst die von Inter und Juve. Die viel Geld bedeuten. Die historischen Rivalitäten werden im Namen des gemeinsamen Geschäfts begraben. Und im gemeinsamen Geschäft kann man prima miteinander auskommen. Macht nichts, wenn dabei ab und zu eine Schießerei herausspringt. Wie am 17. Oktober 2006 in Sesto San Giovanni. Opfer ist ein 32-jähriger Ultrà. Der Hinterhalt ist – laut der Staatsanwaltschaft Monza – der versuchten Machtübernahme der rotschwarzen Kurve zuzuschreiben. So bewegen sie sich heute, die neuen Ultràs.

Già. Schon bei der Auflösung der Fossa dei Leoni waren merkwürdige Allianzen zwischen den doch eigentlich verfeindeten Milanisti und Juventini beteiligt. Die geschäftlichen Beziehungen zwischen den doch eigentlich verfeindeten Milanisti und Interisti waren auch hier schon Thema. Alte Rivalitäten, zumal sportliche, verschwinden in der Tat in einer Gemengelage, die mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar ist. Berizzi bietet einen Erklärungsansatz und nicht einmal einen dummen. Die aufgezählten Fakten sind nachvollziehbar, den Wahrheitsgehalt seiner Konklusionen kann ich nicht einschätzen. Aber er liefert eine nachvollziehbare und logische Interpretation. Nachvollziehbarer und logischer jedenfalls als der ewige Kreislauf von „gute Ultràs/böse Bullen“ und „wir wollen doch nur unsere Farben repräsentieren“. Gewalt und Illegalität sind Gründungsbestandteile von Ultrà, damit hätte ich nie ein Problem. Es hat aber nicht viel mit Ultrà zu tun, wenn Milan- und Juve-Fans gemeinsam in derselben Kurve stehen, gemeinsam Filme drehen, gemeinsam ihren eigenen Club erpressen, ihre eigenen Spieler tätlich angreifen und gemeinsam Geschäfte machen. Dass sie sich gegenseitig aufs Maul geben fände ich hingegen normal. Aber beim Geld hört die Feindschaft ja bekanntlich auf.

Oder wie drückten es die Lazio-Ultràs (sic!) seinerzeit aus:

„Wir sind römische Ultràs und wir möchten unser Unbehagen (manchmal Ekel) gegenüber einer Umwelt ausdrücken, der wir uns nicht mehr zugehörig fühlen. (…) In der Erbarmungslosigkeit und der Härte mit der die Repression durch die Dealer des ‘Opiums für das Volk’ (Fußball) angewandt wird, von den Gärtnern der sozialen Unkultur, der Hinterhältigkeit der Pseudo-Ultràs, vor dem Gott Geld, lösen sich Verbindungen auf, die gestern noch ewig schienen und bewirken unheilbare Brüche.“

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man fast schon wieder drüber lachen.