Gegen den modernen Sportjournalismus - Ballesterer Fußballmagazin

Gegen den modernen Sportjournalismus – Ballesterer Fußballmagazin

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Es sind ja gerade Österreich-Wochen bei altravita und ich nehme das gern zum Anlaß, mir mal was von der Seele zu schreiben: Es gibt noch vernünftigen Sportjournalismus! Als ordentlicher Blogger nehme ich ja gern jede Gelegenheit wahr, um die armseligen Absurditäten oder ausgemachten Dummheiten und den haarsträubenden Wahnsinn, selbst der Qualitätspresse der Fußballberichterstattung zu geißeln. Noch viel mehr ist es mir aber ein Bedürfnis, auf die aus dem Sumpf der drögen Schnittchenfressergilde herausragenden journalistischen Highlights hinzuweisen. Denn es ist ja keineswegs so, dass es keinen engagierten, vorurteilsfreien, kritischen und informierten Journalismus gibt – es fällt mittlerweile nur verdammt schwer, solchen zu finden und man fragt sich, wann der Großteil des Berufsstandes seinen Enthusiasmus verloren hat. Despair not, help is at hand und erstaunlicherweise kommt das beste mir bekannte Fußballmagazin ausgerechnet aus Österreich: ballesterer fm.
Die ballesterer fm-Autoren zeichnet eine kritische Sichtweise auf das aktuelle Fußballgeschehen aus. Sowohl die zunehmende Kommerzialisierung wie auch das Zurückdrängen von Fans und Fankultur aus den Stadien werden laufend thematisiert.
Es mag sein, dass der herrliche Sinn für Humor und die Lage abseits des großen Fußballgeschehens den Blick auf die Absurditäten des modernen Fußballgeschäfts schärfen und vermutlich hilft auch eine geringe Auflage dabei, sich frei von Vorurteilen, Gemeinplätzen, dummen Phrasen und Abschreiben von Agenturnachrichten abzuheben. Jedenfalls ist das zehnmal jährlich erscheindende Heft das beste, was mir zum Thema Fußball und Fankultur im deutschsprachigen Markt jemals untergekommen ist. Das Magazin hat bereits 9 Jahre im Dienst eines kritischen Sportjournalismus auf dem Buckel, auch wenn mir die Jungs erst durch ihre erfrischende Berichterstattung zur letzten Europameisterschaft aufgefallen sind. Selten habe ich bei der Sportlektüre so gelacht, wie beim Lesen dieser erleichternd nationalpomp-freien Beiträge. Und das absolute Highlight für mich war natürlich, wie ballesterer in „Im Zug der Schande“ den europäischen Sportjournalismus lächerlich machte: September 2008, Roma gegen Napoli. Während die scheinbar pluralistischen Qualitätsmedien europaweit die von der Polizei lancierten Pressemitteilungen abschrieben, sich mit Horrorzahlen über angebliche Schäden überboten und sich in Gänsehaut-Details über den blutrünstigen Napoli-Mob gegenseitig enervierten, taten zwei ballesterer-Redakteure einfach ihre journalistische Pflicht: Sie waren dabei und schrieben nieder, was wirklich passiert war anstatt sich blind als Erfüllungsgehilfen der Repression mißbrauchen zu lassen. Während also Kicker, Spiegel-Online, RAI, Gazzetta, Corriere dello Sport, Corriere della Sera und was sich sonst noch so „Qualitätsmedien“ schimpft von tausenden gewalttätigen Napoli-Fans berichteten, die ohne Ticket einen Zug nach Rom enterten, alle Bahnreisenden rauswarfen und in Rom einen ausgebrannten Zug hinterließen, sahen die beiden mitreisenden ballesterer-Redakteure nichts von alledem. Nichts außer einer Menge Fußballfans, die zu einem Derby fahren wollten und deren Zug grundlos stundenlang in Neapel festgehalten wurde und der bis auf eine zerborstene Glasscheibe trotzdem heil in Rom ankam. Keine Brände, keine Gewalt, keine vertriebenen Fahrgäste, kein Schwarzfahren, kein nichts. Nach diesem Scoop standen die Redaktionsstuben bei ballesterer nicht still und viele Medien griffen die Geschichte reuevoll auf – RAI zuallererst, danach auch Medien wie der Standard – und übten sich in einem verhaltenen mea culpa. Eine kleine Redaktion eines 20.000-Auflage-Blatts hatte mal eben den millionenschweren Redaktionsstuben die Unterhosen heruntergezogen und die armselige Arbeitsmoral der bezahlten Schnittchenfresserpresse ins Scheinwerferlicht gestellt. Schon dafür allein gebührt den Jungs eine Verdopplung der Abonnement-Zahlen. Aber auch jenseits solch lampanter Beispiele, ist das Heft immer lebenswert. Vor mir liegt die April-Ausgabe und die rhetorischen Fragen lauten: Wo sonst würde man aus erster Hand Matchberichte aus Brasilien, Israel, Kroatien, Portugal und St. Kitts & Nevis finden? Welche ernstzunehmende Fußballpostille widmet den Auswärtssektoren der österreichischen Liga eine Fotostrecke? Ist denkbar, dass der Kicker den Fans von Stoke City zwei Seiten widmet? Würde man sich bei Sportbild an eine (bis jetzt) 21-teilige Serie über „Fußball unterm Hakenkreuz“ trauen? Hat man bei Spiegel-Online 4 Seiten Platz für einen superben Bericht über die argentinischen „Poteros“, den Ghetto-Bolzplätzen, denen der Weltfußball immerhin so Spieler wie ManU-Star Carlos Tèvez verdankt? Wer würde denn sonst auf die Idee kommen, mit den „Rieder Glory Boys“ zum Spiel nach Graz zu fahren und dem ganzen Drama 8 Seiten zu widmen? Ein Interview mit einem „szenekundigen Beamten“ über seine Erfahrungen in der Höhle des Löwen? Bei der Süddeutschen unbekannt. Anstatt sich also rundheraus über „die dumme Sportpresse“ aus weißbier-saufenden Schreiberlingen aufzuregen, die noch niemals in einem Fanblock standen, denen jedes Bengalo den Untergang des Abendlandes einläutet, für die man in Italien unverdrossen Catenaccio und in England Kick & Rush spielt, denen das Verhältnis von „Poldi“ und „Schweini“ als der heilige Gral des Sportfachwissens erscheint und deren Dienstauffassung im unreflektierten Abschreiben von Pressemitteilungen besteht, kann man auch ballesterer fm lesen.
Aber genauso ist die Liebe zum Fußball, seinen Protagonisten und Vereinen und die Begeisterung für das schöne Spiel in jeder Ausgabe spürbar.
In der Tat. Hier geht’s zum Abo. Ab unter die Dusche!