Das ist Ultrà

Der verlorene Sonntag: Die SZ wird Focus immer ähnlicher.

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Birgit Schönau verbreitet in der SZ Endzeitstimmung zum italienischen Fußball, hat aber in ihrem apokalyptischen Sittengemälde ein, zwei kleine Details vergessen. Naja, sie hat ja mal wieder ein bisschen recht, halbrecht. Halbrechte Positionen zu Jugendgewalt sind ja im Moment en vogue. Gewohnt schmissig geschrieben, ordentlich Untergang des Abendlandes heraufbeschworen, Berlusconi und den Papst erwähnt, organisierte Kriminalität, politischer Extremismus, allgemeine italienische Depression und auch das Müllproblem mit reingebracht – ist doch alles drin in dem Artikel. Da läuft es dem fußballinteressierten Sesselfurzer doch so richtig schön lauwarm den Rücken runter – ich würde das bei Süddeutsche-TV noch ein bisschen mit Bengalos und Rauchbomben untermalen, für die Stimmung. Selbstverständlich ist Gewalt im Umfeld von Fußball ein Problem, Messerstechereien wie am letzten Wochenende bei der Roma gegen Catania sind unentschuldbar und müssen unterbunden werden – zuallererst von den Tifos selber! Allerdings haben diese Auseinandersetzungen eine zu lange Tradition, um damit die akut grassierende Stadionabstinenz hzu erklären. Denn es gibt natürlich auch ein paar andere, viel profanere Gründe für den Zuschauerschwund, die klingen einfach nicht so geil: Ich muss z.B. seitdem womöglich seine eigenen Kollegen Herrn Raciti überfahren und andere Kollegen Gabriele Sandri erschossen haben, „zur Sicherheit“ meine Eintrittskarte zwingend im Vorverkauf besorgen, unter Vorlage des Personalausweises und der Steuernummer – nächstes Jahr voraussichtlich nach Einreichen des polizeilichen Führungszeugnisses und eines aktuellen AIDS-Tests in Rom. Das heisst nichts anderes, als dass ich nicht wie früher mal eben so ins Stadion fahren kann. Besonders im Winterhalbjahr (die Serie A macht ja bekanntlich keine Pause) habe ich früher ganz simpel gern abgewartet, wie das Wetter wird. Kann ich heute nicht machen. Der Effekt ist, dass ich auf Nummer sicher gehe und einfach kein Ticket kaufe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, der schlichtweg keine Lust hat, sich eine Woche vorher im Vorverkauf ein Ticket zu besorgen auf die Gefahr hin, zum Spieltermin mit Fieber im Bett zu liegen, ein Spontan-Date mit der knuffigen Verkäuferin vom lokalen Supermarkt zu haben, sich das Spiel im strömenden Regen anzuschauen oder – jaja, das gibt’s – arbeiten zu müssen. Aber nöööö – mein Fehlen im Stadion erklärt sich einfach viel spannender, wenn man postuliert, ich hätte Angst vor kinderfressenden Hooligans. Geschätzte Frau Schönau, ich bin seltener im Stadion, weil ich wie viele Bewohner des Stadions immer blödere Arbeitszeiten habe, kälteempfindlich geworden bin, seit der Einführung des Euros einfach weniger Geld in der Tasche habe und wenn ich dann ins Stadion will, werde ich üblicherweise durch die absurden Prozeduren beim Kartenkauf ausgebremst. Vermutlich gilt das auch für Süditalien. Bei der Hälfte der Spiele in der Serie A sind mittlerweise die Gästefans entweder überhaupt nicht mehr zugelassen oder dürfen sich das Spiel aus maschendrahtzaunbewehrten Karnickelbuchten heraus anschauen – da kann man von den Zuschauerzahlen getrost ein paar tausend abziehen. Nach der SZ-Argumentation hat das ja auch mittelbar mit Gewalt zu tun, nur ist die Gewalt im Umfeld von Fußballstadien ja keine Erfindung des neuen Jahrtausends – erstaunlich, dass die Zuschauerzahlen dann vorher so hoch waren, nicht? Dann kann man noch die Zuschauer abrechnen, die zuhause bleiben, weil die Gästefans nicht kommen und einfach nichts los ist. Wir haben uns z.B. dreimal überlegt, uns das Spiel gegen Napoli anzuschauen – aber nicht, weil wir Angst vor den bösen Napolitanern hatten, sondern weil die eigentlich nicht kommen durften. Sie reisten dann trotzdem an und wir leben alle noch. Wer diese Saison bei AC Milan gegen Juve war wird wissen, dass Spiele ohne Gästefans einfach das Geld nicht wert sind. Das klingt nur leider nicht so aufregend, wie zu schreiben, dass die Zuschauer alle wegen der Gewaltorgien wegbleiben. Dann kommen noch Spiele dazu, zu denen der Kartenverkauf noch weiter erschwert wird. Ich würde z.B. gern mit meinem Kind zum Spiel gegen Genoa gehen (was ja laut Frau Schönau ungefähr auf einer Stufe damit steht, ihn gleich umweglos in die Tiefkühltruhe zu stopfen) – kann ich aber nicht, denn Tickets gibt es nur in der Provinz Mailand. Wir fahren also nicht zu dem Spiel. Nicht, weil ich Angst um unsere Sicherheit hätte, sondern weil ich ganz einfach nicht unter der Woche nach Mailand fahren kann, um mir eine Karte zu besorgen. Das klingt, wie gesagt, aber irgendwie langweilig. Viel interessanter ist es, den Weg in ein italienisches Stadion so zu schildern, als wäre es eines der höheren Level aus „Resident Evil IV – Der Weg nach San Siro“, bei dem man sich durch mehrere Sicherheitsbarrieren kämpfen muss, während man mit Laserfeuer und Plasmabomben rotschwarz gewandete Superzombies wegplatscht, die zu Dutzenden hinter Müllbergen hervorspringen. Mit fellfreien blutigen Hunden! I am aber sowas von legend, wenn ich mich ins Stadion traue! Aber die Wahrheit ist dann doch versehentlich in den Artikel gerutscht – wenn die Pay-TV-Abonnenten mehr als die Hälfte der Einnahmen stellen und Stadionbesucher nur mickrige 12 %, dann ist klar, dass uns im Stadion niemand haben will, denn merke: Fußballfans sind potentielle Pay-TV-Bezahler. Wir als Zielgruppe sollen zuhause bleiben und Gebühren zahlen – und genau so verhalten sich die Clubs dann auch. Groteske „Sicherheitsmaßnahmen“, lausige Stadien und ein absurderes Procedere beim Ticketkauf, das es mit der hiesigen Steuergesetzgebung locker aufnehmen kann, erschweren den Stadionbesuch. Dann kommt noch die Krawallpresse dazu, um in der Tat bestehende und zu lösende Probleme zum blutigen Bürgerkrieg aufzubauschen, und schon bleibt Otto Eventbesucher lieber zuhause und schaut Premiere beim Kasten Krombacher Elf. Und einer der ach so unnahbahren Fußballstars, Rino Gattuso, besucht kinderfressende Ultràs im Gefängnis. Erstaunlich, ne?