Transparent Magazin

Transparent. Magazin für Fussball und Fankultur.

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Die Spielserien neigen sich dem Ende zu, draußen regnet es, Delio Rossi verhaut seine Spieler und Nationaltorhüter Gigi Buffon schenkt Lecces Bertolacci den Ball, der die Agonie dieser Serie A-Saison noch ein paar Tage verlängert. Da trifft es sich vorzüglich, dass im Briefkasten die Erstausgabe von „Transparent. Magazin für Fußball und Fankultur“ findet. Ein Heft, das Lesegenuss zu meinem Lieblingsthema verspricht, die „11 Freunde“ mag ich ja nicht immer so, Kicker und Sportbild sind höchstens wegen der Statistiken interessant und „Blickfang Ultrà“ kenne ich ja schon.

„Fußball bietet mehr als 90 Minuten Sport – durch eine gewachsene und beeindruckende Fankultur sind in den letzten Jahren viele Facetten hinzugekommen, auf die sich ein genauerer Blick lohnt. Im TRANSPARENT-Magazin zeigen wir deshalb den Fußball aus allen Perspektiven.“

Dass es den Machern vom Transparent-Magazin nicht um das nächste Fanzine geht, ist direkt nach dem Auspacken klar. Die 3.90 EUR teure Pilotausgabe kommt großformatig daher und das glänzende, mich irgendwie an „Spiegel Geschichte“ erinnernde Titelbild verheißt über dem Claim „Football, Culture & Politics“ unter anderem ein Schwerpunktthema „Derby“, ein Interview mit Ansgar Brinkmann, eine Fotostrecke vom Abriss des Aachener Tivoli und einen Rückblick auf den Fankongress 2012. Derby ist gut, haben wir am Wochenende auch.

Das Heft ist wohltuend unaufgeregt gesetzt und kommt in einem modernen Layout daher. Mir persönlich ist die Anmutung vielleicht eine Spur zu „hip“, abgesehen davon, dass Layouter offensichtlich in irgendeiner Ecke des Planeten hirngewaschen werden, so dass großformatige Magazine am Ende alle irgendwie gleich „modern“ daherkommen. Aber ich bin ja auch nicht die Zielgruppe und mit meiner Schwäche für Old School lassen sich vermutlich auch keine Zeitschriften verkaufen. In jedem Fall ist der Band ungedrängt und gut lesbar.

Ansonsten werden ein paar Themen angeschnitten, mit denen ich mich gern auseinandersetze. Unter dem Titel „Die wundersame Ruhe am Rhein“ wird das potentielle Derby Düsseldorf und Köln hergeleitet, anonymisierte Vertreter einzelner Gruppen kommen zu Wort und berichten, was dieses Derby für sie bedeutet bzw. bedeuten würde. Im weiteren beschäftigt man sich damit, was ein richtiges Derby eigentlich ausmacht, um dann zur Kernfrage zu kommen: „Muss ich meinen Gegner wirklich hassen?“ Drei Bremer werden beispielsweise dazu befragt, ob man „Tot und Hass dem HSV“ singen sollte und ob man den Opa trotzdem lieb haben darf, auch wenn er den Hamburgern zuneigt. Kleiner Spoiler: Alle befragten Bremer finden Gewalt und aufgeheizte Derbyatmosphäre nicht gut.

Interviews mit Prödl und Brinkmann runden das Angebot ab, auf positiven vier Seiten darf sich die Initiative „Fußballfans gegen Homophobie“ vorstellen, zwei Hopper-Berichte aus Paris und London weisen über den deutschen Tellerrand. Deutlich zu spät kommt allerdings der Rückblick auf den Fankongress. Dieser ist zwar flott geschrieben, aber mehrere Monate nach dem Event in Berlin haben sich glaube ich alle Interessierten schon ausgiebig mit dem Thema auseinandergesetzt und wirklich neues habe ich dort auch nicht gefunden. Aber da es sich um eine Erstausgabe handelt, die nächste soll im August erscheinen, ist das aber nachvollziehbar.

Meine Frage an das mit Sicherheit lobenswerte Projekt bleibt aber: „An wen wendet sich das Blatt?“ Das Editorial legt nahe „Besonders nah wollen wir dabei an den Menschen aus den Fankurven sein; Sie bringen die Farbe ins Spiel und sorgen für Leben rund um die Stadien.“ Damit rennt man bei mir offene Türen ein. Für die Menschen aus den Fankurven sind die Betrachtungen zur Natur eines Derbys aber vermutlich zu wenig tiefgreifend, für die vielen anderen weniger „aktiven“ Fans findet in dem Heft aber auch zu wenig Fußball statt. Zumindest beim Lesen der Erstausgabe macht mir das Ganze noch den Eindruck, dass man noch nicht ganz genau weiß, wer dann am Zeitungsstand letztlich zugreift.

„Neben den Fans kommen bei uns alle möglichen Menschen rund um den Fußball zu Wort – Spieler, Funktionäre, Journalisten. Wir zeigen den Fußball, wie er ist: vielfältig. Besonders nahe wollen wir dabei aber den Protagonisten der Fankurven sein, den Fans und Ultras. Sie sorgen für das Leben in und um die Stadien. Dabei gibt es positive und negative Aspekte, die wir aufzeigen und kritisch hinterfragen möchten.“

Natürlich sind andere kleinen Schwächen des Hefts dem Umstand geschuldet, dass man eben erst ganz am Anfang eines – hoffentlich noch längeren – Weges steht. Die angesprochenen Vertreter der Ultrà-Gruppen stammen gefühlt alle aus Bremen oder Düsseldorf und Interviews mit Sebastian Prödl und Ansgar Brinkmann bekommt man eben auch leichter ins Mikro als mit Kevin Prince Boateng. Zumal wenn Brinkmann gerade ein Buch geschrieben hat, das dann auch als Leseprobe vorgestellt wird.

Kurzum, die Idee hinter „Transparent“ finde ich spannend und ich werde sicher Wege finden, regelmäßig mal hineinzuschauen. Das Projekt kommt professionell daher und widmet sich einem relativ breiten Themenkreis rund um Fankultur und deren gesellschaftspolitische Aspekte. Besonders interessant wird sein, wie man den Spagat zwischen den einzelnen Fankulturen hinbekommt, ohne einerseits zu „ultràspezifisch“ zu sein aber eben auch ohne den Ultràs als sicher aktivsten Teil der Stadionkurven allzuviel schon Bekanntes zu erzählen. Das sind aber Schwierigkeiten, denen sich Herausgeber immer gegenübersehen (wenn es nicht gerade die Apotheken-Rundschau ist) und die man daher anhand einer Erstausgabe auch nicht übermäßig kritisieren sollte. Wenn es im Lauf der Zeit gelingt, das Profil zu schärfen und Themen anspruchsvoll auszugestalten, die im Moment in den Massenmedien eben leider nicht stattfinden, dann sollten sich durchaus interessierte Leser finden lassen, schließlich machen die Jungs gestandenen Männer und exquisiten Damen vom Ballesterer das seit Jahren vor. Schaut bei Gelegenheit mal rein.