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20 Rechtsextremisten aus dem Ultrà-Umfeld in Rom festgenommen

Vorgestern erreichte die Medien die Nachricht, dass 16 Sympathisanten der extremen Rechten festgenommen wurden, teilweise mit der neofaschistischen Forza Nuova verbunden, zu einem großen Teil Ultràs der Lazio-Vereinigung „In basso a destra“ („Rechts unten“). Ermittlungen hatten ergeben, dass es sich um Mitglieder einer kriminellen Vereinigung handelt, denen – auch politisch motivierte – Gewalttaten vorgeworfen werden, darunter die Überfälle auf römische Polizeikasernen im Nachgang zum Tod Gabriele Sandris oder der Überfall auf ein Konzert der Banda Bassotti in Villa Ada im Juni 2007. Unter den Festgenommenen sind auch Ultràs der Roma, die Forza Nuova erklärte unterdessen „totale Solidarität mit den inhaftierten Kameraden“.

Einstweilen versuche ich mich an einer paraphrasierenden Zusammenfassung der hervorragenden Schilderung der Ereignisse in der Repubblica, ich will einigermaßen aktuell bleiben, habe aber selbst noch keine präziseren Informationen zum Thema.

Reppublica vom 26.02.2008

Der Vorwurf lautet auf Bildung einer kriminellen Vereinigung, Sachbeschädigung, Körperverletzung und das Mitführen von Schlagwaffen. Für die an den Geschehnissen am 11. November letzten Jahres Beteiligten wird der Tatvorwurf um Terrorismus erweitert, wie bereits bei den ersten Festnahmen rund um den Überfall auf die Kaserne in der via Guido Reni. Bei einem Verdächtigen wurden 400 g Haschisch beschlagnahmt, darüber hinaus eine Anzahl an Messern und anderen Stich- und Wurfwaffen.

Die Gruppe bestand aus einem Kern an Meinungsführern, die jederzeit in der Lage waren, weitere Personen zu aktivieren und zu Gewalttaten zu animieren. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es sich bei den Gewalttaten nicht um isolierte Ereignisse handelt, sondern um eine geplante Kette von Anschlägen mit derselben Motivation. Neben dem Anschlag auf das Konzert der Banda Bassotti im Juni 2007 und dem Angriff auf die Kaserne in der Römer Via Guido Reni gehören auch die gewaltsame Besetzung eines Gebäudes der Atac (3.-5-10.2007) und ein versuchter Brandanschlag auf eine Barackensiedlung der Roma am 09.10.2007 zur Untersuchung.

Bezeichnend zudem der Mitschnitt eines Telefonats zweier Beschuldigter:

„Diesmal handelt es sich nicht um einen Überfall auf ein Sozialzentrum, ein Zigeunerlager oder darum, Napoli-Fans auf der Autobahn zu klatschen. Es handelt sich um etwas ernsteres.“

Und genau diese Leute müssen aus den Kurven entfernt werden. Ich teile die Werte der Ultràs. Ich glaube, dass die Repressionen ungerecht und undemokratisch sind. Ich glaube, dass der Widerstand der Ultràs gerechtfertigt und notwendig ist. Ich glaube aber auch, dass ein falscher Schulterschluß mit Messerstechern und anderen Kriminellen (und die gibt es eben auch in den Kurven) der Obrigkeit genau die Munition gibt, die sie braucht, um die Ultrà-Bewegung in der Öffentlichkeit zu isolieren und so ihr eigenes ungerechtes Vorgehen zu rechtfertigen. Wenn es den Kurven nicht gelingt, selbst gegen kriminelle Tendenzen vorzugehen, werden sie immer darunter zu leiden haben, eben als Messerstecher in Sippenhaft genommen zu werden, wenn es dem Staat in den Kram passt. Und diesen Kampf werden sie dann verlieren.

Und weiter geht’s in der Repubblica: Reppublica vom 27.02.2008

„Er Talpa“ und „Fabbrizzietto“, „er Nano“ und „Vampiro“, „Ovo“ und „er Bulgaro“, „er Capitano“ und „Danielone“, „er Ditta“, „lo Sciacallo“ e „er Cinese“ hassen 7 Tage in der Woche, nicht nur Sonntagnachmittag in der Kurve. Der völlig entfesselte Hass richtet sich eben nicht auf Fans anderer Vereine, sondern darüber hinaus auf jegliche Form von Staatsmacht, „rumänische Zigeuner“, Napoletaner, die Zecken aus den Sozialzentren, kritische Journalisten, Linke oder den Nachbarn, der wegen des unangeleinten Kampfhundes komisch gekuckt hat.

Lange vor dem Tod Gabriele Sandris und den folgenden Überfällen waren die jetzt Verhafteten ins Ziel der Fahnder gelangt und wurden überwacht. Und so gelangt auch folgender Mitschnitt eines Telefonats in die Ermittlungsakten:

„Er Vampiro“ (Alessandro Petrella) lässt sich am Telefon im Rahmen der „Strafaktionen“ gegen rumänische Illegale im Umfeld des Todes von Giovanna Reggiani (30.10.2007) bei folgender Aussage aufnehmen: „Bisogna creà un focolaio de persone che nun c’entrano un cazzo con la politica e lo stadio. Ragà, questa è una cosa dei cittadini, una cosa sociale, d’appartenenza de una città e de un Paese. Qui, destra e sinistra e ultras da stadio nun c’entrano un cazzo“ („Wir müssen einen Konfliktherd schüren um Personen, die einen Scheißdreck mit Politik oder dem Stadion zu tun haben. Leute, das hier ist eine Sache der Mitbürger, eine soziale Sache, der Zugehörigkeit zu einer Stadt oder einem Land. Das hier hat einen Scheiß mit links und rechts und Ultràs und Stadion zu tun.“)

Aber genau! Und es wird den Ultràs nicht weiterhelfen, gemeinsam mit dieser Art Mensch den Schulterschluß gegen die Obrigkeit zu üben und mit der Omertà der Curva schweigend deren Aktionen zu dulden. Natürlich hat das alles nichts mit Fußball zu tun, oder mit Ultràs, aber solange gewisse Gruppierungen sich politisch unterwandern und stramm instrumentalisieren lassen, ihre Gewaltbereitschaft schon längst auf weite Bereiche jenseits des Stadions ausgeweitet haben, solange die Ultràs teilweise blind Capos hörig sind, die mit irrwitzigen SUVs und anderen Luxuskarossen durch die Stadt gondeln, die sie sich mit Drogenhandel, dem Verkauf von billig zugeschobenen Karten, Erpressung, Vetternwirtschaft bei der Organisierung von Auswärtsfahrten mit immer demselben Reisebüro, durch „Parteispenden“, Organisierung des Saalschutzes für politische Gruppierungen oder werweißwie finanziert wurden, wird sich an der jetzigen Lage nichts ändern. So machen wir es der konservativen Öffentlichkeit, den bürgerlichen Medien und den Verkäufern des Fußballs als seelenlose Geldmaschine zu leicht.

Im Auto mit Gabriele Sandri reisten „Ovo“ (Marco Turchetti), „Maverick“ (Francesco Giacca), „er Messicano“ (Federico Negri) und „Simone“ (Simone Putzulu), das Pantheon der „In Basso a destra“ und der „Irriducibili“. In Arezzo weint Turchetti, „Ovo“ – ein Typ, der schonmal mit einem Lieferwagen voller Hämmer, Messer und Stahlstangen festgenommen wurde – um seinen Freund und mobilisiert zugleich die Antwort. „Er Nano“ (Francesco Ceci), ein bekannter und gefürchteter Führer, steigt ins Auto, um nach Arezzo nachzureisen und gibt derweil Anweisungen an die Daheimgebliebenen. Er ist befreundet mit Fabrizio Ferrari, „er Talpa“, Ultrà der Roma, der „Bisl“ („Basta infami solo lame“), ein Typ, dessen letzte Messerstecherei vom 18.02. datiert – vor dem Spiel der Roma gegen Real Madrid. „Er Nano“ gibt Befehle an einen wie Fabrizio Toffolo (Ex-Capo der „Irriducibili“ der seine Zeit zwischen Gefängnis und Hausarrest verbringt). „Er Nano“ spricht mit dem „Bulgaro“ (Andrea Attilia), enger Freund von Gabbo, wegen der Verbindungen zur Roma. Es mobilisieren sich „er Vampiro“ und der „verrückte Pierluigi“, Pierluigi Mattei, Schläger der „In Basso a destra“ der Lazio. „Il Vampiro“ hat Probleme: Seine Großmutter war in der Nacht gestorben und während man Zuhause weint, bereitet er sich auf den Abend vor: „Vojo brucià tutto. Stasera vojo brucià tutto“. („Ich will alles niederbrennen. Heut abend will ich alles niederbrennen.“)

Und das hat eben alles nichts mehr damit zu tun, seinen Verein und seine Farben mit Herzblut und Enthusiasmus zu unterstützen, Choreografien und Schmähgesänge zu entwerfen, Rauchbomben und Bengalos zu zünden, auch mal die Fäuste gegen verfeindete Ultràs einzusetzen und 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche Fußball und Kurve zu leben. Diese Leute haben sich soweit vom Ultrà-Gedanken entfernt, dass sie es nicht verdienen, von der Kurve gedeckt und in Schutz genommen zu werden. Vor allem, weil man sich nach falschem Schulterschluß mit faschistischen Messerstechern eben nicht wundern muss, wenn Ultràs in der Öffentlichkeit als faschistische Messerstecher wahrgenommen werden. Also ich würd dem Hoeneß das nicht gönnen.

13 Antworten auf „20 Rechtsextremisten aus dem Ultrà-Umfeld in Rom festgenommen“

[…] verlegt hat. Fast immer entsteht Gewalt aus dem Zusammentreffen der organisierten Ultrà-Gruppen. Gabriele Sandri war kein Friedensengel und Matteo, Mitglied der “Boys”, hatte gerade 3 Jahre Stadionverbot hinter sich. Im […]

[…] Dem Staat stünde jedenfalls ein wenig Gelassenheit gut zu Gesicht und wenn Ultràs – gemäß ihrer Selbstdefinition – sich mal von denen abgrenzen würden, denen es nicht mehr primär um Fußball geht, dann wäre wirklich schon eine Menge gewonnen. Die Mischung aus Paranoia und dämlicher Doppelmoral hilft bestenfalls bei der weiteren Bekämpfung grauer Zellen beim Publikum. Ich selbst gehe seit nunmehr mehr als 20 Jahren in Stadien und habe in den Kurven alle möglichen Menschen kennengelernt. Die ganz überwiegende Mehrheit war witzig, sympathisch und durchaus in der Lage, klare Gedanken zu artikulieren. Selbstverständlich gibt es Ultrà-Gruppierungen, mit denen ich lieber nicht in derselben Straßenbahn zum Stadion fahren möchte. […]

die ultra bewegung hat immer auch etwas problematisches gehabt. die curva hört auf den cantatore, bedingungslos & hörig. die ultra-masse entmündigt sich… bei den meisten ultras funktioniert es dann doch nicht. denn das spiel, rivalitäten, spass und die guten ideen zu gesängen geben auch einen erheblichen ausschlag. der führer-cantatore kann auch demontiert werden!

auf jeden fall hast du recht, dass kriminelle, sinnlos gewalttätige & rassistische elemente durch die kurve nicht geschützt werden dürfen. messerstechersollten isoliert und so ihren wichtigsten lebensinhalt verlieren! die ignoranz der kurve könnte womöglich sogar läuternd wirken! vielleicht wohlgemerkt.

Und kein Mensch hat Lust, sich vor diesem Hintergrund mit den kleinen Abweichungen auseinanderzusetzen, wie etwa, dass zwischen den Kurven von Milan und Inter seit 20 Jahren international Waffenstillstand und Gewaltfreiheit herrscht oder dass die Ultràs der BAL seit Jahren aktiv Gelder für Obdachlose und Bedürftige sammeln – die sind dann halt linksradikal.

Ich finde vor allem hoch dramatisch, dass wenn man das liest, im Nachhinein die „Sind-doch-eh-alles-Nazis“-Fraktion a la Schönau % Co. sich voll bestätigt fühlen kann, selbst wenn sie konkret (Atalanta-Milan) völlig daneben liegt.

Ich hatte damals angesichts bis zum Hals tätowierter organisierter Laziali auch meine Zweifel bzgl. „normale Fans“, aber so krass hätte ich es auch nicht zwangsläufig erwartet…

Sehr geehrter Herr Spiegel Online,

ich habe wahrgenommen, dass Sie dringend einen brauchbaren Nachwuchsjournalisten brauchen, der aus dem internationalen Fußball berichtet und dabei auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht völlig aus den Augen verliert. Vor allem ist sicher für Ihre Berichterstattung hilfreich, wenn die jeweiligen Vertreter der Kurven auch mit demjenigen sprechen, was ja den meisten Ihrer Journalisten – nachvollziehbarerweise – nicht gewährt wird. Ich freue mich auf Ihre Bewerbung!

Mit freundlichen Grüßen

Mister Altravita 😀

Aber mal im Ernst: Fakt ist, dass sich die Ultràs so schlicht selber demontieren. Einerseits halten sie ihr romantisierendes Bild vom edlen und treuen Fußballfan hoch, dem Ethik und Kampfmoral wichtiger sind als Geld, Frau und Job, andererseits decken sie im Rahmen falsch verstandener Nibelungentreue alles, was sich – wenn’s hilft – womöglich auch Ultrà nennt. Du musst Dich nur bei den Ultràs hocharbeiten und sofort hast Du ne Hundertschaft treuer Ergebener zur Verfügung für alle Arbeiten, die jenseits des Fußballs so anfallen.

Und hinterher wundert man sich, wenn die Öffentlichkeit Ultràs und Kriminelle nicht mehr differenziert betrachten will. Ich hab ja selbst schon keine Lust mehr, mich daran abzuarbeiten, dass Ultràs nicht die heterogene Masse sind, als die sie sich ja letztlich selbst darstellen, wenn auch übelste Serienkriminelle aktiv und an vorderster Front in die Ultrà-Szene mit eingemeindet werden. Niemand aus der Normalöffentlichkeit und mit Sicherheit kein Journalist verschwendet seine Zeit damit, eine Bewegung zu unterstützen, die sich offenen Auges gegen die Wand setzt.

Und Du willst kein hervorragender Journalist sein? Okay, dieses Mal vielleicht nur hervorragender Übersetzer / Paraphrasierer, aber ich bitte Dich, wie gut und wichtig und diskutierenswert ist das denn? Verneig.