Stadiongewalt

Toter Fan in der Serie A

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Wieder stirbt ein Fußballfan im Umfeld eines Spiels der Serie A. Nach den Todesschüssen auf Gabriele Sandri im November letzten Jahres (12. Spieltag der Hinserie) stirbt gestern (12. Spieltag der Rückserie) gegen 12.30 Uhr der Parma-Anhänger Matteo Bagnaresi auf dem Autobahnrastplatz Crocetta bei Asti, Autobahn Torino-Piacenza, 48 km von Turin. Im Rückblick auf die Presseberichte im Zuge des Todesfalls Sandri fasse ich bei allem gebotenen Abstand nur die bisherigen Verlautbarungen zusammen. Es kamm offenbar zu einem Zusammentreffen von Fangruppen Parmas und Juves, beide auf dem Weg zum Spiel im Stadio Olimpico. Die Juve-Fans aus Crema – Familien, Frauen, keinerlei organisierten Ultràs oder ähnliches – schildern eine Bedrohungssituation, als ihr Bus auf der Raststätte zum Tanken anhielt. Angeblich kam es zu Drohungen und Angriffen mit Eisenstangen und Flaschen woraufhin der Busfahrer sich in Bewegung setzte, um der Situation zu entfliehen, bevor sie außer Kontrolle gerät. Dabei wurde der Parma-Tifoso von der linken Fahrzeugseite erfasst und überrollt. Der Busfahrer, der angibt, vom Unfall nichts mitbekommen zu haben, stoppt nach ca. 1 km auf der Autobahn nach Hinweisen seiner Passagiere. Andere Quellen behaupten, dass er erst von der Polizei gestoppt wurde nachdem das Personal der Q8 Tankstelle die Ordnungskräfte alarmiert hatte. Ein Juventus-Fan schilderte: „Wenn wir früher gehalten hätten, hätten sie uns totgeschlagen.“ Der Bus startete sein Manöver mit offenen Türen nachdem bereits zwei Jugendliche versuchten, in den Bus zu gelangen. Laut den 10 Juve-Fans (andere sprechen von 9 oder 25 Fans) wurden sie von einer etwa 50 Mann starken Gruppe von Parma-Anhängern (die Raststätte „Crocetta Nord“ war nicht als Haltepunkt der organisierten Fans vorgesehen, daher waren auch keine Carabinieri anwesend) mit Stangen und Flaschen angegriffen, kurz darauf folgten andere aus zwei weiteren eintreffenden Parma-Bussen, die bereits Gürtel als Schlagwerkzeug bereithielten. Sie selbst wären erst 5 Minuten vor dem Vorfall auf dem Rastplatz eingetroffen, um etwas zu trinken und vollzutanken. Sofort stiegen die Parma-Fans aus zwei neu eintreffenden Bussen aus, umringten die „Gegner“ und warfen Flaschen, ohne dass diese – nach eigener Aussage – irgendetwas provokantes getan oder gesagt hätten. Zwei Flaschen zerplatzten im Innenraum des Parma-Kleinbusses, zwei mitreisende Mätchen erlitten Schnittverletzungen. Beim Fluchtversuch sprang Bagnaresi vor dem Bus auf die Straße und wurde vom Bus erfasst und überrollt. Bei den geschilderten Stärkeverhältnissen von mindestens 50:1 wäre eine Flucht jedenfalls vollkommen verständlich und nachvollziehbar; zunächst einmal glaubhafter jedenfalls als von einem zufälligen Verkehrsunfall auszugehen bei dem zufällig Fans der beiden Vereine anwesend waren und der Fahrer zufällig nichts davon mitbekommen hatte, dass er gerade einen Menschen überfahren hat. Das Mädchen, das Matteo als erste am Unfallort wiederzubeleben versuchte erzählt, dass sie ihm eine schwarze Gesichtsmaske vom Kopf zog (diese Aussage ist durch nichts bestätigt, allem Anschein nach trug der Mann das übliche Kapuzenshirt), die eintreffenden Nothelfer sammelten neben seinem blaugelben Schal noch seinen abgelegten Gürtel neben der Leiche auf – für die Juventini seine Angriffswaffe. Hingegen berichtet eine ältere Dame aus einem der Juventus-Busse durchaus von Auseinandersetzungen und spricht über ihre Angst vor den mit Flaschen bewaffnet heranrennenden Parma-Fans:
Parla un’anziana tifosa della Juventus era a bordo del pullman nell’area di servizio Crocette: „Mi sono spaventata molto, sono ancora terrorizzata, ho visto quei ragazzi che correvano contro la corriera. E meno male che a noi ci hanno lasciato stare, eravamo già in partenza, non potevano mettersi davanti, ho visto che correvano. Ho visto un ragazzo con la bottiglia, era caduto nel correre o era inciampato, l’ha presa su e correva ancora dopo“
Ein Freund des Opfers sprach hingegen von genau von so einem „Zufall“: „Matteo befand sich nahe der Räder des Buses und das Fahrzeug hat ihn überrollt. Der Fahrer hat das Geschehen nicht mitbekommen und ist einfach weitergefahren.“ Dieser Freund berichtet von keiner Aggression gegen die Bianconeri, man hätte lediglich geschrien, dass der Bus anhalten solle, als er sich von der Unfallstelle entfernte. Aber der, vermutlich von Drohungen ausgehend, sei weitergefahren. Nach dieser Version handelte es sich also um einen einfachen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, den die Presse unbedingt zur „Story“ aufblasen will. Auch denkbar. Waffen konnten die eintreffenden Polizeikräfte jedenfalls nicht beschlagnahmen, weder solche noch als Waffen verwendbare Gegenstände. Einziger Hinweis auf einen möglicherweise stattgefundenen Zusammenstoß sind die Glassplitter einer Flasche auf dem Gelände des Rasthofs. Das Spiel Juventus gegen Parma wurde – obwohl es sich um einen tragischen Unglücksfall handelt – „als Zeichen der Trauer“ auf einen festzulegenden Zeitpunkt verschoben, laut Juventus-Offiziellen unter Rückendeckung der Liga und des Berufsspielerverbandes. Vermutlich wird das Spiel am 16.04. nachgeholt. Alle anderen Ligaspiele fanden wie geplant statt, der Anpfiff der gestrigen Partien erfolgte nach einer Schweigeminute. Die Ultràs von Empoli – verbrüdert mit Parma – entfernten alle Spruchbänder und Fahnen aus dem Stadion. Lediglich ein weisses Laken mit „Ciao Matteo“ erinnerte an den Zwischenfall. „Zeichen der Trauer“? Vermutlich hatte man eher seine Lehren aus den Auseinandersetzungen nach Gabriele Sandris Tod gezogen, als sich der Hass der Ultràs gerade aus dem Unverständnis speiste, dass der Spieltag „ganz normal“ ausgetragen wurde. Zudem mag ich nicht wirklich glauben, dass die Telefonate und SMS, die nach dem Todesfall unter den Fans der Juve und Parma kursierten, eine ruhige und reflektierte Aufarbeitung der Sachlage beinhalteten. Wie gesagt, ich weiss nicht, wie sich die Fans informierten, aber ein „Die Juve-Schweine haben einen von uns überfahren“ halte ich für nicht völlig ausgeschlossen. Das Spiel wurde jedenfalls abgesagt, weil man Angst vor Ausschreitungen hatte – Verkehrsunfall oder nicht. Für Matteo Bagnaresi sollte es der erste Spielbesuch nach 3 Jahren Stadionverbot werden. Am 06.01.2005 hatte er, gemeinsam mit einer Hundertschaft Parma-Ultràs, den Rasen des Tardini gestürmt und wurde wegen Ausschreitungen gegen Juventus-Fans nach Spielende angeklagt. Bagnaresi, Sohn eines Barilla-Ingenieurs und einer Lehrerin, arbeitete als Sicherheitsinspektor für Produktionsstätten. Laut Bericht der Gazzetta hatte er eine feste Arbeitsstätte und war Pazifist, politisch interessiert und antirassistisch engagiert. Nicht einmal den Sicherheitskräften war er als Hitzkopf bekannt. Stattdessen erinnert man sich seiner durch seine Aktivitäten im Sozialzentrum, wo er Kranken und Gescheiterten half. Klingt fast schon zu gut für einen echten Menschen. Mich interessiert das nicht wirklich – bezeichnend ist aber die Aufzählung aller dieser Eigenschaften durch die Gazzetta: Wen interessiert den so etwas bei einem Verkehrsunfall? Wird da etwa versucht, den Fußball aus der Schußlinie zu holen? Für Christiano Sandri, Bruder des im November erschossenen Gabriele, ist es „beeindruckend und absurd, von einem weiteren Todesfall zu hören“. Die Geschehnisse ließen für ihn „traurigste Momente wiederauferstehen“. Gabrieles Vater Giorgio ergänzt, dass er hoffe „dies ist das letzte mal, dass er von solchen Vorkommnissen hören muss, ansonsten zahlt der Fußball einen hohen Preis. Man könne es nicht akzeptieren, dass Jungs von 26, 28 Jahren für ein Fußballspiel sterben müssen.“ Gegen den Busfahrer Siro Spoldi wird einstweilen wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Derweil fordern die ersten Politiker ein generelles Auswärtsfahrtverbot, Berlusconi wehrt dieses in einer ersten Stellungnahme im übrigen vehement ab. Vor dem Hintergrund eines Todesfalls steht erst einmal die Trauer und das Mitgefühl mit der Familie des Toten. Keinesfalls darf der Tod Matteos dazu führen, dass ihn die Ultràs zum Märtyrer erheben oder die Staatsmacht als Beweis, dass man mit aller Härte gegen alles vorgehen muss, was Fahnen trägt. Obwohl in der sowieso aufgeheizten Stimmung in Italien vermutlich genau das passieren wird – der Staat dreht ein bisschen an der Repressionsschraube, die Ultràs schließen sich unter Druck noch fester zusammen. Zu dieser Betrachtung gehören aber auch Fakten, die ich selbst nur mit äußerster Bitterkeit niederschreiben kann: Jeden Sonntag kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auf italienischen Autobahnraststätten seit die Bahn durch effektive Kontrollsysteme das Problem auf die Autobahnen verlegt hat. Fast immer entsteht Gewalt aus dem Zusammentreffen der organisierten Ultrà-Gruppen. Gabriele Sandri war kein Friedensengel und Matteo, Mitglied der „Boys“, hatte gerade 3 Jahre Stadionverbot hinter sich. Im heutigen italienischen Fußball stirbt man durch Hiebe mit Eisenstangen oder per Schleuder verschossene Stahlkugeln oder eben beim Versuch, einen Kleinbus mit gegnerischen Fans bei der Abfahrt zu hindern. Wie auch immer. Ich war nicht dabei, ich kann nur die Presseberichte aufarbeiten und mich auf Ultrà-Seiten informieren. Wie auch immer die Wahrheit aussehen mag – womöglich waren alle Beteiligten friedlich Kaffee trinken und Matteo ging einfach unachtsam über die Straße, als er von dem Fahrzeug erfasst wurde. Die Feindschaft zwischen Juve und Parma ist im übrigen legendär. Hundertfach ist ein „il calcio non c’entra“ („Fußball spielt keine Rolle“) zu lesen. Tut er aber. Selbst wenn es sich um einen tragischen Verkehrsunfall handelte. Der Tote ist ein Mitglied der „Boys“ und auf der Raststätte befanden sich Fans der tief verfeindeten Lager. Stoff genug wäre also für eine knackige Story. Was auch immer genau geschehen sein mag – zum Märtyrer taugt Matteo nicht. Die Idee, für ein Ballspiel zu sterben – wie auch immer – ist zu absurd, um sie zu akzeptieren. Einstweilen publizieren die Boys Parma auf Ihrer Website ihren Ekel darüber, dass bestimmte Kreise nicht einmal vor dem Tod zurückschrecken und Geschichten von Eisenstangen, Ketten und Stöcken erfinden, um schön blutig vom Bürgerkriegsschauplatz „Calcio“ zu berichten.
„S’è parlato di catene, spranghe e bastoni. Ma né noi né gli juventini eravamo armati. S’è parlato di scontri e di tafferugli, ma le due fazioni non si sono date battaglia. S’è parlato ancora di tifo violento e di voler sospendere le trasferte dei tifosi, ma Il Bagna non è stato ucciso da altri ultras, è morto sotto le ruote di un pullman.“
„Es wurde von Ketten, Stangen und Stöcken gesprochen. Aber weder wir noch die Juventini waren bewaffnet. Man sprach von Zusammenstößen und Handgemengen, aber beide Gruppierungen haben nicht gekämpft. Schon wieder hat man von gewalttätigen Fans gesprochen und dass man Auswärtsfahrten verbieten müsse, aber Bagna ist nicht von anderen Ultràs ermordet worden, sondern starb unter den Rädern eines Busses.“
Soweit die Version der Boys. Viel wichtiger aber der Schluß ihres Communiquès:
„Si rispetti la verità, si rispetti la memoria di un ragazzo che non c’è più, si rispetti il dolore di chi a Matteo ha voluto bene.“
„Man möge die Wahrheit respektieren, man möge die Erinnerung an einen Jungen, der nicht mehr ist, respektieren, man möge den Schmerz derjenigen respektieren, die Matteo lieb hatten.“