Gennaro di Tommaso

Das Derby des halbtoten Mannes

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Während jeden Tag neue Meinungen zum Geschehen rund um das Römer Olympiastadion und deren Gegenteil durch die Presse getrieben werden, Meinungsführer und Hinterbänkler, ehemalige Fußballspieler und Ligachefs die moralische Deutungshoheit verteidigen und allenthalben nach „härteren Strafen“ gerufen wird, eignet sich der Fall – bei verwirrendster Sachlage – bestens als Beispiel dafür, wie die Informationsindustrie funktioniert. Wenigstens das, ansonsten ist ja nicht viel faktisch eindeutig. Mittlerweile ist die Nachricht auch bei sogenannten „Qualitätsmedien“ wie Spiegel Online eingetroffen, wo man es schafft, selbst die haarsträubenden Faktenfehler der Repubblica und Gazzetta noch dadurch zu toppen, indem man falsch abschreibt und fälscher übersetzt. Einig sind sich die Journalisten beider Länder darüber, dass das Opfer und die Schüsse ausgeblendet werden und die Wut in Richtung des Napoli-Ultras Gennaro di Tommaso kanalisiert wird. Der hat zwar mit der ganzen Angelegenehiet am wenigsten von allen zu tun, ist aber zum Symbolbild der Presse geworden. Weil er den Spitznamen „Genny ‚a Carogna“ trägt, weil er ein T-Shirt mit „Speziale Libero“ anhat, weil er grimmig aussieht und überhaupt, weil er vom Zaun herab mit Vertretern der Polizei verhandelt. Über den Tatverdächtigen erfährt man derweil kaum etwas relevantes, jedenfalls nicht viel. Das Opfer interessiert noch deutlich weniger. Äußerst seltsam, sollte man meinen.

Im Prozess der öffentlichen Meinung, der von Journalisten, Politikern und Institutionen als Kläger sowie Social Networks, Blogs und Foren als Verteidiger geführt wird, hält erstaunlicherweise „Genny“ den Platz als Symbolmonster dieses blutigen Abends her. Den Spitznamen hat er von seinem Vater, einem Camorra-Boss, geerbt. Entgegen der im Spiegel vorherrschenden Meinung, steht er für einen „Unglücksraben“. Unabhängig davon wüsste ich nicht, dass Schuld vom Vater auf den Sohn übertragen wird, jedenfalls nach 1945. Dem Publicity-Experten Roberto Saviano reicht das jedenfalls, um ihn zum Emblem dafür zu stilisieren, dass die Napoli-Kurve von der Mafia regiert wird. Deutlich besser belegt sind zwar entsprechende Infiltrationen in Parlament und Unternehmen, aber ältere Herren in Nadelstreifen eignen sich weniger, um das Böse zu illustrieren, als ein tätowierter Kerl mit „bösem Gesicht“ auf einem Stadionzaun. Öffentlich diskutiert wird ebenfalls, was „so einer“ in einem Stadion zu suchen hat, als würde das irgendjemandem ohne aktuelles Stadionverbot nicht zustehen. Und überhaupt, „Speziale Libero„, übereinstimmend als Abfeiern eines Polizistenmörders interpretiert und von ihm selbst im Interview (ja, der Mann gibt Interviews, man muss ihn nur fragen) selbstverständlich aufgeklärt: Es geht nicht darum zu sagen, dass ein „Polizistenmörder“ freigelassen werden soll, die Aussage lautet: „Antonio Speziale hat Philippo Raciti nicht getötet“. Eine Ansicht, eine nicht völlig unbegründete Meinung, die von jeder Menge Prozessbeobachtern geteilt wird und die im Übrigen von Artikel 21 selbst der italienischen Verfassung gedeckt ist, die das Recht auf freie Meinungsäußerung festschreibt. Selbst wenn man den Eindruck haben kann, dieser Passus sei in Fußballstadien lokal außer Kraft gesetzt. Speziale kämpft mit seinem Anwaltsteam derzeit für eine Prozessrevision, der Oberste Gerichtshof hatte dem Jugendgericht in Messina aufgetragen, diesbezüglich eine Entscheidung zu treffen. Antonio Speziale unterstrich gestern noch einmal, dass es ihm das Leid der Familie Racitis weiterhin sehr leid tue, er aber eben unschuldig sei. Wie gesagt, ganz allein steht er mit dieser Auffassung auch nicht da.

Unisono wird „Skandal“ geschrie(b)en, weil die Beamten der Digos und der Napoli-Kapitän Hamsik vor Anpfiff mit ihm „verhandeln„, unisono wird Bestürzung darüber ausgedrückt, „dass man sich jetzt wohl die Erlaubnis der Ultràs abholen muss, um ein Fußballspiel auszutragen“. Das reicht für 8-spaltige Überschriften im Stile von „Italienischer Fußball in der Hand von Ultràs“ und das krisengeplagte Land, das unendliche Anstrengungen vor sich hat, um den lähmenden Filz von Wirtschaftskriminalität, Mafia und Korruption loszuwerden, hat ein wunderbares Objekt, um seine Ressentiments auf ein einfaches Ziel zu kanalisieren. „Wie Thatcher mit den Hooligans“ soll man es machen, so die Forderung. Wie das einen Schusswechsel 3 km vom Stadion entfernt verhindern soll, wird nicht ausgeführt. „Lebenslanges Stadionverbot“ wird gefordert. Was soll das helfen, wenn der Tatverdächtige seit 10 Jahren kein Stadion mehr betreten hat und seine Mannschaft überhaupt nicht spielt an dem Tag? Natürlich spricht man in einer solchen akut überhitzten Situation mit dem Kopf einer Kurve, das tut man auch bei Demonstrationen mit den Organisatoren. Mit wem denn sonst? Der Frau vom fliegenden Würstchenstand vor dem Eingang? Nicht umsonst heißt es „tifo organizzato“, „organisierter“, pyramidal strukturierter, „Support“. Auf dass die Verantwortlichen der Kurve, soweit möglich, Einfluss auf diese nehmen.

Es ist nicht erst seit Heysel gängige Praxis, ein solches Spiel auszutragen und sie wurde gemeinsam von Präfektur, Mannschaften und Ligaverantwortlichen schon lange vorher getroffen. 65.000 äußerst erregte Menschen in die Straßen des nächtlichen Roms zu entlassen, ist einfach keine gangbare Option. Die übertragenden Fernsehkanäle und Werbekunden haben sich sicherlich nicht gegen den Anpfiff gesperrt. Selbstverständlich spricht man mit den Verantwortlichen der Kurve, damit Fans, Sicherheitskräfte und Mannschaft über die Sachlage informiert sind. Und es hat bestens funktioniert: Die Versuche seitens der Napoli-Ultràs, das Spiel abzubrechen, wurden eingestellt, das Spiel wurde ohne Beeinträchtigungen ausgetragen und es kam zu keinerlei weiteren Vorfällen, nachdem der böse „Genny“ seinen Leuten erklärt hatte, dass das Opfer noch lebt. Denn in der Zwischenzeit hatte sich dort nämlich das Gerücht verbreitet, „Ciro“ wäre seinen Verletzungen erlegen. Ich möchte gern Journalisten und sich als Tastaturhooligans gerierende Familienväter fragen, ob sie persönlich die Verantwortung übernehmen wollen, ein Fußballspiel in dieser Situation abzubrechen. Ich würde das nicht auf mich nehmen wollen. Aber moralische Verdikte sind ja schnell ausgesprochen, einfacher strukturiert als komplexe Sachverhalte mit vielen tausend Menschen und der Meinungsmob lässt keine leisen Stimmen zu.

Derweil liegt „Ciro“ im Krankenhaus, mittlerweile unter Arrest. In drei Reanimationen und einer verzweifelten Notoperation wurde sein Leben zunächst gerettet, nicht klar ist, ob er seine Gliedmaßen je wieder bewegen kann. Oder ob er überlebt. Hinterhältig erschossen. Es gibt auch einen dringend Tatverdächtigen, selbst wenn der medial kaum Beachtung findet. Daniele de Santis. Mittlerweile tauchen drei Augenzeugen (die Polizei fasste sie in einem 20-seitigen Dokument zusammen) und ein Video auf, die von einem koordinierten Überfall von vier Personen auf die in der Viale Tor di Quinto geparkten Busse der Napoli-Anhänger berichten. Offensichtlich haben die Polizeisperren nicht funktioniert. De Santis, zunächst laut ersten Polizeiangaben verwirrter Einzeltäter, hat ein veritables Vorstrafenregister, ist hervoragend in die extreme Rechte der Hauptstadt eingebunden und wurde seit den 90ern bis heute öfter einmal verhaftet wegen Ermittlungen, die u.a. seine Beziehungen zu Persönlichkeiten wie Giuliano Castellino beleuchten. Castellino ist Chef mehrerer rechtsextremistischer Vereinigungen wie „Popolo di Roma“ und „Movimento Sociale Europeo“. Die Pistole wurde – ein paar Meter vom bewusstlosen Daniele De Santis – in der Viale Tor di Quinto 57/b gefunden, unter dieser Adresse, an einer ehemaligen Gärtnerei, finden sich die Sportplätze von „Trifoglio“, verwaltet von Alfredo Iorio, Gründer und Führer einer weiteren Vereinigung von Rechtsaußen: „Popolo della Vita“. De Santis war wie eine Art Hausmeister dort für die Sportplätze verantwortlich, die Tatwaffe – eine Beretta 7.65 mit abgefeilter Seriennummer – fand man wenige Meter von ihm entfernt hinter dem Eingangstor. Als hochrangiger Ultrà des AS Roma war er es, der beim Derby im März 2004 dem Kapitän der Roma, Francesco Totti, auf dem Spielfeld berichtete, dass vor dem Stadion ein Kind von einem Polizeijeep totgefahren worden wäre und mit seinen Mannen einen Spielabbruch herbeiführte – das Spiel geht später als „Derby des toten Kindes“ in die Geschichte ein. Es gab damals zwar kein totes Kind, aber es gab damals auch noch kein Twitter. Erst 2008 wurde er mit weiteren 6 Angeklagten dafür freigesprochen und vom Staat für die erlittene Untersuchungshaft entschädigt. 1996 fand er sich im Zentrum von Ermittlungen wieder, die sich um die Erpressung des damaligen Roma-Präsidenten Franco Sensi drehten: die Curva Sud forderte Freikarten für Heim- und Auswärtsspielen, in den Prozessakten findet sich folgender Mitschnitt: „Wenn du uns keine Karten gibst, machen wir einen Fanstreik und niemand mehr geht ins Stadion. Oder wir machen alles kaputt, musst du wissen, ob dir das gefällt.“ Zwei Jahre vorher wurde er angeklagt aber ebenfalls freigesprochen für die Messerattacke auf Giovanni Selmin, Vize-Polizeichef, während der Auseinandersetzungen rund um das Spiel in Brescia am 20. November 1994. Die Älteren erinnern sich an das Spiel vor allem an eine konzertierte rechtsextremistische Aktion nationaler „Aktivisten“ verschiedener Städte, die die Kommunalwahlen zum Ziel hatten. Die Romanisti waren mit Äxten bewaffnet und weitere 15 Polizisten wurden damals teils schwer verletzt.

Identifiziert wurde er wohl wegen seines „SPQR“ Tattoos. Im Moment liegt er in einem aus Sicherheitsgründen geheim gehaltenen Krankenhaus mit zerstörter Kniescheibe und Schädel-Hirn-Trauma, unter Arrest wegen versuchten Mordes. Auf der Flucht vor den auf die Provokation reagierenden Neapoletanern war er ausgerutscht und hatte die Beretta gezogen und um sich geschossen. Danach zog er sich in die Räumlichkeiten zurück, wo man ihn später bewusstlos fand. De Santis, der seine Kurvenkarriere bei „Boys“ und „Frangia Ostile“ gelebt hat, war also bei weitem kein unbekannter Psychopath, sondern eine durchaus bekannte Figur in der Curva Sud der Roma und in den Vernetzungen der äußersten Rechten der Hauptstadt. Laut Aussagen seiner Freunde von damals geht „Gastone“ seit 2004 nicht mehr ins Stadion, niemand will ihn seitdem mehr dort gesehen haben. Eigentlich wird er auch nicht „Gastone“ genannt, sondern sei unter dem Namen „Danielino“ bekannt, „Er Gastone“ ist ein anderer Exponent der Curva Sud des AS Roma, der einfach so ähnlich heißt. De Santis‘, so seine Wegbegleiter, könne man sich auch nicht mit eienr Pistole vorstellen, sein Vater war Karatemeister und sein Sohn durchaus geübt in Kampfsportarten, trainiert im väterlichen Fitness-Club, „aber Waffen nie“. Aber er sei keiner aus der ersten Reihe: „er stand bei denen, aber nicht ganz vorn. Alles Leute, die zu Beginn der 90er Jahre mit mir im Movimento Politico Occidentale aktiv waren“, bescheinigt ihm Maurizio Boccacci, ein weiterer hochdekorierter Anführer der Römer Rechten. Der wurde wegen der Zwischenfälle in Brescia zu 5 Jahren Haft verurteilt. „Die Curva Sud von Roma ist heute anarchisch geworden, im Vergleich zu vor 10 Jahren bestimmt die Rechte dort überhaupt nichts mehr, heute findest du da sogar No TAV-Fahnen und letztlich finde ich das sogar gut, weil die No TAV für mich recht haben“. Sagt Bocacci. De Santis, „Danielino“ oder „Gastone“, wie ihn die Presse fälschlicherweise immer noch nennt, hatte 2008 für die Liste „Il Popolo della Vita“ kandidiert. Genau, die rechtsextreme Liste, deren Chef seinen Vereinssitz genau dort hatte, wohin sich De Santis nach den Schüssen flüchtete.  Daniele erhielt 44 Stimmen. Nicht einmal alle Freunde aus der Fitnessbude seines Vaters hatten ihn gewählt.

Vieles spricht für einen konzertierten, sauber geplanten Überfall, die von der Polizei erbrachten Augenzeugenberichte und mir bekannte Menschen, die vor Ort waren, berichten übereinstimmend von 4 Angreifern mit schwarzen Integralhelmen, die mit Pyrotechnik auf den Konvoi der Neapoletaner vorrückten. Ein im Web aufgetauchtes Video zeigt den Beginn der Provokationen. Nach den 3 Flüchtigen wird gefahndet, die Identifizierung (auh die des tatsächlichen Schützen) dürfte sich schwierig gestalten. Derweil liegt jedoch das rechtsmedizinische Gutachten vor, Staatsanwalt Antonio Di Maio trägt vor, dass der Test auf Schießpulver, der sogenannte „Paraffinhandschuh“ an den Händen De Santis‘ negativ ausgefallen sei. „Danielino“ selbst hatte die Schüsse immer bestritten, bleibt aber vorerst Hauptverdächtiger, allerdings nur noch basierend auf Zeugenaussagen und der Hoffnung auf Fingerabdrücke. Die Anhörung zur Bestätigung seiner Ingewahrsamnahme wird am Mittwoch stattfinden, ebenso die Pressekonferenz zum derzeitigen Stand der Ermittlungen. Hoffentlich dann schon mit dem Ergebnis der Fingerabdrücke der Pistole.

Mehrere Kilometer weg vom Stadion und in einer den Napoli-Fans zugeteilten aber offensichtlich nur halbherzig bewachten Zone der Stadt. Drei Verletzte, einer davon kann vielleicht nie wieder laufen. Der angeforderte Krankenwagen braucht unendliche Minuten, die Aufstellung der Sicherheitskräfte lässt zu wünschen übrig. Die tatsächliche Nachricht findet sich irgendwo in den Newstickern und Bildunterschriften (Odessa irgendwer?), während auf den Titelseiten das Ultràmonster Gennaro Di Tommaso lang und breit diskutiert wird, dessen „Verfehlung“ darin bestand, beruhigend auf seine Kurve eingewirkt zu haben und danach ins Krankenhaus gefahren zu sein, um sich nach dem Zustand des Opfers zu erkundigen. Dabei hatte er allerdings das falsche T-Shirt an. Ciro Espositos Zustand hat sich in der Nacht weiter verschlechtert. Seine Verteidigung hat – gratis – der bekannte Rechtsanwalt Angelo Pisani übernommen, zu dessen Klienten auch ein gewisser Diego Maradona gehört. Espositos Eltern beklagen, dass „niemand von seiten des Staates sich gemeldet“ hätte. Die Hotelkosten, um in der Nähe des um sein Leben ringenden Sohnes bleiben zu können, haben Ultràs übernommen. Die von Lazio.

Epilog: Heute Abend steht das Spiel Napoli gegen Cagliari an. Die Kurve von Napoli hat 30.000 T-Shirts mit der Aufschrift „Speziale Libero“ vorbereitet. „Selbstverständlich wäre das nichts, was wir zulassen können, das ist doch überhaupt keine Frage“, sagt der Chef des Fußballverbandes FIGC Giancarlo Abete. Das Spiel soll in diesem Fall abgebrochen werden. Auch der immer präsente Vorsitzende des Nationalen Kommittees CONI, Malagò, teilt die Meinung der Questura: „Wenn man mich fragt, würde das Spiel nicht ausgetragen.“ Ich hoffe, dass es zu keinerlei Rechtsbrüchen oder gar Verletzten kommt. Ich hoffe zudem, dass die Ermittlungen der Polizei dazu führen, dass die Schüsse in Tor di Quinto eindeutig aufgeklärt werden und der Täter ermittelt und verurteilt. Ich hoffe, dass das Land es schafft, eine sinnvolle, nachhaltige und rationale Strategie zu entwickeln, um derartiges in der Zukunft auszuschließen, soweit es menschenmöglich ist. Eins ist klar, „Genny  ‚a Carogna“ war es nicht. Obwohl er so aussieht, als hätte er es sein können. Stadionverbot hat er natürlich bekommen, 5 Jahre – er saß ja schließlich auf dem Zaun und hatte ein T-Shirt an. Die glücklichen Familien können nun angstfrei ins Stadion zurückkehren, alle Probleme sind gelöst.

Das „Speziale Libero“-Shirt gibt es bei BFU zu kaufen (unter dem Text).  Dadurch wird eine Spende für die Anwaltskosten möglich.