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Fotogalerie „Speziale libero“

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Birgit Schönau, die nach eigenem Bekunden „seit 2007“ zum Fall Antonio Speziale Speziale „recherchiert“ hat, verstieg sich am 14. Mai in der Printausgabe der SZ zu dem folgenden Satz:

Wer jetzt „Speziale Libero“ skandiert, solidarisiert sich erstens mit einem verurteilten Polizistenmörder und zweitens mit einem Handlanger der Camorra. Wissen das die Fans des FC Bayern, von Dortmund und von Hertha BSC, in deren Kurven dieses Spruchband erschien?“

Und, vermutlich, um die Ergebnisse ihrer jahrelangen Recherchearbeit zu unterstreichen, gibt sie auch gleich die fundierte Antwort:

Rom will jetzt ermitteln, ob es sich um italienische Einzeltäter handelt, die die Spruchbänder in die Kurven geschmuggelt haben – möglicherweise im Auftrag der Camorra. Oder doch um ein internationales Netz so genannter „Ultras“, deren gemeinsamer Feind die Polizei ist.

Mir fehlen hier noch ein paar Hinweise auf Chemtrails und in die in Neuschwabenland stationierten Ultrà-U-Boote, aber ansonsten ist das natürlich alles sehr schlüssig. Andrej Reisin beschäftigt sich heute auf publikative.org dann doch lieber mit dem tatsächlichen Prozessverlauf und dessen haarsträubenden Diskrepanzen und unterstreicht, dass das verfassungsmäßig garantierte Recht auf Meinungsfreiheit auch in Fußballstadien gilt. Ich halte es für völlig abwegig, angesichts der breiten, weltweiten Solidaritätswelle für den inhaftierten Speziale zu unterstellen, die Beteiligten wüssten nicht, dass es sich um einen verurteilten „Polizistenmörder“ handelt Wie Frau Schönau, darauf kommt, dass es sich beim Catanesen (!) Speziale um einen „Handlanger der Camorra“ handelt, erklärt sie leider nicht. In den öffentlich zugänglichen Prozessakten findet sich hierzu i.Ü. keine Zeile. Vollends absurd wird allerdings die Annahme, die unten aufgeführten Solidaritäts-Spruchbanner wären von der italienischen Camorra in die Stadien „geschmuggelt“ worden. Ich empfehle, im Selbstversuch einmal ein Banner in eine beliebige Stadionkurve zu nehmen und dort aufzuhängen. Aber auch die implizite Unterstellung, es handelt sich bei zehntausenden von aktiven Fußballfans sämtlichst um hirnlose Marionetten, die sich ohne Zögern dem Verdikt einer fantomatischen „Internationale der Ultràs“ unterwerfen und widerspruchslos die Freilassung eines gewalttätigen „Polizistenmörders“ fordern, gereicht ihr nicht zur intellektuellen Ehre.

Ich habe vieles aus den Prozessakten gelesen, auch das Buch „Il Caso Speziale“ von Simone Nastasi, ich habe die Zweifel des „L’Espresso“ wiedergegeben, mich mit Speziale und seinem Anwalt unterhalten sowie mit Menschen seines Umfelds und seiner Gruppen. Und wie auch Reisin unterstreicht, bietet sich Italien als Heimat der „Justizirrtümer“ und „politischen Entscheidungen“ auch nicht gerade als Land an, in dem auch eine rechtskräftige Verurteilung zwingend immer etwas mit Fakten oder auch nur Indizien zu tun haben muss. Aber um die Brisanz der in der SZ verbreiteten Meinung zu unterstreichen, habe ich im Folgenden einmal eine Auswahl (!!) in Solidarität mit Antonio Speziale gezeigten Spruchbänder zusammengestellt. Ist es wirklich denkbar, dass es sich hierbei wahlweise von durch die Camorra infiltrierte Statements oder unkritisches Abfeiern eines „Mordes“ handelt?

Demgegenüber sieht das, was ich geneigt wäre, Realität zu nennen, in etwa so aus: Die Geschichte von Antonio Speziale ist in der Lesart vieler Kurvengänger die Geschichte eines bettelarmen 17-Jährigen aus einem Ghetto in Catania, eines Bauernopfers und Sündenbocks, der für alles herhalten muss, was in Italiens Fußball und Gesellschaft schiefläuft. Speziale ist kein Engel, kein unbescholtener Bürger, aber eben auch kein Totschläger oder gar Mörder. Das Gefühl, mit etwas Pech zur falschen Zeit am falschen Ort könnte man selbst dieser Speziale sein – das ist es, was diejenigen umtreibt, die ihre Solidarität zeigen. Ob man dieser Interpretation folgt oder nicht, ist irrelevant: Sie allein reicht aus, um für die entsprechenden Solidaritätsbekundungen zu sorgen.
Andrej Reisin für publikative.org

Dem will ich nichts hinzufügen. Außer vielleicht, dass die unabhängige Polizeigewerkschaft SAP auf Ihrer Jahreshauptversammlung den 5 wegen Totschlags an Federico Aldrovandi rechtskräftigt verurteilten Polizisten 5 Minuten stehende Ovation gönnt. Oder vielleicht noch, dass Ex-Justizminister Angelino Alfano vor dem Parlament mit einer Gruppe von Abgeordneten lauthals per Sprechchor die Freilassung des rechtskräftig verurteilten Silvio Berlusconi fordert. Ohne, dass irgendjemand darüber despektierliche Bemerkungen macht. Wenn hingegen Stadionfans sich dasselbe Recht herausnehmen, protestiert die „Süddeutsche Zeitung“ vehement. Zufall oder Vorurteil?