Pietro Arcidiacono

Italienischer Fußballer erhält Stadionverbot für ein T-Shirt

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Der letztinstanzliche Prozess gegen Antonio Speziale ist zwischenzeitlich mit einer Bestätigung der Haftstrafe von 8 Jahren geendet. Der junge Mann war angeklagt, beim 2007er sizilianischen Derby Catania-Palermo für den Tod des Polizisten Filippo Raciti verantwortlich zu sein und ist nun zurück in Haft. Er wurde direkt nach der Urteilsverkündung (nichts neues unter der Sonne) in das Gefängnis Brucoli verbracht. Wir hatten ja in der Doku auf ZDF info mit ihm, seiner Gruppe und seinem Anwalt gesprochen und unsere und deren Zweifel an dem Zustandekommen geäußert. Italien wäre aber nicht Italien, wenn man nicht immer noch eins draufsetzen könnte. Zu den vielen Menschen, die einen gewissen Grundzweifel an der Praxis der italienischen Rechtssprechung allgemein hegen, insbesondere aber an der Schuld Antonio Speziales, gehört Pietro Arcidiacono. Arcidiacono ist Stürmer des Serie D-Clubs Nuova Cosenza und stammt aus Catania, er ist im selben Stadtteil wie Speziale aufgewachsen.

Sein Team, spielt am Wochenende in Lamezia Terme gegen Sambiase. Nach seinem dritten Treffer lässt er sich von der Bank – von seinem Bruder Salvatore – ein weißes T-Shirt reichen und hält es in die Kameras. "RAI Sport" hatte das Spiel übertragen. Darauf steht "Speziale innocente" – "Speziale unschuldig". Nun sollte man meinen, seine persönliche Meinung über Schuld oder Unschuld eines Menschen wäre in europäischen Demokratien vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt. Nicht so in einem Land wie Italien, wo man Stadionverbot schon erhält, wenn man den Wortlaut des Artikels 21 der italienischen Verfassung auf ein Bettlaken sprüht und mit ins Stadion nimmt. Artikel 21 der Verfassung garantiert eben das Recht auf freie Meinungsäußerung. In Fußballstadien ist diese aber scheinbar außer Kraft gesetzt; das Ironieverständnis ja sowieso.

Und weil Vertreter der Polizeigewerkschaften nicht nur in Deutschland zu populistischen Schnellschüssen neigen, beeilt sich auch Giuseppe Brugnano, Sekretär für Kalabrien der Polizeigewerkschaft COISP, zu erklären: "Wir legen dem Verein mit Nachdruck ans Herz, den Spieler aus dem Register zu streichen. Und wir fordern ein sofortiges Eingreifen der Federcalcio, die eine härteste Sanktion aussprechen muss." Selbstverständlich. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder so einfach Zweifel an einer Urteilsbegründung äußern dürfte. Sinnlos an dieser Stelle die Beteuerungen des Spielers, die Schrift wäre nur eine "Geste der Solidarität" gewesen für einen Jungen, den er kannte, der im selben Stadtteil Catanias aufgewachsen ist. "Ich wiederhole, das richtete sich absolut nicht gegen die Ordnungskräfte." Völlig egal auch, dass Antonio Speziales Verteidiger Giuseppe Lipera ihm beispringt: "Es erleichtert mich, dass ich nicht der einzige Idiot in Italien bin, der an die Unschuld dieses Jungen glaubt."

Sein Verein lässt jedenfalls bereits kurz nach dem Spiel erklären, dass man keine Kenntnis von der geplanten Geste hatte, dass man sich distanziert und dass der Spieler mit sofortiger Wirkung aus der Mannschaft ausgeschlossen wurde. Aber das darf natürlich nicht reichen, nachher darf Pietro Arcidiacono noch woanders Fußball spielen. Trotz seines T-Shirts "Speziale innocente". Das muss mit allen Mitteln verhindert werden! Und deshalb beschließt der Polizeichef von Catanzaro, Guido Marino, heute, dem Spieler ein dreijähriges Stadionverbot auszusprechen:

(ANSA) – CATANZARO, 19 NOV – Il Questore di Catanzaro Guido Marino ha emesso un Daspo che impone tre anni lontano dagli stadi per l’attaccante del Cosenza calcio (serie D) Pietro Arcidiacono, 24 anni, di Catania, che sabato, per festeggiare un gol, ha esibito una maglia con la scritta ”Speziale innocente” per solidarieta’ con l’ultras del Catania condannato in via definitiva per omicidio preterintenzionale per la morte dell’ispettore capo di polizia Filippo Raciti in occasione del derby col Palermo.

Übersetzen brauche ich das nicht, in der Begründung steht auch nichts erhellenderes. Das Stadionverbot wird damit begründet, dass der24-jährige Arcidiani ein Shirt mit "Speziale Innocente" gezeigt hatte. Ich tue es Fananwalt Lorenzo Contucci nach, der auf seinem Facebook-Profil erklärte, dass auch er Speziale für unschuldig hält und den Polizeichef von Rom auffordert, auch ihn selbst mit einem Stadionverbot zu bestrafen. Und viele tun es ihm im Moment gleich.

Ich heiße Kai Tippmann und ich denke,

SPEZIALE IST UNSCHULDIG! Jetzt Stadionverbot für uns alle!
SPEZIALE INNOCENTE! Ora daspateci tutti!

Nachtrag 21.11.2012: Pietro Arcidiacono wurde heute vom Verband bis Ende Juli 2013 vom Fußballbetrieb gesperrt. Wie viele andere frage ich mich, was passiert wäre, wenn er “Spaccarotella innocente” auf sein Shirt geschrieben hätte.