Carlo Tavecchio

Carlo Tavecchio. Ein Mann dreht frei.

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„Ich habe nichts gegen die Juden, aber besser, sie im Zaum zu halten.“ Text und Musik Carlo Tavecchio, der gestern nach tagelangem Abwehrkampf zurückgetretene Präsident des italienischen Fußballverbandes FIGC. Der oberste Verantwortliche, um beispielsweise die von Lazio-Ultras verteilten Anne-Frank-Aufkleber zu verurteilen und aufzuklären. Gestern ist Tavecchio von seinem Amt zurückgetreten. Freilich nicht für seine antisemitischen, rassistischen oder sexistischen Sprüche, sondern wegen der Nicht-Qualifikation der Squadra Azzurra für die Weltmeisterschaft in Russland. Als Cesare Anticoli die Immobilie erwarb, in der der Amateurverband Lega Nazionale Dilettanti seinen Sitz hat, titolierte Tavecchio ihn als „Ebreaccio“. Das heißt auch Jude, aber als Schimpfwort.

Man mag sich solche Äußerungen von hohen Funktionären in Kerneuropa ja nicht vorstellen, deswegen ist es wichtig, den Kontext zu definieren, in dem sich italienische Ultras bewegen. Tavecchio war bis gestern Boss des Verbands, der 2013 reihenweise Kurven schließen ließ, weil dort in Spielen gegen Napoli Gesänge gegen Napoli ertönten. Die „territoriale Diskriminierung“, mit der man die Antirassismus-Vorgaben der UEFA auf Einwohner der Stadt Neapel anwendete, war noch unter seinem Vorgänger entworfen worden. Tavecchio hielt man für qualifiziert, dessen Werk fortzusetzen.

Der 72-jährige Ex-Bürgermeister von Ponte Lambro war erst im August 2014 an die Spitze des italienischen Fußballs gesetzt worden. Als erste Amtshandlung nahm er sich während einer Rede vor der Lega Dilettanti des Themas Ausländer im Spielbetrieb an. Besonders am Herzen lag ohm die Zivilisierung dunkelhäutiger Spieler. „Sagen wir Opti Pobà ist hier hergekommen, früher hat der Bananen gegessen und jetzt ist er Stammspieler bei Lazio.“ Tavecchio wurde – kaum gewählt – von der UEFA hierfür erst einmal 6 Monate gesperrt.

Ein anderes Thema, das ihm sehr am Herzen lag, war der Frauenfußball. Hier zeigte Tavecchio sogar eine gewisse Lernfähigkeit. Nur Monate nach seinem Ausfall zu Bananen fressenden Lazio-Spielern stellte er fest „Bis jetzt glaubte man, dass die Frau in Bezug auf athletische Leistungen gegenüber dem Mann etwas behindert („handicappato“) wäre . Dagegen haben wir herausgefunden, dass sie sehr ähnlich sind.“ Das hatte er inzwischen gelernt, der Carlo. Gegen Frauen hat er auch nichts, „haltet die Homosexuellen von mir fern“ war seine größere Sorge.

Nicht bedacht hatte er, dass es auch homosexuelle Frauen gibt. Das ist aber kein Problem, wenn man sich mit guten Leuten auf der eigenen Wellenlänge umgibt. Tavecchios Nachfolger als Chef der mächtigen Lega Nazionale Dilettanti heißt Felice Belloli und war einer der Vertrauten Tavecchios in der FIGC. Der erregte sich während eines Verbandstreffens über die Förderung des Frauenfußballs: „Basta! Man kann nicht immer davon reden, diesen vier Lesben Geld zu geben.“ Das Gelächter älterer Herren mag man sich hier dazu vorstellen.

Man qualifiziert sich natürlich nicht allein mit Rassismus, Homophobie und Sexismus für das höchste Amt des italienischen Fußballs, da braucht man sicherlich Dokumente in schwarz auf weiß. Die sammelte der ältere Herr mit dem freundlich-runden Gesicht von 1976 bis 1995 als Bürgermeister des 4.000 Seelen-Städtchens Ponte Lambo in der Nähe von Como: drei Monate für nicht abgeführte Sozialbeiträge, vier Monate für falsche Angaben in eienr Kreditsache, zwei Monate für nicht abgeführte Mehrwertsteuer, drei Monate für Amtsmissbrauch. Nichts dramatisches.

Heute nun, am Tag nach seinem forcierten Rücktritt, berichtet der Corriere della Sera von Missbrauchsvorwürfen seitens einer Offiziellen der FIGC. „Du bist gut in Form, man sieht dass du oft fickst.“ hätte er ihr in seinem Büro bedeutet und, nachdem er die Vorhänge geschlossen hat, „Lass mich deine Titten anfassen, komm schon.“ Einige der Übergriffe, von versuchten Küssen bis ungewollten Berührungen, sind auf Video dokumentiert und in den Händen ihres Anwalts für die Anzeige.

Gestürzt ist Carlo Tavecchio letztlich über den Umstand, das die italienische Nationalmannschaft im San Siro kein Tor gegen die Schweden schoss. „Wenn der Pfostenschuss reingegangen wäre, würde ich als Held gefeiert werden“. Als Held vielleicht nicht, aber er wäre noch im Amt als ein ganz normaler Fußballfunktionär mit einer ganz normalen Funktionärsbiografie. Die italienischen Medien subsumieren die bananenfressenden „Opti Pobàs“, die „Frauen mit Handicap“ und die fernzuhakltenden Homosexuellen derweil unter „Gaffe“: Ausrutscher, Fehltritt, Schnitzer, Fauxpas.

In diesem Umfeld bewegen sich italienische Fußballfans, von solchen Funktionären werden die Regeln des sicheren und freudvollen Stadionbesuchs entworfen. Das ist der Kontext des italienischen Fußballbetriebs, in dem Fußballspielerinnen von Verbandsfunktionären als „vier Lesben“ tituliert werden können, dem Verein Sambenedettese aber untersagt wird, zum Aufwärmen ein Shirt für einen im Koma um sein Leben ringenden Fan überzustreifen. In dem „Juden unter Kontrolle gehalten“ werden sollten, aber ein Spieler für ein „Speziale ist unschuldig“-Shirt ein Stadionverbot erhält. Pietro Arcidiacono spielte seinerzeit in der Serie D. Präsident der zuständigen Lega Nazionale Dilettanti war seinerzeit Carlo Tavecchio.

[Beitragsbild: By Emanuele.corr (Own work) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons]