Napoli Colera

Möge der Bessere gewinnen

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Nachdem das Verbot von Trommeln, Megaphonen, unangemeldeten Spruchbändern, Bewegungs- und Meinungsfreiheit immer noch nicht alle Italiener davon überzeugt hat, Fußballstadien fernzubleiben, haben sich die Verantwortlichen für die öffentliche Sicherheit, Ordnung und Sittsamkeit beim Fußball dieses Jahr etwas ganz besonderes für den geschätzten Fan einfallen lassen: Eine Jury bewertet die am Spieltag dargebotenen Gesänge und entscheidet, wer eine Runde weiter kommt bzw. wer aussetzen muss. Damit die Neuerung sich auch rasch verbreitet, waren es zu Saisonbeginn auch erst einmal die großen Kurven von Inter und Milan, die mit einer Schließung der Kurven bestraft wurden. Wegen, so verbreitete es die Presse ebenso rasch wie unisono, "rassistischer Gesänge".

Schön, möchte man sagen, greift endlich mal jemand durch gegen die in italienischen Fankurven leider viel zu oft gefeierten rassistischen Schmähungen. Aber weit gefehlt, während Affenlaute weiterhin bestenfalls mit symbolischen Geldstrafen belegt werden, setzt man dieses Jahr etwas tiefer an: "Diskriminierungen aufgrund regionaler Herkunft" hatte man aus den Kurven der Mailänder Vereine vernommen, und solches ist laut Art. 11 Nummer 1, 3 und 18 des Codice di Giustizia Sportiva mit Sanktionen bewehrt. Wer nun immer noch Rassismus vermutet, dem sei anvertraut, dass es sich um den seit Jahrzehnten beliebten Evergreen "Senti che puzza" handelt, eine Schmähung der Fans aus Napoli. Ein Lied, in dem man dem Gegner mitteilt, dass er stinkt.

Das wäre fast zum Schmunzeln, würde es nicht eine neue Qualität der Repression einläuten: Was hier unter dem populistischen Deckmantel des "Antirassismus" geführt wird, ist nichts anderes als die vollkommen willkürliche Schließung von Kurven wegen irgendwelcher Gesänge gegen Fans der anderen Mannschaft Es ist ja im Fußball oft so, dass der jeweilige Spieltagsgegner aus einer anderen Region stammt als man selbst und der Linie des Sportrichters Tosel folgend, ist jegliche negative Äußerung über diesen eine "Diskriminierung wegen regionaler Herkunft". Vermutlich sind ja auch Sprechchöre a la "Wir sind die Besten" irgendwie diskriminierend gegenüber dem Gegner, "Möge der Bessere gewinnen" geht vermutlich gerade noch so.

Konsequent und kohärent wie man in Italien ist, beließ man es beim einmaligen Warnschuss. Die Inter-Fans intonierten ihre Napoli-Schmähung bereits beim nächsten Auswärtsspiel erneut: keine Konsequenz. Die Milanisti sangen ihr Lied beim Spiel gegen Sampdoria sowohl draußen vor dem Block als auch im (nicht geschlossenen) Unterring grün und verteilten Flyer mit dem Text: keine Konsequenz.(*) Aber das Signal ist gesetzt und es bedeutet: "Wir können nach Belieben jeden Sektor jedes italienischen Stadions schließen". Denn irgendetwas wird sich mit Sicherheit in jedem Fußballspiel finden, das den Rivalen bzw. dessen Heimat diskriminiert. "Torino vaffanculo" zum Beispiel. "Palermo merda". "Schalke ist doof". Hartes Durchgreifen also in einem Land, in dem Angehörige des Parlaments die farbige Gleichstellungsbeauftragte Kyenge auch mal mit einem Orang Utan vergleichen (das Parlament wurde im Übrigen nicht geschlossen).

Hoffnung macht die Reaktion der so übel Angegriffenen, die sich offensichtlich vom Protektionismus der Sportgerichtsbarkeit wenig angetan zeigten. Heute entrollten die Neapolitaner im heimischen San Paolo ein langes Spruchbanner mit den Worten "Napoli Colera, jetzt schließt uns auch die Kurve" ("Napoli Colera" ist eine weitere Textzeile des Liedes) und sangen dazu das besagte Liedchen oder andere Anti-Napoli-Gassenhauer wie "Vesuvio lavali col fuoco" ("Vesuv, wasch sie mit Feuer"). Eine großartige Geste seitens der Neapolitaner, Zeichen gesunder Rivalität und Respekt vor dem Gegner. Ich bin gespannt, wie die Sittenwächter mit derlei Ironie umgehen. Halten wir aber erst einmal fest: Die italienische Sportgerichtbarkeit schließt die Kurven von Milan und Inter wegen „Rassismus“. Die angeblich Angegriffenen machen aus Solidarität mit.

*Nachtrag: Nachdem die Milan-Leute im Gästeblock bei Juve gestern „Wir sind keine Neapolitaner“ („Noi non siamo napoletani“) gesungen haben, beschied heute die Sportgerichtsbarkeit in ihrer unfehlbaren Weisheit: Das Spiel Milan-Udinese wird vor verschlossenen Türen ausgetragen. Denn merke: Hamburger sind immer auch Münchner, alles andere wäre ja diskriminierend.

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