Curva Nord 69

Das nächste mal entscheiden WIR, wann wir unseren Sektor schließen

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Ich hatte es im Nachtrag zum „Möge der Bessere gewinnen“ bereits angedeutet: Nachdem die Milan-Fans im Gästeblock bei Juve “Wir sind keine Neapolitaner” (“Noi non siamo napoletani”) gesungen haben, beschied die Sportgerichtsbarkeit um Signor Tosel in ihrer unfehlbaren Weisheit: Das Spiel Milan-Udinese wird vor verschlossenen Türen ausgetragen. Offiziell schiebt die Liga das Problem der UEFA zu, deren strikte Vorgaben man ja umsetzen müsse. Giovanni Malagò, Präsident des Nationalen Olympischen Kommitees (!) CONI drückt das so aus:

„FIFA und UEFA haben sich für dieses Diktat entschieden, dem wir uns unterwerfen müssen, ich sehe keine andere Lösung als die, dass der betroffene Stadionsektor etwas gegen diejenigen unternimmt, die ihre Mannschaft schädigen.“

Ohne darauf einzugehen, dass in keinem anderen europäischen Land die Antirassismus-Normen so ausgelegt werden, dass die Beschimpfung gegnerischer Teams darunter fällt, drückt Herr Malagò aber auch die nächste Eskalationsstufe aus: Art. 11 Nummer 1, 3 und 18 des Codice di Giustizia Sportiva, auf den man sich beruft, wenn Sektoren oder Stadien geschlossen werden, sieht im Wiederholungsfall zunächst vor, dass ein Spiel 0:3 gewertet wird und danach Punktabzüge bis zum Ausschluss aus dem laufenden Wettbewerb. Dass Malagòs implizite Befürchtung durchaus ernst genommen werden sollte, zeigen drei gestern veröffentlichte offizielle Verlautbarungen der Curva Sud Milan, der Curva Nord Inter und der Curva Scirea/Fighters Juventus, in denen angekündigt wird, am Spieltagswochenende nach der Nationalmannschaftspause (19./20.10.) „territorial diskriminierende“ Gesänge und Spruchbanner zu wiederholen. Inter ließ dies bereits im letzten Heimspiel per Spruchband wissen: „Das nächste mal entscheiden WIR, wann wir unseren Sektor schließen“.

Im langen Kommuniqué begründen die Milanisti ihr Vorgehen wie folgt:

„Herzlich Willkommen im Land, wo Spaß und Verarsche Begründung für freiheitsbeschränkende Sanktionen sind. In diesen Tagen wohnen wir in Italien einer absurden Auslegung des Rechts bei, die uns zu Leidtragenden eines unsinnigen und nicht zu rechtfertigenden Angriffs macht. Und genau am Wochenende in dem das Fanlager aus Neapel mit einem großartigen Sinn für Mentalität und Autoironie diese üble Geschichte (unsere geschlossene Kurve) aufs Korn nimmt und sich gegen die allwissenden Experten stellt, in dem sie ihnen vorhält, wie falsch und lächerlich deren Anschuldigungen sind.“

Selbstverständlich birgt es ein Risiko, mit anderen Stadionbesuchern in Konflikt zu geraten, wenn man Punktabzüge und Geisterspiele willentlich provoziert. Zumal in Italien, wo die öffentliche Meinung über Ultràs, befeuert von 40 Jahren einseitiger medialer Berichterstattung, generell zwischen Päderasten und Immobilienmaklern oszilliert. Insofern weist die Curva Nord von Inter explizit darauf hin, dass ihre lange Stellungnahme alle Stadionbesucher zum Nachdenken anregen soll. Zudem laden auch sie alle italienischen Kurven ein, sich am Protest zu beteiligen:

„Während wir über die Fragen nachdenken, die wir ausdrücklich an alle gerichtet haben, Ultràs oder nicht, behalten wir uns gemeinsame Initiativen vor, koordiniert mit anderen Fans, Ultràs, mit den Fans der anderen Mannschaft unserer Stadt, mit unseren befreundeten Fanlagern, mit unseren alten Rivalen und mit jedem, der die Tragsweite dieses unglaublichen Versuchs begreift, unseren Hirnen ein Spießbürgertum aufzudrücken, dass Frucht der verrückten Psychopathen ist, die unseren Fußball und unser Land regieren…“

Neben der Tatsache, dass bereits vollzogene Schließungen von Kurven wegen tatsächlich rassistischer Äußerungen von der Allgemeinheit und der Welt der organisierten Fans eher schweigend hingenommen wurden, weist insbesondere die Curva Sud deutlich darauf hin, dass es gegen die Überinterpretation geltender Normen geht, deren einziges Ziel ist, das Phänomen „Ultrà“ aus den Stadionkurven zu entfernen. Es gehe der Curva Sud einzig und allein darum, dass man es als tradiertes Recht ansieht, den Gegner zu beleidigen und stellt sich gegen ein keimfreies Tennispublikum im einstmaligen Volkssport Fußball:

„Es sollte klar sein, dass niemand das Gesetz gegen Rassismus für sinnlos oder falsch hält, wir wollen nicht als die durchgehen, die sich gegen die Verurteilung jeglicher Form von Diskriminierung auflehnen. Das Problem ist, dass der Terminus „jeglicher Form“, sich weg bewegt von der kompromisslosen Verurteilung des Phänomens Rassismus, das zumindest für uns vollkommen inakzeptabel ist, und hin zur Unmöglichkeit, noch albern, bissig oder auch nur schlecht erzogen zu sein.“

Und in der Tat ist Beleidigung etwas anderes als Diskriminierung. Und wie die Neapolitaner mit ihrem „Napoli Colera“ eindrucksvoll beweisen haben, akzeptieren wohl praktisch alle Stadionbesucher, vom jeweiligen Gegner auch beleidigt zu werden. Nicht umsonst heißt Giovanni Francesios Geschichte der italienischen Ultràs „Tifare Contro„, das „dagegen supporten“ hat in italienischen Stadien – in der Heimat des „Campanilismo“ – Jahrzehnte lange Tradition. Aber vermutlich finden sich Verhöhnungen und Beleidigungen des Gegners auch in allen anderen Fußballstadien. Das mag nicht jedem Einzelnen gefallen, das Vorgehen dagegen sollte aber in der Rangordnung sinnvollerweise ein paar Plätze unter der Lösung der Wirtschaftskrise, des Welthungers und des Findens einer Krebsheilmethode rangieren. Zumal in einem Land, in dem bis vor Kurzem eine Partei in der Regierungsverantwortung stand, deren Name und Gründungsmerkmal eben die territoriale Diskrimination ist: die Lega Nord.

Man darf gespannt sein, wie das nächste Spieltagswochenende verläuft, wie viele Kurven mitmachen und wie die Sportgerichtsbarkeit mit dem Problem umgeht, konsequenterweise womöglich reihenweise Stadien schließen zu müssen und Punktabzüge auch für die „Großen“ des italienischen Fußballs zu verhängen. Auf jeden Fall hat die Hexenjagd auf Ultràs mit der diese Saison eingeläuteten Eskalationsstufe schon jetzt etwas erreicht, das mehr als vier Jahrzehnte unmöglich schien, die italienischen Ultràs zu vereinen. Vom “Progetto Ultràs”zum “Basta Lame, Basta Infami”, vom “BISL” zum “NISS”, bislang hat es keine Initiative oder Idee jemals geschafft, auch nur eine Mehrheit der italienischen Ultràs hinter sich zu bringen. Es ist denkbar, dass jetzt eine Grenze überschritten wurde, die tatsächlich zu koordinierten Aktionen führt.

„An diesem Punkt setzen wir die Waffen ein, die wir haben, und wir vertrauen auf die Antwort aller, die sich wirklich als Ultràs begreifen. Jenseits der Rivalität, jenseits von Allem. Die Waffe, um den Feind zu besiegen, hat uns der Feind selbst in die Hand gedrückt…“

Allein die Worte „Waffe“ und „Feind“ zeigen deutlich, wie breit der Graben zwischen den Bossen des italienischen Fußballs und dessen Fans mittlerweile geworden ist.

Nach Redaktionsschluss:

  • 09.10. – Gradinata Nord Genoa 1893: „Wir sind an einem Punkt angelangt, von dem es keine Rückkehr gibt, wir sagen „es reicht“ und um unsere Leidenschaft und unsere Ideale zu verteidigen, sind wir zu allem bereit, wir tragen unsere Missbilligung auf die Straße!“
  • 09.10. – Tribuna Fattori Padova: „Und glaubt uns, wenn wir intelligent sind, kommen wir von selbst darauf, dass diese Herren uns diesmal die Lösung auf einem Silbertablett serviert haben…“
  • 11.10. – CREW Vicenza: „“Liebe Leute, wir sagen ‚es reicht‘ zu diesem Blödsinn […], zur Doppelmoral dieses Fußballs und unserer Institutionen, die das wahre Übel unserer Gesellschaft sind.“