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Das nächste mal entscheiden WIR, wann wir unseren Sektor schließen

Ich hatte es im Nachtrag zum „Möge der Bessere gewinnen“ bereits angedeutet: Nachdem die Milan-Fans im Gästeblock bei Juve “Wir sind keine Neapolitaner” (“Noi non siamo napoletani”) gesungen haben, beschied die Sportgerichtsbarkeit um Signor Tosel in ihrer unfehlbaren Weisheit: Das Spiel Milan-Udinese wird vor verschlossenen Türen ausgetragen. Offiziell schiebt die Liga das Problem der UEFA zu, deren strikte Vorgaben man ja umsetzen müsse. Giovanni Malagò, Präsident des Nationalen Olympischen Kommitees (!) CONI drückt das so aus:

„FIFA und UEFA haben sich für dieses Diktat entschieden, dem wir uns unterwerfen müssen, ich sehe keine andere Lösung als die, dass der betroffene Stadionsektor etwas gegen diejenigen unternimmt, die ihre Mannschaft schädigen.“

Ohne darauf einzugehen, dass in keinem anderen europäischen Land die Antirassismus-Normen so ausgelegt werden, dass die Beschimpfung gegnerischer Teams darunter fällt, drückt Herr Malagò aber auch die nächste Eskalationsstufe aus: Art. 11 Nummer 1, 3 und 18 des Codice di Giustizia Sportiva, auf den man sich beruft, wenn Sektoren oder Stadien geschlossen werden, sieht im Wiederholungsfall zunächst vor, dass ein Spiel 0:3 gewertet wird und danach Punktabzüge bis zum Ausschluss aus dem laufenden Wettbewerb. Dass Malagòs implizite Befürchtung durchaus ernst genommen werden sollte, zeigen drei gestern veröffentlichte offizielle Verlautbarungen der Curva Sud Milan, der Curva Nord Inter und der Curva Scirea/Fighters Juventus, in denen angekündigt wird, am Spieltagswochenende nach der Nationalmannschaftspause (19./20.10.) „territorial diskriminierende“ Gesänge und Spruchbanner zu wiederholen. Inter ließ dies bereits im letzten Heimspiel per Spruchband wissen: „Das nächste mal entscheiden WIR, wann wir unseren Sektor schließen“.

Im langen Kommuniqué begründen die Milanisti ihr Vorgehen wie folgt:

„Herzlich Willkommen im Land, wo Spaß und Verarsche Begründung für freiheitsbeschränkende Sanktionen sind. In diesen Tagen wohnen wir in Italien einer absurden Auslegung des Rechts bei, die uns zu Leidtragenden eines unsinnigen und nicht zu rechtfertigenden Angriffs macht. Und genau am Wochenende in dem das Fanlager aus Neapel mit einem großartigen Sinn für Mentalität und Autoironie diese üble Geschichte (unsere geschlossene Kurve) aufs Korn nimmt und sich gegen die allwissenden Experten stellt, in dem sie ihnen vorhält, wie falsch und lächerlich deren Anschuldigungen sind.“

Selbstverständlich birgt es ein Risiko, mit anderen Stadionbesuchern in Konflikt zu geraten, wenn man Punktabzüge und Geisterspiele willentlich provoziert. Zumal in Italien, wo die öffentliche Meinung über Ultràs, befeuert von 40 Jahren einseitiger medialer Berichterstattung, generell zwischen Päderasten und Immobilienmaklern oszilliert. Insofern weist die Curva Nord von Inter explizit darauf hin, dass ihre lange Stellungnahme alle Stadionbesucher zum Nachdenken anregen soll. Zudem laden auch sie alle italienischen Kurven ein, sich am Protest zu beteiligen:

„Während wir über die Fragen nachdenken, die wir ausdrücklich an alle gerichtet haben, Ultràs oder nicht, behalten wir uns gemeinsame Initiativen vor, koordiniert mit anderen Fans, Ultràs, mit den Fans der anderen Mannschaft unserer Stadt, mit unseren befreundeten Fanlagern, mit unseren alten Rivalen und mit jedem, der die Tragsweite dieses unglaublichen Versuchs begreift, unseren Hirnen ein Spießbürgertum aufzudrücken, dass Frucht der verrückten Psychopathen ist, die unseren Fußball und unser Land regieren…“

Neben der Tatsache, dass bereits vollzogene Schließungen von Kurven wegen tatsächlich rassistischer Äußerungen von der Allgemeinheit und der Welt der organisierten Fans eher schweigend hingenommen wurden, weist insbesondere die Curva Sud deutlich darauf hin, dass es gegen die Überinterpretation geltender Normen geht, deren einziges Ziel ist, das Phänomen „Ultrà“ aus den Stadionkurven zu entfernen. Es gehe der Curva Sud einzig und allein darum, dass man es als tradiertes Recht ansieht, den Gegner zu beleidigen und stellt sich gegen ein keimfreies Tennispublikum im einstmaligen Volkssport Fußball:

„Es sollte klar sein, dass niemand das Gesetz gegen Rassismus für sinnlos oder falsch hält, wir wollen nicht als die durchgehen, die sich gegen die Verurteilung jeglicher Form von Diskriminierung auflehnen. Das Problem ist, dass der Terminus „jeglicher Form“, sich weg bewegt von der kompromisslosen Verurteilung des Phänomens Rassismus, das zumindest für uns vollkommen inakzeptabel ist, und hin zur Unmöglichkeit, noch albern, bissig oder auch nur schlecht erzogen zu sein.“

Und in der Tat ist Beleidigung etwas anderes als Diskriminierung. Und wie die Neapolitaner mit ihrem „Napoli Colera“ eindrucksvoll beweisen haben, akzeptieren wohl praktisch alle Stadionbesucher, vom jeweiligen Gegner auch beleidigt zu werden. Nicht umsonst heißt Giovanni Francesios Geschichte der italienischen Ultràs „Tifare Contro„, das „dagegen supporten“ hat in italienischen Stadien – in der Heimat des „Campanilismo“ – Jahrzehnte lange Tradition. Aber vermutlich finden sich Verhöhnungen und Beleidigungen des Gegners auch in allen anderen Fußballstadien. Das mag nicht jedem Einzelnen gefallen, das Vorgehen dagegen sollte aber in der Rangordnung sinnvollerweise ein paar Plätze unter der Lösung der Wirtschaftskrise, des Welthungers und des Findens einer Krebsheilmethode rangieren. Zumal in einem Land, in dem bis vor Kurzem eine Partei in der Regierungsverantwortung stand, deren Name und Gründungsmerkmal eben die territoriale Diskrimination ist: die Lega Nord.

Man darf gespannt sein, wie das nächste Spieltagswochenende verläuft, wie viele Kurven mitmachen und wie die Sportgerichtsbarkeit mit dem Problem umgeht, konsequenterweise womöglich reihenweise Stadien schließen zu müssen und Punktabzüge auch für die „Großen“ des italienischen Fußballs zu verhängen. Auf jeden Fall hat die Hexenjagd auf Ultràs mit der diese Saison eingeläuteten Eskalationsstufe schon jetzt etwas erreicht, das mehr als vier Jahrzehnte unmöglich schien, die italienischen Ultràs zu vereinen. Vom “Progetto Ultràs”zum “Basta Lame, Basta Infami”, vom “BISL” zum “NISS”, bislang hat es keine Initiative oder Idee jemals geschafft, auch nur eine Mehrheit der italienischen Ultràs hinter sich zu bringen. Es ist denkbar, dass jetzt eine Grenze überschritten wurde, die tatsächlich zu koordinierten Aktionen führt.

„An diesem Punkt setzen wir die Waffen ein, die wir haben, und wir vertrauen auf die Antwort aller, die sich wirklich als Ultràs begreifen. Jenseits der Rivalität, jenseits von Allem. Die Waffe, um den Feind zu besiegen, hat uns der Feind selbst in die Hand gedrückt…“

Allein die Worte „Waffe“ und „Feind“ zeigen deutlich, wie breit der Graben zwischen den Bossen des italienischen Fußballs und dessen Fans mittlerweile geworden ist.

Nach Redaktionsschluss:

  • 09.10. – Gradinata Nord Genoa 1893: „Wir sind an einem Punkt angelangt, von dem es keine Rückkehr gibt, wir sagen „es reicht“ und um unsere Leidenschaft und unsere Ideale zu verteidigen, sind wir zu allem bereit, wir tragen unsere Missbilligung auf die Straße!“
  • 09.10. – Tribuna Fattori Padova: „Und glaubt uns, wenn wir intelligent sind, kommen wir von selbst darauf, dass diese Herren uns diesmal die Lösung auf einem Silbertablett serviert haben…“
  • 11.10. – CREW Vicenza: „“Liebe Leute, wir sagen ‚es reicht‘ zu diesem Blödsinn […], zur Doppelmoral dieses Fußballs und unserer Institutionen, die das wahre Übel unserer Gesellschaft sind.“

28 Antworten auf „Das nächste mal entscheiden WIR, wann wir unseren Sektor schließen“

Die Verteufelung der Ultra-Bewegung und der Versuch die Ultras aus den Stadien zu vertreiben ist ja nur ein Aspekt der Entmenschlichung unserer Gesellschaft. Man muss sich ja nur anschauen wie mit Sozialleistungsempfängern, Armen, Kranken und Flüchtlingen umgegangen wird.
Solange Angst, Neid und Intoleranz weiterhin von der Politik so geschürt werden, wird sich auch nichts verändern. Weder in Italien noch in irgendeinem anderen Land der Welt. Wozu sowas führt kann man aktuell wieder in Deutschland beobachten z.B. in Schneeberg und Berlin-Hellersdorf. Alles wird dem Profit untergeordnet. Arbeitsplätze und Konsum sind wichtiger geworden als Menschenleben. Aber was soll man auch erwarten in einer Zeit, in der der Mensch zu einem Produktionsmittel geworden ist?

@altravita immer wieder gute und interessante Texte, weiter so und mehr davon!

@topic Die Entwicklungen der letzten 10 Jahre bezüglich der Fankultur in Italien sind einfach nur traurig. Ein einfach unerträglicher Populismus und unfassbare Unwissenheit, Ignoranz und Dummheit leiten die Entscheidungen der italienischen Politik und Funktionäre. Von der Polizei und dem "Rechtsstaat" fange ich gar nicht erst an(Speciale innocente!). Das schlimmste an der ganzen Entwicklung ist ja, dass die meisten Menschen das einfach hinnehmen. Die meisten großen Medien kann man auch allesamt getrost in die Tonne treten, da von deren Seite auch nur populistische Scheiße kommt.

Super Text. In Italien fangen die Liga-Funktionäre mit einem Wahnsinn nach dem anderen an. Diese Doppelmoral stinkt mir aber gewaltig, denn letztes Jahr wollten sie nicht gegen die Affenrufe der Roma Fans vorgehen und diesmal laufen sie geradewegs Amok, wenn man gemeine Lieder gegen Neapolitaner singt.

Mit dem feinen Unterschied, dass man nach dieser "Auswärtsfahrt" ins gelobte Land ungern zurück nach Hause geht.

Eine schöne Initiative! Und ich stimme zu: Fangesänge, in denen der Gegner beleidigt wird, sind was völlig anderes als Rassismus. Nur zwei kleine Beispiele: Während beim letzten Spiel von Lautern in Hamburg – das war, als Lautern zum letzten Mal Meister wurde – sich Lautern-Fans in der S-Bahn gegen Faschos wandten, die eine schwarze Mitfahrerin beleidigten, hat bei einem andern Spiel meine kleine Tochter frohgemut in der Berliner U-Bahn vor dem Pokalendspiel Lautern gegen Karlsruhe fröhlich gekräht: Der KSC hat BSE.

Der wahre Rassismus ist derjenige der Eu, die an ihren Grenzen die Einwanderer aus Afrika verrecken läßt, nachdem sie ihnen vorher mittels erzwungener Handelsabkommen (z.B. Fischerei!) die Lebensgrundlage gestohlen hat!

Norbert, Lautern- und Milan-Fan aus Bonn

ciao norbert, die haben ja auch den "diavolo" gemeinsam. 😉 ansonsten hast du natürlich recht, die "rassismus"-geschichte dient den behörden ja auch nur, um den kurvenfans wieder einen knüppel zwischen die beine zu werfen. dass sie dabei u.a. die tessera del tifoso diskreditieren, die ja alle stadien toll, sicher und sauber machen sollte, fällt dabei kaum noch auf. aber wie gesagt, schaun wir mal, ob aus der "initiative" was wird – mittlerweile ist die entscheidung zur stadionschließung erstmal vertagt, d.h. milan-udinese wird vor publikum gespielt. ich hoffe natürlich, dass trotzdem alle schön dreckig singen.

Und eben lese ich dann in den Leserbriefen zum Flüchtlingsdrama, dass man den Schleppern das Handwerk legen müsse. Nicht die Gesetze sind das Problem, sondern die bösen Schlepper. Für Auswärtsfahrten brauchts halt die Tessera.

Schon krank wie in Italien versucht wird den bösen Ultrà immer weiter zu bevormunden und einzuschränken! Meinungsfreiheit ist dort schon lange nicht mehr geboten,- und das sage ich als gebürtiger Neapolitaner, der die Sache an sich einfach nur total lächerlich findet! Man stelle sich sowas mal in der Bundesliga vor wenn beispielsweise Dortmund auf Schalke oder aber der HSV auf Werder trifft! Lächerlich, einfach nur lächerlich…

Es wird versucht, sie abzuschaffen, das mit der Einschränkung und Bevormundung war gestern. Aber schaun wir mal, es besteht die Chance für das Endgame.

Nur noch Sitzplätze , totale überwachung usw…. ohje das kann was werden. Allerdings muss man dazu sagen, dass es in England eine echt krasse Zeit gab mit unzähligen Toten und das sollte glaub das letzte sein was ein Fan sehen möchte.
In Italien gab es in den letzten Jahren auch immer mal wieder solche Fälle (du hast uns ja immer auf dem laufenden gehalten ) und so etwas sollte nicht sein!
Ich sehe es nicht ganz so gespannt wie du, solange in Italien nicht endlich mal Leute mit Köpfchen etwas zu sagen haben sondern Leute mit größten Einfluss wird sich nie was ändern.
Egal ob in der Politik, im Sport oder sonst wo!!!
Der Mensch heutzutage ist nur noch ein reines Wirtschaftsobjekt, was hat Vaterstaat von deiner Existenz und was kann er aus dir herausquetschen .
Spaß? Was ist das? wozu brauchen Menschen so etwas? Choreos nur mit teuren Materialien (eure geile Doku und dem Besuch der CN69 ) , keine "Erniedrigungen" der Feinde nach einem gewonnen Derby, Sitzplätze usw.
Eine Hürde nach der Anderen.
Aber der Menschheit mit teurem Merchandisingzeugs das Geld aus der Tasche ziehen.
Am besten man unterstütz nur den Verein seines Heimatdorfs und waagt sich nicht mehr aus den Fängen der Kreisligen 😉

Es gibt ja diese Initiativen, sich den Fußball in den unteren Ligen zurückzuholen oder sich über Anteilseignerschaft Mitsprache zu sichern. Ist im Moment ziemlich in Mode. Das ist aber trotzdem alles eine Art Bankrotterklärung, weil es ja leider auch eine Flucht ist. Jedenfalls sagt ja niemand, dass die italienische Ultràbewegung nie etwas falsch gemacht hat; mir geht es darum, dass hier das "Kind mit dem Bade ausgeschüttet" wird. Die derzeitige Situation in italienischen Stadien bietet doch überhaupt keinen Anlass, irgendjemandem ein "Napoli Merda" zu verbieten. Ich bezweifle auch, dass Stadien deswegen irgendwie sicherer werden.

wiederhole hier gerne nochmal meinen fb beitrag da es hier wahrscheinlich eher zu einer unterhaltung führt 😉

langsam einfach nur noch lächerlich was unser verband da macht -.- einst als fussball begeisterte nation bekannt und für seine fankultur von vielen ländern beneidet ,hat es jetzt den anschein als ob jemand in unserem verband versucht bayern ähnliche stadionverhältnisse zu schaffen.

Man schwadroniert ja vom englischen Modell. Aber weil mann kein Geld für die notwendigen neuen Stadien hat, belässt man es dabei, die alten zu räumen. Ich bin wirklich gespannt, ob beide Seiten das durchziehen.