09.11.2014 Palazzo Santa Chiara

Quo Vadis, Tessera del Tifoso?

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Am Freitag dem 11.04. fand im Palazzo Santa Chiara in Rom das Treffen von Vertretern italienischer Kurven mit Politikern und Fananwälten statt; nach Jahrzehnten rein restriktiver Einflussnahme auf Fußballfans der erste ernsthafte Dialogversuch. Tagesordnungspunkte waren die Forderung nach einer verfassungsgerechten Umformulierung der Stadionverbotsordnung und der Regelungen um die ungeliebte Fankarte „Tessera del Tifoso“. In einer an anwesende Pressevertreter und die Räpresentanten der politischen Fraktionen verteilten Broschüre erläutern die Fananwälte Lorenzo Contucci und Giovanni Adami die derzeitige rechtliche Situation und skizzieren Lösungsvorschläge. Dass die „Notstandsgesetze“ aus dem Jahr 2007 Stadionfans auf die Barrikaden bringen, ist ebenso bekannt wie nachvollziehbar. Neu an der derzeitigen Situation ist, dass auch die direkt Verantortlichen sich der Tatsache bewusst geworden sind, dass „Tessera“ und flächendeckende Stadionverbote genau das Gegenteil von ihrer Intention erreicht haben: Anstatt „Gewalttäter“ fernzuhalten und die Stadien wieder mit „Familien“ zu füllen, ist der Zuschauerschnitt der italienischen Ligen seit 2007 dramatisch gesunken. Wie Adami und Contucci ausführen, sind es vor allem die gemäßigten Fans, die sich der Verbürokratisierung des Kartenverkaufs und teils grotesken Sicherheitsnormen entziehen. Die derzeitige Situation lässt sich wie folgt zusammenfassen: Laut Artikel 9 des Gesetzes 41/2007, ist es den Vereinen explizit untersagt, jemandem ein Ticket auszustellen, der in der Vergangenheit einmal ein Stadionverbot hatte, auch wenn er wegen fußballbezogener Straftaten nicht rechtskräftig verurteilt wurde. Laut Gesetzestext darf also ein Fan, der 1991 ein Stadionverbot erhalten hatte und dieses abgegolten hat, keine Karte mehr für ein Fußballspiel erhalten. Gleiches gilt für Fans, die wegen fußballbezogener Straftaten – selbst wenn nur in erster Instanz, also nicht rechtskräftig – verurteilt wurden. Auch hier gilt: Wer 1994 einen Bengalo aufs Spielfeld geworfen hatte oder in eine Auseinandersetzung verwickelt war und dafür erstinstanzlich verurteilt wurde, darf nie wieder eine Karte für ein Fußballspiel kaufen. Jedenfalls lautet der Gesetzestext des Art. 9 so. Dazu ist es in der Praxis nie gekommen, die „Nationale Beobachtungsstelle für Sportveranstaltungen“ hat in den Modifikationen 33/2009 e 39/2011 – in ausdrücklicher Erwartung einer Gesetzesänderung! – ausgeführt, dass der Art. 9 so zu interpretieren sei, dass Karten nur nicht ausgestellt werden dürfen, wenn das Stadionverbot aktuell besteht und eine Verurteilung innerhalb der letzten 5 Jahre erfolgt war (das SV muss natürlich abgelaufen sein). Das klingt zwar deutlich freundlicher, allerdings haben diese Interpretationsnormen keinen Gesetzeswert und können jederzeit wieder umgestoßen oder frei interpretiert werden. So wie die Art. 8 und 9 per ministerialem Eilerlass – ohne Anhörung im Parlament – installiert wurden, können sie jederzeit von jedem neuen Minister umgeändert werden. Außerdem führt selbst die aktuelle Auslegung des Art. 9 zu absurden Situationen: Ein Fan wird mit einem Rauchtopf erwischt und erhält 1 Jahr Stadionverbot. Nach diesem einen Jahr darf er problemlos wieder ins Stadion. Nun erhält er nach 5 Jahren ein Urteil der ersten Instanz (für italienische Prozesslaufzeiten eine nachvollziehbare Annahme) für dasselbe Vergehen. Automatisch darf er für weitere 4 Jahre (5 Jahre minus das 1 bereits abgegoltene Jahr) kein Fußballspiel mehr besuchen. Nicht nur stellt dies eine doppelte Bestrafung für dasselbe Vergehen dar, man darf auch die Frage nach dem Wert der Laufzeit eines Stadionverbots stellen, wenn dieses für 1 Jahr ausgesprochen wird, de facto aber für 5 Jahre gilt. Adami und Contucci fordern deshalb eine saubere Neuformulierung der Art. 8 und 9 mit dem Ziel der Rechtssicherheit: Wer ein aktuelles Stadionverbot hat, darf keine Karten kaufen, wenn das Verbot abgelaufen ist, darf er wieder ins Stadion. Das klingt dann auch gleich viel logischer: Wenn die Höhe des SVs die „Gefährlichkeit“ des Fans bestimmt, dann gibt es auch keine Notwendigkeit für automatische Verlängerungen dieser Maßnahme für dasselbe Vergehen. Weitere in Rom diskutierte Kritikpunkte sind die generelle Verbürokratisierung des Ticketverkaufs, oder wie es Adami und Contucci so eloquent ausdrücken:
Die exzessive Bürokratie des Kartenverkaufs schreckt vor allem den Gelegenheitsfan ab; wo früher einmal „Tribüne überdacht 100 €, Tribüne offen 50 €, Sperrsitze 30 €, Kurve 17 €“ stand, braucht man heute für die Bestimmungen zum Kartenkauf einen Doktortitel in Literatur und mindestens eine halbe Stunde Zeit.
Und sie erklären den anwesenden Politikern auch gleich, welche Absurdität die derzeitigen Regelungen für die Tessera del Tifoso auf Auswärtsfahrt bedeuten. Weil laut Art. 8 und 9 L. 41/2007 bei jeglichem Ticketerwerb die persönlichen Daten in Echtzeit mit der Datenbank der Polizei („Questura online“) abgeglichen werden, besteht – laut Adami und Contucci – überhaupt keine Notwendigkeit, dazu noch eine Fankarte vorzulegen, deren Ausgabe an exakt dieselben Vorgaben gebunden ist, wie die Eintrittskarte selber. Sie fordern deshalb, die Kartenschalter für den Auswärtsblock auch am Spieltag zu öffnen. Rhetorisch stichhaltig fordern sie auch gar nicht die Abschaffung der „Tessera del Tifoso“ (die gegenüber dem namensgebundenen Ticket mit Datenbankabgleich ja auch keinerlei Nachteile bringt), sondern die Aufwertung dieses Instruments: So soll auch der Kauf für Karten außerhalb des Gästesektors möglich sein, „um moderaten Fans zu ermöglichen, das Spiel auf eine ihnen genehme Art zu verfolgen“ und der Kartenkauf ohne weitere Vorlage des Ausweises, der ja schon bei Ausstellung der „Tessera“ mit Lichtbild im original notwendig war. Auf diese Weise hätten auch Gelegenheitsfans die Möglichkeit, sich am Spieltag eine Karte zu besorgen und es wäre auch eine Lösung gefunden für die vielen Fans, die nicht in der Stadt ihres Vereins wohnen. Beispielsweise gab es beim Derby Carpi-Modena satte 8 „Fankategorien“ mit unterschiedlichen Kartenverkaufsstellen und Einlässen: Carpi-Fans aus Carpi mit und ohne Tessera, Carpi-Fans aus Modena mit und ohne Tessera und umgekehrt für Fans von Modena. Das Derby mit einem Zuschauerpotential von über 20.000 wurde dann vor ca. 2.000 Unentwegten ausgetragen…
Die berühmten Familien im Staion sind schon jetzt von Skandalen, hohen Eintrittspreisen, baufälligen Stadien, verschobenen Anstoßzeiten, Verlust von Atmosphäre und der Wahrnehmung geringer Sicherheit entmutigt: Wer noch ins Stadion geht, sind die radikalsten Fans, die gezwungen sind, Normen und Regularien zu kennen, um die Mannschaft ihres Herzens zu verfolgen.
Dass die vorgetragenen und diskutierten Änderungswünsche nicht auf taube Ohren gestoßen sind, belegt ein mir vorliegendes Dokument, das von Mario Tullo (Partito Democratico, Regierungspartei) und 21 seiner Fraktionskollegen unterschrieben ist. Bereits in dessen Eingangsparagraph wird ausgeführt, dass die bisherigen Versuche, Stadionsicherheit zu gewährlasten „rein punitiven Charakter“ hatten, es aber von den Beteiligten versäumt wurde, eine „effiziente Politik der Prävention, Edukation und des Dialogs mit den organisierten Fanszenen“ einzuführen. Eine Einschätzung, die vermutlich von jedem unterschrieben werden kann, der schon einmal ein italienisches Fußballstadion betreten hat. In einem Interview vom 18. Juli 2013 gibt selbst der damalige Polizeichef Manganelli zu, dass die Einführung der Tessera eine Antwort auf eine „Notlage“ war und er sich wünscht, dass die Tessera del Tifoso wieder abgeschafft werden könnte, „im Kontext einer generellen Rückkehr zur Normalität“. Auch die Politiker der PD (wer des Italienischen mächtig ist, kann hier weitere sehr deutliche Äußerungen der anderen Parteien nachlesen) weisen darauf hin, dass es nach geltender Rechtslage zu rechtsstaatlich kritischen Situationen gekommen sei, generell nämlich, wenn jemand von einem der oft mit der Gießkanne verteilten Stadionverboten betroffen war, dieses dann zurückgezogen wurde, er aber trotzdem keine Tessera del Tifoso haben durfte und also vom Besuch von Auswärtsspielen und dem Erwerb einer Saispndauerkarte ausgeschlossen war – ohne dass es hierfür eine rechtlich bindende Verurteilung gab. Ebenso wird unterstrichen, dass es seit jeher Philosophie der PD sei, dass – i.ü. gemäß Art. 27 der Verfassung! – die Anwendung von Strafen und Sanktionen darauf zielen muss, dass Menschen, die eine Straftat begangen haben, mit edukativen Maßnahmen wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden sollen. Insofern tragen sie der Regierung auf, innerhalb von 2 Monaten einen detaillierten Rechenschaftsbericht zur Effektivität der „Tessera del Tifoso“ vorzulegen, auch um deren endgültige Abschaffung zu erwägen. Schon vorher soll mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln der Art. 9 so umformuliert werden, dass ein Fan nach Ablauf oder Rücknahme eines Stadionverbots die „Tessera del Tifoso“ erhalten kann, um eine rechtswidrige Doppelbestrafung für dasselbe Vergehen zu verhindern. Ebenso wird der Regierung aufgetragen:
[…] schnellstmöglich einen Runden Tisch einzuberufen, an dem alle beteiligten Parteien Platz finden, mit dem Ziel, neue und präzisere Maßnahmen der Prävention, Edukation und des Dialogs mit den organisierten Fangruppen zu entwerfen, um diese stärker in die Sicherheitsmaßnahmen einzubeziehen und ihre Eigenverantwortung zu stärken
Ich bin in einem Alter, in dem ich Dialog für zielführender halte, als Konfrontation; indem ich pragmatische Handlungen für wichtiger halte als puristische Slogans. Unabhängig davon, dass wohl alle Beteiligten sich ein Ende der „Tessera del Tifoso“ wünschen, schließe ich mich Contucci an, der aufzeigt, dass es schon jetzt keinen datenrechtlichen Unterschied gibt zwischen dem Erwerb eines Einzeltickets und der „Tessera del Tifoso“. Insofern zielt er auf eine Neuinterpretation der Fankarte, um ihr – im Sinne einer „Treuekarte“ – tatsächlich Vorteile für den Fan zu verschaffen. Hinsichtlich der Möglichkeit, sich Auswärtskarten auch am Spieltag an der Stadionkasse zu verschaffen, hatte sich auch die „Nationale Beobachtungsstelle“ vor einer Woche positiv geäußert. Aber unabhängig von den tatsächlichen Änderungen in Bezug auf die nächste Saison: Ich denke, man kann nicht überbewerten, dass sich am Freitag erstmals Vertreter von gut 20 Fankurven mit Abgeordneten von einem halben Dutzend politischer Parteien getroffen und miteinander geredet haben. In meinem Verständnis von Demokratie ist dies die Grundlage für jede Form von sinnvoller Entscheidungsfindung. Ebenso interessant ist die Erkenntnis, dass die derzeitige rein repressive Strategie getrost als gescheitert angesehen werden kann.
Xavier Jacobelli (Journalist): Dies ist ein sehr bedeutendes Treffen, der Staat hat wenig bis nichts von der Welt der Ultràs verstanden. Ich glaube, das einige der restriktiven Maßnahmen ein paar Diktaturen neidisch werden lassen. Das Fußballsystem muss von Grund auf reformiert werden. Es reicht schon zu lesen, was in anderen Ländern passiert um zu verstehen, dass wir im Mittelalter feststecken. Wir haben bedauernswerte Stadien. Über das Kapitel „territoriale Diskriminierung“ kann man nur lachen… Es ist unglaublich, dass man in einem Stadion nicht mehr seine Meinung äußern kann! Warum redet niemals jemand über die positiven Initiativen der Ultràs? Schnappt euch die Straftäter, aber sprecht auch vom Guten der Ultràs! Warum muss ich eine Milliarde aus den Fernsehrechten an Vereine auszahlen, die die Rechte ihrer Fans nicht verteidigen? Die Fans halten es nicht mehr aus, nicht mehr frei ein Stadion besuchen zu dürfen.“
Mit freundlichen Grüßen an Herrn Rainer Wendt.