Italienisches Pokalfinale 2014

Schwerverletzter beim italienischen Pokalfinale

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Die Erfahrung lehrt, dass man sich eigentlich erst ein paar Jahre nach dem Geschehen äußern sollte, wenn die Meldungen sich halbwegs auf eine Version geeinigt haben. Aber die italienischen Medien drehen gerade frei und ich versuche zumindest, zusammenzufassen. Eins kann man aber glaube ich schon festhalten: dem zarten Pflänzchen des Dialogs mit den Fankulturen des italienischen Fußballs dürften dürre Zeiten bevorstehen. Sofern das Bestreben der Beteiligten am Treffen in Rom am 11.04. überhaupt ernst gemeint war, dürfte sich seit dem gestrigen Pokalfinale sicher kaum ein Politiker mehr finden, der ernsthaft die Abschaffung der Tessera del Tifoso, freie Auswärtsfahrten oder die Rückkehr von Megaphonen und Trommeln fordert. Denn es ist ein Mensch lebensgefährlich verletzt worden, es gab Messerstechereien, Knochenbrüche, Schüsse und fernsehtaugliche Bengalowürfe.

Pokalfinale Napoli gegen Fiorentina, wie immer im Olympiastadion von Rom. Die anreisenden Napoli-Fans werden zu den Parkplätzen in Tor di Quinto geleitet, so wie die Sicherheitskräfte das vorgesehen haben. Und nach der Ankunft muss man „sich zeigen“, so wie die Ultrà-Logik es gebietet. Ein Grüppchen von ca. 20 Napoli-Ultràs setzt sich in Bewegung, zündet Pyro, liefert sich ein paar Scharmützel mit der Polizei und beschäftigt sich mit den Kiosken und Geschäften am Straßenrand. Mülleimer umtreten, Stühle schmeißen, das Übliche. Einer der Kioske wird von einem in Tor di Quinto wohlbekannten Ultrà von Roma betrieben, Daniele de Santis, Kampfname „Gastone“, 48 Jahre, vorbestraft als einer der Ultràs, die das Derby 2004 abgebrochen hatten, das „Derby des toten Kindes“. Bereits 1996 wurde er mit weiteren Capos der rot-gelben „Curva Sud“ verurteilt wegen Bedrohungen des damaligen Roma-Präsidenten Franco Sensi.

Die Meinungen gehen auseinander darüber, ob er die Napoletani provoziert hat oder diese den Verkaufsstand angegriffen haben. Vielleicht hat er Rauchbomben in ihre Richtung geworfen. Anwesende Polizisten der Digos beschreiben ihn jedenfalls als „aufgeregt“, „betrunken torkelnd“ und wütend schreiend „ich mach euch platt“. Danach geht die Szene im Rauch der Petarden und allgemeinen Chaos unter. Bis De Santis wiederkehrt, immer noch schwer erregt. Die Napoletani folgen ihm, erreichen ihn und schlagen ihn zu Boden, bis er regungslos liegen bleibt. Kniescheibe gebrochen. Wenige Minuten später findet die Polizei sechs Projektile und drei Verletzte: Einer mit einer Schusswunde am Arm, einer mit einer Schusswunde an der Hand und einer, Ciro Esposito, 27 Jahre oder 30, mit einem Projektil, dass in der Wirbelsäule steckt. Er wird ins Krankenhaus gebracht und notoperiert, sein Zustand ist „sehr schlecht“. „Wenn unser Bruder stirbt, kommen wir zurück!“

Soweit die Meldungen, die am häufigsten übereinstimmen. Natürlich blüht die Phantasie und Medien, die vielleicht keinen Reporter vor Ort haben, schmücken die Bilder mit Theorien aus: Römer haben geschossen, Napoletani, eine Abrechnung innerhalb der Camorra, Schüsse seitens der Polizei… Die nächsten Tage und Wochen werden hoffentlich mehr Klarheit bringen, im Gedächtnis der Öffentlichkeit werden sich aber die Bilder und die Schüsse einbrennen. Und der Fußballbezug. De Sanctis bestreitet die Schüsse, aber das Thema „Ultràgewalt“ dominiert die Kanäle der Informationsindustrie wie seit 2007 nicht mehr.

Das Spiel wird mit 45-minütiger Verspätung angepfiffen, wie immer in solchen Fällen „aus Gründen der öffentlichen Ordnung“. Selbstverständlich möchte man den wütenden Mob nicht die ganze Nacht durch Rom toben sehen. Nach dutzenden Bengalowürfen aufs Spielfeld seitens der protestierenden Kurven, einigen sich Polizeikräfte und Ultràs auf den Anpfiff. Dass der zuständige Capo der Süditaliener, Verhandlungsführer seiner Kurve, „Genny a‘ Carogna“ ein „Speziale Libero“-Shirt in die italienischen Wohnstuben trägt und einem Clan der Camorra zugeordnet wird, ist sicherlich nicht hilfreich, die Debatte zu versachlichen.

Eines der sinnlosesten Pokalfinals der Geschichte wird ausgetragen und endet 3:1 für Napoli. Die Neapolitaner supporten nicht, ein Teil der Viola schließt sich ihnen an. Insgesamt zählt man zehn Verletzte: Schusswunden, Messerstiche, ein Polizist von einem Böller an der Hand verletzt, ein unbeteiligter Passant von Napoli-Fans zusammengeschlagen und mit mehreren Beinbrüchen und Schädel-Hirn-Trauma ins Krankenhaus eingeliefert, ein Feuerwehrmann wird im Stadion von einem Böller getroffen, verletzt und von seinen Kollegen fortgetragen.

Soweit die wichtigsten Fakten, in den nächsten Tagen werden sicherlich noch mehr eintreffen. Derweil ist „Schande“ das Wort, das die heutigen Schlagzeilen dominiert, illustriert von großformatigen Fotos von Kapuzenträgern mit Fahnenstangen und Filmchen von fliegenden Bengalos. Saviano entzündet die Diskussion über die Camorra-Verstrickungen der Napoli-Ultràs und die Kommentarspalten quellen über von „das hat nichts mit Fußball zu tun“, „Verbrecher“, „Todesstrafe“. Demnächst kommt sicher noch die wohlfeile Forderung, das Finale doch bitte nicht mehr in Rom auszutragen. Und das wäre sicher noch die sinnvollste Idee.

Ich fahre nachher zu „meinem“ Derby. Dem buntesten und choreografischsten, das Italien zu bieten hat. Ich werde meinen Sohn mitbringen und seinen Freund. Ich werde mit Freunden von Inter und Milan am Baretto unter der „Nord“ in Ruhe ein paar Bierchen trinken. Wir werden uns befrotzeln und zum Abschied umarmen, danach für 90 Minuten schwerst beleidigen. Vor allem aber werden wir wohlbehalten zurückkehren und es wird keinen einzigen Verletzten geben. Und ich finde das äußerst hervorragend.