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Schwerverletzter beim italienischen Pokalfinale

Die Erfahrung lehrt, dass man sich eigentlich erst ein paar Jahre nach dem Geschehen äußern sollte, wenn die Meldungen sich halbwegs auf eine Version geeinigt haben. Aber die italienischen Medien drehen gerade frei und ich versuche zumindest, zusammenzufassen. Eins kann man aber glaube ich schon festhalten: dem zarten Pflänzchen des Dialogs mit den Fankulturen des italienischen Fußballs dürften dürre Zeiten bevorstehen. Sofern das Bestreben der Beteiligten am Treffen in Rom am 11.04. überhaupt ernst gemeint war, dürfte sich seit dem gestrigen Pokalfinale sicher kaum ein Politiker mehr finden, der ernsthaft die Abschaffung der Tessera del Tifoso, freie Auswärtsfahrten oder die Rückkehr von Megaphonen und Trommeln fordert. Denn es ist ein Mensch lebensgefährlich verletzt worden, es gab Messerstechereien, Knochenbrüche, Schüsse und fernsehtaugliche Bengalowürfe.

Pokalfinale Napoli gegen Fiorentina, wie immer im Olympiastadion von Rom. Die anreisenden Napoli-Fans werden zu den Parkplätzen in Tor di Quinto geleitet, so wie die Sicherheitskräfte das vorgesehen haben. Und nach der Ankunft muss man „sich zeigen“, so wie die Ultrà-Logik es gebietet. Ein Grüppchen von ca. 20 Napoli-Ultràs setzt sich in Bewegung, zündet Pyro, liefert sich ein paar Scharmützel mit der Polizei und beschäftigt sich mit den Kiosken und Geschäften am Straßenrand. Mülleimer umtreten, Stühle schmeißen, das Übliche. Einer der Kioske wird von einem in Tor di Quinto wohlbekannten Ultrà von Roma betrieben, Daniele de Santis, Kampfname „Gastone“, 48 Jahre, vorbestraft als einer der Ultràs, die das Derby 2004 abgebrochen hatten, das „Derby des toten Kindes“. Bereits 1996 wurde er mit weiteren Capos der rot-gelben „Curva Sud“ verurteilt wegen Bedrohungen des damaligen Roma-Präsidenten Franco Sensi.

Die Meinungen gehen auseinander darüber, ob er die Napoletani provoziert hat oder diese den Verkaufsstand angegriffen haben. Vielleicht hat er Rauchbomben in ihre Richtung geworfen. Anwesende Polizisten der Digos beschreiben ihn jedenfalls als „aufgeregt“, „betrunken torkelnd“ und wütend schreiend „ich mach euch platt“. Danach geht die Szene im Rauch der Petarden und allgemeinen Chaos unter. Bis De Santis wiederkehrt, immer noch schwer erregt. Die Napoletani folgen ihm, erreichen ihn und schlagen ihn zu Boden, bis er regungslos liegen bleibt. Kniescheibe gebrochen. Wenige Minuten später findet die Polizei sechs Projektile und drei Verletzte: Einer mit einer Schusswunde am Arm, einer mit einer Schusswunde an der Hand und einer, Ciro Esposito, 27 Jahre oder 30, mit einem Projektil, dass in der Wirbelsäule steckt. Er wird ins Krankenhaus gebracht und notoperiert, sein Zustand ist „sehr schlecht“. „Wenn unser Bruder stirbt, kommen wir zurück!“

Soweit die Meldungen, die am häufigsten übereinstimmen. Natürlich blüht die Phantasie und Medien, die vielleicht keinen Reporter vor Ort haben, schmücken die Bilder mit Theorien aus: Römer haben geschossen, Napoletani, eine Abrechnung innerhalb der Camorra, Schüsse seitens der Polizei… Die nächsten Tage und Wochen werden hoffentlich mehr Klarheit bringen, im Gedächtnis der Öffentlichkeit werden sich aber die Bilder und die Schüsse einbrennen. Und der Fußballbezug. De Sanctis bestreitet die Schüsse, aber das Thema „Ultràgewalt“ dominiert die Kanäle der Informationsindustrie wie seit 2007 nicht mehr.

Das Spiel wird mit 45-minütiger Verspätung angepfiffen, wie immer in solchen Fällen „aus Gründen der öffentlichen Ordnung“. Selbstverständlich möchte man den wütenden Mob nicht die ganze Nacht durch Rom toben sehen. Nach dutzenden Bengalowürfen aufs Spielfeld seitens der protestierenden Kurven, einigen sich Polizeikräfte und Ultràs auf den Anpfiff. Dass der zuständige Capo der Süditaliener, Verhandlungsführer seiner Kurve, „Genny a‘ Carogna“ ein „Speziale Libero“-Shirt in die italienischen Wohnstuben trägt und einem Clan der Camorra zugeordnet wird, ist sicherlich nicht hilfreich, die Debatte zu versachlichen.

Eines der sinnlosesten Pokalfinals der Geschichte wird ausgetragen und endet 3:1 für Napoli. Die Neapolitaner supporten nicht, ein Teil der Viola schließt sich ihnen an. Insgesamt zählt man zehn Verletzte: Schusswunden, Messerstiche, ein Polizist von einem Böller an der Hand verletzt, ein unbeteiligter Passant von Napoli-Fans zusammengeschlagen und mit mehreren Beinbrüchen und Schädel-Hirn-Trauma ins Krankenhaus eingeliefert, ein Feuerwehrmann wird im Stadion von einem Böller getroffen, verletzt und von seinen Kollegen fortgetragen.

Soweit die wichtigsten Fakten, in den nächsten Tagen werden sicherlich noch mehr eintreffen. Derweil ist „Schande“ das Wort, das die heutigen Schlagzeilen dominiert, illustriert von großformatigen Fotos von Kapuzenträgern mit Fahnenstangen und Filmchen von fliegenden Bengalos. Saviano entzündet die Diskussion über die Camorra-Verstrickungen der Napoli-Ultràs und die Kommentarspalten quellen über von „das hat nichts mit Fußball zu tun“, „Verbrecher“, „Todesstrafe“. Demnächst kommt sicher noch die wohlfeile Forderung, das Finale doch bitte nicht mehr in Rom auszutragen. Und das wäre sicher noch die sinnvollste Idee.

Ich fahre nachher zu „meinem“ Derby. Dem buntesten und choreografischsten, das Italien zu bieten hat. Ich werde meinen Sohn mitbringen und seinen Freund. Ich werde mit Freunden von Inter und Milan am Baretto unter der „Nord“ in Ruhe ein paar Bierchen trinken. Wir werden uns befrotzeln und zum Abschied umarmen, danach für 90 Minuten schwerst beleidigen. Vor allem aber werden wir wohlbehalten zurückkehren und es wird keinen einzigen Verletzten geben. Und ich finde das äußerst hervorragend.

8 Antworten auf „Schwerverletzter beim italienischen Pokalfinale“

Ich wäre enttäuscht wenn es nicht so wäre 🙂 Meine Absicht ist auch nicht das Mailänder Derby als spießiges Derby rauszustellen. Jederzeit gehe ich da gerne hin. (Ich hoffe am Sonntag war es wieder gut das Ergebnis passt ja schonmal) Inzwischen bin ich reichlich desillussioniert was das Thema Messer, Waffen und neuerdings auch Pistolen anbelangt. In Argentinien geht es ja schon lange viel heftiger zur Sache und der Weg dorthin mit allen Konsequenz für die Fankultur ist wohl unaufhaltbar. Dazu wurde seit Jahren schon viel geschrieben mit viel Pathos und die Praxis sieht eben beschissen aus. Für Choreos passt das natürlich, nur finde ich es etwas unkonsequent das bei Choreos oder anderem so zu schreiben und dann anderweitig wie du es schreibst infamita zu begehen.

Dazu sind wir uns ja einig. 😉 Ich bin – als Norddeutscher – auch nicht unbedingt Fan von Pathos und dass Choreos nicht eben der Ort sind, um komplexe Sachverhalte darzulegen, ist klar. Sogar „spießig“ würde ich gelten lassen als Beschreibung des Mailänder Derbys. Ich finde diese Waffengeschichte unsäglich, unterstreiche nur, dass es sich dabei um ein gesellschaftliches Phänomen handelt, kein fußballbezogenes: In bestimmten Stadtteilen – egal ob Mailand oder Neapel – gehen junge Männer mit dem Messer durch die Straßen. Und zwar an 7 Tagen in der Woche, nicht nur an 6, so schön das wäre. Und nur auf gesellschaftlicher Ebene kann das gelöst werden, einfaches Law and Order-Gekeife wird da weiterhin nichts nutzen. Dass gleichgesinnte Ultràs sich am Spieltag auf die Mütze geben, ist – für mich – eine ganz andere Baustelle.

Danke für die kurze Zusammenfassung.
Auf deiner Seite gibt es x Fotos die ähnlich aussehen wie das hier.
http://www.altravita.com/eine-kleine-genealogie-der-gewalt.php
Von daher verstehe ich den Aufschrei nicht. Die moralische und fanpolitische Bewertung lassen wir mal außen vor.
Eine neue Dimension ist, dass bei scontri in dem wie sie bekanntlicherweise überall in Italien ablaufen neuerdings auch noch scharf geschossen wird. Heißt es bald schon: Basta scricchiolare basta infami? Diesmal war es kein Mitläufer sondern eine bekannte Person.
Es scheint ja inzwischen klar zu sein, dass der Gastone doch geschossen hat?
Du machst es dir mit deiner Schlussbemerkung finde ich auch zu einfach. Die lieben Interesti und Milanisti und die bösen Neapolitiani und Romanisti. Das Mailänderderby ist sicherlich eine friedliche Veranstaltung und diesmal gibt es auch wieder die mit großem Pathos angekündigte Choreos. Wenn da aber total kranke Leute auftauschen würde ich keine Hand ins Feuer legen. Und seit Sonntag würde ich auch noch zutrauen, dass da auch ein Schuss fällt. Bei Milan gegen Ajax haben schon ein paar als fair bekannte Ajax Fans gereicht um das hier gezeichnete Bild der lieben Milanisti ins Wanken geraten zu lassen. http://www.dailymail.co.uk/sport/football/article-2522151/Three-Ajax-fans-hospital-stabbed-Milan.html

Mein Schlussabsatz bezog sich aufs Derby und stellt meine Meinung zum Mailänder Derby dar, dass mir das näher liegt als andere Derbys sollte klar sein (und wieso darf man denn seine Choreos nicht „mit großem Pathos ankündigen“?). Gleiche Antwort zu deinem Ajax-Hinweis: Milan-Ajax ist kein Derby, insofern hat mein Kommentar damit doch nichts zu tun (hier wäre natürlich ein Hinweis deinerseits, warum es dazu kam rhetorisch noch perfekter gewesen…fair???). Kurzum, es geht mir mitnichten darum, Fanszenen in „lieb“ und „böse“ zu klassifizieren, aber Messer und Pistolen haben für mich (Achtung: Meinung!) nichts zu suchen, sondern sind Embleme von Infamità. Dass sie trotzdem eingesetzt werden, muss ich nicht gut finden, oder?