Derby ohne Farben © Armando Bottelli

Das zensierte Derby

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Gestern Abend also das Mailänder Derby, bekannt für die prächtigsten Choreographien Italiens und dafür, das wohl friedlichste Derby Europas zu sein. Seit dem berühmten "Nichtangriffspakt" zwischen Curva Nord und Curva Sud gab es genau eine "Gewaltepisode", die aber aufgrund ihres Zustandekommens sehr schnell geklärt war. Ansonsten nichts, friedliches Zusammenstehen vor dem Spiel, nicht einmal schwere Beledigungen. Ein "Kuschelderby", das verschiedene Groundhopper ablehnen, "weil nichts passiert". Stattdessen konzentriert man sich auf wunderschöne Choreografien, deren Aufnahmen in aller Welt bewundert werden, ein echter Mailänder Exportschlager – einer der wenigen in der steil abstürzenden Serie A. Im Rahmen der Repressionsmaßnahmen diese Saison sind beide Kurven sogar noch enger zusammen gerückt: Als der Curva Nord von Inter wegen "territorialer Diskriminierung" (man hatte beim Auswärtsspiel in Neapel Gesänge gegen den Gegner gesungen) zum gestrigen Derby die Kurve geschlossen wurde, ließ die Reaktion der Milanisti nicht lange auf sich warten – die Curva Sud zeigte sich solidarisch und kündigte an, in diesem Falle auch nicht ins Stadion zu gehen. In typisch italienischer Manier wurde zwei Tage vor dem Spiel dann umdisponiert und die Sportgerichtsbarkeit ließ verlauten, dass man noch "Klärungsbedarf" sehe und verschob die Kurvenschließung auf irgendwelche der nächsten Spiele. Die Aufschiebung der aufgeschobenen Aufschiebung mittlerweile. Beide Kurven durften also am Derby teilnehmen. Hintergrund dürfte sein, dass die Sicherheitsbeauftragten vermeiden wollten, am Spieltag dann 15.000 Fans vor dem Stadion protestieren zu sehen.

Soweit, so gut. Allerdings kann die Staatsmacht so einen Sieg der Ultràs nicht so ohne Weiteres auf sich sitzen lassen und so begann die Provokation schon am Samstagabend, als Agenten der Digos, Polizisten, der Gesundheitsbehörde, Abteilung für Wirtschaftsstraftaten und Feuerwehrleute die alljährliche Weihnachtsfeier der Curva Sud sprengten und das Stammlokal "Clan" in Sesto San Giovanni und die anwesenden etwa 300 Fans akribisch durchsuchten. Sämtliche Zugangsstraßen wurden für diesen Blitz abgesperrt. Gefunden wurde: Nichts. Natürlich nichts, es war die friedliche Weihnachtsfeier, wie jedes Jahr. Eine Weihnachtsfeier, an der gern auch Spieler, Ex-Spieler oder Sportdirektor Galliani teilnehmen. Reine "Provokation" also, es war sicherlich jedem bewusst, dass beim weihnachtlichen Fest nicht Panzerfäuste und schmutzige Atombomben gelagert wurden.

Das war aber nur der Auftakt zur eigentlichen Strafaktion und wer bisher dachte, dass "Rache" und "Provokation" nicht zum Repertoire der für Ordnung und Sicherheit Verantwortlichen gehören, wurde dann spätestens am Sonntagmorgen eines Besseren belehrt. Noch niemals in 25 Jahren Verantwortlichkeit der Digos Mailand für die Stadionsicherheit wurde eine Choreografie vor dem Spiel inspiziert. Und noch niemals gab es bei einer Mailänder Choreografie irgendetwas zu bemängeln: keine schweren Beleidigungen, kein Rassismus, kein Sexismus, kein Satanismus und keine Aufforderungen, Kinder zu verspeisen. Nichts von alledem, niemals, selbst die Schmähungen des Gegners übersteigen nie die lockere Ironieschwelle; oft genug musste ich über die Ideen der Interisti laut lachen im Stadion. Zumal die Choreografien ja seit Jahren angemeldet und genehmigt werden müssen, Polizei und Verein wissen also vorab, was darauf zu sehen sein wird. So auch gestern: alles angemeldet, alles genehmigt, alles offengelegt.

Gestern früh um 9 Uhr wollten sich die Beamten sich aber – erstmals – "noch einmal vergewissern". Und sie baten die Ultràs, die Choreo auf dem Stadionvorplatz zu entpacken und auf dem Boden auszubreiten. Dumm nur, dass es in der Lombardei seit Tagen regnet und am bezeichneten Ort eine riesige tiefe Pfütze entstanden war. Selbstverständlich war es für die Männer in Uniform keine Option, die gewünschte Prüfung im Innenraum unter der Kurve durchzuführen, das versteht sich von selbst. Und ebenso selbstverständlich wollten die Ultràs der Curva Sud das nicht tun, eine mit wasserlöslichen Farben gemalte Choreo würde unweigerlich zerstört – und mit ihr 4 Monate Vorbereitung, nächtelanges Malen, zehntausende Euro an Material (eine Choreografie für das San Siro kostet im Schnitt 25.000 EUR, die aus Spenden und Materialverkauf finanziert werden).

Nichts zu machen, kein Argument konnte die Staatsmacht zum Kompromiss bewegen. Und so entschied man sich schweren Herzens, die Sachen wieder einzupacken und auf die Aufführung der diesjährigen Choreografie zu verzichten. Am Abend vorher dieselbe Vorfreude auf das Derby bei der gegnerischen Curva Nord: Allein für das Zusammenfalten des Mittelteils ihrer Choreo, 80 x 20 m, benötigten die Jungs 6 Stunden! Unter einer Straßenbrücke, um zu verhindern, dass das Kunstwerk nass wird und immer aufmerksam, dass dabei kein Teil den Boden berührt. Auch das Team um "Rosso", den Choreo-Beauftragten der Boys (gut zu sehen in unserer Italien-Doku "Verrückt nach Fußball" aus dem letzten Jahr) war am Sonntagmorgen im Stadion, um die Lieferwagen zu entladen. Es dauerte nur wenige Momente nachdem man über die Probleme der Curva Sud aufgeklärt wurde, eine Entscheidung zu fällen: Auch die Interisti würden auf eine Aufführung verzichten!

Und so trug sich gestern Abend das graueste, langweiligste, erbärmlichste Derby in der Geschichte zu: ohne Farben, ohne Gesänge, mit einem seltsamen akustischen Grundrauschen der anderen Stadionbereiche. Hierzu muss man wissen, dass es mittlerweile auch verboten ist, das Geländer zu erklimmen – bei Androhung von Stadionverbot! Unmöglich also für die "Lanciacori", die Gesänge der Kurve zu koordinieren, Megaphone sind ja schon seit Jahren verboten. Die eigentlich für die "Sicherheit" Verantwortlichen haben es geschafft, auch dem friedlichsten Derby Europas die Leidenschaft und das Herzblut zu rauben, alles das also, was ein Derby ausmacht und ein Fußballspiel von einem Tennismatch unterscheidet. Keine Silbe darüber selbstverständlich bei Sky Calcio, die seit Wochen damit beschäftigt sind, auch die Haare am Hintern von Trainer Allegri zu zählen, um keinen Aspekt unbeleuchtet zu lassen und 24 Stunden Sendezeit mit irgendetwas zu füllen. Hier hieß es bestenfalls "Heute Abend keine Choreografien", kein Wort der Erklärung, keine Silbe der Enttäuschung. Nichts. Irgendwann werden auch diese Damen und Herren merken, dass ihr Produkt an Wert verliert, wenn sich die Tristesse auf den Rängen der Tristesse auf dem Platz angleicht: Rein sportlich war das Spiel – Inter gewann 1:0 – an Armseligkeit kaum zu überbieten. Tiefpunkt erreicht.

Megaphone: verboten. Fahnen: verboten. Freche Gesänge: verboten. Choreo: verboten. Auf dem Geländer sitzen: verboten. Feuerzeuge: verboten. Alkohol: verboten. Liebe Raucher: besuchen Sie San Siro, solange es noch geht!

Hier nochmal die „Cugini“ bei der Derby-Vorbereitung (ab 37:10). Als Illustration dessen, was gestern passiert ist.