Protest Curva Nord

Für alle. Für den Fußball.

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Im folgenden ein Text aus dem Stadionheftchen der Curva Nord von Inter anläßlich des Stadtderbys vom 22.12.2013. Ein wunderschöner Text, der gerade dadurch Gänsehaut bereitet, weil die Choreos zu diesem Spiel eben nicht aufgeführt wurden. Weil die monatelange Aufopferung, die hierin beschrieben wird, von ein paar auf Provokation getrimmten "Sicherheitsexperten" in den Schmutz getreten wurde. Weil die Curva Nord trotz aller Rivalität aus Solidarität dem Gegner gegenüber auf all das verzichtet hat. Ich würde mir wünschen, dass irgendjemand, der sich für Fußball vielleicht nur am Rande interessiert, dem Ultràs irgendwie suspekt sind, der glaubt "wenn man nichts macht, hat man auch nichts zu befürchten", der lieber die "Fahnen runter" hätte und dem das "Dauer-La-La-La" auf die Senkel geht, der weiß, dass das ja "nur Fußball" ist, diesen Text liest und vielleicht ein paar Minuten innehält und für einen kurzen Moment so etwas wie Respekt verspürt vor dem, was für diese Menschen in ihrer Freizeit tun. "Für alle. Für den Fußball." Respektieren kann man auch Dinge, die man nicht versteht, die man vielleicht ablehnt oder mit denen man sich gar nicht beschäftigen möchte. Und dann wäre schon viel gewonnen.

ZONA COVO

3 lange Monate.
Kälte, Eis, Raureif, Schnee, Regen, endlich Sonne und dann wieder arschkalt.
Kilometer um Kilometer ins Mailänder Hinterland, auseinanderschneiden, zusammennähen, ankleben, zurechtschneiden, zusammenheften und…
Und dann zeichnest du tausende von Metern, sprayst, färbst, malst, rollst…
Und wieder machst du die Pinsel mit eiskaltem Wasser sauber (die zu unchristlichen Zeiten sofort gefrieren, wenn sie dir runterfallen), belädst Lieferwagen, lädst aus, holst die Fahnenstangen, schneidest, sägst, nähst wieder zusammen und fädelst ein…
Und währenddessen spürst du, wie das Derby immer näher rückt, manchmal langsam, dann wieder schneller…
Und die Emotionen werden stärker, der Herzschlag wird immer schneller, das Adrenalin steigt und – wie immer – merkst du, dass der Derbytermin immer schneller auf dich zukommt und immer noch gibt es "jede Menge zu tun", um die Choreographie fertig zu bekommen…
Der Rücken tut dir weh, die Muskeln schmerzen, die Beine zittern und die Knochen schlackern bei jeder Bewegung deines Körpers….
Deine Arbeitstage beginnen, weniger produktiv zu sein, beginnen sich mit Gähnen und Gedanken an die gerade verbrachten Nächte zu füllen, getränkt mit unseren Farben…
Paranoia, Kunstgriffe, Kopfzerbrechen…
Und unsere Kunden oder Chefs bei der Arbeit werden zu Störfaktoren unserer Konzentration auf das einzige Ziel, das 90 Tage vor dem Stadtderby zur wichtigsten Frage wird…
Und das alles für lächerliche 5 Minuten…
Fünf, nicht fünzig…
Fünf Minuten, in denen alles wie am Schnürchen laufen muss, in vollkommener Perfektion…
In denen die ganze Arbeit, Anekdoten, Abenteuer, Missgeschicke, der konstante Einsatz und die Emotionen sich gemeinsam mit den Stoffbahnen entrollen und der Anspannung, die dir den Hals zuschnürt.
Wird alles so klappen, wie wir uns das gedacht haben?
Wird alles perfekt sein?
Wird dem Publikum die Show gefallen?
Wird es der ganzen Liebe und den ganzen Anstrengungen der letzten Monate gerecht?
Wird es uns gerecht?
Angst. Beklemmung. Hoffnungen. Optimismus.
Die Vorbereitungen, das Auslegen, die Stunden vor dem Anpfiff.
Hektik.
Und dann entwischt dir ein sarkastisches Lächeln, wenn du an die ganzen Idioten denkst, die den Mund voll nehmen und erklären, dass die Choreografie vom Verein gemacht wird, dass die dich bezahlen, dass… dass… dass…
Du lächelst.
Und du bist stolz darauf, wie eine einfache und pure Leidenschaft dich dazu getrieben hat, das alles zu schaffen, dich von der realen Welt abzukapseln, um den Rahmen für ein Fußballspiel zu gestalten.
Für lächerliche 5 Minuten Gänsehaut.
5 Minuten, in denen es dir eiskalt den Rücken hinunterläuft und sich die letzten 90 Tage Vorbereitung vor deinem geistigen Auge abspulen, während zehntausende Menschen sich koordiniert bewegen, um das Spektakel aufzuführen.
Das Herz zittert. Der Atem stockt.
So sehr, dass du manchmal daran denkst, dass du früher oder später daran verreckst, wenn du dein wichtigstes Organ weiter so beanspruchst…
Hör doch auf…
Du fühlst dich viel lebendiger.
Und mit Sicherheit fühlst du dich mehr Mensch als all die ganzen Schlipsträger, die hinter einem Schreibtisch sitzen und Millionen von Euros von einer Bank zur anderen schieben.

OH LANGSAM!!!
DIE CHOREO IST JETZT!!!

Leute, diesmal haben wir uns den Rücken noch mehr als sonst krumm geschuftet. Für alle. Für den Fußball.
Achtet bitte noch mehr als sonst darauf, die Anweisungen auf dem Flyer genau zu verfolgen.

Wir zählen auf euch.

LEIDENSCHAFTLICH WIE NIE…

AVANTI CURVA NORD!!!

Die aus der "Höhle"

(Aus dem Fanzine Inter-Milan vom 22.12.13)