AS Roma-Empoli 2015 © asromaultras.org

Offener Brief eines AS Roma-Fans zur Einlasssperre beim Pokalspiel gegen Fiorentina

Offener Brief eines AS Roma-Fans zur Einlasssperre beim Pokalspiel gegen Fiorentina: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
5,00 von 5 Punkten, basierend auf 3 abgegebenen Stimmen.
Loading...

Andrea, Fan des AS Roma, hat seine Erlebnisse beim Pokalspiel Roma-Fiorentina vom 3. Februar aufgeschrieben. Ursprünglich veröffentlicht bei „Dalla parte del torto“ übersetze ich den Brief gern, weil er exemplarisch aufzeigt, was im italienischen Fußballbetrieb schief läuft und genau deshalb in den offiziellen Medien mit keiner Silbe thematisiert wird. Dort läuft auf allen Kanälen weiter das Märchen vom „gewalttätigen Hooligän“, der die sprichwörtlichen „Familien mit Kindern“ verängstigt und vom Stadionbesuch abhält. Aber lest selbst: »AS Roma – ACF Fiorentina ist angesetzt, Viertelfinale der Coppa Italia, saisonentscheidend für die Roma, ein Spitzenspiel für die Fiorentina. Der Kartenverkauf lief schleppend, auch wegen der sportlichen Durststrecke der Gelbroten erwartet man kein ausverkauftes Stadion. Es ist ein verregneter, eiskalter Abend, also entscheidet sich der operative Arm der Staatsmacht, den Fans ein schönes Geschenk zu machen, einfach um die Stimmung ein bisschen anzuheizen. Bis heute haben sie uns mit Bildern von Genny ‚a Carogna bombardiert. Wegen der Theorie, dass der gewalttätige Fan Familien mit Kindern davon abhält, ins Stadion zu gehen. Wegen der Kurven als Brutstätte für Kriminelle, Drogendealer und Straßengauner. Heute erzähle ich euch eine Geschichte, die vielen die Augen öffnen sollte. Um 20.10 Uhr (Anpfiff ist um 20.45 Uhr) schicke ich mich gemeinsam mit meinen Freunden an, ins Stadion zu gehen. Im Bereich der Vorkontrollen bemerke ich eine ziemlich seltsame Aufreihung, ein sehr merkwürdiges und verdächtiges Aufgebot der Sicherheitskräfte in Uniform und zivil. Aber ich versuche, ruhig zu bleiben und denke, dass es nur darum geht, die Ausweiskontrollen und Durchsuchungen möglichst schnell abwickeln zu können. Wir reihen uns ein und nach ungefähr 10 Minuten erreichen wir die Drehkreuze, hübsch durchgeweicht und mit vor Kälte zitternden Händen, aber auch schön angespannt, weil wir sicher sind, dass es jetzt gleich rein geht. Stattdessen schauen wir auf eine erschreckend lange Schlange, hören Schreie, Proteste, weinende Kinder. Hinter und an den Seiten der Masse sind die Playmobil-Cops aufgereiht, wie um zu sagen „sobald ihr ein kleines bisschen aufmuckt, schreiten wir ein“. Nach weiteren 10 Minuten sind die Drehkreuze immer noch blockiert und die Schlange wird länger. Kinder weinen, weil sie wissen, dass das Spiel gleich los geht, Eltern, die versuchen mit den Verantwortlichen der Digos zu sprechen, die ihnen mit deftigen Beleidigungen antworten. Polizei und Finanzpolizei die mehr daran interessiert sind, die Wartenden zu verarschen, als die Situation aufzulösen. Die Stimmung schaukelt sich hoch (sind wir sicher, dass das nicht genau so beabsichtigt war?), Leute schlagen – genau wie im Gefängnis – gegen Einlasstor und Stadionmauer, aber nichts ändert sich. Im Gegenteil. Die halbe Curva Sud verpasst die erste Halbzeit, stellt euch die Wut vor, die überhitzten Gemüter, aber außer ein paar kleinen Geplänkeln passiert nichts. Provokatorisch möchte ich fragen: Und wenn eine Gruppe Fans wegen einer derartigen Ungerechtigkeit nachvollziehbarerweise einen kleinen Aufstand organisiert hätte? Vielleicht ist es genau das, was sie erwarten. Also die in den blauen Uniformen. Die legten es auf einen Einsatz an, mit Schlagstöcken in einer Menge mit Frauen, Kindern und Alten, die sich berechtigterweise gegen so einen typisch italienischen Scheiß gewehrt hätten. Es ist nicht nur eine Frage der öffentlichen Ordnung. Es ist auch und vor allem eine Frage des Prinzips. Die Menschen bezahlen, um ihre Mannschaft von der ersten bis zur neunzigsten Minute zu sehen und niemand darf das willkürlich verhindern. Aber gestern ist genau das passiert. Es ist passiert, dass irgendjemand von oben einfach entschieden hat, die Drehkreuze für mehr als eine Stunde einfach zu schließen und die Situation degenerieren zu lassen. Es ist passiert, dass Menschen, die um Informationen baten, als Antwort beleidigt wurden von denen, die dafür bezahlt werden, die öffentliche Ordnung zu sichern. Es ist passiert, dass genau die Familien, die von unserem Innenminister so oft und gern erwähnt werden, mit ihren Kindern, die einfach ihre Idole sehen wollten, draußen in der Kälte und im Regen standen. Ist dies der Fußball, den ihr wollt? Ist dies das von euch so gern zitierte englische Modell? Ist dies der Ort, den ihr Kindern, Familien und Rentnern in den Stadien bereitstellt? Ist dies die von euch gewünschte Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit? Tessera del Tifoso, Auswärtsfahrtverbote, Sektorensperrungen, Wettskandale und wasweißichnoch haben nicht gereicht. Gestern wolltet ihr den großen Knall und er ist nicht eingetreten. Aber nicht, weil es keiner gewagt hat, eure geplante „Ordnung“ herauszufordern, sondern nur, weil die Fans euch in einfachen Worten erklärt haben, was gesunder Menschenverstand bedeutet. Aber vielleicht wissen ja Menschen, die einfach Befehle ausführen nicht mehr, was das ist. Geht und fragt den siebenjährigen Luca, welches Bild vom Fußball er gestern bekommen hat. Er wird euch antworten, dass er lieber im Hof bolzen geht mit seinen Freunden, die alle denselben Traum verfolgen. Aber vielleicht ist es ja genau das, was sie wollen: Leere Stadien und Theaterbesucher.«