Curva Sud AS Roma

Offizielle Stellungnahme der Curva Sud Roma

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Die Curva Sud des AS Roma hat gestern eine öffentliche Erklärung abgegeben. Nach den Vorfällen rund um den Mord an Ciro Esposito beim letztjährigen Pokalfinale und insbesondere seit dem Solidaritäts-Spruchband für den mutmaßlichen Schützen Daniele De Santis stehen die Ultràs der Roma unter schwerer Kritik, die Vorkommnisse im Mai dieses Jahres begründeten eine nochmalige Verschärfung der Normen und Strafen rund um den Stadionbesuch. Ich weiß nicht, ob der skizzierte Weg erfolgreich sein wird und wie viele ihn mittragen werden, vermutlich wird auch der Ansehensverlust der Curva Sud bei den anderen Fanlagern nicht kurzfristig zu beheben sein. Aber interessant ist der Text allemal, vor allem weil er Selbstkritik enthält, ein sehr seltener Bestandteil der Kommuniqués italienischer Ultràs, Selbstkritik und Übernahme von Verantwortung – genau das, was Giovanni Francesio in seinem „Tifare Contro“ bereits vor 6 Jahren gefordert hat. Sicher sind die mehrfachen Einschübe, dass für die schlimmsten Fehlentwicklungen ja immer junge, nicht organisierte „streunende Köter“ verantwortlich seien, zum Teil eine Schutzbehauptung. Trotzdem finde ich das Eingestehen eigener Schuld, auch an der „Tessera del Tifoso“, und das Eingeständnis, die eigenen Regeln nicht mehr durchgesetzt zu haben, zunächst einmal positiv – verbunden mit der erklärten Notwendigkeit eines Neuanfangs. Sicher auch interessant der Absatz zur Bedeutung der sozialen Netzwerke. Eine gute Lektüre, ein Denkansatz, sicher auch für die eine oder andere Kurve im deutschsprachigen Raum.


 

CURVA SUD….FANGEN WIR NEU AN!

Absurde freiheitsfeindliche Gesetze, Tastaturlöwen, von den üblichen Strippenziehern geschürte Gewaltepisoden. Für uns Ultràs der Roma ist der Moment gekommen, die Stunde Null auszurufen und neu zu beginnen. Es ist der Moment gekommen, die eigene Verantwortung einzugestehen und uns für eine neue Linie einzusetzen.

Normalerweise schreiben wir nicht, um unsere Positionen öffentlich zu erklären, aber die Ereignisse um den Tod von Ciro Esposito erzwingen eine tiefgreifende Reflektion über unsere Art, Ultrà zu leben, vor allem für die Entwicklung der neuen Generationen, die die Kurven in den nächsten Jahren füllen werden.

1) Italienisches Pokalfinale

Ciro Espositos Tod ist für uns eine gewaltige Tragödie, der aber wegen der Umstände, wie er passiert ist, nichts mit der Welt der Ultràs zu tun hat. Es handelt sich um eine unglückliche und schmerzhafte Angelegenheit, die das Leben zweier Familien zerstört hat und den Tod eines jungen Menschen sowie die fast sichere Amputation des Beines eines anderen nach sich zieht. Die Regeln der normaler Auseinandersetzungen unter Fanlagern wurden – weit – überschritten.

Wir wurden dafür kritisiert, dass wir keine offizielle Delegation zum Begräbnis geschickt haben: einige haben gesagt, dass wir uns aus Angst nicht blicken lassen haben, andere hingegen, dass es sich unsererseits um eine Herausforderung handelte und eine Geste der Missachtung gegenüber den Napoli-Fans. Weder das eine noch das andere erklärt unsere Entscheidung.

In Wirklichkeit haben wir gedacht, dass unsere Anwesenheit Spannungen hätte schüren können an einem Tag, der einzig und allein der Erinnerung an einen tragisch verstorbenen jungen Mann gewidmet sein sollte. Wir hatten die Befürchtung, das unsere Anwesenheit durch die üblichen Journalisten hätte instrumentalisiert werden können, die schon in den dem Begräbnis vorausgehenden Tagen auf mögliche Ausschreitungen spekuliert und so ein Klima der Anspannung angefacht hatten.

Einige von uns waren an diesem Tag, als Einzelpersonen, anwesend und als die Scheinwerfer ausgeschaltet waren, sind wir direkt auf die Familie Esposito zugegangen, wie es unsere Art ist: ohne Proklamationen oder Veröffentlichungen.

Wir wurden für das Solidaritätsbanner für Daniele De Santis kritisiert; die Presse hat das als Geste der Herausforderung beschrieben. Nichts von alledem. Es war einfach eine Geste, sicherlich in der falschen Art und zum falschen Zeitpunkt (und dafür übernehmen wir die Verantwortung), um einem Menschen Mut zuzusprechen, der – damals wie heute – in einem Krankenhausbett liegt.

2) Verantwortung

Wenn die Regierung freiheitstötende Gesetze beschließt, um das Versagen der Tessera del Tifoso zu verschleiern, ist das vor allem Schuld der gesamten Welt der Ultràs. Aber weil wir nie über die Anderen sprechen, werden wir euch sagen, welches die hauptsächliche Verwantwortung der Ultràs der Roma ist.

Die Curva Sud hat dem Generationenwechsel nicht standgehalten. Wir haben irgendwie überlebt, außer für kurze Zeiträume, berufen wir uns wieder auf den Stil der Leute, die von den 70er Jahren bis in die 90er die Curva Sud in- und außerhalb der Stadien zu einer der bewundertsten, gehasstesten und respektiertesten Kurven Italiens gemacht haben.

Unsere eigene Erschlaffung hat zu mangelnder Kontrolle der jüngsten Mitglieder geführt, die in die Kurve gegangen sind; wir haben es zugelassen, das selbsterklärte Kondottiere sich zum Anführer erhoben und Verhaltensweisen gefordert haben, die von dem abweichen, was immer unser Stil war (und wieder werden muss).

Es fehlte eine einstimmige Richtung der gesamten Curva Sud und das führte zwangsläufig zu einer wahllosen Freiheit des Nachwuchses, sich so aufzuführen, wie es einem passt und die mit ihren Aktionen die Reputation einer ganzen Kurve in Misskredit gebracht haben.

Unbeteilte Sechzigjährige oder Schüler „anzupieksen“, um das klarzustellen, sind absolut keine Gesten von Ultràs, sondern feige Aktionen und wir tragen die Schuld, dies nicht verhindert zu haben.

Das ist sicherlich unsere Hauptschuld; es zugelassen zu haben, das niederträchtige Episoden, ausgeführt von jungen „Streunern“ ohne Kontrolle, eine ganze Kurve charakterisieren.

Es fehlte eine koordinierende Regie für unsere Aktionen. Ein Beweis dafür ist, dass wir im Laufe der Jahre dem „System“ immer wieder Vorwände geschenkt haben, die Repressionsschraube gegenüber den Ultràs weiter anzuziehen.

Jedes Mal, wenn die Lautsprecher der Journaillie vor einem „heißen“ Spiel die ganze Woche die Gefahr von Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Fanlagern herausposaunt hat, sind wir voll darauf reingefallen.

Unsere fehlende Koordinierung hat zum Ergebnis gehabt, dass immer genau das passiert ist, was Presse und Regierung sich erwartet haben, genau auf die Art und zu den Zeiten, die notwendig waren, um aus der Anwesenheit von Ultràs in den Stadien ein gesellschaftliches Problem zu machen. Ein Problem, das es energisch zu bekämpfen und auf die Titelseiten zu drucken gilt, um vielleicht von ein paar unpopuläre Entscheidungen abzulenken.

Die Tessera del Tifoso ein Fehlschlag? Anstatt die eigenen Fehler zuzugeben hat es die Regierung bevorzugt, neue und absurde freiheitsfeindliche Gesetze herauszugeben. Wer hat ihnen den Vorwand dafür geliefert? Wir.

3) Social Network

Der Ultrà ist, so wie er sein Fansein lebt, natürlicherweise dem Schweigen zugeneigt. Prahlerei im Netz mit den darauf folgenden Scheinwerfern der Medien, sind absolut nicht Teil seines Lebens. Mit der Ausbreitung der Social Networks wurde jedem die Möglichkeit gegeben, zum Tastaturhelden zu werden und im Schutz perfekter Anonymität im Namen von anderen und für andere zu sprechen. Jeder, der auch nur einmal in der Curva Sud war, denkt es wäre sein Recht, irgendwelchen Quatsch in sein Profil zu schreiben, was gedungene Journalisten dann der Öffentlichkeit als Position eines gesamten Fanlagers verkaufen. Hinter der Tastatur kann irgendein Großmaul sitzen, der noch nie im Stadion war oder jemand, der wissentlich die Fresse aufreißt, um eigene Ziele zu erreichen. Wir, Ultràs der Roma, stehen zu dem, was wir tun, Gutes wie Schlechtes. Uns ist ein Treffen mit anderen Fanlagern „auf die gute alte Art“ lieber, als uns mit Beleidigungen im Web aufzuhalten.

So wie wir den Fußball leben, ist es uns völlig unverständlich, Fotos, Videos und so Sachen zu veröffentlichen, die den Unsicherheitskräften und den Lügnern der Informationsmaschinerie die Arbeit erleichtern.

Es sollte also allen klar sein, dass die Positionen der Roma-Ultràs niemals in den sozialen Profilen von irgendjemandem zu lesen sein werden.

4) Politik im Stadion

Die politische Kartografie der Kurve ist ein Thema für Journalisten. Jeder hat seine politischen Vorstellungen, aber wenn man im Stadion ist, sind wir vereint durch die Art, unsere Leidenschaft gegenüber der eigenen Fußballmannschaft auszuleben. Um jeden Preis Verflechtungen zwischen dem Support und extremistischen Bewegungen (links oder rechts) sehen zu wollen, ist ein Versuch, im Auge des unbeteiligten Mannes der Straße die Gefährlichkeit der Welt der Ultràs heraufzubeschwören. Die Kurve ist eine der letzten Vorposten der Gesellschaft, wo sich Jugendliche noch zusammenfinden können: vor genau diesem Umstand hat das System Angst. Und genau deshalb wird jede denkbare Sache versucht, für die Dämonisierung des Phänomens Ultrà zu verwenden.

Politik ist wirklich das letzte, was die Curva Sud in diesem Moment braucht!

5) „Anpieksen“

In Rom ist die Verwendung des Messers zum Austragen von Kontroversen eine Tradition. Man braucht nur die Erzählungen aus der Zeit der „Roma dei Belli“ durchzublättern, um zu sehen, wie seinerzeit Meinungsverschiedenheiten zwischen verschiedenen Stadtteilen mit Steinen und Messern ausgetragen wurden. Diese Tradition wurde bis in unsere Tage weitergereicht und ist so auch ins Stadion gelangt.

Unter den italienischen Tifoserien werden wir als Messerstecher angesehen.

Ein oberflächliches Urteil, das uns ganz sicher nicht gefällt, umso mehr, als die „Anpieksereien“, die uns vorgeworfen werden, von jungen „Streunern“ gegenüber unbeteiligten gegnerischen Fans begangen werden. Dieses Phänomen muss bekämpft werden. Wir dürfen es nicht zulassen, dass das Bild unserer Kurve von feigen Aktionen durch Leute bestimmt werden, die weil sie nicht die Eier haben, sich auf Augenhöhe zu messen gegnerische Fans angreifen, die einfach nur zum Stadion gehen um sich das Spiel anzuschauen. Wir müssen im Inneren unserer Kurve wieder die ungeschriebenen Regeln durchsetzen, die die „Treffen“ gegnerischer Fanlager disziplinieren.

Auf der Basis dieser Überlegungen kommunizieren wir, dass sich die Ultràs der Roma in der neuen Saison wie immer in der Curva Sud treffen, um das Fundament für einen Neuaufbau einer Kurve zu legen, die aufgrund ihrer Geschichte wieder in eigenem Licht erstrahlen muss.

DIE ULTRAS DER ROMA