Catania

Libertà per Antonio Speziale?

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Das Jahr 2007 mit den beiden Todesfällen Gabriele Sandri und Filippo Raciti stellt auf vielen Ebenen einen point of no return für die italienische Ultràbewegung dar. Im Nachgang zu den Vorfällen wurde, begleitet durch das Trommeln der Medienindustrie, eine Reihe von Sondergesetzen entworfen bzw. bereits bestehende Maßnahmen und Dekrete durchgesetzt. Ohne eine grundlegende Idee dieser beiden Ereignisse ist das “Davor” und “Danach” italienischer Kurven kaum verständlich zu machen. Der Lazio-Fan Gabriele Sandri wurde im November 2007 durch einen Polizisten auf einem Autobahnrasthof in der Nähe von Arezzo erschossen. Der Polizist Filippo Raciti kam während Zusammenstößen von Fans von Catania und Palermo im Umfeld des sizilianischen Derbys im Februar 2007 ums Leben. Bereits vor 5 Jahren hatte ich mich einiger Ungereimtheiten bei der Schilderung des Tathergangs angenommen und mich dabei insbesondere auf die Schilderungen der Repubblica gestützt. Verurteilt wurde der zum Tatzeitpunkt erst 17-jährige Antonio Speziale aus Catania in zwei Instanzen wegen Totschlags zu 14 Jahren Haft.

Und weil eine Dokumentation über den derzeitigen Zustand italienischer Stadien sich zwangsläufig um das Jahr 2007 drehen muss, besuchten wir im Rahmen unseres Dokumentarfilmprojekts für das ZDF auch die wunderschöne sizilianische Hafenstadt Catania. Unter anderem erhielten wir Gelegenheit, mit Antonio Speziale und seinem Anwalt Giuseppe Lipera zu sprechen. Unser Besuch in Catania war sicherlich für alle Beteiligten ein atemberaubendes Erlebnis. Nicht nur wurden wir in dieser von Stadionverboten und Repressionsmaßnahmen seit 2007 noch einmal besonders getroffenen Fanlager herzlichst empfangen, die dortigen Ultràs luden uns auch in das Herz ihrer Szene ein. Wir durften bei ihnen schlafen, gemeinsam mit ihnen feiern, sie beim (viermaligen!) unterschreiben am Spieltag vor der Polizeiwache filmen, wir wurden von ihnen stilecht mit Vespas zum Stadion fahren und konnten viele wunderschöne Eindrücke mehr gewinnen. Leider haben wir es rein zeitlich nicht geschafft, alle Gruppen zu filmen, die uns mit sizilianischer Gastfreundschaft und Herzlichkeit überschüttet haben; insofern seien die “Irriducibili” und die “Skizzati” hier wirklich nur beispielhaft genannt. Ein besonderer Dank geht an den “Principe”, den besondersten Fan der Catanesi (wer weiß, der weiß). Die “Irriducibili” erlaubten uns, sie beim Warmsingen an ihrem Treffpunkt vor dem Stadion zu filmen, ihre Biere zu teilen und sorgten mit süditalienischer Rafinesse dafür, dass unser Protagonist sich das Heimspiel gegen Napoli in beiden Kurven anschauen konnte. Auch die “Skizzati”, Antonio Speziales Gruppe aus dem armen Stadtteil “Passarello”, luden uns ins Herz ihres “Ghettos” ein und erfreuten uns mit Pyrotechnik, ihren Murales und Sprechchören für Antonio. Hierzu sollte ich womöglich anmerken, dass “Passarello” kein Quartier ist, durch das ein neugieriger Tourist so einfach mal durchschlendert. Unsere Autokarawane wurde dann auch sofort nach Sichtung von Jungs auf Vespas verfolgt, auf ein Zeichen unseres “Kontakts” verschwanden aber auch diese sofort. Don’t try this at home!

Aber ganz unabhängig davon ermöglichten es uns die Gruppen, an einem Sonntagabend um 21.00 Uhr (!) Antonio Speziale in der Kanzlei seines Anwalts Giuseppe Lipera zu treffen. Dort nahm sich Strafverteidiger Lipera – ein herrlich typischer Sizilianer mit Schnauzbart und 5 Packungen Zigaretten auf dem Schreibtisch – die Zeit, mit uns ausführlich über den Fall Raciti und seinen Mandanten Speziale zu reden, zudem bekamen wir eine exakte Kopie der blechernen Waschbeckenummantelung gezeigt, mit der – zumindest laut den vorherigen Instanzen – Antonio Speziale den Inspektor Raciti getötet haben sollte. Am 14. November 2012 wird in Rom die Berufungsverhandlung vor der Fünften Strafkammer des Kassationsgerichtshofs in Rom beginnen. Lipera zeigte sich äußerst zuversichtlich, dass Speziale diesmal freigesprochen wird und untermauert diese Hoffnung durch die mitterweile erfiolgte Haftentlassung Speziales (er muss 21 Uhr seinen Hausarrest antreten) und das soeben zurückgerufene verlängerte Stadionverbot gegen ihn. Der wissenschaftliche Dienst der Polizei in Rom (“RIS”) hatte per Gutachten kategorisch ausgeschlossen, dass die blecherne Waschbeckenummantelung für die tödlichen Verletzungen Racitis (4 Rippenbrüche, Leberriss) verantwortlich gewesen sein konnte. Ich habe das Teil mit meinen eigenen zwei Fingern mühelos angehoben und kann dem nur zustimmen; wenn man es wirft, schwebt es vermutlich zu Boden.

Dann bliebe aber tatsächlich nicht mehr viel von den Vorwürfen gegen Antonio Speziale übrig. Für Details verweise ich auf meinen oben verlinkten Text aus dem Jahr 2007, aber ich möchte noch einmal grob zusammenfassen und die Aussagen seines Strafverteidigers einfließen lassen: Es gab eine Aufnahme, die Speziale beim Werfen dieses Blechs zeigte, keine davon, wie es irgendjemanden getroffen hat. Auch von den Kollegen von Racitis Polizeitruppe, die die ganze Zeit an seiner Seite bzw. hinter ihm standen, hatte niemand zu keinem Zeitpunkt gesehen, dass Raciti von irgendetwas getroffen wurde, er setzte seinen Dienst ja auch noch stundenlang unbeeindruckt fort. Die zweimalige Aussage eines Polizisten, er hätte beim Zurücksetzen seines “Defender”-Jeeps erinen Aufprall gespürt und beim Herumdrehen unzweifelhaft den Kollegen Raciti auf dem Boden liegen gesehen, wurde im Prozess zurückgezogen. Ein Augenzeugenbericht, der sich i.ü. mit den blauen Farbspuren vom Defender deckt, die auf Racitis Uniform gesichert wurden und für die meines Wissens niemals eine andere Erklärung gefunden wurde. Wir haben also Aufnahmen von einem jungen Ultrà, der etwas wirft, keine Aufnahmen oder Zeugenaussagen, wie er jemanden trifft. Lange später wird Raciti (Aussage zurückgezogen oder nicht) von einem Polizeijeep im Rückwärtsgang angefahren, was nach dem gesunden Menschenverstand einen Leberriss und Rippenbrüche schon eher erklärt, als ein dünnes Blech, das sich mit 2 Fingern anheben lässt. Zumal es ja sonst keine weiteren Beweismittel oder Zeugenaussagen gibt.

Der Fall des getöteten Polizisten sorgte seinerzeit für ein riesiges Medienecho im In- und Ausland, Riot-Bilder überfluteten die Zeitungen und Nachrichtensendungen und das Bonmot von den “italienischen Verhältnissen” hatte wieder einmal einen dezidiert negativen Geschmack. Das in einem Land, das wie kaum ein anderes auf “bella figura”, den schönen Schein, ausgerichtet ist. Giuseppe Lipera vermutet, dass er wegen des medialen Drucks bereits drei Tage nach der Tat im Gerichtsgebäude beiseite genommen und mit den Worten überrascht wurde: “Ihr Mandant ist der Täter. Erklären sie es ihm.” Vor dem Gericht wurde er von Journalisten bedrängt, die bereits auf denselben Schuldigen geeicht waren und am nächsten Tag beschieden 9-spaltige Überschriften, dass der “Mörder Racitis” gefasst sei. Und das ohne Beweismaterial oder gar ein Geständnis des Verdächtigen in der Hand zu haben. Lipera meint, dass der Druck, der erregten Öffentlichkeit schnell einen Täter präsentieren zu müssen, dazu geführt hat, dass man einen Jugendlichen aus einem der ärmsten Stadtteile Catanias dazu hernahm. Und dass nun nach 5 Jahren und abgeflautem Medieninteresse womöglich ein gerechteres Urteil gefällt werden dürfte.

Ich bin kein Anwalt und ich will mich bei der Beurteilung des Falls Filippo Raciti/Antonio Speziale daher auch gar nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Mein Unverständnis zum Prozess hatte ich in den beiden vorherigen Artikeln zum Thema bereits dargestellt, meine Gespräche mit Herrn Rechtsanwalt Giuseppe Lipera und insbesondere mit dem ungemein sympathischen Antonio Speziale selbst bestärken mich allerdings in meiner Ansicht, dass das letztinstanzliche Urteil womöglich etwas näher an den tatsächlichen Geschehnissen am 02.02.2007 orientiert sein wird. Insbesondere, weil mittlerweile per Gutachten der RIS Roma ausgeschlossen ist, dass Speziale den Polizisten Raciti mit dem Waschbeckenunterbau getötet haben könnte – und das ganz abgesehen davon, dass niemand gesehen oder gefilmt hat, dass er denn davon überhaupt getroffen wurde. Speziale ist derweil unter Auflagen auf freiem Fuß, sein Stadionverbot wurde aufgehoben. Lipera ist sich sicher: “Beim Tod des Polizisten Raciti handelt es sich um einen tragischen Unglücksfall.” Sollte es tatsächlich zu einem Freispruch kommen, wäre die zweite Säule der Begründungen für die nach 2007 durchgedrückten Sonderdekrete gegen italienische Ultràs gekippt. Gabriele Sandri wurde ja sowieso – fernab eine Stadions – durch einen Polizisten erschossen. Einen Polizisten, der wegen Totschlags an Gabriele Sandri verurteilt wurde und in Haft sitzt.

Ein Paar Eindrücke aus Catania