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Video rekonstruiert Todesschüsse auf Gabriele Sandri

Eigentlich wollte ich ja einen Beitrag zur aktuellen Blog-Diskussion um Doping im Fußball schreiben, auch weil sich Juventus-„Bad Boy“ Luciano Moggi sich am 20. Januar mal wieder der Gerichtschaft stellen muss – und die gute alte Juve ist ja nun der einzige Verein, dem man systematischen Einsatz der Produkte der Pharmaindustrie zum Zwecke der Leistungssteigerung klar nachgewiesen hat (nicht, das das zu Strafen geführt hätte, Dopingliste und EPO-Tests waren ja so gestaltet, dass nichts gerichtsfestes herauskommen konnte). Aber Italien ist ja nicht arm an Skandalen und so verfolge ich lieber die Bewegungen im Fall Gabriele Sandri. Wer sich nicht mehr erinnert: Der junge Lazio-Fan kam im November 2007 auf höchst suspekte Art durch die Kugel eines Polizisten zu Tode. (Weitere Infos finden sich u.a. hier und hier und wenn ihr oben rechts nach „Gabriele Sandri“ sucht.)

Mittlerweile war der erste Jahrestag der Todesschüsse auf Sandri und nachdem ja der eigentliche Prozessauftakt im letzten Jahr durch die Verteidigung auf sehr elegante Weise zu Fall gebracht wurde (Anwalt Gianpiero Renzo erklärte, die Vorladung nicht erhalten zu haben und so war es sein „gutes Recht“, den Prozessbeginn ein Vierteljahr zu verschieben – und Sandris Mutter so nebenbei das schmerzvolle Erlebnis gleich noch einmal zu gönnen), soll es Freitag aber nun aber wirklich losgehen damit, rückhaltlos und ohne Ansehen der Personen den Fall aufzuklären, der am 11. November 2007 in der Autobahnraststätte Badia al Pino zum Tode eines Fussballfans führte. Die Entscheidung über die Anklageerhebung steht an. Denn der Schütze, Luigi Spaccarotella, wurde bislang noch nicht einmal dienstrechtlich belangt. Und das, obwohl ihn mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen von seinen ursprünglichen Behauptungen, erst gar nicht und dann in die Luft geschossen zu haben, abrücken ließen. Mittlerweile gilt – zumindest unter Tatzeugen – als unstrittig, dass der Polizist die Todesschüsse aus beidhändig gehaltener Waffe bei nach vorn gestreckten Armen in Mannhöhe abgegeben hat. Konsequenzen? Keine.

Freitag wird Spaccarotella denn nun auch nicht vor Gericht erscheinen. „es ist keine Aussage vorgesehen und um dem Medienansturm zu entgehen„, so erklärt Anwalt Bagattini. Ja, das kann man verstehen, wirklich furchtbar und traumatisch, diese Medienpräsenz. Vor allem, weil es sich ja um einen Unfall gehandelt hat. Um dem Mann weiteren Schmerz zu ersparen, wird er jedenfalls nicht präsent sein. Einstweilen hat sich die Staatsanwaltschaft aber Gedanken zum Fall gemacht und präsentiert ihre Vorstellungen zum Tatablauf in einem Video:

Staatsanwalt Giuseppe Ledda wird die Simulation am Freitag in Arezzo präsentieren, um die Anklageerhebung auf vorsätzlichen Totschlag zu untermauern („omicidio volontario„). Es liegt dann am Richter (GUP = Giudice per le Udienze Preliminari), die Klage zuzulassen. Das 1,37 min lange Video basiert auf 4 Zeugenaussagen und rekonstruiert verschiedene Phasen der Ereignisse am 11. November 2007. Zu sehen ist u.a. der Schütze, der aus beiden Händen einen Schuss abfeuert, der durch einen Drahtzaun abgelenkt wird und deshalb das Auto trifft. Das erklärt zwar immer noch nicht, wieso der Mann quer über die Autobahn schiesst, aber so ist man wenigstens den Vorwurf der „gezielten Todesschüsse“ los, nachdem sich Spaccarotellas vorherige Einlassungen ja nun wirklich nicht mehr halten ließen.

Spaccarotellas jetzige Version hingegen veröffentlicht auch die wieder hervorragende Repubblica, die den Fall seit jeher kritisch, sachlich und reflektiert begleitet, auf ihrer Website. In dem dortigen Video löst sich der Schuss offenbar unwillentlich beim Laufen. Das deckt sich mit keiner einzelnen Zeugenaussage und wirft die Frage auf, wieso er denn mit geladener Waffe in der Hand an der Autobahn entlangläuft – wo doch die Vorschriften (vermutlich damit sich keine Schüsse lösen) zum Dienstwaffengebrauch ganz klar vorsehen, dass eine Waffe nach Abgeben eines Warnschusses wieder ins Holster zu stecken ist und dieses zu verschließen sei. Dann kann ja sowas auch nicht passieren und mir müsste auch niemand erklären, wieso ein solches (mal angenommen, es stimmt) unqualifiziertes Herumfuchteln mit einer geladenen Waffe im Straßenverkehr nicht wenigstens zu dienstrechtlichen Konsequenzen führt.

Während die Staatsanwaltschaft sich also durchaus auf gezielte Schüsse (und mithin die Inkaufnahme von Verletzungen und Tod) versteift und diese anklagt, untermalen Spaccarotellas Verteidiger Francesco Molino und Giampiero Renzo Anwälte „ihr Video“ mit einer Zusammenfassung ihrer Verteidigungsstrategie:

„Spaccarotella ha sparato in aria mentre un gruppo di incappucciati aggrediva uno juventino – hanno ribadito i difensori – poi nella corsa è partito un colpo accidentale, che oltretutto ha subito una deviazione decisiva“. – Spaccarotella hat in die Luft geschossen, während eine Gruppe mit Kapuzen verhüllter Personen einen Juventino angriff – dann hat sich beim Laufen versehentlich ein Schuß gelöst, der zudem entscheidend abgelenkt wurde.

Michele Monaco, Anwalt der Familie Sandri ist selbstverständlich ganz anderer Meinung und weist darauf hin, dass mindestens 4 Zeugenaussagen genau das Gegenteil beweisen:

„La verità è che Spaccarotella mirò e sparò ad altezza d’uomo (…) Il proiettile semmai ha deviato per l’impatto con il vetro dell’auto. Se avesse colpito la rete sarebbero state trovate tracce di zinco lasciate dal rivestimento del proiettile. Ma non è avvenuto.“ – Die Wahrheit ist, dass Spaccarotella auf Mannhöhe gezielt und geschossen hat. Die Kugel wurde wenn überhaupt höchstens durch das Fensterglas des Autos abgelenkt. Wenn es den Drahtzaun getroffen hätte, würden Zinkspuren von der Projektilummantelung gefunden worden sein. Wurden sie aber nicht.“

Ich bin gespannt, auf welche Weise es der Verteidigung gelingt, eine breite, interessierte Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Todesschüsse auf Gabriele Sandri ein tragischer Unfall gewesen sind. Ein Unfall, der – wie schon die merkwürdigen Umstände beim Tod des Polizisten Filippo Raciti meim sizilianischen Derby – dazu diente, die Repressionsschraube gegen Fußballfans ins Unerträgliche anzuziehen, Auswärtsfans auch schonmal 3 Stunden im Eisregen auf der Autobahn zu „kontrollieren“ oder eben ab und zu mal einen zu erschießen. Der Todesschütze Luigi Spaccarotella geht derweil weiter seinem Dienst nach.

23 Antworten auf „Video rekonstruiert Todesschüsse auf Gabriele Sandri“

[…] vor 3 Jahren, am 11. November 2007, um 9.18 Uhr durchschlägt eine vom Polizisten Spaccarotella abgefeuerte Kugel einen Kleinwagen in der Nähe der Autobahnraststätte Badia al Pino Est bei Arezzo und […]

Nachtrag: Die „Anklageeröffnungsanhörung“ ist beendet und – hört, hört! – Spaccarotella muss sich wegen vorsätzlichem Totschlag verantworten. Insofern scheint der Richter von den von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Ermittlungsakten so überzeugt gewesen zu sein, nicht von vornherein nur wegen eines tragischen Unfalls oder fahrlässiger Tötung zu verhandeln. Die erste Anhörung wird am 20. März in Arezzo stattfinden – womöglich dann ja mit dem Angeklagten selbst. Über dessen Abwesenheit beim heutigen Termin fand Sandris Bruder Cristian folgende Worte: „Er wird wohl Probleme auf der Autobahn gehabt haben“ („Avrà incontrato qualche problema sull’autostrada“).

Weniger ironisch drückt es Giorgio Sandri, Gabbos Vater, beim Betreten des Gerichtssaals aus: „Offensichtlich hat er nicht den Mut, uns in die Augen zu schauen und weiß sehr genau, was er getan hat und dass das nichts damit zu tun hat, dass er gestolpert ist („Evidentemente non ha il coraggio di guardarci negli occhi e sa bene che quello che ha fatto lo ha fatto non perché è inciampato“).

Und weiter:

„Ich will dem Mörder meines Sohnes ins Gesicht sehen (…) Ich hoffe nur, dass ich ihn das nächste mal zu Gesicht bekomme. Das erste mal waren es die Drohungen aus Rom, das zweitemal der Medienrummel, das dritte mal, werden Ufos Schuld sein.“ („Voglio vedere il faccia l’assassino di mio figlio (…) Spero soltanto che la prossima volta lo vedrò, a meno che non abbia paura degli Ufo. La prima volta erano le minacce da Roma, la seconda l’effetto mediatico, la terza saranno gli Ufo“).

„Das von der Staatsanwaltschaft erstellte Video stellt die Realität dar. Völlig unabhängig von der imaginären Ablenkung der Kugel hat Spaccarotella in Richtung eines Autos geschossen, schlimmstenfalls hätte er den Fahrer treffen können und wir hätten 5 Tote und nicht nur Gabriele“ („Il video-perizia fatto dalla procura rispecchia la realtà dei fatti. Al di là della deviazione fantomatica, Spaccarotella ha sparato in direzione di una macchina, e al limite poteva prendere anche il guidatore uccidendone cinque e non solo Gabriele“)

Wohl wahr, wohl wahr.

Im Anhörungssaal fanden sich ca. ein Dutzend Lazio-Anhänger, während vor dem Gerichtsgebäude ein Banner der „Fondazione Gabriele Sandri“ gegen Gewalt in und um Fußballstadien ausgerollt wurde: „è ora che sia fatta giustizia per Gabriele“ („Es wird Zeit, dass Gabriele Gerechtigkeit widerfährt“).

Dem kann ich mich nur anschließen.

Als wir im vergangenen Jahr bei Udinese Calcio spielen durften/mussten, zogen die dortigen Beamten auch fix ihre Waffen, als ein größerer „Trupp“ junger BVB-Ultras in Richtung Stadion gehen wollte und dabei die Polizisten einfach beiseite schob. Das war schon reichlich krass, passte aber zu der komplett ungastlichen Situation vor Ort. Alle möglichen Geschäfte geschlossen, kein Alkohol in der Stadt, Fanfest wenige Stunden vor Ankunft des Sonderzuges grundlos abgesagt etc.pp. Für viele Mitreisende entstand ein Eindruck Italiens, der nicht der Realität entspricht: ungastlich, unfreundlich und dazu noch repressiv.

Was Italien und die Italiener angeht, ist das sicher falsch. Leider ist bezogen auf den Fußball besonders in den letzten 2 Jahren genau das zu beobachten: "ungastlich, unfreundlich und dazu noch repressiv."

Abgesehen von Schüssen und anderen Provokationen seitens der uniformierten Meute – Spiele werden auch mal kurzfristig für Gästefans gesperrt, Tickets werden nur unter knallharten Restriktionen vergeben (mit Name und Stuernummer nur im Vorverkauf und nur an Einwohner der jeweiligen Stadt), Gästeblocks als Drahtkäfige ohne WC oder Möglichkeit, Getränke zu kaufen, grundloses Einkesseln von Gästefans vor dem Stadion, die dann über eine Halbzeit nicht sehen können…usw. usf.

War also nicht persönlich gegen euch gerichtet. 😉

Mir war und ist das bekannt, den meisten Fans aber nicht. Die kannten Italien oft nur als Urlaubsland und waren teilweise sehr erschrocken, wie dort heutzutrage mit einem umgegangen wird. Es war ja auch früher oft nicht einfach als Gästefan, aber oft war es einfach nur Show seitens aller Beteiligten. Als das neue Gesetz 2005 eingeführt wurde, war ich am ersten Spieltag in Bergamo, um mir dort das Heimspiel Atalantas gegen Hellas Verona anzusehen. Ich hatte von dem Gesetz gelesen, aber wohl wie viele Zuschauer gedacht: „Ach, das ist Italien, da wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Am Ende standen wir und viele Italiener vor verschlossenen Stadiontoren, nirgendwo gab es Karten, da die Kartenstellen alle 3 Stunden vor Spielbeginn schließen mussten. Am Ende revoltierte die Curva Nord, verscheuchte die eigenen Ordner und öffnete die Eingangstore für alle, die noch draußen waren. Zwar marschierte die Polizei auf, aber außer Drohgebärden passierte nichts. Das Spiel war mir eine Lehre und seither suche ich mir Spiele in Italien sehr genau aus und versuche immer, Karten vorher zu erhalten, bzw. reservieren zu lassen (was komischerweise immer noch klappt). Allerdings ist es ja sehr oft total undurchschaubar, für welches Spiel bis wann noch Karten verkauft werden dürfen, bzw. ob überhaupt. Die italienischen Vereine pflegen in der Hinsicht ja auch nicht gerade vorbildliche Homepages.

Und ob man dann mit der personalisierten Eintrittskarte kontrolliert wird, ist auch Glückssache: in Udine kein Stück, beim Spiel Toro gegen Siena wurde jeder eingehend kontrolliert, bei Palermo gegen Lazio ebenfalls (inkl. Sicherheitsring knapp 200 Meter vom Stadion entfernt, immerhin waren 18 Laziali vor Ort). Dagegen kaufte ich beim Derby in Genua eine Karte für 50,- EUR auf dem Schwarzmarkt, auf ihr stand ein Frauenname und ich sehe auch nicht gerade wie ein Italiener aus. Es hat keine Sau interessiert, ich kam problemlos ins Stadion.

Die Kartenproblematik in Italien ist echt abendfüllend, im Sonderzug musste ich das so vielen Leuten damals erklären, die das gar nicht verstehen konnten. Italien sei doch so liberal, was Fans anginge. Deswegen passiere da doch auch soviel…..is klar…

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