Gerechtigkeit für Gabriele

Gerechtigkeit für Gabriele

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Totschlag mit bedingtem Vorsatz, zu sühnen mit einer Gefängnisstrafe von 9 Jahren und 4 Monaten. So ist es dem gestrigen Urteil des Oberlandesgerichts Florenz zu entnehmen, das mit der Berufungsverhandlung gegen Luigi Spaccarotella betraut war. Dem Polizisten, der am 11. November 2007 den Lazio Rom-Fan Gabriele Sandri erschossen hat. In der ersten Instanz lautete der Richterspruch noch „fahrlässige Tötung“, was angesichts der Rekonstruktion des Tathergangs und der vielen übereinstimmenden Zeugenaussagen, die den Staatsbediensteten mit beiden ausgestreckten Armen auf Mannhöhe auf das abfahrende Auto der Laziali beschrieben hatten, europaweit für Kopfschütteln bis Wut sorgte. Nicht nur in Ultrà-Kreisen. Nun darf man also sagen, dass der Polizist Gabriele Sandri erschossen hat, bislang wurde die Tat nur als Unfall bewertet. Die Forderung der Staatsanwaltschaft lautete 14 Jahre Haft, mit der Möglichkeit der Verringerung der Haftstrafe um ein Drittel bei Wahl des verkürzten Verfahrensweges. Dem schlossen sich die Richter in ihrer gestrigen Entscheidung weitgehend an. Die Verteidigung, die gegen das ursprünglich verhängte Urteil von 6 Jahren im übrigen selbst in Revision gegangen war, plädierte auf Freispruch und argumentierte mit „Stress“ , den „schweren Polizeistiefeln“ und „Asthma“ ihres Mandanten. Um zu verteidigen, was nicht zu verteidigen ist. Nun ist also Gerechtigkeit geschaffen, die „Giustizia per Gabriele“ , die Ultrà-Gruppen seit 3 Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit einfordern. „Wir wollen nur Wahrheit und Gerechtigkeit“ hatte Gabrieles Vater Giorgio Sandri vor dem Urteilsspruch gefordert „Heute erwarte ich mir, sagen zu können, dass ich Stolz darauf bin, Italiener zu sein.“ Nun darf er es endlich sein. Zufrieden äußerte sich auch Gabrieles Bruder Cristiano, der der Verhandlung im weitgehend mit Lazio-Fans und Freunden von Gabriele gefüllten Gerichtssaal wortlos folgte. Tränen und Gesten der Freude hingegen vor dem Gebäude, wo die Eltern mit einem langen Applaus empfangen wurden. Gabrieles Mutter Daniela hatte einen Gedanken an den Täter gerichtet: „Bei der Urteilsverkündung empfand ich Mitleid für Spaccarotella, auch wenn dieser uns gegenüber niemals Verständnis ausgedrückt hatte. Es sind jetzt drei Jahre, die ich leide. Nun verschafft uns das Urteil Frieden.“ Anders die Lesart des Verurteilten, dessen Verteidiger sofort ankündigte, in Berufung zu gehen. Spaccarotella erklärte, „tief betrübt“ zu sein, aber „noch zu hoffen“.
„Ein schmerzhaftes Urteil, das jedoch Gerechtigkeit bringt für die Familie Sandri und alle, die an das Gesetz glauben. Heute ändert sich etwas grundlegendes im Verhältnis der jungen Leute, die ins Stadion gehen und der Welt der Rechtssprechung und vor allem wird unterstrichen, dass niemand das Recht hat, das Leben eines anderen auszulöschen durch eine Tat, die der eigenen Rolle nicht würdig ist.“ Gianni Alemanno, Roms Bürgermeister
Freude und Begeisterung sind sicherlich fehl am Platz. Gabriele wird niemand wieder zum Leben erwecken und das Loch in der Mitte der Familie Sandri wird noch Jahrzehnte klaffen. Aber von Gerechtigkeit darf man sprechen, ein Wort, das dem skandalösen erstinstanzlichen Urteil sicherlich nicht angemessen war. Ein kleiner Schritt hin zu einem Vertrauen in das Funktionieren der italienischen Gerichtsbarkeit, das viele Menschen schwer erschüttert sahen. Nie wieder 11. November. Mai più 11 novembre. Il popolo di Gabriele