Gazzetta dello Sport, Februar 2017

Bayern Pro Speziale: recherchiert Journalismus, informiert oder moralisiert er?

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Die Kurve der Bayern legte anlässlich des Spiels gegen Schalke ihre Meinung zum Gefängnisaufenthalt von Antonio Speziale dar: „02.02.2007 . Wir vergessen nicht. Ein Bulle, der einen Bullen tötet und immer zahlen die Ultras! Speziale libero – Ultras liberi!“ Der junge Mann wurde wegen des Todes des Polizisten Filippo Raciti beim Derby Catania-Palermo 2007 verurteilt und sitzt seitdem in Haft. Obwohl sehr viele Menschen, Fans, Journalisten wie Autoren seit Jahren erhebliche Zweifel an dem Urteil haben, sollte man diese am besten nicht äußern. Fans dürfen T-Shirts mit Aufschriften wie „Speziale Libero“ nicht mit ins Stadion bringen, selbst Fußballern wird für entsprechende Bekleidungsgegenstände schonmal ein Stadionverbot verhängt und auch Frau Schönau der Süddeutschen Zeitung ist sich sicher, dass deutsche Fankurven unreflektiert einen Mörder verherrlichen. Auch die ehemals ehrwürdige „Gazzetta dello Sport“ stellt die Autoren der Münchner Südkurve in eine Reihe mit amoralischen Intensivtätern und zitiert die „Mauer der Schande“ vor einem Bild der Bayern-Kurve. Der gewohnt brillante Matteo Falcone erklärt, wie Journalismus nicht funktionieren sollte und erinnert an das alte Grundrecht der Meinungsfreiheit. Wozu auch in Italien – theoretisch – die Freiheit gehört, auch ein Urteil zu kritisieren zu dürfen.

Der folgende Artikel erschien auf italienisch zunächst bei SportPeople.

Es ist nichts Neues, Bayern Münchens „Schickeria“ ist eine der Gruppen, die das Geschehen in Italien am aufmerksamsten verfolgen. Wegen der geografischen, aber auch gedanklichen Nähe. Wegen ihrer Freundschaft mit den Ultras von Sambenedettese, wegen der ehemaligen Freundschaft zu BRB Civitanova. Natürlich auch wegen des italienischen Supportstils, an dem sich sowohl sie selbst als auch die gesamte neue Generation deutscher Fans schon immer und unverhohlen inspirieren. Diejenige Generation, die am unglaublichen Aufstieg des deutschen Fußballs beteiligt war. Denn selbstverständlich ist eine weitreichende Planung notwendig, um so ein komplexes und vielschichtiges Gebilde wie den Fußball auf ein neues Level zu heben; ebenso wie eine zumindest grundlegende Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse aller Beteiligten. Wenn nicht sogar die ausdrückliche Beteiligung der Fans an Entscheidungsprozessen oder gar das letzte Wort, wie es sich die Fans im Fall der Kampagne 12:12 erstritten, um nur ein Beispiel zu nennen.

Während sich in Italien wieder der alljährliche Walzer aus Scheinheiligkeit und moralischer Vorab-Verdammung der Ultrawelt in Bewegung setzt und den Hebel hierfür am Jahrestag seines Todes an der Figur des Polizisten Raciti ansetzt, haben die Fans von Bayern zum Spiel gegen Schalke die x-ten Spruchbanner in italienischer Sprache ausgerollt, auf denen folgendes stand:

„02.02.2007 . Wir vergessen nicht. Ein Bulle, der einen Bullen tötet und immer zahlen die Ultras! Speziale libero – Ultras liberi!“

Ist das Spruchband eine Schande? Das kann jeder für sich selbst entscheiden, je nach seiner persönlichen Empfindlichkeit. Rein journalistisch ist es unser Anliegen, den Fall zu dokumentieren und das würde den Nachrichtenauftrag auch schon erfüllen.

Wollen wir uns wirklich anmaßen, daraus eine moralische Bewertung zu ziehen, selbst wenn wir uns zu Richtern auf so einem schwierigen Geläuf wie der Moral aufschwingen könnten? OK, aber müssten wir uns dann vor unserem Urteil nicht informieren oder alles in einen Kontext bringen, vielleicht beginnend beim Verhältnis von Ursache und Wirkung? Warum diese Worte? „Ein Bulle, der einen Bullen tötet“? Einfach so? Es scheint, als hätten sich unsere Journalisten nicht einmal die Mühe gemacht, herauszufinden warum, was hinter diesen Worten steht. Vielleicht auch nur eine Verschwörungstheorie, von ihrem Standpunkt aus hatten sie die journalistische (lassen wir die Moral mal raus…) Pflicht zur Berichterstattung: der von den Bayern zitierten Theorie zufolge wurde Raciti grob gesagt von den eigenen Leuten getötet.

Nun, es wäre nicht einmal völlig korrekt, von „Verschwörung“ zu reden, denn es gibt durchaus Aufzeichnungen in den Prozessakten – diese Aussagen wurden später natürlich zurückgezogen – in denen die Hypothese des „firendly fire“ nicht völlig aus der Luft gegriffen erscheint. („Discovery fatale“, L’Espresso 5. April 2007).

…in diesem Augenblick wurden einige Rauchbomben geworfen von denen eine unter unser Auto geriet und dichten Rauch verströmte, der kurz darauf die gesamte Fahrgastzelle ausfüllte. Raciti forderte uns auf, den Wagen zu verlassen, um den Rauch abziehen zu lassen. Als erster stieg Raciti aus. Genau in diesem Moment hörte ich einen lauten Knall und als auch ich das Fahrzeug verlassen hatte, habe ich die von Raciti und Balsamo offen gelassenen Türen verschlossen. Aber ich konnte wegen des Rauchs nicht sehen, wo sie sich befanden. Also habe ich, um zu vermeiden, dass das Auto Feuer fängt, die Türen geschlossen, den Rückwärtsgang eingelegt und ein paar Meter zurückgesetzt. Das alles unter einem dichten Hagel von Gegenständen und den Explosionen von Feuerwerkskörpern. In diesem Moment hörte ich einen dumpfen Aufschlag am Fahrzeug und ich sah Raciti zu meiner Linken, gemeinsam mit Balsamo, wie er sich die Hände zum Gesicht führt. Ich habe das Fahrzeug angehalten und sah, wie Raciti von einigen Kollegen gestützt wurde, um nicht zu Boden zu sinken.

Die Verteidigung von Antonio Speziale setzte sehr viel auf diese Aussage von L.S., ebenso auf ein selbst in Auftrag gegebenes rechtsmedizinisches Gutachten, aus dem hervorging: „die vier Rippenfrakturen des Inspektors und sein Leberriss sind mit höchster Wahrscheinlichkeit mit dem Rand der Ladeklappe eines Geländewagens kompatibel.“ Bekräftigt durch ein neutrales Gutachten des polizeitechnischen Dienstes RIS Parma, der Wissenschaftsabteilung der Carabinieri, von der der Artikel „Raciti, die Spur ist blau“ spricht.

…in den Labors in Parma verdichteten sich die Mysterien des Stadions Massimino. Die Techniker der Carabinieri haben ausgeschlossen, Täter und Opfer über die Aufzeichnungen der Überwachungskameras ermitteln zu können. Die Schnitte in Racitis Jacke, die geringe Präsenz von Metallpartikeln, das völlige Fehlen der Schutzfolie des Waschbeckenunterbaus und die Ergebnisse der Aufschlagtests – keiner davon war potentiell tödlich – bringen uns zu der Auffassung, dass das Tatwerkzeug nicht das bislang untersuchte ist.

Für die Richter hingegen waren die Einwände der Verteidigung nicht einmal jetzt ausreichend und selbst das Gutachten des RIS wurde als nicht frei von methodologischen Fehlern zurückgewiesen.

Perfekt. Es mag ja sein, dass ein von der Verteidigung in Auftrag gegebenes Gutachten nicht ausreicht, selbst dass das des RIS als methodologisch fehlerbehaftet angesehen wird. Aber auf welcher Wahrheit basiert das Urteil über jeden sinnvollen Zweifel erhaben denn dann? Auf den Aufzeichnungen der Überwachungskameras, die es nicht gibt? Der Angeklagte wird bis zum Beweis des Gegenteils als schuldig oder nicht schuldig betrachtet? Denn das versteht man hier wirklich nicht mehr, es scheint, als ob hier alles umgekehrt zu dem abläuft, was in den hübschen Worten der Verfassung steht. Das einzige Mal, in dem man sieht, wie Speziale den Polizisten Raciti trifft, ist auf der Zeichnung, die die Staatsanwaltschaft in einer Pressekonferenz zeigte.

Raciti, Zeichnung

Raciti, Zeichnung

Ist es denn vor diesem Hintergrund denn wenigstens berechtigt, dass viele Menschen dieses Urteil als vorfristig erachten, basierend auf wackligen Annahmen; mehr geeignet, den Bauch der Nation zu beruhigen als die Suche nach Rationalität, Wahrheit oder Gerechtigkeit? Diese „Sichtweise“ auf die Dinge ist normal, physiologisch und unter den gegebenen Umständen nachvollziehbar. Wem nützt es denn, sie als amoralisch zu verdammen, cui prodest? Aus der Höhe welcher moralischen Instanz denn überhaupt? In Umlauf gesetzt oder angefordert von wem? Warum spricht man überhaupt nicht von den Hintergründen der gezeigten Spruchbanner? Warum bringt man die andere Wahrheit, vor allem weil man sie ja offenkundig lächerlich findet, nicht einfach ans Licht der Öffentlichkeit?

Auf den Spruchbändern steht nichts Beschämendes, man rechtfertigt Racitis Tod nicht, man fordert nicht weitere „10-100-1000“ tote Racitis wie in den alten Slogans der 70er und 80er Jahre. Und genau deshalb sind die Tonnen von Moralismus völlig fehl am Platz. Man fordert die Freiheit einer Person, die man für Unschuldig hält. Dasselbe, was der Strafverteidiger Giuseppe Lipera jeden Tag tut. Dasselbe, was der Journalist Simone Nastasi in seinem Buch „Der Fall Speziale – Chronik eines Justizirrtums“ getan hat. Genau weil für die beiden, wie für viele andere, der berechtigte Zweifel weiter besteht. Sind sie alle amoralisch und kriminell, weil sie Zweifel hegen?

Davon abgesehen und aus journalistischem Pflichtbewusstsein: die ebenfalls zitierten Fans von Borussia Dortmund, die sich in der Vergangenheit solidarisch mit Speziale gezeigt hatten, entrollten beim Spiel gegen Leipzig absolut nichts zum Thema. Hingegen zeigten sie Dutzende von Tapeten gegen den bekannten Hersteller von Energy-Drinks. Manche in eher rauem Tonfall, genauso rau wie die Geschehnisse außerhalb des Stadions mit Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei, die die deutschen Medien dazu bewegten, die bekannte „Gelbe Wand“ zur „Wand der Schande“ umzuwidmen. Aber von Speziale keine Spur. Die beiden völlig verschiedenen Fälle, Bayern und Borussia, in eine Verbindung zu bringen, ist ganz einfach an den Haaren herbeigezogen.