Catania-Palermo, 2007

8 Jahre

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Vor 8 Jahren wurden das Arbeitslosengeld II und die Lkw-Maut eingeführt. Seit 8 Jahren darf man in Italiens öffentlichen Gebäuden nicht mehr rauchen. Facebook war damals ein Jahr alt und nur ein paar Amerikanern bekannt. Juanes untermalte den Sommer mit „La Camisa Negra“ und der Untergang des Abendlandes drohte seinerzeit wegen „Schnappi“, dem kleinen Krokodil. Hansa Rostock spielte noch in der Bundesliga. Das ist auch so ein Verein, der ausschließlich Chaoten im Gefolge hat. Gut, dass die weg sind. In 8 Jahren wird mein Sohn 21 sein und einen Job erledigen, den ich mir heute noch nicht ausmalen kann. Ein paar Menschen werden sich noch an die Euro-Krise erinnern, vielleicht auch an den Euro. Smartphone-Batterien werden hoffentlich zwei Tage durchhalten und womöglich wird ein schwarzer Papst gewählt. Wer weiß, 8 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Am 14.11.2012 wurde der Ultrà aus Catania Antonio Speziale in der dritten und letzten Instanz zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt. Weil er beim sizilianischen Derby vom 2. Februar 2007 den Polizisten Filippo Raciti getötet haben soll. Speziale war damals 17 Jahre alt und sein Name und sein Gesicht wurden durch die Gazetten dieser Welt geprügelt. „Omicidio Preterintenzionale“ heißt diese famose Begrifflichkeit aus der Welt der Paragraphenmenschen, so ein Mittelding zwischen Totschlag und fahrlässiger Körperverletzung. Also schon irgendwie Totschlag, aber ohne Absicht. Aber auch kein Unfall. Gemeinsam mit dem ebenfalls verurteilten Daniele Micale hatte Speziale ein 1,16 m langes und 5,820 kg schweres Blech von einem Waschbeckenunterbau auf den Stadionvorplatz geworfen. Es gibt Filmaufnahmen, wie sie werfen. Das hatten beide auch von Anfang an zugegeben. Es gibt keine Aufnahmen davon, ob etwas oder jemand getroffen wird. Keine Augenzeugen. Kein Geständnis. Keine Schmerzäußerungen seitens des Polizisten, der noch anderthalb Stunden weiter im Einsatz ist, bevor er zusammenbricht und im Krankenhaus an inneren Blutungen verstirbt. Der Fall hatte alles, was es für eine dieser Empörungswellen braucht, mit der sich das Bürgertum ihrer Rechtschaffenheit versichert: Täter war einer von diesen marodierenden Horden, die an Wochenenden Fußballstadien bevölkern. Ein Junge mit Kapuzenshirt aus einem der ärmeren Viertel dieser an armen Vierteln reichen sizilianischen Hafenstadt. Nicht, dass man diesem Proletensport irgendetwas abgewinnen könnte, es ist ja allgemein bekannt, dass wer ernsthaft seine Freizeit 22 Männern widmet, die hinter einem Ball her rennen, nicht wirklich ein produktiver Teil der Zivilgesellschaft sein kann. Jedenfalls nicht, wenn er dabei steht. Auf der einen Seite also ein Vertreter dieser schon seit immer verkommenen Generation, der jungen. Diese Leute, die nicht richtig lesen und schreiben können, aber unsere schönen Steuergelder verschwenden, indem sie Dinge kaputt machen. Auf der anderen Seite die rechtschaffenden Bürger, die zwar noch nie den Parkzettel einer Politesse als gerechtfertigt empfanden, aber den Einsatz der Polizei in Fußballstadien schon deshalb tadellos finden, weil es da ja nur um sogenannte „Fans“ geht. „Wegsperren und Schlüssel wegwerfen“ lautet das Verdikt. „Mit aller Härte muss man da vorgehen“, wenn die Gewaltspirale mal wieder eine „neue Dimension“ erreicht hat. Unsere schönen Steuergelder, mit denen wir Kindergärten, Grünflächen, neue Flughäfen und unterirdische Bahnhöfe bauen können, damit die Samsonite-Fraktion noch schneller und effektiver Optionsscheinderivate auf die Soia-Ernte von 2014 verdaddeln kann. Die brechen wenigstens nachts keine Spiegel von Autos. Und außerdem tragen sie Krawatten.
Elemente, die die Unschuld beweisen gibt es viele. Wir glauben, ach was, wir sind sicher, dass die Urteilsbegründung fehlerbehaftet ist, aber wir wollen, dass diese unsere Überzeugung, die wir im übrigen seit 6 Jahren haben, von einem Richter bestätigt wird. In diesem Fall, laut Gesetz, dem vom Berufungsgericht Messina, dem am nächsten liegenden. (Giuseppe Lipera, Antonios Anwalt)
Am 21. März 2013 stellt Speziales Anwalt Giuseppe Lipera vor dem „corte d’appello“ von Messina Antrag auf Prozessrevision. Die Instanzen sind ausgeschöpft, Speziales Urteil ist rechtskräftig. Der Täter ist weggesperrt, die Welt ist wieder in Ordnung, der Fehler im System behoben. Trotz aller Unklarheiten, die schon seit 2007 um den Fall geistern. Auf 121 Seiten begründen Lipera und sein Team ihre Überzeugung vom Justizirrtum (pdf, 11 MB, italienisch, Antrag auf Prozessrevision). Das Dokument ist teilweise haarsträubend, teilweise bringt es auch den Laien zum Schmunzeln. Wären da nicht diese 8 Jahre. Zunächst geht es um die Differenz der Urteilsbegründungen für Speziales Verurteilungen wegen „Totschlags“ und „Widerstand gegen die Staatsgewalt“. In einem Urteil hat Antonio das Blech in die Luft geworfen, das andere gibt sich überzeugt, dass es „auf Racitis Körper getroffen“ sei. Für letzteres gibt es bloß keine Beweise. Nicht einmal Zeugenaussagen von Racitis Mannschaft, die ihm keine Sekunde von der Seite gewichen sind. Es gibt aber ein telefonbuchstarkes Gutachten des berühmtesten kriminaltechnischen Dienstes der Polizei Italiens, das das Blech als Todesursache ausschließt. Selbst wenn es jemanden getroffen hätte. Dagegen wirken andere Differenzen schon fast unbedeutend: Im Urteil wegen „Widerstands“ heißt es, der Junge hätte sich „das Gesicht mit einem Kapuzenshirt und einer Mütze verdeckt“; im Urteil wegen „Totschlags“ war das Shirt hingegen „vom Gesicht des Jungen gerutscht, so dass er erkennbar war“. Egal, vermummt oder nicht vermummt. Wenn der virtuelle Mob die Mistgabeln und die Fackeln rausholt, dann muss man über solche Feinheiten schon einmal hinwegsehen. Genauso wie 3 Instanzen über Salvatore Lazzaros Aussagen hinweggesehen haben, dem Fahrer von Racitis Defender-Jeep. Der hatte bei Befragungen durch die Polizei kurz nach den Geschehnissen sogar zweimal zu Protokoll gegeben, er hätte beim Zurücksetzen – inmitten von Flaschenwürfen, Rauchbomben und Tränengas, ohne Rückspiegel! – einen Aufprall („botta“) gespürt und beim Umdrehen seinen Gruppenführer schmerzgekrümmt am Boden gesehen. Zweifelsfrei. 2008 vor Gericht äußert er sich ebenso zweifelsfrei, dass er einen „boato“, den Knall eines Böllers, gehört habe und Raciti war da auch mindestens 10 Meter vom Gefährt entfernt. Ganz sicher. Manchmal erinnert man sich ja erst nach einem Jahr genauer an solche Details. Eben war ich noch davon überzeugt, dass ich jemanden umgefahren hatte, meinen Chef zumal, schon wenige Monate später bin ich mir sicher, dass der ganz woanders stand. Vernachlässigbar auch, dass die kriminaltechnische Untersuchung blaue Farbspuren an Racitis Uniform fand, die eindeutig dem Defender-Jeep zugeordnet werden konnten. Antonios Mutter, Rosa Lombardo, hat Lazzaro deshalb wegen Falschaussage angezeigt (pdf, 121 kB, italienisch, Anzeige von Antonios Mutter).
Speziales Waschbeckenwurf wurde um 19.05 Uhr gefilmt. 20.30 Uhr hatte Racitis Fahrer den vermeintlichen Unfall beim Rückwärtsfahren. 20.35 ist Raciti zusammengebrochen.
Am 16. Februar 2007 wurde zudem im Gefängnis ein Mithäftling Speziales heimlich abgehört und mitgeschnitten, der im Gespräch mit Antonios Eltern eine Person mit Namen und Vornamen angibt, die das tragische Unfallgeschehen mit der Handykamera aufgezeichnet hätte. Rechtlich Unkundige würden nun meinen, die Person wäre als Zeuge geladen worden und das Video als Beweismaterial gesichert. Schließlich geht es hier unter anderem um die Frage, ob sich ein bedauernswerter Unfall zugetragen hat oder ein zu verdammender Totschlag. Nichts von alledem. Ein entsprechender Antrag der Verteidigung wurde nie in Erwägung gezogen. Warum auch, man hatte ja den Täter bereits 3 Tage nach den Geschehnissen am 2. Februar 2007 der hungrigen Pressemeute präsentiert. Und noch im selben Jahr eine Art Antiterrorgesetzgebung gegen Ultràs entworfen, die dann auch durchgesetzt wurde, nachdem im November an einem Autobahnrasthof bei Arezzo ein Polizist ohne weiteren Anlass einen jungen Fußballfan erschoss. Ich weiß nicht, wie in Messina entschieden wird, ob 121 Seiten detailliertes Material zu Divergenzen, Ungereimtheiten, Interpretationen, Unterstellungen und abweichenden Aussagen für eine Neuaufnahme des Prozesses reichen. Viel Neues ist nicht hinzugekommen, die strittigen Punkte wurden ja schon in 3 Instanzen so entschieden, dass der damals minderjährige Catanese ohne jeden Zweifel den Polizisten umgebracht hatte. In einem Land, in dem der letzte Ministerpräsident, ein gewisser Silvio Berlusconi, nicht auch nur einen Tag in einem Gefängnis verbringen musste. Egal, ob er Minderjährige mit dem Militär-Hubschrauber zu Privatfeten einfliegen ließ, Bestechung, Steuerhinterziehung, Mafia-Finanzierungen; das alles perlt an dir ab, wenn du der Nachfolger von Giulio Andreotti und Bettino Craxi bist. Die 8 Polizisten, die den Brescia-Fan Paolo Scaroni am Bahnhof von Verona ins Koma prügelten konnten nicht verurteilt werden „weil man sie unter dem Helm nicht unterscheiden kann“. Und hier gab es angesichts dutzender Zeugen überhaupt keinen Zweifel am Tatgeschehen.
Um die Wahrheit herauszufinden, wie der arme Inspektor Raciti ums Leben kam, muss irgendetwas ans Licht kommen und wenn irgendjemand beweisen kann, wie es wirklich abgelaufen ist, dann soll er vorkommen und das sagen! (Roberto Speziale, Antonios Vater)
8 Jahre. In 8 Jahren werden wir mit Sicherheit endlich unsere Demokratie nach Afghanistan exportiert haben, es wird auch dort ein Rechtssystem geben, das ohne Ansehen der Person und seiner Stellung allein nach Faktenlage urteilt. Es wird vermutlich keine Stehplätze, die Wurzel allen Übels, in Fußballstadien mehr geben. Der tobende Pöbel wird sich auch in Griechenland wieder beruhigt haben. Unsere Frühstückseier werden von glücklichen Hühnern gelegt sein, wenn wir die elektronische Tageszeitung auf den Schirm rufen, die uns von weit entfernten Ländern berichtet, wo rechtschaffende Bürger nicht so ruhig schlafen können, wie bei uns. Denn wer nichts gemacht hat, braucht ja auch nichts zu befürchten. Es sei denn, er ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Alles wird gut. Manchmal muss man einfach nur 8 Jahre warten und was sind schon 8 Jahre.