l'ultimo stadio - sky atlantic

L’ultimo Stadio – Doku über die Ereignisse vor dem italienischen Pokalfinale 2014

L’ultimo Stadio – Doku über die Ereignisse vor dem italienischen Pokalfinale 2014: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
5,00 von 5 Punkten, basierend auf 1 abgegebenen Stimmen.
Loading...

Gänsehaut. Als gestern Abend auch noch der minutenlange Abspann durchgelaufen war und das grelle On Demand-Logo den pechschwarzen Bildschirm ablöste, lag ich noch ein paar Minuten wie ein Idiot auf dem Sofa, die Fernbedienung in der Hand. Stille. Nicht, dass in den 48 Minuten vorher viel geredet würde, trotzdem war es dieser Doku gelungen, mich eine dreiviertel Stunde lang auf eine eigentümliche Zeitreise zu schicken. Man weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist, um so beklemmender entfaltet der Film seine Wirkung bereits ab der ersten Sekunde. „L’Ultimo Stadio“ ist eine Produktion von Sky Atlantic, erster Teil der Reihe „Il racconto del reale“ und wurde am 13. November erstmals ausgestrahlt. Eine Produktion des Pay-TV Senders Sky erzählt die Ereignisse des italienischen Pokalfinals vom 3. Mai 2014 in Rom, Fiorentina Napoli. Gut 50 Tage später starb der junge Fan des SSC Napoli Ciro Esposito an seinen schweren Schussverletzungen im Policlinico Agostino Gemelli. Der Römer Neonazi Daniele De Santis wurde zwischenzeitlich zu 26 Jahren Haft verurteilt.

Man weiß mittlerweile praktisch alles über dieses elende Cupfinale und auch die Doku fügt keine neuen Erkenntnisse hinzu. Sie fügt Bilder hinzu. Sie rückt die Ereignisse, die zum Tod von Ciro führten, ganz nah heran. Beunruhigend nah. Kein erklärender Sprecher aus dem Off, keine Interviews, keine mahnenden Zeigefinger, keine Verurteilung, kein Vergeben, keine Wiederherstellung von Normalität. Kein Text. Der gesamte Film besteht aus soweit möglich chronologisch geordneten Originalaufnahmen, Bildern von Überwachungskameras, aus Polizeihubschraubern, Aufnahmen von Fans, TV-Mitschnitte. Das Ganze unterlegt mit Aufnahmen vom Funkverkehr der Polizei, der Feuerwehr, der Rettungsassistenten. Das Krächzen der Funkgeräte, deren elendes Quieken beim Sprecherwechsel dem Film den Rhythmus vorgibt: ein unmelodisches Springen zwischen den Schauplätzen, das sich viel zu langsam und viel zu schnell dem unvermeidlichen Ende nähert.

Und so stellt der Film keine Fragen und gibt auch keine Antworten. Das ist angesichts des oft unsäglich Dummen, was zu Stadionfans geäußert wird, ein extrem kohärenter Ansatz. Man sieht Fans, die sich ins Stadion bewegen, Fans die Singen, Fans, die sich mit Gesängen auf die Schippe nehmen. Die üblichen Provokationen und Einladungen zum Tanz. Hin- und Hergerenne. Polizeiführer, die sich per Funk darüber austauschen, wohin die Busse geleitet werden sollen und welche Gruppen versuchen, alternative Wege zum Stadion, oder zum Gegner, zu finden. Man sieht handelsübliche Fiorentina-Fans, die sich im Bus auf den Boden kauern, als ihr Bus von Napoli-Ultras mit Gürteln und Steinen eingedeckt wird. Man hört Schüsse. Man hört minutenlang dem Rettunssanitäter zu, der immer verweifelter eine Ambulanz anfordert, weil ihm Ciro, bereits zyanotisch, unter den Händen wegstirbt. Gegengeschnitten mit den verzweifelten und wütenden Schreien der Besatzung des Rettungswagens, der von Ultras angegriffen wird. Man hört Glas splittern.

Erst am Ende, bei den Bildern aus dem Stadion, vernimmt man eine Art Stimme aus dem Off, der originale TV-Kommentar von Fabio Caressa, während Polizeikameras den wütenden Napoli-Block filmen, aus dem dutzende Bengalos in Richtung Spielfeld fliegen. Kapitän Marek Hamsik vor der Kurve, Genny „‚a Carogna“ auf dem Zaun. Alles Aufnahmen, die sich tief ins italienische kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Mit dem Unterschied, dass damals das Ende noch nicht bekannt war.

Wie gesagt, keine Fragen, keine Antworten. Und so wird vermutlich jeder das aus der Doku mitnehmen, was er vorher schon dachte. Zuschauer, für die Ultras „Chaoten“ sind, die man „lebenslang wegsperren“ müsste, werden das martialische Auftreten, die Vermummung, die Drohgebärden, die Steinwürfe, die Gürtelschläge als objektive Bebilderung ihrer Meinung verstehen. Andere wiederum werden sich an genau denselben Aufnahmen als ansprechende Bebilderung von Ultrakultur erfreuen und ihren Hass auf den Todesschützen richten, der seit 10 Jahren in keinem Stadion mehr war und eine Pistole in der Tasche hatte. Menschen werden sich daran erinnern, wie verzweifelte Hundertschaftsführer auf der einen Seite versuchen, Neapolitaner irgendwie möglichst schnell ins Stadion zu bekommen während auf der anderen Seite ebenso verweifelte Hundertschaftsführer 22 Busse der Fiorentina auf der Autobahn bewachen, deren Passagiere nach stundenlanger Wartezeit auf die Straße strömen und sich zu Fuß auf den Weg zum Stadion machen.

Die Curva A von Napoli hat ihre Meinung zum Film kundgetan, indem sie ein Transparent vor die Mailänder Studios von Sky hängte und die Macher als „Schakale bezeichnet, die aus den tragischen Ereignissen Geld schlagen wollen. Ungefähr so war meine Erwartungshaltung auch, deswegen habe ich ihn mir auch erst jetzt angesehen. Die Curva Sud von Roma hatte hingegen Ciro Espositos Mutter dazu eingeladen, eine Dokumentation über die Tragödie zu machen. Beides Ultras, zwei gegensätzliche Meinungen. Das Fehlen eines mahnenden, urteilenden Kommentators hat mich umgestimmt. „L’Ultimo Stadio“, im Italienischen das letzte Stadion wie auch das letzte Stadium, fesselt den Zuschauer an seinen Fernsehsessel und zwingt ihn, sich Aufnahmen des Tages ohne jeglichen Filter anzuschauen. Wenn Journalismus bedeutet, dem Zuschauer das Wann, Wie, Wer, Wo und Warum eines Ereignisses vorzuführen, dann kann man das so machen. Die Fragen, die offen bleiben, wurden auch in zwei Jahren mit tonnenweise Druckerschwärze nicht beantwortet.

„L’ultimo Stadio“ als Webseries

Teil 1: „Finale“

Teil 2: „Ultras“

Teil 3: „Polizia“

Teil 4: „Genny“

Teil 5: „Ciro“

Trailer