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Ultras sind keine Terroristen

Erstaunliches passiert in Italien. Das Gericht in Rom entschied vorgestern, dass die 4 nach den gewalttätigen Zusammenstößen in Rom nach dem Tod Gabriele Sandris verhafteten Ultràs nichts mit Terrorismus zu tun haben. Und das nicht mal 4 Wochen nach den Geschehnissen! Das „tribunale del riesame“ unter dem Vorsitz von Antonio Lo Surdo behält Claudio Gugliotti, 21 Jahre, und Saverio Candamano, 27 Jahre, in Untersuchungshaft, lässt aber den von der Staatsanwaltschaft verschärften Vorwurf des Terrorismus fallen. Die beiden Ultràs, ersterer Fan der Roma, der andere von Lazio, waren in der Nacht des 11. November am Angriff auf die Polizeistation in der Via Guido Reni beteiligt und angeklagt der Verwüstung, Sachbeschädigung und des Werfens von Objekten gegen Personen.

Nur unter Hausarrest gestellt werden hingegen Valerio Minotti, auch er 21 Jahre, und (bereits seit einigen Tagen) Lorenzo Sturiale, 30, beide lediglich wegen geringerer Vergehen angeklagt. Teilweise zufrieden mit der Entscheidung äußert sich denn auch Gugliottis Anwalt Francesco Romeo: „Es handelt sich um einen wichtigen Schritt nach vorn für die Verteidigung. Auf die wütende Reaktion der Tifosi hat die Staatsanwaltschaft mit ebensolcher Emozionalität („emotività“) reagiert, indem sie schwerste Delikte anklagte, die im Vorwurf des Terrorismus gipfelten. Es handelte sich um eine ausschließlich den Umständen geschuldete Reaktion, mit der versucht wurde, ohne Erfolg, das Stereotyp eines neuen ‚Gegners‘, den inexistenten „ultrà terrorista“, ins öffentliche Bewusstsein einzuführen.“

Schwere Zweifel zu den Vorgängen der besagten Nacht beziehen sich denn auch auf die Verhaftung ebenjenes Claudio Gugliotti, der zwei Tage nach seiner Verhaftung wegen schwerer Atembeschwerden notfallmäßig ins Krankenhaus Sandro Pertini verlegt werden musste. Glücklicherweise stellten sich seine Verletzungen entgegen der Erstdiagnose als verletzungsbedingte Lungenschäden heraus, die nach einigen Tagen abklangen. Schwer vorzustellen, dass diese Verletzungen nichts mit der Dynamik der Verhaftung zu tun haben sollten. Die Staatsanwaltschaft wurde jedenfalls sowohl von der Haftanstalt Regina Coeli, dann vom Hospital Santo Spirito und später vom medizinischen Sachverständigen der Verteidigung informiert.

Die Staatsanwaltschaft, die sich noch zu keiner Vorgehensweise in Bezug auf die Vorwürfe der medizinischen Akten durchgerungen hat, gibt allerdings die Hoffnung auf eine Weiterverfolgung des Tatbestands des Terrorismus‘ noch nicht auf. In den nächsten Tagen wird hierzu ein weiteres Vorgehen erwartet, eine Berufung ist durchaus wahrscheinlich. Der Erfolg einer solchen Herangehensweise ist jedoch mehr als fraglich – vor zwei Jahren unternahm bereits die Staatsanwaltschaft von Bologna den Versuch, den Vorwurf des Terrorismus an einen völlig anders gelagerten Sachverhalt als strafverschärfend anzuhängen und scheiterte grandios an der Rechtsauffassung des obersten Gerichtshofs, der sehr klar ausführte, dass für den Terrorismusvorwurf den Taten ein grundlegend politisches Motiv unterliegen muss und dass der Umsturzplan auch mit Mitteln verfolgt werden muss, die diesen Umsturz auch als möglicherweise erfolgreich erscheinen lassen („lo scopo eversivo (…) perseguito con mezzi potenzialmente suscettibili di realizzarlo“). Das klingt schon eher nach bürgerlichem Rechtsempfinden und gesundem Menschenverstand. Denn dass die ob des tödlichen Vorgehens der Polizeikräfte gegen einen von ihnen und der Reaktion der Liga, die den Spielbetrieb unbeeindruckt fortsetzen ließ, wütenden Tifosi als primäres Ziel eine Revolution im Auge hatten und auch über die Mittel verfügten, eine solche Revolution durchzuziehen, übersteigt meine wildesten Fantasien. Liebe Kinder: „Keine Macht den Drogen!“

Die einzige wirklich vehemente Reaktion auf das Fallenlassen des Terrorismusvorwurfs, den selbst das Innenministerium zähneknirschend hinnahm, kam denn auch aus einer Ecke, die für gesunden Menschenverstand nicht eben bekannt ist, von der Abgeordneten Jole Santelli der Forza Italia. Diese hält die Entscheidung für unberechtigt und weist darauf hin, dass es ihrer Meinung nach etwas anderes ist, ob man einen Müllcontainer umstösst oder massiv die Staatsmacht angreift. Toleranz sei in einem zivilen Staat völlig fehl am Platze, wenn es darum geht, dass jemand unkontrolliert und wütend die Ordnungskräfte angreift. Ich würde die Dame gern fragen, was sie davon hält, wenn ebenjene Staatsmacht wenige Stunden vorher über 80 m einen schlafenden Fußballfan gezielt von hinten durch die Heckscheibe eines Autos auf dem Autobahnrastplatz erschiesst und ob sich ihre Definitionen von „paese civile“ und „forze dell’ordine“ wirklich mit den Geschehnissen um den Tod von Gabriele Sandri (oder auch dem Tod Filipo Racitis) decken.

Der Streik der Ultràs geht indessen weiter. Auf das funktionierende italienische Rechtssystem setzt man hier erstmal lieber nicht.

4 Antworten auf „Ultras sind keine Terroristen“

Um Deine Frage zu beantworten: Auf einem Treffen der Ultrà-Capos aller Vereine der Serie A wurden verschiedene Maßnahmen beschlossen, der zunehmenden Kriminalisierung organisierter Fußball-Fans öffentlich entgegenzutreten, die in der Erschießung Gabriele Sandris gipfelte. Vor allem soll ein Zeichen gesetzt werden, dass es nach den Vorfällen im Jahre 2007 nicht so weitergehen kann, wie bisher. Die Räumung der Fankurve im Gedenken an Gabriele beim Derby Milan/Juve war so eine Aktion oder die der Fans der Roma, die beim Heimspiel dem Stadion gleich ganz fernblieben und sich das Spiel im Forum Romanum gemeinsam an mitgebrachten Radios anhörten. Ähnliche Aktionen begleiten den italienischen Fußball bis auf weiteres in fast allen Stadien, besonders bemerkenswert ist hier der Zusammenhalt sonst unendlich verfeindeter Ultrà-Gruppierungen. Man beginnt, sich dagegen zu wehren, generell und monothematisch in die kriminelle und gewalttätige Ecke geschoben und mit Repressionen und Verfolgung belegt zu werden.

Der Terrorismus-Vorwurf ist ja im Moment sowieso das Totschlag-Argument gegen jede Art von organisierter Opposition und wird vom Staat ja auch gezielt als Schreckgespenst aufgebaut, um Einschränkungen der Freiheits- und Persönlichkeitsrechte pauschal zu legitimieren und die Presse macht ja fleissig mit dabei. Es war schon spannend, mit anzusehen, wie schon Sonntagnachmittag, kurz nach dem Tod des schlafenden Gabrielesdurch die Hand eines Polizisten, von allen Seiten nach härterem Vorgehen gegen gewaltbereite Fußballfans gerufen wurde. Es ist schon peinlich offensichtlich, dass es dabei nicht wirklich um eine Eindämmung der Gewalt geht: Ultrà-Gruppen sind zwar weitgehend dezidiert unpolitisch (Politik ist aus vielen Kurven explizit verbannt, ein Umstand, der übrigens seinerzeit zur Auflösung der "Fossa dei Leoni" führte, da schreib ich bald mal drüber), aber zahlreich, gur organisiert, mit einer straffen Hierarchie und einiger wirtschaftlicher und öffentlichkeitswirksamer Macht ausgestattet. Diese Macht ist mittlerweile nicht nur den Club-Bossen und Sponsoren des Produkts Fußball unheimlich, sondern macht natürlich auch der Ordnungsmacht Angst. Um beispielsweise zu verhindern, dass unangenehme Themen einem Millionenpublikum nahegebracht werden, müssen alle Choreografien und Spruchbanner neuerdings weit vor Spielbeginn eingereicht und genehmigt werden. Weil das "Scheiß-Juve" draufstehen könnte? Wohl kaum.

Während ich also genug Faschos hier kenne, die großflächige Hakenkreuz-Tätowierungen öffentlich zur Schau tragen, in Touristenshops Weinflaschen mit Duce-Portrait verkauft werden und Nazi-Gewalt gegen Minderheiten auch in Italien durchaus nicht unüblich ist, hat der Staat deutlich größeres Unbehagen gegenüber nicht wirklich kontrollierbaren großen organisierten Gruppen von Menschen. Man war besonders erschreckt von der Vehemenz, mit der die Ultràs mit ihren Angriffen auf römische Polizeikasernen es in die mediale Öffentlichkeit schafften – mit einem direkten Angriff auf die Staatsmacht! Natürlich hat das alles nichts mit Terrorismus zu tun, das musste man ja jetzt zugeben, aber es ist der Obrigkeit nicht gelungen, Ursache und Wirkung umzudrehen und den Fall zu vertuschen, abzuwiegeln, totzuschweigen. Während mein Vertrauen in die italienische Politik ungefähr genauso groß ist wie das in die deutsche, scheint in der Justiz und in Teilen der Presse noch eine gewisse Rest-Unabhängigkeit zu bestehen. Man kann ja durchaus kritisch sehen, was in italienische Stadien passiert, Zehntausende unter Generalverdacht auf eine Stufe mit Al Quaida zu stellen ist jedenfalls genau der Quatsch, als der er jetzt bewertet wurde.

ging ja wirklich erstaunlich schnell. die einschränkung des terrorismusvorwurfes erscheint mir auch sehr wichtig. damit lässt sich schnell jeder ultimativ verurteilen. eine ähnliche einschrängung hat das bundesdeutsche verfassungsgericht gegenüber den im august inhaftierten mutmasslichen mg-mitgliedern verhängt. diese musten entlassen werden und werden nun (lediglich) wegen brandstiftung angeklagt… scheint doch noch ein wenig vernunft in den köpfen der justiz zu schlummern, doch zu weit holt man sie dann doch nicht heraus! (was iss eigentlich der ultra-streik?)