Domenico Mungo: "Cani sciolti"

Domenico Mungo: Cani Sciolti

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„Die Ultràs sind böse. Sie sind die dunkle Hemisphäre des Fußballs. Das obszöne Grauen der Zivilgesellschaft. Die Ultràs sind der Blitzableiter der Gutmenschen, des Bürgertums, der Krämerseelen, der Hausfrauen, der armseligen Journaillie und der Bullen auf Opfersuche. Die Ultràs sind die offene Güllegrube der Stadien. Symbol der blinden und irrationalen Gewalt.“

Domenico Mungo ist vieles, Anarchist, Skinhead, Gewalttäter, Journalist, Philosoph, Musiker, Dichter, Drogenkonsument, Hausbesetzer, hochrangiger Ultrà der Fiorentina und vor allem eines: ein unglaublich guter Autor. „Cani Sciolti“ ist mit einigem Abstand das beste Buch, das mir zum Thema Ultràs jemals zwischen die Finger gelangt ist. Nicht nur, weil hier jemand aus der ersten Reihe der italienischen Ultrà-Bewegung das Wort ergreift, sondern weil es Mungo wie praktisch niemand anderes versteht, sich vor keinerlei Karren spannen zu lassen und keinerlei Blätter vor den Mund zu nehmen und das gesamte noch mit einem erzählerischen Talent verbindet, das eigentlich für den literarischen Kanon reichen sollte. Würde er denn nur „das richtige“ schreiben. „Cani Sciolti“ ist in erster Linie ein wahres Buch und schildert die Welt der Ultràs der 80er und 90er Jahre fotorealistisch – nicht etwa, wie sie Ultràs oder deren Gegner gern hören würden: Nichts wird beschönigt, mythisiert, überhöht, erniedrigt, verklärt oder auch nur erklärt. „Cani Sciolti“ ist hingegen dreckig, gewalttätig, ungerecht und eindeutig subjektiv. Oder wie Lorenzo Contucci es im Vorwort so treffend formuliert: „‚Cani sciolti‘ lässt sich in einem Satz zusammenfassen: ‚Die Wahrheit mag nicht revolutionär sein, aber sie geht gehörig auf den Sack.'“

„Es klingelt an der Tür. Es ist ein Bulle. Er erkennt ihn am Aftershave und an seinen Schuhspitzen. Er sieht ihm nicht ins Gesicht. Das würde der nicht aushalten. Er sieht ihm nicht ins Gesicht, denn ins Gesicht schaut man nur Männern. Keinen Wachhunden. Es ist 7.00 Uhr morgens. Zwei Monate waren vergangen…“

Technisch gesehen fasst der Autor chronologisch geordnet Texte aus der Welt der Kurven zusammen, das Buch ist als eine Art Bibliothek zur Erhaltung einer vergessenen Welt angelegt. Weil es die Ultrà-Bewegung verdient, eine Stimme und eine Erzählung zu haben. Ein Großteil der Kapitel stammt aus Beziehungen des Autors zu anderen Vertretern italienischer Kurven, die man während eines forcierten Exils in der Schweiz (wohin man sich vor der Verfolgung im Nachgang zur Tötung Gabriele Sandris flüchtete) zusammentrug. Ein Manifest einer untergegangenen Bewegung. Stückhaft, stilistisch kaum einzuordnen, unstrukturiert – aber aus erster Hand. Hier findet man den Inhalt einer Unterhaltung mit einem Mitbegründer der Fossa dei Leoni aus dem Inneren des eingekesselten Gästesektors der Milanisti nach dem Tod Vincenzo Spagnolos, wie der Barbour-Parka des Täters den Besitzer wechselte und wie die blutige Tatwaffe entsorgt wurde. Hier findet man ein Interview mit dem Mörder von Vincenzo Paparelli, das dieser während seiner Flucht in der Schweiz gegeben hatte. Hier kann man lesen, wie „Pompa“, Begründer des CAV (Colettivo Autonomo Viola), sein Banner im Mailänder San Siro praktisch im Alleingang gegen eine Übermacht der Brigate Rossonere und Fossa dei Leoni verteidigte, blutüberströmt durch eine Schnittverletzung die später durch 42 Stiche genäht werden musste. Der Hintergrund dessen also, was Jahre später zum Banner „Ehre dem Pompa“ in der Mailänder Curva Sud führen sollte. Hier wird berichtet, wie die völlig durchgeknallten Florenzer „Alcool Campi“ mit einem geklauten Fiat 500 gefüllt mit Mollis den Zug aus Bologna abfackelten und dabei einen 15-jährigen Fan für sein Leben entstellten. Hier findet man den Bericht eines Juventus-Ultràs aus dem Brüsseler Heysel-Stadion. Hier findet man den Autor selbst, der in einem Moment der Unachtsamkeit zwischen die Reihen der gegnerischen Polizei und gegnerische Brescia-Ultràs gelangt, was gern auch einmal tödlich ausgehen kann. Wobei Mungo immer darauf beharrt, dass er sein Leben nicht „riskiert“ – sein Leben ist von vornherein außerhalb dessen angelegt, was die Mehrheit als Leben definiert. Da gibt es überhaupt nichts zu verlieren, er ist von vornherein vom Mehrheitsleben ausgeschlossen. Er hat sich von vornherein ausgeschlossen.

„Wir stiegen geschlossen aus den Bussen aus und machten alles platt, was uns vor die Fäuste kam, Gegner, die paar Bullen im Einsatz, Ticketverkäufer, Getränkehändler. Die Tore des Auswärtssektors wurden regelrecht zerlegt. Tränengasgranaten und Bengalos regneten von allen Seiten. Wer nach uns mit dem Bus eintraf, glaubte ein Kriegsgebiet in irgendeiner Stadt im Mittleren Osten oder Ex-Jugoslawien zu erreichen. Müllcontainer in Flammen, Tränengasnebel und viele viele Viola-Ultràs, die überall herumstreunten.“

Eine Sammlung von Augenzeugenberichten der kritischsten und weniger kritischen Momente der Ultrà-Bewegung also. Gefüllt mit CS-Granaten, Projektilen, Klingen, Koks, Heroin, Amphetaminen, Blut, Toten, Knochenbrüchen, Scherben, Schweiß. Man erfährt von Reisen in vollgekotzten und vollgepissten Zugabteilen, von praktisch ausradierten Autobahnraststätten, von hunderten brennenden Autos und verwüsteten Innenstädten, von durch Papierbomben zerfetzte Händen, von im Auge steckenden Signalraketen, von kiloweise verschlungenen Drogen jedweder Art, von gebrochenen Rippen, Nasen, Kiefernknochen, von Schweiß, Sperma, Blut, Zahnsplittern, von CS-Gasgranaten und Schlagstöcken aus Edelstahl. Und Achtung: „Cani Sciolti“ eignet sich nicht dazu, sich auf der Wohnzimmercouch mal so richtig wohlig einen kühlen Schauer den Rücken herunterrieseln zu lassen: Bei Mungo gibt’s direkt in die Fresse! Als eine Art stummer Archivar stellt Mungo fremde Texte unkommentiert neben eigene, nichts wird dabei erklärt oder auch nur zu beschönigen versucht. Keine über sich selbst – als Außenseiter – hinausgehende Philosophie, keine Utopie und vor allem keine Hoffnung auf Besserung. Mungo macht es sich nicht zur Aufgabe, die Welt der Ultràs vom Sessel aus nachvollziehbar zu machen – er will sie lediglich wiedergeben. Mungo macht es sich nicht zur Aufgabe, die Welt als solche zu verändern – er will lediglich seinen Platz verteidigen. Praktisch niemals ist von ideologischem Ballast die Rede.

„Wir sind Ultràs aber wir sind nicht so ignorant, wie ihr das glaubt. Denn unsere Gewalt erlaubt keine Ignoranz. Wer uns nicht kennt und unsere Bewegung nicht in ihrem Inneren lebt, kann das Gefühl eines sich langsam mit Menschen aufheizenden, überfüllenden und überkochenden Sektors nicht kennen. Menschen deren Gesichter man von Außen nur durch Schals vermummt und hinter einem Vorhang aus Rauch wahrnimmt, während wir gerade Knüppel und Ketten aufteilen und die Zwillen ausprobieren, mit denen wir Stahlkugeln auf Bullenjeeps schießen werden.“

Dass es Mungo trotz alledem schafft, nicht nur ein präzises und unverstelltes Bild der teilweise haarsträubenden Gegebenheiten in italienischen Stadien der 80er und 90er Jahre zu zeichnen, sondern dass er es trotzdem eben auch schafft, die Leidenschaft, den Geist und die Kraft jener Jahre zu übermitteln und trotz allem nachvollziehbar zu machen, ist Beleg für die literarische Wucht dieses Autoren. Indem er gerade auf Deutungen und Interpretationen verzichtet, dem Leser keinen Bewertungsvorschlag anbietet, sondern die Geschehnisse nur möglichst echt wiedergibt, gelingt es Mungo, der Kurve eine Stimme zu geben und womöglich sogar Diskussionen anzuregen. Denn jede Bewertung setzt immer zuerst die Kenntnis des Geschehenen voraus – und wer könnte dies besser als Mungo, der knapp 3 Jahrzehnte an vorderster Front stand. Die Bewertung ist ihm auch egal, Ultrà ist keine Revolte, Ultrà ist Ablehnung des Gegebenen. Ultrà ist das Setzen eigener Regeln und die Befolgung dieser. Ultrà ist, sich lieber alle Knochen brechen zu lassen als auch nur einen Schritt zurückzuweichen – gerade weil dies in den Augen jedes Nicht-Ultràs völlig sinnlos erscheint. Na und? Ist es denn sinnvoller, für eine Hand voll Lire in Turin vom Baugerüst zu fallen? Dem Chef für’s 13. Monatsgehalt die übrigen 12 Monate in den Arsch zu kriechen? Dem Schatzi ein Goldkettchen zu kaufen? Alles gleich bescheuert, alles gleichermaßen arbiträr, antwortet Mungo, aber wenigstens ist Ultrà echt. Jenseits der verkommenen Moral, der korrupten Politik, der „legitimierten gesellschaftlichen Gewalt“, der Diktatur der Mehrheitsmeinung. Jenseits von Gut und Böse – durchaus in Nietzsches Sinne: Moral als gesellschaftliche Konvention für die dumme Masse, die ihre Ur-Instinkte in Kategorien einteilen muss und so letztlich abtötet. Alles zivilisatorischer Dreck, der das Chaos der animalischen Primärinstinkte überzuckert. In Wirklichkeit geht es um Solidarität, Verlässlichkeit, Freundschaft, Treue, Revierverhalten und, ja, Männlichkeit. Und wenn es um Schmerz geht, dann gehört der eben auch dazu. Eindeutig verlaufen demzufolge bei Mungo auch die Grenzlinien: „Professionelle Ultràs„, wie er sie nennt, die ihr Geschäft im Ticketverkauf oder der Unterstützung politischer Parteien machen und Youtube-Ultrà-Kiddies, die sich vor ihren Schlachterzählungen Internet einen runterholen, bei denen sie niemals verloren haben und niemals weggerannt sind, stehen bei ihm auf einer Stufe mit der Staatsmacht, dargestellt von Sklaven in Uniform mit blauem Helm.

„‚Du kannst sagen, dass es völlig bekloppt ist, für einen Fetzen Stoff sein leben zu riskieren, auf dem CAV steht, aber hier ist das so. Unter uns gibt es so etwas wie einen Ehrenkodex mit denen der anderen Mannschaften, unter uns Alten kennen wir uns alle persönlich, man erzählt miteinander und am Ende weißt du doch ganz genau, dass das Leute sind, die genau wie du ticken, da gibt es absoluten Respekt. Die neuen hingegen, die jüngeren, die wissen doch nicht einmal, was sowas überhaupt bedeutet…'“

Es geht dem Autor wie gesagt überhaupt nicht darum, Verständnis zu wecken oder irgendetwas zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Die Charaktere von „Cani sciolti“ sind Anti-Helden im völlig unromantischen Sinn: dreckig, stinkend, versoffen, bekifft, zugekokst und latent gewalttätig. „Streunende Köter“ eben. Mungo ist sich durchaus bewusst, dass sein Ultrà-Sein aus jeglicher Außenperspektive völlig irrational erscheint, keinerlei Maßstäben irgendeiner Zivilgesellschaft entspricht. Und trotzdem. Und trotzdem vermittelt er die Leidenschaft jener Jahre und ich meine, man kann seine sehr persönlichen Beweggründe durchaus gefahrlos verallgemeinern: Mungo ist Anti. Gegen einen Staat, dessen Gesellschaft immer weniger wirklichen Freiraum zulässt, auf der anderen Seite aber hunderttausende von Simulationen anbietet: Man schreibt sich SMS statt zu kommunizieren. Mungo reist mit seinen Leuten 12 Stunden an den Arsch der Welt, um ein Auswärtsspiel zu besuchen. Gewalt ist geächtet und wird in filmische Darstellungen oder Videospiele verlegt. Mungo beschreibt, wie sein zerschundener Körper sich lebendig anfühlt, nicht trotz, sondern gerade weil 3 Rippen und das Jochbein gebrochen sind. Dem postmodernen Relativismus aller Werte setzt Mungo die 100%ige Treue zu den Farben und seiner Stadt entgegen, Freundschaft, Verlässlichkeit und rückhaltlosen Einsatz. Natürlich klingt es in den Ohren der meisten absurd, sein Leben einer Fußballmannschaft zu widmen, aber Mungo macht an mehr als einer Stelle überdeutlich, wie absurd er es findet, sein Leben der Büroarbeit, den Weihnachtseinkäufen oder dem Mittelklassewagen zu opfern.

„Ihr seid die Ignoranten! Ihr, die ihr nur die Ruhe eines Spaziergangs mit der Freundin kennt, das Sonntagsessen bei den Eltern. Genau an jenem Sonntag, dem ihr die Magie einer geilen Massenschlägerei absprecht, eines Steinhagels gegen die gegnerischen Busse und eines Angriffs auf die Bullen! Wer ignorant ist, kann zudem nicht wissen, dass hinter diesem Banner und hinter diesen Jungs, die sich mit Gleichaltrigen prügeln, die Streifenwagen demolieren und Stadionränge in Flammen setzen, mehr als ein Vierteljahrhundert Geschichte der Gruppe steht, der Curva und eines Teils der Stadt!“

Ultràs sind per se marginalisiert und illegal, praktisch nichts von dem, was sie tun, lässt sich mit dem Wertekanon einer westlichen Industriegesellschaft in Einklang bringen. Und also überhöht der Autor das Außenseiterdasein: Wenn ich die Gesellschaft als unecht, zerstörerisch und inhuman ablehne, dann verfolge ich eben konsequent grundsätzlich alles, was diese Gesellschaft ablehnt. Das ist die Rolle, die das Italien zehntausenden seiner Jugendlichen zugesteht? Also nehmen wir uns diese Rolle und füllen sie mit Leben, tun wir alles, was der „normale“ Bürger sowieso in uns sieht: Unnötige Pestbeulen am Arsch der Gesellschaft, gewalttätig, drogengeil und auch sonst kriminell. Ultrà als das dunkle Spiegelbild dessen, was es in der Zivilisation gar nicht geben dürfte und das deswegen konsequent ignoriert, ausgeschlossen, bekämpft, unterdrückt und marginalisiert wird. Eben weil es – in schönster Hegelscher Dialektik – zur Gesellschaft gehört; einer Gesellschaft, die es auf den Tod nicht ausstehen kann, mit dem chaotischen, triebhaften und animalischen in sich konfrontiert zu werden.

„An einem Punkt merke ich, wie so ein Stück Scheiße in Blau sich mit dem Schlagstock in der Faust von hinten an D. ranschleicht. Ich sprinte los und strecke ihn mit einem Tritt in den Arsch nieder, wie wir ihn aus den Bud Spencer-Filmen kennen. Die anderen Bullen umringen mich nun und mein Opfer zieht seine Knarre und zielt auf mich. Einer meiner Turiner Freunde, der mit uns war schafft es, mich beiseite zu ziehen, in Richtung der Aufgänge. Wie ein Aal entwinde ich mich zwei oder drei mal aus seinem Griff und gehe immer wieder af die Bullen los. Ich wollte dieses elende Stück Scheiße, das die Dienstpistole auf mich gerichtet hatte. Ich sah nichts anderes mehr. Ich wollte den bei lebendigem Leib auffressen.“

Und trotzdem ist ein Ultrà für Mungo jemand, der immer und absolut die selbstgesetzten Regeln beherzigt. Jemand, auf den man sich 100%ig verlassen kann. Jemand, der einem ohne zu zögen den Arsch rettet. Ein Moment, das nach Mungo eben auch die Ultràs verschiedener Kurven letztlich eint: Natürlich gibt man als Viola-Ultrà den Bresciani auf die Fresse, teilt aus, steckt ein, bricht sich die Knochen und beschießt sich mit ausgesuchter Pyrotechnik. So sind die Regeln. Aber man akzeptiert sich als seinesgleichen, man respektiert sich, man weiß im Grunde, dass der Typ da drüben mit dem hellblauen Schal vor dem Gesicht genau dein Leben lebt, dass der Typ da drüben genauso bescheuert ist wie du. Ein Respekt, den Mungo den wohlmeinenden Familienvätern beim Ausflug nach IKEA nicht zugesteht, denn diese stehen innerhalb der Gesellschaft. Aus dem bekannten Motto „Wir werden nie so, wie ihr uns haben wollt“ wird bei Mungo: „Wir sind genau das, was ihr uns zugesteht“. Appunto, Ultràs werden als Abschaum gesehen, also verhalten sie sich auch so. Oder wie Francesio in „Tifare Contro“ den Taylor Report zitiert: „Wenn ihr nicht wollt, dass sie sich wie Vieh benehmen, dann hört auf, sie wie welches zu behandeln.“

„Du wirst sagen: ‚Was hast du denn an Stelle eines Gehirns?‘ Ich habe kein Gehirn! In meiner Welt zählt das nicht. Es zählen die Fäuste, um Respekt zu erlangen! Das Gehirn ist wichtig für die Jungs vorn am Geländer, welche die Gesänge starten und über das Was, Wann und Wie entscheiden. Ich bin etwas anderes. Ich bin ein Arbeitsloser, ein Drogensüchtiger, ein Einwohner des Planeten Müll!“

Dass der Autor auch noch seinen persönlichen Wunsch nach Grenzüberschreitung durch die Zeilen schimmern lässt, macht das Buch nur interessanter, ändert aber nichts am oben gesagten. Für Mungo sind Gesetze, Grenzen und Regeln nur arbiträre Konstrukte einer in sich verrotteten Gesellschaftsordnung. Selbstgesetzte Stromzäune einer gigantischen dämlich blökenden Schafherde. Deren Ablehnung ist an sich schon ein Akt der Selbstermächtigung. Auch über seinen Körper: Wenn es gesellschaftlich akzeptierte Norm ist, dass man frisch geduscht das Haus verlässt, keinerlei Tätowierungen zeigt, sich die Haare ordentlich scheitelt, fein duftet, gepflegt kommuniziert und bei jedem Zipperlein den Arzt aufsucht, dann bricht er eben direkt nach einer in einer besetzten Fabrikhalle durchgeraveten Nacht auf, kuriert Brüche durch Zähne zusammenbeißen, setzt Drogencocktails gegen die Müdigkeit ein und schließt noch den letzten freien Fleck am Körper mit einem neuen Tattoo. Aber er kennt echte Leidenschaft, echten Zusammenhalt, echte Freundschaft, echte Liebe und echten Schmerz. Und während sich der wohlintegrierte Bürger am Montag über den Polizeibericht echauffiert und der Möchtegern-Widerständler wohlige Gefühle in der Körpermitte verspürt, brüllt ihm Mungo entgegen: „Ich war dabei!“ Wirklich und Wahrhaftig!

„Wir sind Ultràs. Wir sind die Sonntagskrieger, die aus ihren Existenzen ausgebrochen sind. Wir sind die unterirdischen Flüsse, die im großen Strom der Helden ohne Gesicht ineinanderfließen. Wir sind die Rowdies, die Unangepassten, Kinder einer gewalttätigen und kranken Gesellschaft. Wir sind all das, was es für euch gar nicht geben sollte, das aber trotz allem im Ghetto der Stadiongewalt weiterlebt“

Cani Sciolti heißt jetzt „Streunende Köter“ und erscheint am 15.11.2011 bei Burkhardt & Partner.

Einen kleinen Ausschnitt zum Lesen gibt’s hier.