Tristesse

Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer nackt schwimmt.

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Der wildgewordene Mob aus Innenministern, Fußballbund und Vereinen unterhält sich über effektive Maßnahmen, deutsche Fußballstadien in ein Meer aus bunt bemalten, lachenden Gesichtern mit lustigen Hüten zu verwandeln und wirft so ausgefeilte Konzepte wie Stehplatzverbot und Gesichtsscanner in die Runde. Wie weit sich die Diskussion um so genannte „Sicherheit“ und so genannte „Gewalt“ von der Realität entfernt hat, mag ich gar nicht mehr kommentieren. Aber auch wenn Stadionkultur demnächst abgeschafft wird, weil auf Stehplätzen angeblich sogar Menschen ohne Krawatten gesehen worden sein sollen, es kann immer noch schlimmer kommen:

Denn einstweilen hat der deutsche Stehplatzfan noch die Möglichkeit, zu entscheiden, ob er seinen Verein auch dann noch im Stadion besucht, wenn er dafür durch einen Nacktscanner muss und zwangsverpflichtet wird, im Stadionshop Bettwäsche in Vereinsfarben zu erwerben. In Italien sorgt eine Mischung aus genereller wirtschaftlicher Krise, strukturellen Problemen im Fußballgeschäft und ganz konkreter Misswirtschaft dafür, dass sich die Entscheidung zwischen Sitz- und Kurvenplätzen für viele Fans überhaupt nicht mehr stellt, weil ihr Verein entweder nicht mehr existiert oder aber in die Stadtteilliga abgestürzt ist, wo er sich mit der Belegschaft vom Campingplatz gegenüber misst.

Fünf Teams sind vor zwei Jahren von der Bildfläche verschwunden, letzten Sommer waren es schon acht und auch dieses Jahr sind wir wieder bei acht Vereinen, bei denen der letzte das Licht gelöscht hat. Besonders hart trifft es die Vereine der Lega Pro (3. und 4. Liga) und abwärts. Hier ist es seit geraumer Zeit so, dass die Zusammenstellung der Staffeln weniger mit den sportlichen Erfolgen der Vorsaison sondern mehr mit dem Potential zu tun hat, überhaupt die Einschreibegebühr zu stemmen. So werden aus den neunzig Vereinen der „Prima e Seconda Divisione“ der Saison 2010/11 aktuell noch neunundsechzig. Tendenz sinkend. Vergleichbar mit Deutschland sind die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Abstiegs aus der Serie B in den Bereich der Halbamateure:

„Ein Abstieg aus der Serie B bedeutet den Verlust von 3,8 bis 4,4 Millionen Euro in Fernsehrechten und 5 bis 10 Millionen an zu zahlenden Mehrwertsteuerforderungen. Das lässt noch das Gewicht der Spielerverträge außer Betracht, die für einen anderen Wettbewerb ausgehandelt wurden und auch gültig bleiben, nachdem man in die Lega Pro gestürzt ist…“

(Francesco Ghirelli, Generaldirektor der Lega Pro)

Ich spare mir die Aufzählung ehemaliger Landesmeister und Europacup-Teilnehmer, die es mittlerweile schlichtweg nicht mehr gibt oder die in den Niederungen des Hartplatz-Spielbetriebs ihr Dasein fristen. Seltsam unbeachtet bleibt in den Medien aber die Tatsache, dass allein diesen Sommer (bis jetzt) acht Vereine mit einem Potential von einer Million Fans den Laden dicht gemacht haben. Triestina, Spal, Pergocrema, Giulianova, Piacenza, Foggia, Taranto und Siracusa. Wenn alles bestens läuft, können diese Clubs mit neuem Namen und neuer Vereinsstruktur in der vierten Liga einen Neuanfang wagen. Auch dies werden die allerwenigsten schaffen. Die wirtschaftliche Lage in den unteren Ligen sorgt tendenziell dafür, dass die Vereine immer weniger werden, Francesco Ghirelli spricht offiziell von einem Ziel von neunzig Vereinen für die vier Staffeln der Lega Pro. Das ist sicherlich optimistisch geschätzt, denn auch Vereine, die sich irgendwie ins Saisonende retten, sind in der Regel wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet: Punktabzüge für nicht oder zu spät gezahlte Spielergehälter, Steuern oder Versicherungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Und selbst dann, wenn der Klassenerhalt sportlich erreicht ist, stellt die Einschreibegebühr von 300.000 EUR (Seconda Divisione) oder 600.000 EUR (Prima Divisione) oft genug eine unüberwindbare Hürde dar.

Hinzu kommt die desolate Finanzlage der Kommunen, die als Stadioneigentümer in aller Regel auch für die normgerechte Umgestaltung der Stadien zuständig ist. Mehr als einmal scheiterte der überlebenswichtige Aufstieg schon an der Klammheit des Stadionbesitzers, der Sicherheitsbestimmungen nicht umsetzen konnte. Und dies ganz abgesehen von Kommunen wie Ferrara (Spal), die derzeit mit dem Wiederaufbau der schweren Erdbebenschäden vom Mai diesen Jahres stemmen müssen.

Vor diesem Hintergrund wird sogar fast verständlich, wieso die Sportgerichtsbarkeit die in den derzeitigen Wettskandal verwickelten Vereine mit Samthandschuhen anfasst. Generelle Linie der Entscheidungen scheint zu sein, dass beteiligte Personen relativ hart bestraft werden, die (objektiv verantwortlichen) Vereine allerdings mit sehr milden Punkt- und Geldstrafen belegt werden. Angesichts der Unsicherheit, überhaupt genügend Teams für den Spielbetrieb der unteren Ligen zusammenzubekommen, werden Vereine lieber nicht noch künstlich in die Pleite bewegt.

Es ist wie gesagt leider seit längerem so, dass auch dekorierte und bekannte italienische Vereine, die noch vor kurzem in der höchsten Spielklasse antraten, auf Nimmerwidersehen verschwinden. Vielleicht kennt der eine oder andere Teams wie Messina, Venezia, Spezia, Pro Vercelli oder Pro Patria. Manchmal schaffen es Clubs wie Varese, Hellas oder Novara es nach mehreren Jahrzehnten harter Arbeit und einer Menge Glück, sich wenigstens in die zweite Liga zu retten. Aber Fakt ist auch, dass jedes Jahr hunderttausende Fans von heute auf morgen ihren Verein verlieren. Hunderttausende von Fans, denen nichts bleibt, als die Banner einzurollen, den Schal wegzulegen und sich für das Wochenende ein neues Hobby zu suchen. Oder einfach weiterzumachen. Die Fans von Lodigiani, einem Verein, der sich in die letzte Saison überhaupt nicht mehr eingeschrieben hat, machen weiter und feierten letztes Jahr ihr 15-jähriges Bestehen. Ihren Club, der unter anderem Spieler wie Francesco Totti, Luca Toni, Paolo di Canio oder Antonio Candreva hervorgebracht hat, gibt es derweil nicht mehr. Dazu aber demnächst mehr. Im Moment wollte ich nur auf einen Aspekt des italienischen Fußballs hinweisen, der hinter dem Abgang der Stars aus der Serie A (zuletzt Zlatan Ibrahimovic und Thiago Silva) zuwenig Beachtung findet.